{"id":3577,"date":"2020-06-30T08:53:38","date_gmt":"2020-06-30T07:53:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.heibel-unplugged.de\/?p=3577"},"modified":"2022-02-09T10:19:29","modified_gmt":"2022-02-09T09:19:29","slug":"heibel-ticker-kommentar-wirecard-insolvenz-ueberregulierung-toetet-intelligenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/heibel-ticker-kommentar-wirecard-insolvenz-ueberregulierung-toetet-intelligenz\/","title":{"rendered":"Heibel-Ticker Kommentar: Wirecard Insolvenz &#8211; \u00dcberregulierung t\u00f6tet Intelligenz"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Aus meiner Ausgabe vom Freitag 26. Juni<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Keine zweite Branche beherbergt so viel Gier wie die Finanzbranche. Nach dem Platzen der Internetblase nach der Jahrtausendwende, dem Neuer Markt Skandal und der Finanzkrise 2009 wurden immer strengere Vorschriften erlassen, um das Finanzsystem zu z\u00fcgeln, um Anleger zu sch\u00fctzen und um die Gier zu kontrollieren. Ich habe eine Reihe von intelligenten Menschen kennen gelernt, die in diesem Umfeld \u00fcber die Last der Vorschriften klagten und sich anderen Berufsfeldern zuwandten. Wenn die Arbeit zu einem gr\u00f6\u00dferen Teil darin besteht, Formulare auszuf\u00fcllen, als sich Gedanken zu machen, dann zieht dieses berufliche Umfeld nicht gerade intelligente Freidenker an &#8211; im Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fall Wirecard gab es jede Menge Warnsignale, doch jedes Warnsignal wurde in den daf\u00fcr vorgesehenen b\u00fcrokratischen Weg gegeben und verschwand auf diese Weise aus den Schlagzeilen. Fragezeichen zum Gesch\u00e4ftsmodell der Wirecard gibt es seit mindestens 10 Jahren. Ich selbst habe damals mehrere Tage Research in Vorw\u00fcrfe gegen\u00fcber Wirecard gesteckt, rang mich am Ende jedoch nur zu einer kleinen Randbemerkung durch (Kapitel 04 in https:\/\/www.heibel-ticker.de\/heibel_tickers\/652). Schon damals war in der Branche bekannt, dass Wirecard gerne jeden verklagt, der sich negativ gegen\u00fcber dem Unternehmen \u00e4u\u00dfert, ich erhielt im Rahmen meiner Recherche entsprechende Warnungen von befreundeten Gesch\u00e4ftspartnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon damals stand der Vorwurf im Raum, dass die hohe Profitabilit\u00e4t des Unternehmens nicht in die Branche passe. Damals wurde ein Gl\u00fccksspielring zerschlagen, da mit Hilfe von fingierten Gewinnaussch\u00fcttungen Geldw\u00e4sche betrieben wurde. Die Geldstr\u00f6me liefen \u00fcber das Wirecard-Netzwerk. Die Vermutung lag nah, dass Wirecard eine f\u00fcr Banken stark regulierte Bankdienstleistung automatisierte und als FinTech-Unternehmen nicht den Bankauflagen unterlag. Auch ohne den Vorwurf der Geldw\u00e4sche war es plausibel, dass Schmuddelbranchen (Online-Casinos, Pornoseitenbetreiber) gerne h\u00f6here Geb\u00fchren f\u00fcr Bankdienstleistungen zahlten, wenn eine unkomplizierte (nicht nur automatisiert, sondern auch wenig reguliert) Abwicklung geboten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das schon damals bekannt war, warum wurde Wirecard nicht schon damals als Bank unter die BaFin gestellt? Derzeit wird diskutiert, warum die BaFin diesen Schritt nicht schon im Jahr 2017 vollzog, mich w\u00fcrde jedoch interessieren, warum nicht schon 2010? Die Wirtschaftspr\u00fcfungsgesellschaft (WP) EY (Ernest &amp; Young), eine der vier gr\u00f6\u00dften WPs der Welt, hat Jahr f\u00fcr Jahr den Jahresabschluss von Wirecard abgenickt. Auch die Halbjahresbilanz 2018 sowie die Jahresbilanz 2018. Nachdem die Vorw\u00fcrfe der Financial Times bekannt wurden, hat die BaFin den Aufseher der WPs beauftragt, den Vorw\u00fcrfen auf den Grund zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, auch die Wirtschaftspr\u00fcfer unterliegen einer Kontrollinstanz: Die Deutsche Pr\u00fcfstelle f\u00fcr Rechnungslegung in Berlin, DPR. Ich selbst habe mich mal an diese Institution gewendet, als ich meinen B\u00f6rsenbrief noch mit einem Partner betrieb. Mein Partner war nur Geldgeber und er lie\u00df mir durch einen Wirtschaftspr\u00fcfer vorrechnen, dass mein Gesch\u00e4ftsmodell wertlos sei. Ich habe dem Wirtschaftspr\u00fcfer meine Rechnung vorgelegt, die ein v\u00f6llig anderes Ergebnis zeigte, und ihn um Stellungnahme gebeten &#8211; die erfolgte nicht. Daraufhin habe ich mich \u00fcber diesen Wirtschaftspr\u00fcfer in Berlin beschwert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall wurde aufgenommen, ich erhielt einen Anruf aus Berlin, in dem ich dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt wurde, entweder den rechtlichen Weg zu beschreiten, oder aber die Sache zu vergessen. Sprich: Die Berliner wollten nicht t\u00e4tig werden. Das ist nur eine Erfahrung, die ich mit Wirtschaftspr\u00fcfern gemacht habe. Und es ist einer der Gr\u00fcnde, warum ich kein gutes Haar an dieser Branche lasse. Das Ergebnis der Geschichte: Ich habe neu angefangen und betreibe den Heibel-Ticker heute allein, muss mich also nicht mit einem querulanten Partner arrangieren. Dass meine Rechnung richtig war, und nicht die des Wirtschaftspr\u00fcfers, zeigen mir meine Jahresabschl\u00fcsse der vergangenen 10 Jahre. Eigentlich m\u00fcsste ich den Berlinern dankbar sein ;-).<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zur Wirecard: Dem Hinweis durch die BaFin, der Sache auf den Grund zu gehen, wurde nachgegangen. Es wurde ein Fall er\u00f6ffnet, die Untersuchungen sind bis heute nicht abgeschlossen &#8211; wie mein Fall \u00fcbrigens auch. Die BaFin hat die Vorschriften erf\u00fcllt und den Verdacht an die daf\u00fcr zust\u00e4ndige Stelle gemeldet. Der eigene Kopf wurde nicht eingeschaltet. Die DRP hat die Vorschriften erf\u00fcllt und eine entsprechende Untersuchung er\u00f6ffnet. Es gibt niemanden, der einen Fehler gemacht hat, denn \u00fcberall in den Institutionen sitzen Juristen, die sich genau mit der Befolgung von Regularien auskennen &#8211; dabei f\u00e4llt mir ein, dass auch an der Spitze der EZB inzwischen eine Juristin sitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit vor einer Woche 1,9 Mrd. Euro in der Bilanz von Wirecard gesucht werden, sprie\u00dfen nun die Berichte wie Pilze aus dem Boden: Ich habe es doch immer schon gewusst, ist der Tenor. Kein Wunder, viele waren zuvor durch die latent im Markt bekannte Drohung des Unternehmens, jeden zu verklagen, der negativ \u00fcber das Unternehmen schreibt, zum Schweigen gebracht worden. Auch ich habe mich zur\u00fcckgehalten. Warum sollte ich mir Feinde schaffen, wenn ich anschlie\u00dfend vor Gericht von Juristen auseinandergenommen werde? Hier w\u00e4ren Juristen erforderlich gewesen. Wir brauchen Juristen in unserer Gesellschaft. Doch nicht, um Vorschriften in fachfremden Positionen zu erf\u00fcllen, sondern um Vergehen aufzudecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesch\u00e4ft der Wirecard wuchs \u00fcber die Jahre exorbitant an. Trotz meiner Erfahrung mit Wirtschaftspr\u00fcfern fl\u00f6\u00dften mir die Testate von EY f\u00fcr Wirecard Vertrauen ein. Ich dachte mir, dass ich da wohl mal einen grauen Fleck im Gesch\u00e4ftsmodell der Wirecard entdeckt haben k\u00f6nnte, dass dieser graue Fleck jedoch vor dem Hintergrund des exorbitanten Wachstums des Unternehmens heute nicht mehr charakteristisch f\u00fcr das Hauptgesch\u00e4ft von Wirecard sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens seit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga, den DAX, zweifelte ich an der Bedeutung meiner damaligen Fragen. Ein DAX-Konzern kann doch nicht ein Gesch\u00e4ftsmodell betreiben, das nur in der Schmuddelbranche Geld verdient. Stimmt, muss ich sagen: Zu den Kunden von Wirecard geh\u00f6ren Aldi, Lidl und viele andere Einzelh\u00e4ndler mit sauberem Gesch\u00e4ft. Der Fehler in den \u00dcberlegungen war \u201eGeld verdienen\u201d. Wirecard wies stets Gewinne aus, doch in Wirklichkeit wurden stets Verluste erwirtschaftet. Auf den Seiten von Finanz-Szene.de (https:\/\/finanz-szene.de\/payments\/warum-wirecard-pleiteging-hier-kommt-die-rechnung\/) wird vorgerechnet, dass Wirecard vermutlich seit 10 Jahren kontinuierlich Verluste erwirtschaftet hat, durch Bilanztricks jedoch stets Gewinne auswies.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz gesagt: Wirecard bietet nichts als Standard-Bankdienstleistung zu g\u00fcnstigen Konditionen an und gibt vor, damit auch noch Gewinn zu machen, h\u00e4ufte jedoch in Wirklichkeit \u00fcber die Jahre immer gr\u00f6\u00dfere Schuldenberge auf. So zumindest lautet mein Fazit zum derzeitigen Kenntnisstand. Schneller als sich das irgendjemand vorstellen konnte, ist das Unternehmen vom gefeierten FinTech-Star in die Insolvenz gerutscht. Das Gesch\u00e4ftsmodell entpuppt sich als nicht tragf\u00e4hig. Schulden k\u00f6nnen also nicht zur\u00fcckgezahlt werden. An einer Rettung oder \u00dcbernahme hat kaum jemand Interesse, da es eben &#8211; anders als \u00fcber Jahre behauptet &#8211; nichts weiter als eine Standard-Bankdienstleistung ist, was Wirecard entwickelt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland l\u00e4uft den USA um 5-10 Jahre hinterher, hie\u00df es fr\u00fcher immer. Ich w\u00fcrde nun sagen: 19 Jahre trifft es besser. Im Jahr 2001 war die ENRON-Pleite, die hinsichtlich Dimension und krimineller Energie bis hin zur Naivit\u00e4t vieler Beteiligten an Wirecard erinnert. Wir haben nun unseren eigenen ENRON-Skandal und werden in den kommenden Monaten Vorschriften und Institutionen hinterfragen m\u00fcssen. Der politische Begriff f\u00fcr so etwas lautet: \u201eSystemversagen\u201d. Ich w\u00fcrde weiter gehen und sagen: Gut gemeint ist nicht gut gemacht, \u00dcberregulierung t\u00f6tet Intelligenz und verhindert somit inhaltlich verantwortungsvolles Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fazit, das Finanzminister Scholz heute zog: &#8222;Wir brauchen mehr Regulierung&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<form class=\"new_abo\" style=\"margin: 0px;\" action=\"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/abo\" method=\"post\">\n<h2 class=\"sgny-widget-title\"><font color=\"blue\">\u00dcber 25.000 Leser vertrauen dem Heibel-Ticker<\/font><\/h2>\n<br \/>\n<div class=\"mc4wp-form-fields\">Seit 1998 verfolge ich begeistert die B\u00f6rsen der USA und Europas. Mittlerweile schreibe ich w\u00f6chentlich f\u00fcr mehr als 25.000 Leser \u00fcber Hintergr\u00fcnde zum Aktienmarkt und Ursachen f\u00fcr Kursbewegungen von Aktien.<br \/>\n<br \/>\nMeine Leser sch\u00e4tzen meine neutrale, vereinfachende und unterhaltsame Art. 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