{"id":3904,"date":"2020-12-16T12:40:41","date_gmt":"2020-12-16T11:40:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.heibel-unplugged.de\/?p=3904"},"modified":"2022-02-09T10:20:24","modified_gmt":"2022-02-09T09:20:24","slug":"so-tickt-die-boerse-die-aktien-welt-von-uebermorgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/so-tickt-die-boerse-die-aktien-welt-von-uebermorgen\/","title":{"rendered":"So tickt die B\u00f6rse: Die (Aktien-)Welt von \u00dcbermorgen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ach w\u00e4ren wir doch nochmal 20. Wir w\u00fcrden die Aktien kaufen, die \u00fcbermorgen zu Weltkonzernen geh\u00f6ren. An der B\u00f6rse wird die Zukunft gehandelt, doch in diesen Tagen habe ich den Eindruck, es wird die ferne Zukunft gehandelt. Nicht Morgen, sondern \u00dcbermorgen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">B\u00d6RSENGANG VON DOORDASH MIT 80% KURSSPRUNG AM ERSTEN HANDELSTAG<\/h2>\n\n\n\n<p>Doordash ist letzten Mittwoch an die US-B\u00f6rse gegangen: das Unternehmen hat in den vergangenen zwei Jahren Grubhub (20%) sowie Uber East (22%) in die Schranken verwiesen und sicherte sich in den USA einen Marktanteil von 49% f\u00fcr Essenslieferungen nach Hause. Im Jahr 2019 setzte der Konzern 885 Mio. USD um, im laufenden Jahr werden es dank Corona wohl 2,5 Mrd. USD. Unsere Rule 40 \u00fcberspringt das Unternehmen locker (Umsatzwachstum + Gewinnmarge &gt; 40), denn bei fast 200% Umsatzwachstum spielt der Verlust von 12% kaum eine nennenswerte Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben im DAX auch ein Unternehmen, das mit der Essensauslieferung Geld verdient: Delivery Hero setzte im Jahr 2019 sogar 1,5 Mrd. Euro um, f\u00fcr das laufende Jahr werden 2,5 Mrd. Euro erwartet. Oha, nur 66% Umsatzwachstum und eine Gewinnmarge von -24%. Das wird knapp, aber auch Delivery Hero landet noch \u00fcber der 40er-Regel. Delivery Hero wird mit abenteuerlichen 22 Mrd. Euro bewertet, ein Kurs\/Umsatz-Verh\u00e4ltnis (KUV 21e) von 9.<\/p>\n\n\n\n<p>Doordash ging zum Kurs von 102 USD an die B\u00f6rse und wollte gerne 29 Mrd. USD wert sein. Das entspricht einem KUV 21e von 11. Jeder, der die obige Rechnung nachvollziehen kann, wird mir zustimmen, dass Doordash aufgrund der gr\u00f6\u00dferen Wachstumsrate und der nicht ganz so dramatischen Verlustmarge h\u00f6her bewertet sein muss als Delivery Hero. Soweit so gut. Das fanden auch die Anleger und kauften die Aktie unlimitiert zu 180 USD, am Ende des Tages stand die Aktie bei 186 USD. Die Marktkapitalisierung liegt damit bei 53 Mrd. USD, das KUV 21e liegt bei 21.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gibt tats\u00e4chlich Bewertungsans\u00e4tze, die diese hohe Bewertung rechtfertigen: Doordash unterscheidet Kosten, die f\u00fcr den Umsatz erforderlich sind, und Kosten, die f\u00fcr Marketing, Investitionen, Administration etc. anfallen. Die Kosten des Umsatzes (bspw. Botengehalt) sind in den vergangenen 18 Monaten von einem Anteil von 74% am Umsatz auf zuletzt 43% gesunken. Je besser das Gesch\u00e4ft skaliert, also je mehr Marktanteil Doordash gewinnt, desto geringer wird der Anteil dieser Kosten. 38% scheinen schon bald erreichbar. Die anderen Kosten sind zu einem Teil variabel, so k\u00f6nnte das Marketing deutlich reduziert werden, wenn man Marktf\u00fchrer ist. Auch die Administrationskosten werden anteilig immer geringer. So wird dem Gesch\u00e4ftsmodell Odell von Doordash eine normalisierte, also um Sondereffekte des Wachstums bereinigte Gewinnmarge von 21% zugetraut. Lukrativ, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Doordash ist geschickt vorgegangen, um den US-Markt zu erobern: Das Unternehmen hat sich, anders als alle anderen, auf die Vororte und niedrig besiedelten Gebiete konzentriert. Nat\u00fcrlich ist das Volumen in der Innenstadt deutlich h\u00f6her und die Boten sind schnell ausgelastet und haben nur kurze Strecken. Daf\u00fcr ist der Wettbewerb dort aber heftig, wenn nicht sogar ruin\u00f6s. In den Vororten traf Doordash auf dankbare Abnehmer, sowohl seitens der dort lebenden Menschen, die f\u00fcr Lieferungen auch gerne einen Dollar mehr zahlten, als auch seitens der Restaurants, die von der einfachen Anbindung an das Doordash-System profitierten. So bediente Doordash einen Markt, der bislang vergessen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem hat Doordash 175 der 200 gr\u00f6\u00dften US-Restaurantketten als Partner gewonnen. Viele von Ihnen werden wissen, dass es die kleinen, eigent\u00fcmerbetriebenen Restaurants, wie wir sie kennen, in den USA kaum gibt. Fastfood dominiert und was dort Restaurant hei\u00dft, folgt h\u00e4ufig dem McDonald oder PizzaHut Prinzip, lediglich ein wenig hochwertiger. Ich habe ein Interview mit dem CEO Tony Xu gesehen. Er sprach davon, dass derzeit nur 10% aller Restaurants \u00fcberhaupt einen Lieferdienst anbieten. Da geht es also gar nicht um die verbleibenden 50% des Kuchens, um die sich Doordash mit anderen Lieferdiensten streiten m\u00fcsste, sondern es geht um den Anschluss weiterer Restaurants an das Liefersystem. Damit sind hohe Wachstumsraten auch in Zukunft m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich jetzt 20 w\u00e4re, w\u00fcrde ich mir auch \u00fcberlegen, wo Doordash denn in 20 Jahren stehen k\u00f6nnte. Die jungen Leute bestellen gerne Essen nach Hause und bedauern es, dass nicht alle Restaurants diesen Service anbieten. Sollte Doordash in 10 Jahren die H\u00e4lfte von einem zehnmal so gro\u00dfen Markt bedienen, dann w\u00e4re die Bewertung g\u00fcnstig. Wenn wir dann noch das Selbstverst\u00e4ndnis der Amerikaner einbeziehen, die stets davon ausgehen, dass die \u00fcberlegenen US-Unternehmen die ganze Welt erobern, dann ist die Aktie tats\u00e4chlich billig :-).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin aber nicht mehr 20 und wei\u00df, dass auf dem Weg dorthin viel passieren kann. Au\u00dferdem dauert mir das zu lange. Ich lasse die Finger von dieser Aktie.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00dcberlegung noch zum Corona-Effekt: Ich denke nicht, dass Doordash einen Einmal-Umsatz durch Corona bekommen hat, der im n\u00e4chsten Jahr wieder verschwindet. Vielmehr ist eine Entwicklung, die sich ohnehin abzeichnete, beschleunigt worden. Doordash ist im Jahr 2020 dank Corona bereits dort, wo sie urspr\u00fcnglich erst 2023 sein wollten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">B\u00d6RSENGANG VON AIRBNB MIT 112% KURSSPRUNG AM ERSTEN HANDELSTAG<\/h2>\n\n\n\n<p>Nur einen Tag sp\u00e4ter, am Donnerstag, ist dann AirBnB an die B\u00f6rse gegangen. Der Ausgabekurs wurde auf 68 USD gesetzt, der erste Kurs wurde bei 165 USD notiert: +142% vom Start weg. Am Ende des Tages war die Aktie auf 144 USD zur\u00fcckgekommen, die Marktkapitalisierung betr\u00e4gt nun also 86 Mrd. USD. Im laufenden Jahr wird AirBnB knapp \u00fcber 3 Mrd. USD umsetzen, ein starker R\u00fcckgang im Vergleich zu 2019, als noch 4,8 Mrd. USD umgesetzt wurden. Das KUV 21e liegt also bei 29.<\/p>\n\n\n\n<p>TUI mit einem Corona bedingten Umsatzr\u00fcckgang von 19 auf 8 Mrd. Euro ist noch 2,5 Mrd. Euro wert. Hier treffen old economy und new economy aufeinander: das Rundum-sorglos-Paket mit Reiseleitung ist f\u00fcr die jungen Leute, die flie\u00dfend Englisch sprechen, nicht erforderlich. Flexibilit\u00e4t und Individualit\u00e4t werden gro\u00df geschrieben und der vermeintliche Vorteil, den ein gro\u00dfer Reisekonzern als Vertragspartner f\u00fcr den Urlauber hat, ist weitgehend aufgehoben, da AirBnB mit unz\u00e4hligen Sicherheitsma\u00dfnahmen Vertrauen geschaffen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Preis f\u00fcr dieses System ist jedoch auch nicht gering. Das Unternehmen hat ein komplexes System ausgekl\u00fcgelt, das die Zahlung des Kunden sch\u00fctzt. Das Bewertungssystem funktioniert blendend, es gibt wohl keinen Reisenden, der sich nicht wenigstens ein paar Bewertungen zu seinem k\u00fcnftigen Gastgeber durchliest. Bei AirBnB sind die Kosten f\u00fcr den Gesch\u00e4ftsbetrieb geringer, es gibt keine Boten. Daf\u00fcr muss die Software kontinuierlich weiterentwickelt werden. Wenn wir uns eine normalisierte Gewinnmarge ausdenken, landen wir bei einer \u00e4hnlichen Marge wie bei Doordash: 25%.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinen Augen hat AirBnB jedoch bereits eine Monopolstellung weltweit eingenommen. Da wird kein Wettbewerber mehr dran kommen und beim Gesch\u00e4ftsmodell handelt es sich um eine &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Monopolstellung. Das hei\u00dft, je mehr Reisende Unterk\u00fcnfte \u00fcber AirBnB nachfragen, desto mehr Zimmer werden dar\u00fcber angeboten. Und wenn dort die meisten Zimmer angeboten werden, wird jeder Reisende zuerst dort nach einer Unterkunft nachschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist mit denen, die nicht flie\u00dfend Englisch sprechen? Nun, das mag f\u00fcr Sie vielleicht zu futuristisch klingen, aber in der Jugend sind sich viele sicher, dass sie sp\u00e4ter in alle L\u00e4nder der Erde reisen und sich dort mit den Einheimischen unterhalten k\u00f6nnen, ohne den Umweg \u00fcber Englisch gehen zu m\u00fcssen: Apple AirPods im Ohr werden das, was Sie h\u00f6ren, in Echtzeit in Ihre Sprache \u00fcbersetzen k\u00f6nnen. Und Ihr Gegen\u00fcber wird auch entsprechende Produkte im Ohr haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00dcBERZEUGUNGSK\u00c4UFE<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2020 sind viele neue, junge Anleger an die Aktienb\u00f6rse gekommen. Ein Crash ist f\u00fcr Neulinge ein gefundener Einstiegspunkt und so leicht es uns hier im Heibel-Ticker gefallen sein mag, mitten im Crash zu investieren, so schwer ist es den &#8222;erfahrenen&#8220; Anlegern gefallen. Die Liste der Beweise f\u00fcr die Weltuntergangsszenarien war lang, eine Erholung, wie wir sie erlebt haben, war f\u00fcr alle &#8222;erfahrenen&#8220; B\u00f6rsianer kaum vorstellbar. Doch junge Anleger, die erst im April oder Mai ihre ersten Aktien kauften, kennen das Gef\u00fchl noch gar nicht, Verluste zu machen. F\u00fcr diese jungen Anleger ist die B\u00f6rse nun ein Vehikel, mit dem man die Zukunft heute schon abbilden kann. Was machen da schon ein paar Jahre Unterschied aus, wenn es um den Zeithorizont geht. Mit der Erfahrung von nur wenigen Monaten treten solche Bedenken in den Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann auch Delivery Hero diese Woche 10% zulegen. Nat\u00fcrlich hilft der nunmehr erneut drohende harte Lockdown f\u00fcr Deutschland, um diese Aktie nach oben zu treiben. Dabei wissen diese jungen Anleger vermutlich gar nicht, dass Delivery Hero \u00fcberwiegend im asiatischen Raum unterwegs ist und in Deutschland gar kein Gesch\u00e4ft hat &#8211; das Unternehmen w\u00fcrde vom harten Lockdown gar nicht profitieren. HelloFresh ist um 27% angesprungen, das Unternehmen ist ein Essenslieferant, eigenes Essen!, in Deutschland und profitiert sicherlich exorbitant davon, wenn es nochmals einen harten Lockdown geben sollte. Auf der Verliererseite stehen TUI mit -16% und Ceconomy (-11%), deren Saturn- und Mediam\u00e4rkte wohl geschlossen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis Freitag hatte sich der DAX letzte Woche recht gut gehalten, doch Freitag ging\u2019s runter. Die Angst vor einem erneuten harten Lockdown wird als Begr\u00fcndung angef\u00fchrt. Ich w\u00fcrde einwerfen, dass die beiden US-B\u00f6rseng\u00e4nge so viel Liquidit\u00e4t aufgesogen haben, dass einfach zu viele Aktien angeboten werden. Und eines kennen auch die neuen, jungen Anleger: Gewinne mitnehmen. Nach einem erfolgreichen Jahr muss irgendwann etwas verkauft werden, um den Gewinn in sch\u00f6ne Weihnachtsgeschenke stecken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Donnerstag hat EZB-Chefin Christine Lagarde die lockere Geldpolitik der Notenbank verl\u00e4ngert und weiter ausgeweitet. Ich w\u00fcrde gerne sagen, dass mich dieser Schritt \u00fcberrascht, weil er nicht in meinen volkswirtschaftlich geschulten Kopf hinein passt. Doch im Gegenteil, sie tut, was von ihr erwartet wird. Von dieser Seite gibt es eigentlich keinen Grund f\u00fcr den heutigen Ausverkauf. Ich analysiere in <a aria-label=\" (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/heibel_tickers\/1822#ch04\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">Kapitel 04<\/a> meiner neuen Heibel-Ticker Ausgabe n\u00e4her, wie wir uns vor dem Hintergrund der ausgeweiteten Liquidit\u00e4tsflutung positionieren werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Einzelne komplette Heibel-Ticker PLUS Ausgabe f\u00fcr 5 Euro kaufen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Kooperation mit Boersenkiosk.de biete ich die M\u00f6glichkeit, einzelne Ausgaben (ohne Abo) in der vollst\u00e4ndigen PLUS-Version zu kaufen. So k\u00f6nnen Sie sich einen Einblick in die PLUS-Ausgabe verschaffen und gezielt bestimmte PLUS-Kapitel einsehen, die zahlenden Lesern vorbehalten sind. Die Ausgaben bei Boersenkiosk.de k\u00f6nnen Sie unter <a aria-label=\"https:\/\/boersenkiosk.de\/Details.php?prod_id=184 (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/boersenkiosk.de\/Details.php?prod_id=184\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\" class=\"rank-math-link\">https:\/\/boersenkiosk.de\/Details.php?prod_id=184<\/a> finden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach w\u00e4ren wir doch nochmal 20. Wir w\u00fcrden die Aktien kaufen, die \u00fcbermorgen zu Weltkonzernen geh\u00f6ren. An der B\u00f6rse wird die Zukunft gehandelt, doch in diesen Tagen habe ich den Eindruck, es wird die ferne Zukunft gehandelt. Nicht Morgen, sondern \u00dcbermorgen. 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