Zwei Risiken dominieren aktuell die Aktienmärkte – und beide sind weniger gefährlich, als der Markt gerade glaubt. Der Brent-Ölpreis liegt heute bei rund 112 Dollar je Barrel, Private-Equity-Fonds stehen unter Auszahlungsdruck. Versorgung ist gesichert, Vertragsschutz greift, der Trump Put wirkt – so die Einordnung von Stephan Heibel, Chefredakteur des Heibel-Ticker Börsenbriefs.
Die Börse kann sich auf fast alles einstellen – nicht aber auf anhaltende Ungewissheit. Genau das ist das eigentliche Problem seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026. Nicht die Risiken selbst lähmen die Märkte, sondern die Unfähigkeit, sie zu bepreisen. Anleger reagieren zunehmend mit Resignation statt Panik: Meldungen aus dem Iran oder aus Washington werden kaum noch zur Kenntnis genommen – die Glaubwürdigkeit beider Seiten ist aufgebraucht.
Das zeigen auch die Sentiment-Daten von animusX: Das Anlegersentiment stand vergangene Woche zum vierten Mal in Folge auf einem Extremwert von -6,9. Die Zukunftserwartung fiel auf nur noch +0,4 – die Zuversicht, die zu Beginn des Krieges tiefere Kurse noch als Chance betrachtete, schwindet.
Heibels Einordnung ist klar: Der Rohstoff ist da – nur das Preisschild gefällt nicht. Politische Lösungsoptionen existieren, ein strukturelles Versorgungsproblem liegt weder in Deutschland noch in den USA vor.
Der Brent-Ölpreis liegt heute bei rund 112 Dollar je Barrel. Seit Kriegsbeginn am 28. Februar entspricht das einem Anstieg von über 40 Prozent. Das 52-Wochen-Hoch liegt bei 119,13 Dollar. Die Straße von Hormuz transportiert unter normalen Bedingungen rund 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs täglich – normalerweise passieren rund 100 Schiffe täglich die Meerenge. Mitte März registrierte MarineTraffic in drei Tagen nur noch 15 Durchfahrten. Heute sitzen rund 2.000 Schiffe im Persischen Golf fest.
Der Engpass trifft jedoch vor allem das Preisschild, nicht die Versorgung. Die Profiteure sind entsprechend klar: In der Vorwoche führten Brenntag mit plus 16 Prozent und BASF mit plus 11 Prozent die DAX-Spitze an. Einen strukturellen Nebeneffekt zeigt der Helium-Engpass aus der Golfregion: Er bedroht die Chipfertigung bei TSMC – mit direkter Konsequenz für die Produktion von Nvidia-GPUs.
Auch hier ist Heibels Einordnung eindeutig: kein systemisches Risiko. Die Vertragsstruktur schützt, eine Ausweitung auf den breiten Aktienmarkt bleibt begrenzt.
Der Druck entsteht aus zwei Richtungen gleichzeitig. Erstens: Das dominierende Geschäftsmodell vieler PE-Beteiligungen – Software nach Nutzerlizenzen – gerät durch KI unter Druck. Wenn ein KI-Agent viele Mitarbeiter ersetzen kann, verkaufen Softwareunternehmen weniger Lizenzen. Das Börsengang-Fenster für diese Beteiligungen ist geschlossen – sie werden zu totem Holz im Portfolio.
Zweitens: Anleger ziehen Kapital ab. Blackstones Flaggschifffonds BCRED verzeichnete im ersten Quartal 2026 Auszahlungsanfragen für 7,9 Prozent seines 82 Milliarden Dollar schweren Fondsvolumens. Blackstone reagierte, indem eigene Mitarbeiter und die Firma selbst 400 Millionen Dollar in einen BCRED-Feeder-Fonds investierten. Das Problem ist aufgeschoben, nicht aufgehoben. Laut Morningstar überwiegen Ratings-Downgrades in Private Credit die Upgrades in den ersten sechs Wochen 2026 um den Faktor 3,3 zu 1.
Doch die Vertragsklausel greift: Maximal 5 Prozent des Fondsvolumens darf pro Quartal ausgezahlt werden. Das ist kein Versagen – das ist Design. Genau für diese Situation wurde der Schutzmechanismus konzipiert.
Wer jetzt alles verkauft oder auf fallende Kurse setzt, geht ein unkalkulierbares Risiko ein. Der Grund ist der Trump Put: Immer dann, wenn die Märkte deutlich einbrechen oder die Zinsen stark steigen, erzeugt Trump eine positive Meldung – das ist inzwischen ein bekanntes Muster. Kein Präsident vor ihm war so darauf bedacht, die Wirtschaft am Laufen zu halten.
Wer short geht, riskiert jederzeit eine Kehrtwende. Wer alles verkauft, findet keinen sicheren Rückkaufzeitpunkt. Heibels Fazit ist konsequent: Kein Szenario ist derzeit belastbar formulierbar. Abwarten ist keine Schwäche – es ist die rationale Haltung in einer Lage, in der Ungewissheit die einzige Konstante ist.
Keine überstürzten Reaktionen auf Einzelmeldungen aus dem Iran oder aus Washington – die Glaubwürdigkeit beider Seiten ist seit Wochen aufgebraucht. Energie- und Versorgeraktien verdienen als defensive Positionierung Aufmerksamkeit. Spekulative Short-Positionen sind bei laufendem Trump Put unkalkulierbar. Was der Markt als Katastrophe einpreist, ist nach Heibels Analyse ein beherrschbares Szenario – vorausgesetzt, man behält die Ruhe.
Wer tiefer einsteigen möchte: Die vollständige Analyse mit Sentiment-Daten, Portfolioentscheidungen und Einzelwert-Updates findet sich in der aktuellen Heibel-Ticker PLUS Ausgabe #13. Einen ausführlichen Rückblick zu allen Ausgaben bietet das Archiv.
Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.
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