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Nordex für Klatten nur ein Hobby

Die Energiewende stockt. Das Effizienzstreben der Deutschen hat in den vergangenen Jahren mehrere Dämpfer bekommen: Finanzkrisen haben die Subventionen für Erneuerbare Energien schrumpfen lassen. Die Konkurrenz aus Asien überschwemmt die Märkte mit billigen Solarmodulen und bald vielleicht auch Windrädern.

So sehr wir uns auch eine umweltverträgliche Energieversorgung in Deutschland wünschen mögen, so leicht lässt sich das nicht realisieren. Deutsche Solarunternehmen schließen reihenweise ihre Tore. Und die Windbranche leidet unter dem schleppenden Ausbau der Stromnetze, politischer Schlendrian.

Immer wieder werde ich nach den Zukunftschancen der Nordex Aktie gefragt. Ich habe mir daher einmal die Zeit genommen, eine etwas längerfristige, strategische Betrachtung für das Unternehmen anzustellen. Nordex ist der größte Windanlagenbauer in Deutschland, dennoch ist die Aktie von 40 Euro im Jahr 2007 auf nunmehr gerade einmal 3 Euro gerutscht. 2001 stand die Aktie sogar schon mal über 108 Euro, damals sah man in Gedanken schon Windräder in jedem Kleingarten stehen.

Nordex selbst hatte 2007 auch noch andere Pläne: Den Umsatz wolle man alle zwei Jahre verdoppeln und bis 2011 auf 4 Mrd. Euro kommen. Große Investitionen in die eigenen Produktionskapazitäten wurden getätigt, Arbeitsplätze wurden geschaffen und die Forschungsausgaben sprangen an.

Tatsächlich wurden im Jahr 2011 nur 920 Mio. Euro umgesetzt. Von Wachstum ist keine Rede mehr, man bemüht sich den Umsatz auf diesem Niveau zu stabilisieren.

Trotz dieser verheerenden Entwicklung gibt es alle paar Wochen wieder einen Leserbrief an mich, der mich davon überzeugen möchte, dass Nordex nun den Turnaround schaffe und auf eine rosige, lukrative Zukunft blicke. Gebetsmühlenartig antworte ich stets, dass es noch immer große Überkapazitäten im Bereich der Windkraftanbieter gibt. Europaweit. Es gibt einen harten Preiswettbewerb und Konkurrenz aus Asien investiert in moderne Produktionsanlagen mit günstigen Stückkosten.

Nun wird es den Asiaten beim beratungs- und wartungsintensiven Windkraftprojekt nicht so leicht fallen, wie auf dem Solarmarkt, in Europa Marktanteile zu gewinnen. Doch in meinen Augen sieht das gelobte Land eher nach einer Stabilisierung der Umsätze aus als nach einem kräftigen Wachstum. Doch das wird zu einem großen Teil auch von der Politik beeinflusst, eine Komponente, die sich nur schwer vorhersagen lässt.

Besser einschätzen können wir das Verhalten eines Großinvestors: Susanne Klatten. Über ihre Vermögensverwaltung Skion hält sie derzeit 24,99% an Nordex. Eine Multimilliardärin, die BMW so erfolgreich verwaltet, wird doch auch bei diesem Investment ein ähnlich goldenes Händchen haben, denken sich viele Anleger. Doch ich sehe das anders.

Susanne Klatten, Erbin aus der Quandt-Dynastie und durch ihre Anteile am Pharmakonzern Altana und an BMW eine Multimilliardärin, hat bei Nordex gerade einmal Anteile im Wert von 60 Mio. Euro. Gut, ihr ursprüngliches Investment betrug 2008 über 300 Mio. Euro, das ist schon mal eine ordentliche Hausnummer auch für Multimilliardäre. Doch es ist sicherlich nicht das Herzstück ihrer Investmentstrategie.

Das Herzstück ist und bleibt BMW. Hat Frau Klatten nun ihr Wohltätigkeitsherz entdeckt und hält Nordex trotz 80% Kursverlust die Stange? Oder verfolgt sie andere Ziele, bei denen die verlorenen Millionen vielleicht einem anderen Ziel dienen, das weitaus lukrativer ist?

Ich sehe den Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage in SGL Carbon, dem Anbieter von Kohlefasern. Während die Ingolstädter Konkurrenz kräftig auf Aluminium in der Karosserie setzt, um durch leichtere Autos den Spritverbrauch zu senken, hat BMW Kohlefaser für sich entdeckt.

Heute werden Kohlefasern für Extrem-Anwendungen eingesetzt: Beim Radsport werden teure Räder aus Kohlefaser gebaut, um das Gewicht von 9 auf 7 kg zu senken. Bei Flugzeugen, für die jedes Gramm Gewicht zusätzlichen Sprittverbrauch bedeutet, wird Kohlefaser bei Kleinstflugzeugen bis hin zu bestimmten Bauteilen des neuen Boeing Dreamliners eingesetzt. Und ... bei Rotoren für Windräder, deren Gewicht die Reibung und damit die Effizienz der Windkraftanlagen beeinflusst, greift man auf Kohlefaser zurück.

Bei den Kostenproblemen, die es in der Windbranche derzeit gibt, wäre es nur zu verständlich, wenn die Rotoren künftig aus günstigerem Material hergestellt werden könnten. 9% des Umsatzes von SGL Carbon kommt aus dem Bereich der Windkraftbranche. Kohlefasern sind nach wie vor ein vielversprechendes Produkt der Zukunft, heute sind es eben noch immer überwiegend Spezialanwendungen, in denen man sich dieses teure Material leisten kann ... oder will.

Bis zum Massenmarkt ist es noch ein weiter Weg. Das Ziel von BMW, viele Stahlkomponenten eines Autos durch Kohlefaser zu ersetzen, liegt noch in weiter Ferne. Auf dem Weg dorthin benötigt man noch Starthilfe aus anderen Branchen, bei denen die Komplexität der Produkte nicht so groß ist, die aber dennoch schon den Aufbau nennenswerter Produktionsanlagen ermöglichen. Rotorblätter sind nicht gerade komplex, und sie sind ziemlich groß. Ein ideales Produkt für das Ziel von BMW, die Entwicklung von Kohlefasern voranzutreiben.

Insgesamt beträgt der Wert der BMW-Anteile der Quandt-Familie rund 16 Mrd. Euro. In SGL Carbon hat Susanne Klatten rund 1 Mrd. Euro an Kapital gebunden. Durch die Anteile von 60 Mio. Euro bei Nordex sichert die Quandt-Familie damit die fortlaufende Entwicklung der Kohlefaser. Nordex kauft fleißig bei SGL Carbon ein, und so bleibt die Kohlefaser ein aussichtsreiches Zukunftsprodukt, auf das BMW künftig setzen kann.

Ist Susanne Klatten damit überzeugt von der Zukunftsfähigkeit der Windenergie? Vielleicht. Doch es ist für ihr eigentliches Ziel, für BMW die Kohlefaser nutzbar zu machen, fast schon egal, ob Nordex Gewinn macht oder nicht. Hauptsache Nordex macht eine Menge Umsatz und kauft eine Menge Kohlefaser bei SGL Carbon ein.

Überspitzt gesagt könnte man zu dem Schluss kommen, dass es Susanne Klatten sogar in Kauf nehmen würde, wenn Nordex nochmals ein kräftiges Investitionsprogramm in den Ausbau der Produktionskapazitäten startet, noch mehr Aufträge an Land zieht und gigantische Windparks baut und daran letztlich Pleite geht. Die Investition könnte sich für Susanne Klatten am Ende dennoch auszahlen, wenn in dieser Zeit die Kohlefaser ausreichend weiterentwickelt wird, um sodann für verschiedene Bauteile im BMW verwendet zu werden.

Doch ich will hier keine Mutmaßungen über die Überzeugungen von Susanne Klatten als Grundlage für Investmententscheidungen heranziehen. Diese Ausführung soll lediglich zeigen, dass die Anteile von Nordex für Susanne Klatten in erster Linie eine strategische Bedeutung haben könnten. Wenn sich dieses Investment auch noch mit einem gesunden Umweltbewußtsein von Susanne Klatten paart, um so besser.

Für die Aktie von Nordex bedeutet das Investment von Susanne Klatten jedoch nichts Gutes. Anders als bei SGL Carbon, wo Klatten an dem Produkt des Unternehmens interessiert ist, hat Nordex meines Erachtens nur den Zweck, die Kohlefaserentwicklung voranzutreiben. Sollte Nordex letztlich dicke Gewinne abwerfen und einen steigenden Aktienkurs haben, so wird sich auch Susanne Klatten darüber freuen. Doch es wäre für sie nur ein netter Bonus.

Wenn Sie in ein Unternehmen investieren, werden Sie kaum solche komplizierten Interessen verfolgen, Sie werden einfach auf einen steigenden Aktienkurs setzen. Dazu ist Nordex in meinen Augen nicht geeignet. Zu ungewiss ist die künftige Energiepolitik in Deutschland und zu abhängig ist Nordex von absatz- und nicht gewinnorientierten Interessen der Quandt-Familie.
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