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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 12.05.2026 um 11:03 Uhr

Heibels Wand der Sorgen treibt Märkte auf Allzeithoch

Wer heute an der Börse auf bessere Zeiten wartet, verpasst die Rallye – denn die schlechten Zeiten sind ihr Treibstoff. Stephan Heibel, Herausgeber des Heibel-Tickers und seit 1998 am Markt aktiv, rechnet auf Sicht von 12 bis 18 Monaten mit deutlich höheren Kursen. Seine Begründung dreht die übliche Anlegerlogik um: Nicht trotz Iran-Krieg, Zollchaos und KI-Skepsis steigen die Märkte – sondern genau deshalb. Wer diesen Mechanismus versteht, sieht die aktuelle Lage mit anderen Augen.

Die Unsicherheit ist kein Risiko – sie ist der Treibstoff

An den Aktienmärkten existiert ein Phänomen, das Börsenprofis als „Wand der Sorgen“ bezeichnen – auf Englisch: Wall of Worry. Die Idee dahinter ist einfach: Solange Anleger verunsichert sind, sind sie nicht vollständig investiert. Wer Angst hat, hält Cash. Wer Cash hält, kauft irgendwann – und genau diese künftigen Käufer treiben die Kurse weiter nach oben.

Der Mechanismus funktioniert als Kontraindikator: Hohe Unsicherheit bedeutet, dass das Kurspotenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Erst wenn die letzte Sorge aus dem Markt verschwunden ist, sind auch die letzten Käufer investiert. Dann fehlen neue Käufer – und das ist der Moment, in dem das Top erreicht wird.

Heibel beschreibt es in der aktuellen Ausgabe 2026/19 des Heibel-Tickers präzise: „Die Kurse steigen genau so lange, wie Unsicherheit im Markt ist. Langsam, während eine Sorge nach der anderen eben nicht eintritt.“

Warum faire Kurse noch weit entfernt sind

Ein fairer Kurs ist das Niveau, auf dem ein Index oder eine Aktie stehen würde, wenn alle Risiken eingepreist und alle Unsicherheiten beseitigt wären. Aktuell liegen zwischen dem heutigen Kursniveau und diesem fairen Wert mehrere konkrete Unsicherheitsblöcke – und jeder davon hält potenzielle Käufer am Seitenrand.

Da ist zunächst der Iran-Krieg und die anhaltende Sperrung der Straße von Hormus. Rund 20 Prozent der täglichen Öltransporte laufen normalerweise durch diese Meerenge. Die Blockade drückt auf Konjunkturerwartungen, insbesondere in Europa. Der DAX notiert seit Jahresbeginn rund 0,5 Prozent im Minus, während der S&P 500 knapp 8 Prozent zulegt und der Nikkei sogar 25 Prozent. Internationale Anleger meiden deutsche Titel – nicht weil sie strukturell unattraktiv wären, sondern weil der geopolitische Unsicherheitsfaktor Europa stärker trifft als die USA.

Dann sind da die Zölle. Mal werden sie für gesetzwidrig erklärt, dann doch umgesetzt. Abgeführte Zölle werden teilweise erstattet – Unternehmen wissen nicht, mit welchen Kosten sie kalkulieren sollen. Die Handelsbeziehungen zwischen USA, EU und China bleiben ungeklärt: Wohin gehört Europa in dieser neuen Weltordnung? Für Unternehmen mit internationalen Lieferketten ist das ein Planungsproblem, kein strukturelles Wachstumsproblem – aber es hält Investoren zögerlich, und Zögern bedeutet: Cash statt Aktien.

Schließlich die KI-Skepsis. Viele Marktbeobachter sorgen sich um ein vermeintliches Überinvestieren in die KI-Revolution. Dazu hat Heibel eine klare Meinung: Diese Sorge ist unbegründet. AMD-Chefin Lisa Su musste ihre eigene Wachstumsprognose von 18 Prozent auf 35 Prozent korrigieren – nach oben. Anthropic-CEO Dario Amodei berichtete, die Token-Generierung und der KI-Umsatz hätten sich im ersten Quartal 2026 verachtzigtfacht. Die Nachfrage nach KI-Rechenleistung übersteigt das Angebot bei Weitem. Von Überinvestition ist nichts zu sehen.

Was das für Anleger bedeutet, die noch warten

Wer heute auf einen besseren Einstiegszeitpunkt wartet, sitzt auf einem doppelten Problem. Erstens: Eine mögliche Konsolidierung könnte deutlich moderater ausfallen und schneller vorbei sein, als man wieder einsteigen kann. Der Markt wartet nicht auf Zögernde. Zweitens: Der faire Kurs – das Niveau, auf das sich die Märkte zubewegen – liegt deutlich höher als heute. Wer draußen wartet, sieht dieses Niveau langsam weiterrücken.

Heibel arbeitet bevorzugt mit einem Zeithorizont von 12 bis 18 Monaten. In diesem Fenster, also bis Ende 2027, erwartet er deutlich höhere Kurse. Nicht weil alle Probleme gelöst wären – sondern weil sie sich nach und nach auflösen, während der Markt langsam Richtung fairer Bewertung wandert.

Im Heibel-Ticker Portfolio zeigte sich die Dynamik in der vergangenen Woche konkret: Das Portfolio legte 3,9 Prozent zu – die stärkste Börsenwoche des laufenden Jahres. PVA Tepla sprang allein um 22 Prozent, Deutz um 9 Prozent, Lufthansa um 12 Prozent. Solche Kurssprünge finden an wenigen Tagen im Jahr statt. Wer an diesen Tagen nicht investiert ist, kann sie nicht mitnehmen.

Das Top erkennen – bevor es alle sehen

Wann ist das Top erreicht? Wenn die letzte Unsicherheit aus dem Markt verschwindet, alle die investieren möchten investiert sind – und neue Käufer ausbleiben. Diesen Zeitpunkt vorherzusagen ist schwierig. Heibel beobachtet dafür unter anderem die Sentimentdaten seiner Plattform animusX. Aktuell zeigen die Daten ein Bild, das weit vom Extremoptimismus entfernt ist: Deutsche Privatanleger sind trotz des DAX-Anstiegs eher verhalten, institutionelle Anleger halten laut den animusX-Daten einen hohen Bestand an Short-Positionen. Von einer Überhitzung, die ein Top ankündigen würde, ist nichts zu sehen.

In den USA ist die Stimmung optimistischer – das Put/Call-Verhältnis an der CBOE fiel auf 0,53, ein Niveau, das in den vergangenen zwölf Monaten nur viermal erreicht wurde. Auch die Investitionsquote der US-Fondsmanager stieg auf 97 Prozent. Das ist ein Signal, das aufmerksam beobachtet werden sollte. Doch auch dort fehlt die extreme Einseitigkeit, die ein echtes Top ankündigt.

Die vollständige Analyse und die aktuellen Portfolioentscheidungen finden Sie in der Ausgabe 2026/19 des Heibel-Tickers.


Stephan Heibel ist Chefredakteur und Herausgeber des Heibel-Tickers, den er seit 1998 veröffentlicht. Über 25.000 Leser verfolgen wöchentlich seine Börsenanalysen.

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Stephan Heibel

Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.

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