{"id":2385,"date":"2018-09-26T15:44:04","date_gmt":"2018-09-26T14:44:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.heibel-unplugged.de\/?p=2385"},"modified":"2025-08-21T10:41:07","modified_gmt":"2025-08-21T08:41:07","slug":"animusx-sentiment-als-aussagekraeftige-ergaenzung-fuer-prognosemodelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/animusx-sentiment-als-aussagekraeftige-ergaenzung-fuer-prognosemodelle\/","title":{"rendered":"animusX Sentiment als aussagekr\u00e4ftige Erg\u00e4nzung f\u00fcr Prognosemodelle"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_2386\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.heibel-unplugged.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-26-um-09.39.32.png\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2386\" class=\"size-large wp-image-2386\" src=\"http:\/\/www.heibel-unplugged.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-26-um-09.39.32-800x304.png\" alt=\"animusX 5-Wochendurchschnitt Sentiment\" width=\"800\" height=\"304\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-26-um-09.39.32-800x304.png 800w, https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-26-um-09.39.32-150x57.png 150w, https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-26-um-09.39.32-300x114.png 300w, https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-26-um-09.39.32-768x292.png 768w, https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-26-um-09.39.32-600x228.png 600w, https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-26-um-09.39.32.png 1251w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2386\" class=\"wp-caption-text\">animusX 5-Wochendurchschnitt Sentiment<\/p><\/div>\n<p>Interview zum animusX Sentiment im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie<\/p>\n<p>Telefoninterview der Verfasserin am 05.09.2018\u00a0mit <strong>Stephan Heibel<\/strong>, Herausgeber des B\u00f6rsenbriefs \u201eHeibel-Ticker\u201c und Gastautor f\u00fcr diverse Zeitungen, z.B. Handelsblatt, Wallstreet online<\/p>\n<p><strong>Daniel Kahneman selbst beschreibt sich vielmehr als Psychologe denn als Wirtschaftler. Wie viel Psychologe sollte in einem Anlageberater stecken?<\/strong><\/p>\n<p>\u201ePsychologe als einf\u00fchlsamer Berater oder aber f\u00fcr die Interpretation von Marktbewegungen? Wir sprechen hier \u00fcber verantwortliche Fondsmanager, die sich nach der Erwartungstheorie von Kahneman mit der Verfassung der Marktakteure auseinandersetzen. Nicht umsonst hat Kahneman daf\u00fcr einen Oscar bekommen, Behavioral Finance wird f\u00fcr Anlageberater immer wichtiger.<\/p>\n<p>Wir beobachten inzwischen, ob Anleger euphorisch oder niedergeschlagen sind. Doch um eine Prognose f\u00fcr die zu erwartende Aktienmarktbewegung daraus abzuleiten ist es wichtig, die Hintergr\u00fcnde einer Stimmungsverfassung und Erwartungshaltung zu kennen. Denn es spielen viele Faktoren in die Stimmungsbildung hinein und da ist schon ein wenig der Psychologe gefragt, um die wesentlichen Faktoren f\u00fcr die aktuelle Stimmung zu erkennen und sodann entsprechende Schlussfolgerungen abzuleiten.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ein h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dferter Kritikpunkt ist das fehlende bzw. inkonsistente Theorieger\u00fcst im Zusammenhang mit Behavioral Finance. Sie haben sich schon fr\u00fch dieser verschrieben, w\u00e4hrend man in Wissenschafts- und Expertenkreisen dem neuen Forschungsansatz noch distanziert begegnete. Was hat Sie dazu bewegt?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde: Einer meiner Kunden hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Sentimentdienst animusX eingestellt werden soll. Ich habe diesen Dienst dann \u00fcbernommen und der Kunde, ein sehr f\u00e4higer Mathematiker, hat den Dienst in den ersten Jahren f\u00fcr mich betrieben. Inzwischen haben wir viele Analysen unternommen und auf Basis der bis 2003 zur\u00fcckreichenden Daten eine Reihe von Mustern in der Stimmungsentwicklung erkannt, die eine recht hohe Prognosef\u00e4higkeit haben.\u00a0Wichtig ist es, hier zu unterscheiden, dass Sentimentdienste \u00fcberwiegend die oben beschriebene psychologische Interpretation der Marktereignisse in Zusammenhang mit der aktuellen Stimmungslage bringen und daraus Prognosen ableiten. Wir sind jedoch nun dabei, diese Zusammenh\u00e4nge mathematisch aufzuarbeiten. Da haben wir schon erste Erfolge, es gibt aber noch viel zu forschen. Gerade der Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz (AI) erm\u00f6glicht durch die Verarbeitung gro\u00dfer Datenmengen neue Ans\u00e4tze.\u201c<\/p>\n<p><strong>Welchen Schwierigkeiten stehen Sie bei der mathematischen Aufbereitung gegen\u00fcber? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas Thema k\u00fcnstliche Intelligenz kennen sie wahrscheinlich. Was wir jetzt hier in dieser rein mathematischen Betrachtung versuchen, ist zum einen Abh\u00e4ngigkeiten in Echtzeit abzubilden. Zudem werden wir externe Effekte in Form von volkswirtschaftlichen Zahlen hinzunehmen. Das ist die Idee dahinter.<\/p>\n<p><strong>Ein h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dferter Kritikpunkt ist das fehlende bzw. inkonsistente Theorieger\u00fcst im Zusammenhang mit Behavioral Finance. Welche Vorteile bietet Ihre auf dem Behavioral Finance-Ansatz basierende Strategie gegen\u00fcber klassischen Ans\u00e4tzen? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eDa kann ich Ihnen jetzt sagen, dass ich eigentlich eine andere Erfahrung gemacht habe [die Kritik des fehlenden inh\u00e4renten Theorieger\u00fcsts betreffend]. Gerade der kurzfristige Stimmungsindikator, den ich \u00fcber eine rollierende 5-Wochen-Phase zusammenrechne, hat mir jetzt schon seit vielen Jahren eine sehr gute Prognosef\u00e4higkeit gezeigt. Eine Promotion, zwei Masterthesis, und eine Studie sind jeweils zu dem Ergebnis gekommen, dass die Prognosef\u00e4higkeit signifikant ist.\u201c<\/p>\n<p><strong>Lagen Sie schon einmal mit Ihrer Investmentstrategie nach dem Behavioral Finance Ansatz vollkommen \u201adaneben\u2018 und was war r\u00fcckblickend der Grund hierf\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch gebe meine Wahrscheinlichkeiten an und schlie\u00dfe niemals aus, dass auch aufgrund eines Ereignisses beispielsweise das Gegenteil dessen passieren kann, wof\u00fcr ich die gr\u00f6\u00dfte Wahrscheinlichkeit gebe.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wurde ich das eine oder andere mal in der Vergangenheit jedoch von internationalen Anlegern \u00fcberrascht, die den DAX in eine andere Richtung bewegt haben, als ich aus der Stimmung der deutschen Anleger abgeleitet habe. Ich beziehe daher inzwischen stets US-Stimmungswerte in meine DAX-Analyse ein.\u201c<\/p>\n<p><strong>Das Behavioral Finance Konzept basiert auf der Erkenntnis, dass die Anlageentscheidung nicht nur von dem zur Verf\u00fcgung stehenden Wissen abh\u00e4ngt, sondern auch von den Emotionen des Anlegers beeinflusst wird. Wo endet also Wissen und wo beginnen emotionale Einfl\u00fcsse \u2013 wo und wie sind diese Sph\u00e4ren zu trennen? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eFundamentale Entwicklungen an den M\u00e4rkten und bei Unternehmen schlagen sich langfristig in der B\u00f6rsenbewertung nieder, kurzfristig jedoch k\u00f6nnen Bewertungen davon stark abweichen, wenn eine andere Stimmung vorherrscht. Das unangenehme an den Aktienm\u00e4rkten ist, dass \u201akurzfristig\u2018 sehr lange anhalten kann. Es gibt keine M\u00f6glichkeit zu bestimmen, wann die fundamentalen Entwicklungen in der Bewertung endlich Ber\u00fccksichtigung finden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Liegt das &#8222;Geheimnis&#8220; der B\u00f6rsengenies, wie Warren Buffet, darin begr\u00fcndet, dass sie es schaffen, ihre Emotionen &#8222;auszuschalten&#8220;? [10:35 \u2013 11:46 min]<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWarren Buffet ist ja auch ein sehr langfristig orientierter Anleger. Wenn man diesen Zeithorizont hat, setzen sich die fundamentalen Bewertungen durch. Von da her hilft es nat\u00fcrlich, diese kurzfristigen emotionalen Schwankungen am Markt zu ignorieren. Das ist sicherlich dann auch eines der Geheimnisse oder auch eines der Erfolgsrezepte von Warren Buffet. Er ist eben nicht auf kurzfristige Erfolge aus, was man immer wieder liest und was er auch immer wieder in den Vordergrund stellt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Im computergesteuerten Hochfrequenzhandel (HFT), der die B\u00f6rsen heutzutage ausmacht, k\u00f6nnen schon kleinste Fehler oder Abweichungen von der Norm eine Kette an Reaktionen und Gegenreaktionen nach sich ziehen. Verdr\u00e4ngt das hoch technisierte Trading \u00fcber Algorithmen die Emotion nicht in gewisser Weise aus dem Markt? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch halte HFT f\u00fcr sehr gef\u00e4hrlich: Algorithmen werden f\u00fcr wiederkehrende Handelsmuster entwickelt. Geschieht einmal etwas, das es noch nicht gab, ist die vermeintlich hohe Liquidit\u00e4t, die durch den HFT in den Markt gegeben wird, pl\u00f6tzlich verschwunden. Es passieren Flash-Crashs, wie wir in der Vergangenheit bereits mehrmals erlebt haben.<\/p>\n<p>Im Anschluss werden die Algorithmen neu justiert, f\u00fcr einen kurzen Augenblick haben fundamentale Daten die Oberhand und es findet sich ein neues, h\u00e4ufig vern\u00fcnftigeres Bewertungsniveau: Manche Aktien k\u00f6nnen mit h\u00f6heren Kursen aus dem Flash-Crash heraus, andere mit niedrigeren.<\/p>\n<p>In Marktphasen ohne Flash-Crash werden Emotionen zunehmend ber\u00fccksichtigt, Sentiment-Daten finden in den Algorithmen immer st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung, wie ich an dem starken Interesse an meinem Dienst animusX ablesen kann.\u201c<\/p>\n<p><strong>Welchen emotionalen Effekten, Heuristiken und Biases w\u00fcrden Sie die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung in der Praxis zusprechen und gibt es Kriterien f\u00fcr diese Hierarchie?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eExtreme Niedergeschlagenheit, die \u00fcber einen Zeitraum von ca. 4-6 Wochen anh\u00e4lt, hat gem\u00e4\u00df einer Masterthesis, die \u00fcber meine Daten erstellt wurde, die gr\u00f6\u00dfte Prognosekraft f\u00fcr steigende Kurse. Das kann man auf der anderen Seite nicht \u00fcber extreme Euphorie sagen, denn die kann l\u00e4nger anhalten, ohne eine nennenswerte Korrektur hervorzurufen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Kann ein \u201eRezept\u201c f\u00fcr den Umgang mit diesen durch den Anleger abgeleitet werden? Vor allem in Bezug auf folgende Irrationalit\u00e4ten:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Verf\u00fcgbarkeitsheuristik <\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch habe das Gef\u00fchl, dass das Ged\u00e4chtnis immer k\u00fcrzer wird. Wichtig ist, ob man die Nachrichtenger\u00e4usche, die im Alltag auf einen einprasseln, abstrahieren und die \u201aechten\u2018, quasi die fundamental basierten, Entwicklungen herausfiltern kann. Ob man dazu dann Instrumente schaffen kann? Das ist tats\u00e4chlich sehr schwer. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn Menschen kennengelernt, die das konnten und Menschen, die das eben nicht konnten.<\/p>\n<p>Es gibt einfach eine grundskeptische Haltung bei den Menschen, die das k\u00f6nnen: Sie glauben Nachrichten erst einmal nicht und arbeiten tats\u00e4chlich sehr zahlenorientiert. Sie ber\u00fccksichtigen solche Meldungen, die nicht relevant sind, keine gro\u00dfe Auswirkung haben oder sich sp\u00e4ter vielleicht als falsch oder zumindest irref\u00fchrend herausstellen, nicht. Wenn es dazu Instrumente g\u00e4be, f\u00e4nde ich das toll.<\/p>\n<p>Wenn man jetzt die Sentimenttheorie zu Hilfe zieht und wei\u00df, dass die Menschen zurzeit euphorisch sind und die Nachrichtenwahrnehmung positiv ist, dann sollte einen das zu erh\u00f6hter Skepsis bewegen. Das ist eine Aussage, die ich immer wieder aus der Interpretation der w\u00f6chentlichen Umfrage herausziehe.Im Umkehrschluss sollte man nat\u00fcrlich auch, wenn die Menschen gegen\u00fcber den aktuellen Marktentwicklungen v\u00f6llig verunsichert sind und die Nachrichtenlage als verheerend betrachten, den Schluss daraus ziehen, dass die Stimmung schlecht ist und dass egal, was jetzt f\u00fcr eine Meldung kommt \u2013 sie wird wieder schlecht interpretiert, obwohl sie vielleicht gar nicht schlecht ist. Letztlich ist das der Versuch das Ganze voneinander zu trennen \u2013 wie viel Marktstimmung ist in der aktuellen Interpretation der Meldungen enthalten und wenn es zu viel Pessimismus oder Optimismus ist, dann muss man die Wahrheit an der anderen Ecke suchen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Selektive Wahrnehmung<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie sagen, dass es quasi auch hilfreich sein kann diese Informationen zu selektieren? <\/strong><\/p>\n<p>Ja: In einer Marktphase starker Niedergeschlagenheit kann man meiner Erfahrung nach negative Meldungen ausblenden und auf das Auftreten einer nicht mehr ganz so negativen Meldung warten. Das reicht dann h\u00e4ufig aus, um eine positive Marktreaktion zu erzeugen.<\/p>\n<p><strong>Ankereffekt<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch habe noch einen B\u00f6rsenbrief \u2013 da schreibe ich ganz bewusst nichts \u00fcber die vergangene Performance. Zwar wird sie irgendwo zu jeder einzelnen Position klein ausgewiesen, aber das wird niemals thematisiert, weil ich eben genau diesen Ankereffekt vermeiden m\u00f6chte. Es geht um die Zukunft, eben darum, wo die Aktie hingeht und nicht wo sie herkommt. Aus der Sentimenttheorie f\u00e4llt mir nichts dazu ein.\u201c<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnte man sich selbst psychologisch \u00fcberwinden, um diese Vergangenheitsorientierung zu vermeiden?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eJa, psychologisch ist einfach, dass man sich davon trennen sollte, den Kaufkurs immer mitzuf\u00fchren und vor Augen zu haben. Der Kaufkurs sollte einem egal sein, genauso wie ggf. steuerliche Belastungen \u2013 das sollte man bei der Entscheidung, wann man eine bestehende Position verkauft, eigentlich komplett au\u00dfen vor lassen. Das ist f\u00fcr mich eine der Regeln, eine der wenigen Regeln, die unter dem Stichwort Disziplin umgesetzt werden muss. Ob man sich psychologisch noch helfen kann? \u2013 ich glaube das ist schwer, das ist einfach eine Regel, die man umsetzen muss.\u201c<\/p>\n<p><strong>Disziplin ist ja dann quasi auch schon der psychologische Mantel, in den das Ganze dann geh\u00fcllt wird. <\/strong><\/p>\n<p>\u201eGenau.\u201c<\/p>\n<p><strong>Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEs gibt zwei Fragen zur Wahrnehmung der Anleger [bei der animusX-Analyse] und daraus leite ich dann einen News-Barometer ab, der zeigt, wie die aktuellen Tagesmeldungen gesehen werden und einen OverconfiX, also einen Indikator, der zeigt, ob die Selbstzufriedenheit \u00fcberboardet oder ob gro\u00dfe Verunsicherung herrscht. Wenn meine Kunden dann sehen, dass zurzeit der OverconfiX, also die Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, sehr hoch ist, dann kann man das eben f\u00fcr sich selber dahingehend verwenden, dass man seine eigene Einsch\u00e4tzung relativiert und ein bisschen mehr Skepsis zeigt. Genauso kann man das auch auf der Gegenseite tun.<\/p>\n<p><strong>Mentale Buchf\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDa w\u00fcsste ich von Sentimentseite wenig. Da zieht sich wieder meine Disziplin durch die Antworten, die ich Ihnen gebe. Man sollte sich vorher \u00fcberlegen: Was f\u00fcr ein Anlageziel hat man mit einer bestimmten Aktie oder einer bestimmten Position im Portfolio? Und das sollte man klar definieren, m\u00f6glichst aufschreiben, und dann immer wieder \u00fcberpr\u00fcfen. Und wenn man dieses Anlageziel irgendwann erreicht hat, dann kann man auch ein neues Anlageziel formulieren, aber man muss immer wieder diese Position vor dem Hintergrund dieses Ziels betrachten. Es hilft, dass man die Argumente dann f\u00fcr eine Position, die man im Portfolio hat, nicht im Laufe der Zeit immer wieder \u00e4ndert. Wenn es mal eine Spekulation auf eine Zinserh\u00f6hung war und die Zinserh\u00f6hung ist nicht erfolgt, die Aktie hat sich seitw\u00e4rts gehalten, und dann sagt man \u201anaja, aber vielleicht steigt sie ja trotzdem\u2018. Das w\u00e4re ein Beispiel, wo man einfach in andere Argumente verf\u00e4llt. Und das sollte man vermeiden, eben durch die Disziplin, sich das Ziel ganz genau zu formulieren und dann auch die Position aufzul\u00f6sen, wenn das Ziel nicht erreicht wurde oder nicht mehr erreicht werden kann \u2013 oder eben erreicht wurde. Das muss man permanent \u00fcberpr\u00fcfen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Reueaversion<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDa habe ich noch einen anderen psychologischen Kniff, mit dem ich meine Kunden \u00fcberzeuge, die mich fragen: \u201aSoll ich jetzt diese Position, die dick im Verlust notiert, verkaufen &#8211; damit w\u00fcrde ich ja meinen Fehler eingestehen \u2013 oder soll ich lieber warten, ob sich das noch von selbst ausgleicht?\u2019Da helfe ich meinen Kunden indem ich ihnen sage \u201aSchauen Sie sich mal die anderen Aktien an, die Sie vielleicht im Auge haben. Gef\u00e4llt Ihnen da eine Aktie besser als die, mit der Sie jetzt unzufrieden sind, deren Entwicklung entt\u00e4uscht hat. Warum sollte diese es jetzt besser machen als eine andere Aktie, die Sie sich ansonsten kaufen w\u00fcrden.\u2019<\/p>\n<p>Da ist dann vielleicht der Trick, dass man dem Kunden die neue Chance f\u00fcr eine neue Position einfach vor Augen f\u00fchrt, mit der man wahrscheinlich den erlittenen Verlust eher ausgleichen kann als durch ein Aussitzen und hoffen, dass sich die Situation \u00e4ndert. Grunds\u00e4tzlich hilft immer der Vergleich zu Alternativen. Das ist besser als wenn man sich nur mit der Entscheidung, ob kaufen oder nicht kaufen, besch\u00e4ftigt. Man sollte sich dann sagen: \u201aIch m\u00f6chte jetzt etwas kaufen\u2018 und sich fragen, \u201awelcher Kauf w\u00e4re heute attraktiv?\u201c.<\/p>\n<p><strong>Haben sich die verschiedenen irrationalen Verhaltensweisen in der Vergangenheit hinsichtlich ihrer Auspr\u00e4gung ver\u00e4ndert? Inwieweit und wann gleichen sich psychische Irrationalit\u00e4ten aus, aggregieren oder unterst\u00fctzen sich gegenseitig? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eJa, da gibt es eine Reihe von Abh\u00e4ngigkeiten, die ich in meine Interpretation einbeziehe &#8211; mathematisch haben wir das jedoch bislang noch nicht ausgearbeitet. So ber\u00fccksichtige ich insbesondere noch die Positionierung (Investitionsquote, Put\/Call-Ratios) der verschiedenen Anlegergruppen sowie auch die Nachrichtenwahrnehmung bis hin zu einem Indikator, der die Selbstgef\u00e4lligkeit der Anleger anzeigt (OverconfiX).<\/p>\n<p>Bspw:<\/p>\n<p>Positive Nachrichtenwahrnehmung und hohe Selbstgef\u00e4lligkeit bei steigenden Kursen f\u00fchren zu Euphorie. Das ist nachvollziehbar und daher keine Warnung f\u00fcr bald fallende Kurse, sondern kann \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum anhalten.<\/p>\n<p>Negative Nachrichtenwahrnehmung und starke Verunsicherung bei steigenden Kursen ist ein Hinweis darauf, dass die Rallye noch eine Weile weitergehen wird.<\/p>\n<p>Negative Nachrichtenwahrnehmung und hohe Selbstgef\u00e4lligkeit bei fallenden Kursen f\u00fchren zu nachlassender Niedergeschlagenheit, doch die hohe Selbstgef\u00e4lligkeit kann steigende Kurse verhindern.\u00a0Zudem muss nat\u00fcrlich auch die jeweilige Positionierung ber\u00fccksichtigt werden &#8211; Sie merken, es wird sehr schnell komplex.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSie k\u00f6nnen komplett gegenl\u00e4ufig sein. Sie sind teilweise unabh\u00e4ngig voneinander. Wenn bspw. die Stimmungsindikatoren Niedergeschlagenheit zeigen, dann sagt man sich im Sinne der Interpretation des Sentiments als Kontraindikator: \u201aIch muss jetzt etwas kaufen\u2019. Dann ist nicht die Frage \u201am\u00f6chte ich diese Aktie kaufen oder nicht\u2018 relevant, sondern dann ist die Frage zentral \u201awelche Aktie m\u00f6chte ich kaufen, welche gef\u00e4llt mir denn heute am besten, weil ich ja heute etwas kaufen muss\u2018. Denn die Niedergeschlagenheit ist so gro\u00df, dass es tiefer an den Aktienm\u00e4rkten eigentlich nicht mehr gehen kann. Und das finde ich ist eine gro\u00dfe Hilfe, um dann eine Kaufentscheidung und im umgekehrten Fall eine Verkaufsentscheidung einfach zu erzwingen und \u00fcber die bereits genannten Punkte [Heuristiken] hinweg zu kommen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie haben gerade ja schon angesprochen, dass diese sich teilweise verst\u00e4rken, dass sie unabh\u00e4ngig sind. Sind sie auch unabh\u00e4ngig von der Marktphase oder spielt diese hier eine Rolle? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas m\u00fcsste man im Einzelnen betrachten. Nat\u00fcrlich ist die selektive Wahrnehmung in einer Phase der Euphorie gr\u00f6\u00dfer, weil man sich durch die Meldungen nur noch best\u00e4tigt f\u00fchlt. In einer niedergeschlagenen Phase ist man beispielsweise offen f\u00fcr alle Meldungen, auch f\u00fcr welche die nicht der eigenen \u00dcberzeugung entsprechen. Also grunds\u00e4tzlich: Im Einzelnen h\u00e4ngen diese Wahrnehmungen [gemeint sind die Heuristiken, Anm. d. Verf.] nat\u00fcrlich von der Marktphase ab.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen Kapitalmarktanomalien, an dieser Stelle seien z.B. \u00dcber-\/Unterreaktionen, Mean-Reversion oder Momentum-Effekte genannt, erkl\u00e4rt werden?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch erkl\u00e4re das meistens mit technischen Hintergr\u00fcnden.Ein Fonds hat beispielsweise entschieden eine Position in Wirecard aufzubauen, weil sie in den DAX kommt. Er wird die Wirecard-Aktie immer weiter kaufen, bis sie eine beabsichtigte Portfoliogr\u00f6\u00dfe erreicht hat, egal, wie sich der Kurs entwickelt. Grunds\u00e4tzlich ergibt sich daraus eine \u00dcbertreibung und das nenne ich dann einen technischen Effekt. Nat\u00fcrlich sind das kurzfristige Effekte, Sentimenteffekte, die zu \u00dcbertreibungen f\u00fchren. Wir wissen auch, dass jeder bei Euphorie kauft, der Taxifahrer ist da das bekannte Beispiel. Wenn selbst der Taxifahrer die Aktie hat, dann gibt es keinen mehr, der den Kurs noch h\u00f6her treiben kann. Bis dahin werden die Bewegungen der Aktienpreise sowohl nach oben und nach unten wie eine Spirale durch verschiedene Stimmungen immer wieder verst\u00e4rkt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Welche sind die drei wichtigsten Faktoren, die zur erfolgreichen Umsetzung einer Investment-Strategie, die die Erkenntnisse der Behavioral Finance ber\u00fccksichtigt, beachtet werden m\u00fcssen? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eBis heute gibt es meiner Ansicht nach noch keinen rein mathematischen Ansatz, der Erfolg verspricht. Das sieht man auch an den am Markt befindlichen entsprechenden Anlageprodukten: deren Erfolg ist \u201a\u00fcberschaubar\u2018. Es bleibt also ein wesentlicher Teil psychologische Interpretation dabei und daher sollte man stets auch das Gegenteil nicht ausschlie\u00dfen, also niemals alles auf eine Karte setzen.\u00a0Wichtig ist auch die klare Definition eines Zeitrahmens, f\u00fcr den man eine entsprechende Prognose erarbeitet hat, denn \u201airgendwann\u2018 hat jeder Recht, der steigende oder fallende Kurse prognostiziert.<br \/>\nMeiner Erfahrung nach haben depressive Stimmungssituationen die beste Prognosequalit\u00e4t f\u00fcr k\u00fcnftig steigende Kurse. Um dies dann umzusetzen muss man sich gegen die weit verbreitete Meinung des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs stellen und entsprechend Kapital positionieren. Das ist nicht leicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen klare Rahmenbedingungen und kontr\u00e4res Handeln an. Welchen Stellenwert schreiben Sie letzterem zu und wie bewerten Sie Disziplin und Konsistenz im Handeln in diesem Zusammenhang?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eGuter Punkt. Es f\u00e4llt vielen Anlegern, insbesondere eben den Privatanlegern, die das nicht beruflich und damit emotionaler betreiben, schwer, einem Kontraindikator zu folgen. Sentimentsignale sind ja sogenannte Kontraindikatoren. Wenn die Stimmung schlecht ist, muss man kaufen. Profis, die das als Beruf sehen und die regelbasiert arbeiten, setzen das um. Aber Privatanleger tun sich sehr schwer damit.<\/p>\n<p>Ich gebe meinen Lesern Erkl\u00e4rungen an die Hand und hoffe, dass sie das umsetzen. Das Feedback, das ich dazu bekomme, zeigt mir, dass es ein breites Spektrum gibt: Die Privatanleger, die das beherzigen und sagen \u201eVielen Dank, so kann ich das jetzt gut weiterverwenden\u201c und es gibt diejenigen, die das Ganze nicht umsetzen. Generell ist Disziplin in meinen Ausf\u00fchrungen ganz hoch angesiedelt. Wenn man sich bestimmte Regeln geschaffen hat, dann muss man sie umsetzen. \u201aDiscipline trumps conviction\u2018 \u2013 Disziplin \u00fcbertrumpft die eigene \u00dcberzeugung und danach sollte man handeln. Wenn man sich ein paar wesentliche Regeln aufgestellt hat, dann sollte man sich auf diese konzentrieren und sie umsetzen, auch wenn es gegen die eigene \u00dcberzeugung spricht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Unterscheiden sich Ihrer Ansicht nach die Kernvoraussetzungen f\u00fcr einen langfristigen Anlageerfolg beim Behavioral Finance Ansatz im Gegensatz zur klassischen Finanztheorie?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eGrunds\u00e4tzlich: \u201aDiscipline trumps conviction\u2018 \u2013 das gilt immer, ob man das jetzt f\u00fcr Sentimentsignale anwendet oder Buchhaltungsunregelm\u00e4\u00dfigkeiten verkaufen muss. Das gilt \u00fcberall, insofern \u00e4ndert sich das nicht. Dass man in der Behavioral Finance diese Disziplin vielleicht eher verfolgt, das ist vorstellbar, weil sie aus dem Bereich der technischen Analyse kommt und solche Signale grunds\u00e4tzlich konsequenter umgesetzt werden, als fundamentale Gr\u00fcnde.\u201c<\/p>\n<p><strong>Welche Methoden verwenden Sie um Verhalten von Marktteilnehmern an der B\u00f6rse zu prognostizieren und quantifizieren?\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr meine Marktmeinung ziehe ich das w\u00f6chentliche Umfrageergebnis zu Rate. Zudem ist in den vergangenen Jahren ein immer gr\u00f6\u00dferer Teil meiner Recherche in geopolitische Vorg\u00e4nge geflossen.\u00a0Anlageberatung mache ich nicht, ich schreibe lediglich einen w\u00f6chentlichen B\u00f6rsenbrief, der individuelle Bed\u00fcrfnisse einzelner Anleger nicht ber\u00fccksichtigt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ist diese Umfrage die einzige Basis, auf die Sie ihre Analyse st\u00fctzen? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas Umfrageergebnis ist ein Mosaiksteinchen in der Bildung einer Marktmeinung. Es ist ein wichtiges Mosaiksteinchen, aber es sind viele Dinge, die in die Bildung einer Marktmeinung einflie\u00dfen. Das ist die Politik, das sind Unternehmensmeldungen, Branchenmeldungen, die Konjunktur. Das geschieht heute im Kopf und nicht mathematisch und das ist auch das, was wir anfangs besprochen hatten. In der Zukunft k\u00f6nnte es vielleicht mal ein k\u00fcnstliches Intelligenzmodell geben, was diese verschiedenen Einflussfaktoren zusammenbringt, mit Zahlen bewertet und dann eine belastbare Aussage daraus errechnet. Das gibt es meines Wissens heute noch nicht und es wird wohl auch noch ein paar J\u00e4hrchen dauern bis das kommt \u2013 bis es verl\u00e4sslich kommt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sind sich die Anleger des Einflusses von Emotionen wirklich bewusst? Diese Heuristiken bestehen ja immer noch, wenn sie sich dessen bewusst w\u00e4ren, k\u00f6nnten sie ja da entgegen handeln.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eJa, es gibt wenige, die dar\u00fcber hinweg kommen. Ich hab jetzt nat\u00fcrlich Kontakt zu b\u00f6rsenaffinen Privatanlegern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Diese haben von den ganzen Einflussfaktoren zum Teil schon geh\u00f6rt und \u00fcberlegen sich, wie sie diese \u00fcberwinden. Wenn Sie mich jetzt auf die Bev\u00f6lkerung in Deutschland ansprechen \u2013 na klar, die sind sich dieser Effekte nicht bewusst und deshalb gibt es diese nach wie vor. Wie ich vorhin sagte: 90, 95, 98% &#8211; also die meisten der Privatanleger, schaffen es nicht dar\u00fcber hinwegzukommen, auch wenn sich dieser Probleme bewusst sind.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch die schlechte finanzielle Bildung als Grund aufzuf\u00fchren? Um diese ist es ja nicht besonders gut bestellt.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eJa, absolut. Da werden Sie auch keinen aus der Branche finden, der da widerspricht. Das ist ein wichtiges Thema, das in die Schule geh\u00f6rt. Ich habe einige Jahre in verschiedenen anderen L\u00e4ndern gelebt. Dort werden solche Themen wesentlich offener diskutiert. Das scheint hier in Deutschland ein Tabuthema zu sein, \u00fcber Geld sprich man nicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie sagen auch, dass institutionelle Anleger \u2013 ich wei\u00df nicht, ob ich das jetzt hier vielleicht auch nur so herauslese \u2013 im Gegensatz zu den Privatanlegern vorzugsweise nach mathematischen Modellen handeln. Meinen sie jetzt damit, dass sie sich eben dieser Emotionen nicht im gleichen Rahmen bewusst sind, weil eigentlich h\u00e4tten sie ja den gr\u00f6\u00dferen Wissenspool, auf den sie in dem Zusammenhang zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnten?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch glaube, dass die Institutionellen Anleger sich dieser emotionalen Effekte bewusst sind, und deswegen st\u00e4rker auf mathematische Modelle vertrauen. Den Unterschied, den ich pers\u00f6nlich sehe, ist, dass institutionelle Anleger regelbasiert handeln. Diese Regeln werden in der Institution geschaffen und nicht vom Individuum. Das hei\u00dft diese Regeln m\u00fcssen dann sehr generalistisch formuliert sein, sodass einiges nicht abgedeckt wird. In meinen Augen gibt es zu viele Regeln f\u00fcr die institutionellen Anleger und dadurch wird ihnen ein gro\u00dfer Teil an Flexibilit\u00e4t genommen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Risikomanagement nimmt einen hohen Stellenwert in Ihrem Investmentansatz ein. Wie wird dies von Ihnen konkret umgesetzt? Welche Korrelationsrisiken werden dabei ber\u00fccksichtigt?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch f\u00fchre ein Beispiel-Portfolio, in dem ich nach Branchen, Regionen und Risiko differenziere.<br \/>\na) Branchen: Es werden Branchen definiert, die aktuell &#8222;investierbar&#8220; sind, und welche nicht. Die &#8222;investierbaren&#8220; Branchen versuche ich dann mit Einzeltiteln abzudecken.<\/p>\n<ol>\n<li>b) Regionen: Als Deutscher Anleger empfehle ich 40-60% der Aktien aus Deutschland, aktuell 20-30% aus den USA, 10-20% aus S\u00fcdostasien \/ Japan sowie einen kleinen Teil aus Schwellenl\u00e4ndern.<\/li>\n<li>c) Risiko: Aktuell empfehle ich 20% des Portfolios in <a href=\"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/gold-analyse-und-investmentstrategie\/\">Gold<\/a> und Unternehmensanleihen zu investieren (Absicherung), 25% in Dividendentiteln (Stabil) und weitere 30% in Wachstumstitel. Mit 15% des Portfolios kann man auf aktuelle Entwicklungen reagieren und 10% sind f\u00fcr Spekulationen vorgesehen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Neben der \u201aintellektuellen\u2018 Ber\u00fccksichtigung dieser Vorgaben f\u00fchre ich regelm\u00e4\u00dfig eine Korrelationsanalyse nach Markowitz durch, um gegebenenfalls Beziehungen mit hoher Korrelation aufzufinden, die sich \u201aintellektuell\u2018 nicht so leicht nachvollziehen lassen. So zeigt sich in der j\u00fcngeren Zeit zunehmen, dass alle DAX-Aktien, ungeachtet ihrer Branchenzugeh\u00f6rigkeit, streckenweise parallel laufen, weil der DAX von internationalen Anlegern einfach nur als Exportindikator betrachtet und gehandelt wird.\u201c<\/p>\n<p><strong>Diversifikation ist mit Sicherheit ein sehr wichtiger Baustein des Risikomanagements, aber gerade in unruhigen Zeiten am Kapitalmarkt gelingt es Anlegern nicht ihr Portfolio durch ausreichende Diversifikation zu stabilisieren. K\u00f6nnen Ihrer Ansicht nach in diesem Zusammenhang Werkzeuge wie antizyklisches Handeln und Stop-Loss Limits am Ende es Tages auch effektiv sein, um dieses Risiko aufzufangen, das eben durch die Diversifikation nicht ausreichend eliminiert werden konnte?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAntizyklisches Verhalten kann man ja sehr gut im Zusammenhang mit der Sentimenttheorie anwenden: Sie kann helfen Werte zu identifizieren, die unterbewertet sind, die konjunkturell eine schwere Zeit hinter sich hatten und auch deshalb unbeliebt sind. Das ist eine sinnvolle Risikostrategie in meinen Augen.<\/p>\n<p>Den Stop-Loss, den Sie noch angesprochen haben, den verwende ich sehr selten. Das hat bei mir aber auch eine praktische Bedeutung: Wenn ich in meinem B\u00f6rsenbrief bestimmte Stop-Loss-Marken ver\u00f6ffentliche, dann hat das zur Folge, dass auch B\u00f6rsenbetreiber und andere Trading-Desks diese Stop-Loss-Marken lesen und dann wissen die \u201aAha, die Kunden vom Heibel-Ticker haben jetzt bei ihrer Bank eine Stop-Loss-Order bei dem und dem Kurs hinterlegt und dann kann man so was wunderbar \u201aabfischen\u2018. Also sie k\u00f6nnen dann den Kurs mit ein paar schnell aufeinanderfolgenden Trades auf das Stop-Loss-Niveau bringen, wissen, jetzt kommen eine Menge Verkaufsauftr\u00e4ge, die dann zu einem g\u00fcnstigen Kurs einkaufen und am Ende des Tages steht der Kurs wieder deutlich h\u00f6her. Deswegen arbeite ich nicht mit Stop-Loss-Marken, um eben das zu verhindern.<\/p>\n<p>Ich hab nat\u00fcrlich Stop-Loss-Marken im Kopf oder auch notiert, aber keine automatischen Orders darauf gesetzt und betrachte dann beim Erreichen von bestimmten Marken die Aktie wieder. Dadurch habe ich bei der Entscheidung h\u00e4ufig einen Tag Verz\u00f6gerung, aber das hat sich in der Regel bew\u00e4hrt, weil man solche technischen, kurzfristigen Schwankungen herausfiltern kann.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es nat\u00fcrlich so, dass ich je nach Marktphase reagiere. Also f\u00fcr mich stellt neben der Diversifizierung auch der Cash-Anteil im Portfolio die beste Risikostrategie dar. Dieser wird hochgefahren, wenn sich in der Stimmung Euphorie zeigt und die Cash-Position wird dann heruntergefahren, wenn die Stimmung niedergeschlagen ist. Daraus leite ich dann die Entscheidung ab, dass ich jetzt etwas kaufen muss. So sollte man handeln, auch wenn das gegen die eigene \u00dcberzeugung oder Wahrnehmung spricht. Das ist die Disziplin, mit der man dann auf solche Entwicklungen reagieren sollte. Mit dieser Risikostrategie fahre ich eigentlich seit einigen Jahren ganz gut.\u201c<\/p>\n<p><strong>Nochmal kurz auf das Stop-Loss eingegangen \u2013 Wenn Sie jetzt Privatanleger w\u00e4ren, w\u00fcrde Sie dann auch nur im Kopf diese Stop-Loss Orders platzieren oder dann tats\u00e4chlich?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas steht nat\u00fcrlich jedem frei und ist auch ein bisschen von der Position abh\u00e4ngig. Wenn man eine hochspekulative Position hat und nicht permanent das Auge am Markt haben kann, dann darf sich in meinen Augen nat\u00fcrlich jeder Privatanleger eine Stop-Loss-Order reinlegen. Aber wie gesagt, ich bin da mit dieser automatischen Stop-Loss-Order vorsichtig. Grunds\u00e4tzlich gebe ich es meinen Kunden an die Hand, Stop-Loss Orders zu vermeiden, insbesondere eben je l\u00e4ngerfristiger Positionen gedacht sind. Je k\u00fcrzer und spekulativer eine Position ist, desto sinnvoller kann es sein eine Order zu setzen, damit man nicht pl\u00f6tzlich einen Verlust von 30 oder 50% verbuchen muss.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wie stehen Sie hier Ihren Anlegern zur Seite, eine Selbsteinsch\u00e4tzung vornehmen zu k\u00f6nnen, um darauf eine geeignete Investmentstrategie im Hinblick auf den Behavioral Finance-Ansatz abzuleiten? Welche Komponenten spielen hier Ihrer Erfahrung nach die gr\u00f6\u00dfte Rolle und m\u00fcssen genauer beleuchtet werden?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAufkl\u00e4rung. Als Herausgeber des B\u00f6rsenbriefs Heibel-Ticker lege ich Wert auf Erkl\u00e4rungen, damit der Leser in die Lage versetzt wird, eigene Anlageentscheidungen zu treffen. \u201aTipps\u2018 f\u00fchren Kunden meiner Erfahrung nachfr\u00fcher oder sp\u00e4ter zwangsl\u00e4ufig in gro\u00dfe Verluste. Erkl\u00e4rungen hingegen f\u00fchren zu m\u00fcndigen Kunden.\u00a0Ich gehe regelm\u00e4\u00dfig auf Zusammenh\u00e4nge zwischen dem Umfrageergebnis der Sentimentanalyse und deren Bedeutung ein. Zudem verfasse ich jeden Montag f\u00fcr das Handelsblatt eine Auswertung, die von dortigen Journalisten in eine leicht verst\u00e4ndliche Fassung verarbeitet wird. \u00a0Es ist einer der wenigen Bereiche, der auch nach der Einf\u00fchrung der Paywall beim Handelsblatt kostenfrei zur Verf\u00fcgung steht, daf\u00fcr habe ich mich eingesetzt: https:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/anlagestrategie\/trends\/dax-umfrage-anlegerstimmung-spricht-gegen-heftigen-ausverkauf-beim-dax\/22986394.html?ticket=ST-1544471-AlIkxsRGuQdtWPzbQmbg-ap4Letztlich zeigt sich immer wieder, dass gerade der Gedankenansatz des \u201aKontraindikators\u2018 f\u00fcr Anleger zwar nachvollziehbar, aber schwer umsetzbar ist.\u201c<\/p>\n<p><strong>Investmentstrategie:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ihre Maxime ist \u201egegen den Strom schwimmen\u201c und kontr\u00e4r zu handeln \u2013 wie identifizieren Sie einen Handlungsbedarf oder Krisenerscheinungen fr\u00fchzeitig und wie werden diese dann von Ihren Anlegern umgesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eInsbesondere in Krisenzeiten, wenn die Aktienm\u00e4rkte scheinbar unaufhaltsam fallen, erstelle ich eine Checkliste der wesentlichen Bedenken, die im Markt bestehen. F\u00fcr jedes vermeintliche Problem &#8211; es ist unwichtig, ob es ein Problem ist oder ob es nur als Problem wahrgenommen wird &#8211; denke ich mir eine vermeintliche L\u00f6sung aus. Wenn alle Punkte der Checkliste durch entsprechende Meldungen abgearbeitet wurden, beginnen die Kurse in der Regel zu steigen. Das trifft dann \u00fcblicherweise mit der gr\u00f6\u00dften Niedergeschlagenheit zusammen, denn nicht umsonst habe ich die Begriffe \u201avermeintlich\u2018 verwendet: Weder Probleme, noch L\u00f6sungen sind in der Regel gro\u00df genug, um die Welt aus den Angeln zu heben.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ein Blick in die Zukunft:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Genauso wie der Aktienhandel durch hochtechnisierte Computersteuerung und -automatisierung ver\u00e4ndert wurde, so befindet sich auch die Anlageberatungslandschaft im Wandel. In den Niederlanden und in Gro\u00dfbritannien ist man l\u00e4ngst auf ein honorarbasiertes System \u00fcbergegangen, das Angebot der Online-Plattformen, die Information und Beratung bei standardisierten Finanzprodukten bieten, wird zusehends gr\u00f6\u00dfer. K\u00f6nnen solche Plattformen den klassischen Anlageberater ersetzen?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSolche Systeme \/ Plattformen k\u00f6nnen meiner Einsch\u00e4tzung nach langfristig nicht vertr\u00e4glich laufen. Die Benchmark ist die globale Wirtschaftsentwicklung und die Anlageberatung konzentriert sich darauf, dass der Anleger mit seinem Kapital an der globalen Entwicklung partizipiert. Damit k\u00f6nnen Anleger, wenn sie vern\u00fcnftige Angebote w\u00e4hlen, gro\u00dfe Verluste vermeiden und das reicht den meisten Anlegern bereits aus.\u00a0Wer langfristig \u201abesser als der Markt\u2018 sein m\u00f6chte, der muss sich selber mit den Anlageentscheidungen auseinandersetzen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie spielen hier auf die Aufkl\u00e4rung und auch M\u00fcndigkeit an. Wie w\u00fcrden Sie sagen kann dieses \u201abesser als der Markt\u2018 dann konkret erreicht werden? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eSeit \u00fcber 10 Jahren f\u00fchre ich ein Beispielportfolio \u2013 ich nenne es nicht Musterportfolio, weil es nicht 1:1 nachgebildet werden soll. Aber es ist doch sehr konkret. Damit bin ich \u00fcber die Zeit besser gefahren als der Markt. Was ist der Markt, ist das der DAX oder der Dow Jones? Ich habe jetzt bei beiden ganz gut abgeschnitten, also ich bin besser als beide. Aber grunds\u00e4tzlich m\u00fcsste ich mir als Benchmark selbst einen kombinierten Index bilden, wobei ich eben auch Gold und Unternehmensanleihen und eben einen Cash-Bestand halte, der bei solchen Indizes nicht ber\u00fccksichtigt wird. Von daher ist ein Vergleich immer schwer. Es reicht also auch schon, wenn man sich damit wohl f\u00fchlt und mit der Konjunktur mitf\u00e4hrt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist \u201atierisch unsexy\u2018, dass ein Schwerpunkt bei allen Anlageentscheidungen auf der Fehlervermeidung liegt. Bei meinem Ansatz gehe ich auf solche Diversifizierungsthemen ein und bringe auch die Sentimenttheorie sehr stark mit ein. Ich reagiere auf aufziehende Risiken und fahre die Cashquote hoch und kann so insbesondere auch in schwachen Marktphasen oder auch in Abw\u00e4rtsm\u00e4rkten das Portfolio relativ stabil halten. \u00dcber die Zeit akkumuliert fahre ich so besser als die Indizes. Nicht weil ich die hei\u00dfen Renner im Portfolio habe, die den DAX outperformen, sondern da ich die gro\u00dfen Verlustbringer in schweren Marktphasen nicht in meinem Portfolio habe. Und dieser Effekt ist \u00fcber die Jahre erstaunlich gro\u00df &#8211; das macht dann Spa\u00df. Leider geht einem immer das Risiko und nicht die Chance durch den Kopf. Deshalb ist das Thema leider unsexy und deswegen machen das sehr wenige.\u201c<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrde die dahinterstehende Technologie vielleicht die M\u00f6glichkeiten bieten, von der menschlichen Emotion mehr Abstand zu nehmen?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eJa. Das ist kurzfristig manchmal richtig. Ich sehe die Gefahren hinter solchen Plattformen aber als gr\u00f6\u00dfer an. Es ist eine gute Chance sich mit seinen eigenen Emotionen besser auseinanderzusetzen und in meinen Augen ist es ein Delegieren der Verantwortung, wenn man solche Plattformen nutzt. Wir hatten es vorhin \u2013 die Bildung in Finanzfragen ist in Deutschland nicht die beste und wenn dann man mit fehlender Bildung das ganze Thema delegiert, dann ist das mit einem Chef vergleichbar, der Menschen in einem Thema f\u00fchrt, von dem er keine Ahnung hat. Das ist schwer, um es mal vorsichtig zu sagen.<\/p>\n<p>Wenn die Profis, die sich damit t\u00e4glich auseinandersetzen, bestimmte Plattformen aus bestimmten Gr\u00fcnden in ihr Portfolio mischen, dann haben sie sich Gedanken dazu gemacht. Dann ist das bestimmt auch f\u00fcr einen \u00fcberschaubaren Zeitraum sinnvoll, daf\u00fcr gibt es solche Produkte. Aber dass der Privatanleger sich mit so einer Entscheidung praktisch die Verantwortung vom K\u00f6rper h\u00e4lt, halte ich f\u00fcr nicht den richtigen Weg.\u201c<\/p>\n<p><strong>Eine Schweizer Studie stellte fest, dass \u2013 vor allem getrieben durch die Finanz- und Wirtschaftskrise &#8211; sich die Kundenbed\u00fcrfnisse sowie deren Verhalten nachhaltig \u00e4ndern. In wie weit sehen Sie hier eine Chance f\u00fcr die Behavioral Finance sich zu etablieren und expandieren?<\/strong><\/p>\n<p>\u201e\u2018Sicherheit und Vertrauen\u2018 gewinnen der Studie zufolge nachhaltig an Bedeutung. \u201aNachhaltig\u2018 f\u00fcr 2 Jahre? Dann stimme ich zu. Doch die n\u00e4chste Hausse an den Aktienm\u00e4rkten, sp\u00e4testens die n\u00e4chste Generation von Anlegern wird sich an die Lehren der Finanzkrise nicht mehr erinnern. In Folge des B\u00f6rsencrashs 1929 wurde die Uptick Rule 1938 eingef\u00fchrt, um heftige, sich selbst verst\u00e4rkende Ausverk\u00e4ufe zu vermeiden. Diese Uptick Rule wurde 2007 abgeschafft, es folgte die Finanzkrise mit exzessiven Ausverk\u00e4ufen. Behavioral Finance ist eine Komponente bei der Anlageentscheidung. Sie findet immer mehr Beachtung. Das aktuelle Bed\u00fcrfnis von Anlegern nach Sicherheit und Vertrauen kann damit gestillt werden, doch allein Behavioral Finance reicht dazu nicht aus.\u201c<\/p>\n<p><strong>Was sehen Sie jetzt hier als weitere Faktoren an, um dieses zu stillen?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIndem man die Leute selber in die Lage versetzt die Entscheidungen, die sie treffen nachzuvollziehen. Wenn man delegiert, aber dann nicht in der Lage ist, zu verstehen, warum die Plattform oder der Fonds, oder wem auch immer man das Geld gegeben hat, jetzt besser oder schlechter war als der Markt, dann ist das eine problematische Konstellation. Die meisten Menschen in Deutschland sind ja komplette Analphabeten, was das angeht. Sie wissen ja gar nicht, was man wie vergleichen kann. Sie vergleichen \u00c4pfel mit Birnen. Und zu dem, was man nicht kennt, kann man auch kein Vertrauen aufbauen. Von daher ist weiterhin mein Credo, das hier Aufkl\u00e4rung und Bildung gefordert sind \u2013 mehr noch als Formulare und irgendwelche Mechanismen. Das ist in meinen Augen sogar die falsche Richtung. Das t\u00e4uscht eine Sicherheit vor, die nicht gegeben ist.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie sagen, dass die \u201en\u00e4chste Generation von Anlegern sich an die Lehren der Finanzkrise nicht mehr erinnern\u201c wird. Sehen Sie jetzt hier, allgemein auch in dieser Erinnerung, dass hier die Behavioral Finance die Chance h\u00e4tte, die klassische Finanztheorie, die sich ja sehr lange im Vordergrund gehalten hat, nicht unbedingt zu verdr\u00e4ngen, aber eben aus dem Vordergrund zu \u201anehmen\u2018?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch finde die Finanztheorie weiterhin gut und ich gehe davon aus, dass Behavioral Finance als eine Komponente eingearbeitet wird. Und je mehr Daten wir zur Behavioral Finance haben &#8211; also je l\u00e4nger die Datenreihen zur\u00fcckreichen &#8211; desto mehr Marktphasen wird es geben, in denen man die Stimmungen vergleichen kann. Von daher wird das immer relevanter werden. Meine Datenreihe geht zur\u00fcck bis 2006. Das hei\u00dft die Internetblase oder den Oktobercrash 1987 und solche Ereignisse haben wir nat\u00fcrlich noch nicht erfasst, aber doch die eine oder andere turbulente Marktphase.Diese werden auch weiterhin vorkommen. Je l\u00e4nger die w\u00f6chentliche Umfrage fortgef\u00fchrt wird, desto besser wird die Aussagekraft f\u00fcr die bestehenden Muster, die man erkennt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Es ist ja so, dass es bisher &#8211; anders als vielfach vorhergesagt, keine neue Finanzkrise gab. Die traditionelle Seite interpretiert dieses Ausbleiben als Best\u00e4tigung ihrer Position \u2013 dass eben diese psychologischen Faktoren und das ganze Behavioral Finance Konzept nicht diese gro\u00dfe Rolle spielt. Wie ich jetzt eben rausgeh\u00f6rt hab, sehen Sie das quasi so, dass es jetzt immer mehr im Kommen ist. K\u00f6nnen Sie da vielleicht nochmal kurz drauf eingehen?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch habe einen Datenschatz, der bis 2006 zur\u00fcckreicht. Davon gibt es nur 3 St\u00fcck in Deutschland \u2013 \u00fcber deutsche Anleger. Da gibt es noch Sentix und Joachim Goldberg. Und von daher kann da die Theorie hier in Deutschland noch gar nicht so fortgeschritten sein, dass man hier Ableitungen draus ziehen kann. In den USA ist das Thema schon \u00e4lter, von daher gibt es da auch mehr M\u00f6glichkeiten. Hier in Deutschland habe ich jedenfalls festgestellt, dass die Prognosequalit\u00e4t f\u00fcr die extreme Niedergeschlagenheit sehr gro\u00df ist.<\/p>\n<p>Extreme Euphorie auf der anderen Seite kann sich sehr lange halten, insbesondere in Kombination mit anderen Faktoren, wie die Nachrichtenwahrnehmung. Wenn ich sehe, es gibt fortw\u00e4hrend gute Meldungen und das wird auch von den Marktteilnehmern positiv wahrgenommen, trotzdem ist die Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung noch nicht zu hoch, dann kann eine Euphorie \u00fcber die steigenden Kurse im Markt sehr lange anhalten. Dann hat man vielleicht mal einen konjunkturellen Aufschwung, der sich in steigenden Bewertungskennziffern oder auch steigenden Gewinnen niederschl\u00e4gt, und das kann zu langem Hoffen f\u00fchren. Und deswegen kann man aus der Sentimenttheorie meiner Ansicht nach nicht ableiten, wann die n\u00e4chste Korrektur oder vielleicht der Crash kommt. Daf\u00fcr eignet es sich noch nicht. Daf\u00fcr m\u00fcsste man vielleicht noch andere Indikatoren in Kombination mit hinzuziehen, um dann vielleicht irgendwann auch an der Stelle eine Aussage zu treffen. Ich kann das heute noch nicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>In wie weit sehen Sie noch Handlungsbedarf seitens der legislativen Institutionen, um den Finanzmarkt allgemein regulatorisch zu reformieren und effizienter, ggf. rationaler zu gestalten? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eAufkl\u00e4rung statt Formulare! Die Eigenverantwortung der Anleger sollte gest\u00e4rkt werden und nicht auf ein paar Kreuzchen auf einem Formular reduziert werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Welche (geo)politischen Ereignisse haben den Kapitalmarkt mit Blick auf verhaltens\u00f6konomische Reaktionen besonders nachhaltig gepr\u00e4gt? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eDa gibt es unz\u00e4hlige Beispiele. In der j\u00fcngsten Vergangenheit w\u00fcrde ich anf\u00fchren, dass die Handlungen von US-Pr\u00e4sident zu einem gro\u00dfen Teil positiv f\u00fcr die Aktienm\u00e4rkte sind, entsprechend steigen die US-B\u00f6rsen derzeit auch stark an. Doch in den Emotionen der Anleger herrscht das Gef\u00fchl vor, dass dies ja nicht sein kann oder darf, weil der Mensch Trump ja unlautere Mittel anwendet. Wir haben hier ein klassisches Beispiel f\u00fcr steigende Kurse an einer Wand von Zweifeln und Sorgen.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive betrachtet habe ich festgestellt, dass sp\u00e4testens seit der Finanzkrise 2007 bis 2009 die B\u00f6rsenweisheit \u201apolitische B\u00f6rsen haben kurze Beine\u2018 ihre Bedeutung verloren hat. Seither reagieren die Finanzm\u00e4rkte auf politische Entscheidungen, sind zunehmend von Emotionen getrieben und haben immer seltener Phasen, in denen sich die Bewertungsniveaus den fundamentalen Entwicklungen anpassen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sehen Sie die Finanzkrise als Ausl\u00f6ser dieser Entwicklung oder hat Sie diese lediglich zu Tage gebracht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201e<\/strong>Also mir ist es da aufgefallen. Wissen Sie, ich schreibe jetzt schon seit 20 Jahren \u00fcber die B\u00f6rse und bis 2007\/2008 konnte ich immer schreiben: \u201adas ist nur ein politisches Thema, das wird sich durch die Fundamentalentwicklung sehr bald wieder ausgleichen\u2018. Und diese beruhigende Aussage hat sich dann 2009, insbesondere eben ab der starken Intervention der Politik in die Finanzm\u00e4rkte, immer wieder als falsch herausgestellt und ist bis heute eigentlich noch nicht wieder zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckgekehrt. Ich sehe das als eine \u00c4nderung, die nicht ewig h\u00e4lt, aber in diesem Markt befinden wir uns noch.\u201c<\/p>\n<p><strong>In wie weit werden verhaltensorientierte Ans\u00e4tze die traditionellen Finanzmarktkonzepte in Zukunft abl\u00f6sen?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eNicht abl\u00f6sen, sondern erg\u00e4nzen. Sentimentinformationen sind ein wichtiger Mosaikstein f\u00fcr die Anlageentscheidung und werden in den kommenden Jahren meiner Einsch\u00e4tzung nach immer st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt, insbesondere wenn mathematische Zusammenh\u00e4nge erarbeitet werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>M\u00f6chten Sie abschlie\u00dfend noch einen Gesichtspunkt anf\u00fchren, der aus Ihrer Sicht im Zusammenhang mit Behavioral Finance sowie deren praktischen Umsetzung unbedingt Erw\u00e4hnung finden und dem eine Diskussionsbasis geboten werden sollte?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eMein Marktempfinden ist, dass viele, insbesondere institutionelle Anleger darauf warten, dass die Sentimenttheorie in Zahlen besser greifbar wird. Wie ich vorhin schon sagte, es gibt in Deutschland nur zwei solche Zahlenreihen. Ich arbeite ja daran, das Beta zur Verf\u00fcgung zu stellen und auch Auswertungen an die Hand zu geben. Und egal mit wem ich \u00fcber dieses Thema spreche, die sind alle hellauf begeistert und sagen \u201aHalten Sie mich auf dem laufenden \u2013 ich werde dabei sein\u2018. Aber eben wie gesagt \u2013 immer als eine Komponente. Also ein Mosaiksteinchen, nicht als Abl\u00f6sung der Finanzmarkttheorie.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview zum animusX Sentiment im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie Telefoninterview der Verfasserin am 05.09.2018\u00a0mit Stephan Heibel, Herausgeber des B\u00f6rsenbriefs \u201eHeibel-Ticker\u201c und Gastautor f\u00fcr diverse Zeitungen, z.B. Handelsblatt, Wallstreet online Daniel Kahneman selbst beschreibt sich vielmehr als Psychologe denn als Wirtschaftler. Wie viel Psychologe sollte in einem Anlageberater stecken? \u201ePsychologe als einf\u00fchlsamer Berater oder aber f\u00fcr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-2385","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-leserfragen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2385","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2385"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2385\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5594,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2385\/revisions\/5594"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2385"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2385"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2385"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}