{"id":707,"date":"2008-10-27T08:46:00","date_gmt":"2008-10-27T06:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.heibel-unplugged.de\/707,boersenbrief-kritik-zu-pauschal-und-meinungsorientiert\/"},"modified":"2022-02-09T10:18:22","modified_gmt":"2022-02-09T09:18:22","slug":"boersenbrief-kritik-zu-pauschal-und-meinungsorientiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/boersenbrief-kritik-zu-pauschal-und-meinungsorientiert\/","title":{"rendered":"B\u00f6rsenbrief Kritik: Zu pauschal und meinungsorientiert"},"content":{"rendered":"<p>Lieber Herr Heibel<\/p>\n<p>Ich bin auf ihren Ticker durch einen Freund aufmerksam geworden und habe ihn bisher gerne und mit Interesse gelesen. In ihrem unten angeh\u00e4ngten Update t\u00e4tigen Sie einige Aussagen, die ich f\u00fcr etwas unpr\u00e4zise halte und auch einige Aussagen, die mir ein bisschen unsachlich erscheinen. Ich habe Verst\u00e4ndnis, dass wenn man so viel schreibt wie Sie und der Anspruch besteht sehr schnell auf Geschehnisse zu reagieren auch mal etwas aus der Feder kommen kann, dass man im Nachhinein vielleicht anders formuliert h\u00e4tte. Es geht mir nicht darum sie als Autor zu kritisieren. Mein Ansporn ist vielmehr rein sachlich auf die Inhalte einiger \u00c4usserungen zu reagieren. Ich hoffe deshalb, dass Sie dies nicht falsch verstehen und pers\u00f6nlich nehmen.<\/p>\n<p><i>\u00abEin kleingeistiger Konservativer, dessen Hirn mit komplexen, internationalen Zusammenh\u00e4ngen v\u00f6llig \u00fcberfordert ist. Bush verf\u00fcgte nicht \u00fcber die notwendige Weltoffenheit, noch \u00fcber ausreichend Intelligenz, diesen Mangel zu kompensieren.\u00ab<\/i><br \/>Ich bin der Meinung, dass man in einem Ticker einen etwas sachlicheren Ton an den Tag legen sollte. Mit Schlamm werfen die Medien, mit deren Niveau ich ihren Ticker eigentlich \u00fcberhaupt nicht in Verbindung bringe, bereits genug.<\/p>\n<p><i>\u00abUnd sp\u00e4testens die simplizistische Sicht der Dinge, mit der Bush in seiner Amtszeit weltweit f\u00fcr Chaos sorgte, d\u00fcrfte inzwischen auch den<br \/>konservativsten Vertreter der freien M\u00e4rkte davon \u00fcberzeugt haben, dass Adam Smiths unsichtbare Hand nicht immer f\u00fcr das effizienteste Ergebnis sorgt.\u00ab<\/i><br \/>Vergessen Sie hier bitte nicht, dass die neoklassische Sichtweise sehr wohl f\u00fcr den Eingriff des Staates pl\u00e4diert, n\u00e4mlich dann, wenn es zum Marktversagen kommt. Sieht man aber von diesen F\u00e4llen einmal ab, gibt es eine nachvollziehbare Theorie und zahlreiche empirische Studien, die belegen, dass der Markt unter gew\u00f6hnlichen Rahmenbedingungen die effizienteste L\u00f6sung finden wird und dass aufgrund des Informationsmangels ein Dritter durch Eingriffe in den Markt nur selten derartig effiziente L\u00f6sungen bereitstellen kann. Es ist deshalb auch nicht \u00fcberraschend, dass die USA als hochentwickelte Volkswirtschaft in Boomzeiten ein BIP-Wachstum von 4-5% erreicht, w\u00e4hrend das im Vergleich zur USA st\u00e4rker regulierte Europa auf Wachstumsraten von knapp \u00fcber 2% kommt. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnten noch viele andere Dinge, wie Rahmenbedingungen f\u00fcr Unternehmensgr\u00fcnder, Steuerpolitik, u.s.w. angef\u00fchrt werden.<br \/><i><br \/>\u00abZumindest Europa hat auf den Rechtsruck der USA durch die Politik Bushs reagiert.\u00ab<\/i><br \/>Diese Aussage kann ich nicht nachvollziehen. F\u00fcr mich hat der Linksruck in Europa bereits deutlich vor der Regierung Bush begonnen. Es gibt kaum L\u00e4nder in Europa (Polen ist eine Ausnahme) in denen seit 2001 von einer konservativen Regierung auf eine sozialistische Regierung gewechselt wurde. In den meisten L\u00e4ndern bestanden schon vorher sozialistische Regierungen. In D wurde Rot\/Gr\u00fcn durch Schwarz\/Rot ersetzt und Schwarz war st\u00e4rkste Partei und stellte bekanntlich die Kanzlerin. In England wurde in j\u00fcngerer Vergangenheit die sozialistische Regierung unter Blair\/Brown massiv unter Beschuss genommen und die Konservativen gewinnen derzeit jede Lokalwahl. Dies im \u00fcbrigen nicht wegen dem Irakkrieg &#8211; den Blair musste deswegen ja zur\u00fccktreten &#8211; sondern wegen anderer Themen, die gerade mit der wirtschaftlichen Sichtweise und der Ideologie von einem kontrollierenden Staat zusammenh\u00e4ngen. In diversen anderen L\u00e4ndern bestanden bereits vor Bush sozialistische Regierungen. Von einer Reaktion Europas auf Bush zu sprechen, halte ich deshalb f\u00fcr falsch. Ich stimme zwar mit Ihnen \u00fcberein, dass Angela Merkel nicht wirklich als konservativ bezeichnet werden kann. In dem Zusammenhang aber indirekt zu behaupten, dass deutsche W\u00e4hler als Reaktion auf die Politik von Bush die CDU zu st\u00e4rksten Partei gew\u00e4hlt h\u00e4tten, halte ich f\u00fcr sehr weit hergeholt.<\/p>\n<p><i>\u00abDie nunmehr gefundene L\u00f6sung des Investments des Staates in den Bankensektor durch den Kauf von Anteilen an den Banken ist ein R\u00fcckschritt f\u00fcr die freien M\u00e4rkte, ein Fortschritt f\u00fcr eine st\u00e4rkere Staatsrolle.\u00ab<\/i><br \/>Diese Aussage stimmt nur bedingt. Den die Ideologie der freien M\u00e4rkte fordert wie bereits erw\u00e4hnt ein Eingreifen des Staates, wenn der Markt versagt. Wenn ein Misstrauen zwischen den Banken herrscht, so dass diese sich gegenseitig kein Geld mehr leihen und der Markt f\u00fcr Kredite zwischen Banken zum erliegen kommt, kann man sehr wohl von einem Marktversagen sprechen. Damit ist dies auch keine &#8222;Bankrotterkl\u00e4rung des Turbo-Kapitalismus&#8220;, den die Ideologie dahinter gesteht ja die M\u00f6glichkeit des Versagens des Marktes ein.<\/p>\n<p><i>\u00abMitten in diese ideologische Bankrotterkl\u00e4rung des Turbokapitalismus kommt nun auch noch das schwedische Nobelpreiskomitee mit der Meldung, den Wirtschaftsnobelpreis an Paul Krugman zu vergeben, ein linksorientierter Kolumnist der New York Times, der in seinen Forschungsjahren die These der<br \/>freien Marktwirtschaft widerlegte, dass freie Handelsbeziehungen stets zu effizienterer Produktionslokalisierung f\u00fchren. Er belegte, dass Entwicklungen wie Verst\u00e4dterung zu einem gr\u00f6\u00dferen Bedarf an Diversifizierung f\u00fchren und dadurch unterschiedliche Produktionsbedingungen an<br \/>verschiedenen Standorten dennoch \u00e4hnliche Produkte effizient hervorbringen k\u00f6nnen. Nebenbei war Krugman in den vergangenen 8 Jahren einer der heftigsten Kritiker der Bush-Politik. Ob hier das Nobelpreis-Komitee den Amerikanern einen Hinweis geben m\u00f6chte?\u00ab<\/i><br \/>Ich kann mir vorstellen, dass Paul Krugmann es als eine Diskreditierung empfindet, wenn man die Ursache f\u00fcr den Entscheid f\u00fcr seine Person an seiner Kritik an der Bush-Regierung festmacht. Ich bin auch nicht sicher, dass Ihre Aussage, dass er die &#8222;freie Marktwirtschaft&#8220; widerlegte so richtig ist. Vielmehr hat er die Grenzen der freien Marktwirtschaft n\u00e4her beleuchtet. Dies sind aber Grenzen die von den ideologischen Grunds\u00e4tzen so auch nicht in Frage gestellt wurden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das Nobelpreis-Komitee so niveaulos ist, das Ziel einer politischen Meinungs\u00e4usserungen h\u00f6her zu erachten, als das sachliche Bewerten von wissenschaftlicher Arbeit.<\/p>\n<p><i>\u00abNun, selbst die Amerikaner bejubeln die europ\u00e4ische L\u00f6sung der Teilverstaatlichung von Banken, noch heute soll in den USA eine \u00e4hnliche Vorgehensweise vorgestellt werden.\u00ab<\/i><br \/>So wie Sie dies darstellen wurden die Amerikaner durch diese europ\u00e4ische L\u00f6sung gerade zu inspiriert. Tats\u00e4chlich waren es aber die Amerikaner, welche mit dem Spiel begannen und bei denen sich z.B. die FED bei AIG einkaufte, bevor die Europ\u00e4er deratige Ideen \u00f6ffentlich machten. Zugegeben, es war nicht direkt der amerikanische Staat, der hier gehandelt hat. Trotzdem halte ich es f\u00fcr \u00fcbertrieben zu behaupten, dass die Amerikaner den Gedankensprung von FED zu Staat nur durch Europa geschafft haben.<\/p>\n<p><i>\u00abNun haben wir eine extrem linke L\u00f6sung f\u00fcr die Finanzkrise erhalten, eine L\u00f6sung, die uns noch jahrelang begleiten wird. Es wird nun wieder viele<br \/>Jahre dauern, bis dem Staat erlaubt wird, seine Anteile an den Banken, selbst unter Gewinnrealisierung (steuerfrei?), zu vermindern. Zu gro\u00df ist nun die Angst vor einem erneuten Fehlverhalten der Banker.\u00ab<\/i><br \/>Nur weil diese L\u00f6sung eine staatliche Beteiligung bei Privatfirmen vorsieht, w\u00fcrde ich nicht von einer linken L\u00f6sung sprechen. Der Staat erf\u00fcllt seine Rolle bei einem Marktversagen einzuschreiten und das Vertrauen unter den Banken zu unterst\u00fctzen. Diese Beteiligung baut er sukzessive ab, wenn die Marktverh\u00e4ltnisse dies wieder zulassen. Es ist also nicht das Ziel die Unternehmen auf Dauer durch den Staat zu kontrollieren. Eine Angst vor einem Fehlverhalten der Banker ist meines Erachtens nicht das Problem, sondern vielmehr die Komplexit\u00e4t der CDOs die es so schwierig macht, das eigene Risiko richtig einzusch\u00e4tzen, sowie die Tatsache, dass niemand offen legt bzw. auch nicht absch\u00e4tzen kann, in wie weit er von weiteren &#8222;Defaults&#8220; von derzeit noch gesunden Krediten negativ betroffen sein wird.<\/p>\n<p>Trotz dieser Einw\u00e4nde danke ich Ihnen f\u00fcr ihren interessanten Ticker und w\u00fcnsche Ihnen, dass Sie mir ihren B\u00f6rsenprognosen auch weiterhin so oft ins Schwarze treffen. Ich hoffe, dass mein Feedback nicht einfach verpufft und es mir gelingt, Sie in dem ein oder anderen Punkt auch ein wenig zum Nachdenken anzuregen. Es tut mir leid, wenn einige Aussagen ein bisschen lehrmeisterisch r\u00fcberkommen. So sind Sie nicht gemeint. Ich bin sicher, dass ihre Bildung die Meinige bei weitem \u00fcbertrifft.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich mache mir grosse Sorgen \u00fcber die Zukunft unseres Landes, wenn ich mir die politischen Programme einer Linkspartei ansehe. Es handelt sich f\u00fcr mich um viele wohlklingende Versprechungen, die nicht finanzierbar sind und ins Nirvana f\u00fchren. Die Tatsache, dass die \u00f6konomischen Ideologien, welche die ehemalige DDR \u00fcber 40 Jahre wirtschaftlich ruinierten bei manchen Wahlen bereits wieder ein Viertel der W\u00e4hler im Osten f\u00fcr sich gewinnen k\u00f6nnen, beunruhigt mich sehr. Ich pers\u00f6nlich empfinde deshalb, dass die derzeitige Finanzkrise sehr stark medial ausgeschlachtet wird um eine Kapitalismuskritik zum Ausdruck zu bringen, welche politisch motiviert und von sehr vielen Halbwahrheiten durchzogen ist. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass alle sozialen und sozialistischen Elemente unseres Staates ohne den Kapitalismus heute so gar nicht finanzierbar w\u00e4ren. Damit sage ich nicht, dass das System des Kapitalismus nicht auch Schw\u00e4chen hat, n\u00e4mlich gerade dann, wenn Akteure ohne ein gewisses Mass an Ethik und Werte handelt. Diese Werteproblem werden wir aber nicht durch eine Abschaffung des Kapitalismus l\u00f6sen. Die L\u00f6sung liegt meines Erachtens vielmehr in einer Verbesserung der Schwachstellen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems und in der Erziehung der n\u00e4chsten Generationen, denen wir wieder die Bedeutung von Werten wie z.B. Ehrlichkeit beibringen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Freundliche Gr\u00fcsse, Torsten aus der Schweiz<\/p>\n<p>ANTWORT:<br \/>herzlichen Dank f\u00fcr Ihre Anmerkungen. Ja, der Heibel-Ticker soll sachlich Zusammenh\u00e4nge darstellen. Zus\u00e4tzlich, und deswegen wird der Heibel-Ticker so gerne gelesen, wenn ich den Aussagen meiner Leser glaube, zus\u00e4tzlich gebe ich meine pers\u00f6nliche Meinung preis. Meistens gut abgetrennt und begr\u00fcndet, manchmal gehen aber auch die Pferde mit mir durch &#8230; und wenn man acht Jahre lang kontinuierlich und sachlich die Fehler eines Herrn Bush aufgelistet und begr\u00fcndet hat, dann kann man sich meiner Ansicht nach am Ende auch einmal erlauben, diesen Politiker als Niete zu bezeichnen. Wohlgemerkt: Ich bin kein Medium, das Fakten verbreitet, sondern ich bin ein Autor, der seine Sicht der Fakten, seine Interpretationen offenlegt. Mal mehr, mal weniger begr\u00fcndet. <\/p>\n<p>So haben Sie nun mein Update kritisiert, in dem ich ohne Fakten einmal &#8222;vom Leder gezogen&#8220; habe. Ich habe mir einfach einmal Luft gemacht und meine Ansichten ohne weitere Begr\u00fcndungen formuliert. Ihre differenzierte Kritik kann ich sehr gut nachvollziehen und in vielen Bereichen gebe ich Ihnen Recht. Vielleicht habe ich da etwas vorschnell geurteilt. Doch ohne nochmals auf die einzelnen Punkte einzugehen denke ich, habe ich die Grundtendenz richtig beschrieben. Auch Sie haben dann zum Schluss Ihre Besorgnis \u00fcber den Links-Rutsch ge\u00e4u\u00dfert. <\/p>\n<p>Aber ich bin dankbar f\u00fcr Ihre Kritik, denn es hat mir gezeigt, dass ich mit solchen pauschalisierten Texten vorsichtiger umgehen mu\u00df. {weiter[40|9]}<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber Herr Heibel Ich bin auf ihren Ticker durch einen Freund aufmerksam geworden und habe ihn bisher gerne und mit Interesse gelesen. In ihrem unten angeh\u00e4ngten Update t\u00e4tigen Sie einige Aussagen, die ich f\u00fcr etwas unpr\u00e4zise halte und auch einige Aussagen, die mir ein bisschen unsachlich erscheinen. 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