{"id":7666,"date":"2025-04-08T14:47:19","date_gmt":"2025-04-08T12:47:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.heibel-unplugged.de\/?p=7666"},"modified":"2025-04-08T14:47:21","modified_gmt":"2025-04-08T12:47:21","slug":"zoll-crash-2025-ist-anders-als-1930-und-1985-zoelle-als-bruecke-nicht-als-bollwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/zoll-crash-2025-ist-anders-als-1930-und-1985-zoelle-als-bruecke-nicht-als-bollwerk\/","title":{"rendered":"Zoll-Crash 2025 ist anders als 1930 und 1985 \u2013 Z\u00f6lle als Br\u00fccke, nicht als Bollwerk"},"content":{"rendered":"\n<p>Tempor\u00e4re Z\u00f6lle sorgen derzeit f\u00fcr Unruhe an den M\u00e4rkten. Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise 1930 und die Dollar-Turbulenzen von 1985 werden wach. Doch trotz aller historischen Parallelen ist 2025 anders. Die wirtschaftliche Ausgangslage, die Machtverh\u00e4ltnisse im Welthandel und die politische Intention hinter den Z\u00f6llen unterscheiden sich grundlegend.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem aktuellen Beitrag ziehe ich Vergleiche zu 1930 und 1985, pr\u00fcfe die Theorie des Au\u00dfenhandels auf ihre Tragf\u00e4higkeit \u2013 und zeige auf, wie tempor\u00e4re Z\u00f6lle als Mittel zum industriellen Wiederaufbau funktionieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Theorie und Realit\u00e4t des Au\u00dfenhandels<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass ich die langweiligste \u00d6konomie-Lektion mal hier in den Heibel-Ticker aufnehmen w\u00fcrde. Doch ich werde mich bem\u00fchen, das Thema spannend zu pr\u00e4sentieren. So spannend, wie <a href=\"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/autor\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ich pers\u00f6nlich<\/a> zu diesem Thema Zugang fand, als ich in meiner m\u00fcndlichen Examenspr\u00fcfung die komparativen Vorteile des Au\u00dfenhandels grafisch darstellen sollte und der Professor nach meinem zweiten Satz sagte: \u201eNein, da sind Sie auf dem falschen Weg, Herr Heibel, das wird dann wohl nichts mit Ihrem Examen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck intervenierte der Assistent: \u201eLassen Sie ihn mal machen, Herr Professor. Vielleicht kriegt er die Kurve.\u201c Und tats\u00e4chlich konnte ich in den zehn Minuten, die eine solche m\u00fcndliche Pr\u00fcfung dauert, einige Graphiken an die Tafel zeichnen, aus denen am Ende mit einigen Querverbindungen genau die Linie hervorging, nach der ich gefragt wurde. Die einfache Antwort, die wir in der Vorlesung beigebracht bekamen, hatte ich vergessen \u2013 daher entwickelte ich da meine eigene Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ging mit einer 1- aus dieser Pr\u00fcfung \u2013 ein herzliches Dankesch\u00f6n an dieser Stelle nochmals an den Assistenten. Und der Professor, der sp\u00e4ter zu den Wirtschaftsweisen Deutschlands z\u00e4hlte, vertrat in den folgenden Jahren \u00fcbrigens regelm\u00e4\u00dfig die gegenteilige Auffassung von mir.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was die Theorie sagt \u2013 und was die Geschichte lehrt<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Volkswirtschaftslehre geht davon aus, dass bilateraler Handel f\u00fcr beide Seiten vorteilhaft ist. Unterschiede im Entwicklungsstand sollen durch freie Wechselkurse ausgeglichen werden. Das h\u00f6her entwickelte Land \u2013 etwa die USA \u2013 bietet Dienstleistungen an, w\u00e4hrend das weniger entwickelte Land \u2013 beispielsweise Vietnam \u2013 g\u00fcnstige Produkte liefert. Beide Seiten profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch schon 1930 zeigte sich: Die Theorie greift zu kurz. Als sich Industrien aus den USA zur\u00fcckzogen, stieg dort die Arbeitslosigkeit. Die Folge: Protektionismus, pauschale Z\u00f6lle, Vergeltungsma\u00dfnahmen \u2013 und eine Versch\u00e4rfung der Weltwirtschaftskrise. Pr\u00e4sident Hoover wollte die heimische Wirtschaft sch\u00fctzen, doch das Ergebnis war ein globaler Handelsstillstand.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lektionen aus 1930 und 1985<\/h2>\n\n\n\n<p>Erst John Maynard Keynes lieferte mit dem Konzept des \u201edeficit spending\u201c einen Ausweg: Der Staat muss in Krisenzeiten gezielt investieren \u2013 allerdings in zukunftsf\u00e4hige Strukturen, nicht in die Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>1985 wiederholte sich das Muster: Der US-Dollar war als globale Reservew\u00e4hrung \u00fcberbewertet, die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der US-Wirtschaft sank. Mit dem Plaza-Abkommen wurde der Dollar k\u00fcnstlich abgewertet \u2013 jedoch ohne begleitende strukturelle Reformen. Ein Fehler, der sp\u00e4ter erneut zu Ungleichgewichten f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was haben wir also aus der Geschichte gelernt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Das Gleichgewicht gem\u00e4\u00df Au\u00dfenhandelstheorie benachteiligt zwar kurzfristig den schw\u00e4cheren Handelspartner, langfristig jedoch wird der st\u00e4rkere Handelspartner benachteiligt.<\/li>\n\n\n\n<li>Unbefristete Pauschalz\u00f6lle f\u00fchren zum Zollkrieg, unter dem alle Beteiligten leiden (Weltwirtschaftskrise 1930).<\/li>\n\n\n\n<li>Strukturelle Anpassungen sind erforderlich, um ein erneutes Auftreten solcher Ungleichgewichte zu verhindern (Keynes).<\/li>\n\n\n\n<li>Die globale Reservew\u00e4hrung wird latent ebenfalls zu hoch bewertet und bedeutet einen wirtschaftlichen Nachteil f\u00fcr die USA.<\/li>\n\n\n\n<li>Milit\u00e4r und nicht Wirtschaft machen einer W\u00e4hrung zu einer globalen Reservew\u00e4hrung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Was beide Epochen zeigen: Z\u00f6lle allein l\u00f6sen keine Probleme. Erst mit gezieltem Strukturwandel entfalten sie positive Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was 2025 anders macht<\/h2>\n\n\n\n<p>Heute erleben wir eine neue Situation: Die USA haben gro\u00dfe Teile ihrer Industrie ausgelagert. Nun sollen zentrale Sektoren \u2013 etwa Halbleiter, Batterien oder Solartechnik \u2013 zur\u00fcckgeholt werden.<br \/><br \/>Hier kommen zeitlich befristete Z\u00f6lle ins Spiel \u2013 nicht als Mittel der Abschottung, sondern als gezielte Investitionshilfe. Das Prinzip: Strategische Importe werden f\u00fcr eine \u00dcbergangszeit verteuert, um dem heimischen Aufbau Luft zum Atmen zu geben. In dieser Phase sollen Fertigungscluster entstehen, Innovationszentren wachsen und Know-how ins Land zur\u00fcckkehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Tempor\u00e4re Z\u00f6lle k\u00f6nnten so als \u00dcbergangsschutz fungieren: Sie verteuern strategische Importe, schaffen Raum f\u00fcr Investitionen und Innovationen im Inland.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tempor\u00e4re Z\u00f6lle als Hebel f\u00fcr industrielle Resilienz<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Einnahmen aus diesen Z\u00f6llen werden \u2013 zumindest auf dem Papier \u2013 in Infrastruktur, Ausbildung und Innovationsf\u00f6rderung gelenkt. So entsteht ein Kreislauf: Die tempor\u00e4re Marktverzerrung durch Z\u00f6lle schafft Zeit f\u00fcr den Aufbau eigener Kapazit\u00e4ten, die durch staatliche Mittel zus\u00e4tzlich beschleunigt werden. Ziel ist es, nicht dauerhaft zu sch\u00fctzen, sondern die Wettbewerbsf\u00e4higkeit gezielt zu st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Programme wie der Inflation Reduction Act und der CHIPS and Science Act setzen genau hier an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trump adressiert mit seinen Z\u00f6llen eine Vielzahl von Problemen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>hohe Z\u00f6lle im Ausland<\/li>\n\n\n\n<li>Handelsbeschr\u00e4nkungen, die in seinen Augen unfair sind<\/li>\n\n\n\n<li>W\u00e4hrungsprobleme als globale Leitw\u00e4hrung<\/li>\n\n\n\n<li>zu hohe Sparneigung bei Handelspartnern<\/li>\n\n\n\n<li>zu geringe Milit\u00e4rausgaben bei seinen Partnern, insbesondere NATO<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das Vorgehen ist also nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geopolitisch motiviert \u2013 was die Tragweite der Ma\u00dfnahmen unterstreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Staaten wie Texas, Ohio und Arizona entstehen neue Werke. Unternehmen wie Ford und Intel investieren Milliarden. S\u00fcdkorea hat in den 1970er Jahren mit einer \u00e4hnlichen Strategie den Aufstieg zum Technologief\u00fchrer geschafft \u2013 warum sollte das nicht auch den USA gelingen?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Protektionismus mit Plan?<\/h2>\n\n\n\n<p>Aus der Geschichte lernen hei\u00dft: Z\u00f6lle d\u00fcrfen kein Selbstzweck sein. Unbefristete Handelsbarrieren schaden \u2013 doch klug eingesetzte, befristete Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen Transformation erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>2025 ist keine Wiederholung von 1930 oder 1985 \u2013 aber es ist eine Weggabelung. Ob die Z\u00f6lle zur Br\u00fccke in eine neue industrielle Basis werden oder zum n\u00e4chsten Bumerang, entscheidet sich nicht an der Grenze, sondern an der Frage, ob dem Denken auch das Machen folgt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#x1f4f0; Die ausf\u00fchrliche Analyse zu den historischen Parallelen, zur Theorie des Au\u00dfenhandels und zur strategischen Bedeutung tempor\u00e4rer Z\u00f6lle finden Sie in <a href=\"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/heibel_tickers\/2289#ch2\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kapitel 2 &#8222;So tickt die B\u00f6rse: Von Voodoo-\u00d6konomie zu sinnvoll zeitlich befristeten Z\u00f6llen&#8220; der aktuellen Heibel-Ticker-Ausgabe<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tempor\u00e4re Z\u00f6lle bringen 2025 die M\u00e4rkte ins Wanken \u2013 doch ist die Lage wirklich mit 1930 oder 1985 vergleichbar? Stephan Heibel analysiert die historische Entwicklung der US-Handelspolitik, stellt wirtschaftstheoretische Grundannahmen auf den Pr\u00fcfstand und zeigt, warum die aktuelle Zollstrategie mehr sein kann als nur Protektionismus. Entscheidend ist, ob die Einnahmen gezielt in Innovation und industrielle Resilienz flie\u00dfen. Mit Blick auf Theorie, Geschichte und aktuelle Ma\u00dfnahmen wird deutlich: Wer nur auf Abschottung schaut, \u00fcbersieht die potenziellen Chancen eines \u00dcbergangsschutzes \u2013 und die strategische Ausrichtung hinter dem \u201eZoll-Crash 2025\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":7675,"featured_media":7667,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,3],"tags":[],"class_list":["post-7666","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-markteinschatzung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7675"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7666"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7666\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7668,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7666\/revisions\/7668"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heibel-ticker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}