Der Ölpreis ist bis zum 26. Juni binnen zwei Wochen um 16 Prozent auf 73 US-Dollar je Fass Brent gefallen – nach einem Hoch von 120 US-Dollar nur wenige Wochen zuvor. Das ist kein Zufall. Es ist das sichtbare Ergebnis eines Plans, der die US-Notenbank in eine Position bringt, in der sie die Zinsen nicht mehr anheben muss – ganz gleich, was die Mehrheit der Finanzpresse derzeit erwartet.
Noch vor wenigen Wochen fürchteten Anleger einen Ölpreis von über 150 US-Dollar je Fass, ausgelöst durch die Eskalation rund um den Iran und die Straße von Hormus. Diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Stattdessen zeichnet sich eine geopolitische Entspannung ab: Frieden mit dem Iran, die Öffnung der Straße von Hormus und die Rückkehr internationaler Atom-Kontrolleure ins Land. Der Ölpreis fiel daraufhin von seinem Hoch bei 120 US-Dollar auf zuletzt 73 US-Dollar je Fass.
Zur Einordnung: Vor dem Beginn der militärischen Eskalation im Iran notierte Brent-Öl bei rund 60 US-Dollar je Fass. Der aktuelle Preis von 73 US-Dollar liegt also bereits nur noch moderat über diesem Vorkrisenniveau – ein Hinweis darauf, dass die durch den Konflikt ausgelösten Kapazitätsinvestitionen in die globale Öl-Infrastruktur inzwischen beginnen, sich preisdämpfend auszuwirken.
Wer wissen möchte, wie ernst Finanzmarktakteure die Entspannung nehmen, muss nur auf den Ölpreis schauen. Er ist der ehrlichste Indikator, den es dafür gibt – und er zeigt: Die Entwarnung wird als glaubwürdig eingestuft.
Bemerkenswert ist dabei, wie wenig Beachtung diese Entwicklung in der öffentlichen Debatte findet. Während politische Kommentatoren in den USA – je nach Lager – entweder von einem historischen Fehler oder einem historischen Erfolg der Iran-Diplomatie sprechen, blendet ein Großteil der Berichterstattung die ökonomische Konsequenz weitgehend aus: einen Ölpreis, der binnen weniger Wochen ein Drittel seines Hochs verloren hat und damit eine der zentralen Inflationskomponenten der US-Wirtschaft spürbar entschärft.
Öl fließt in praktisch jeden Winkel der Wirtschaft ein: in Kunststoffe, in Transport und Logistik, in die Spritkosten der täglichen Arbeitswege, in die Energieversorgung. Ein hoher Ölpreis treibt deshalb nicht nur die Energiepreise, sondern die gesamte Inflationsrate nach oben. Genau das war zuletzt zu beobachten: Die US-Inflationsrate (CPI) sprang auf 4,2 Prozent und löste unter Anlegern beinahe Panik aus.
Doch ein Blick auf die Details relativiert dieses Bild deutlich. Die Kern-Inflation (Core-CPI), die Energie- und Lebensmittelpreise ausklammert, liegt lediglich bei 2,9 Prozent. Die gesamte Differenz zur breiter gefassten Inflationsrate geht praktisch ausschließlich auf den zwischenzeitlich hohen Ölpreis zurück. Fällt dieser Preistreiber weg, verschwindet auch der größte Teil der Inflationssorge – rein rechnerisch.
Die USA sitzen inzwischen auf einem Schuldenberg von 39 Billionen US-Dollar. Rund 14 Prozent der gesamten US-Staatsausgaben fließen allein in die Zinsen auf diese Schulden – etwa eine Billion US-Dollar pro Jahr, mehr als das gesamte US-Verteidigungsbudget. Ein dauerhaft hohes Zinsniveau wäre für die Solvenz der USA eine ernsthafte Belastung. Vor diesem Hintergrund erschiene ein fallender Ölpreis nicht als glückliche Fügung, sondern als der wirksamste verfügbare Hebel, um die Inflation und damit den Zinsdruck zu senken.
Diese Einordnung wird durch die Reaktion der Anleihemärkte gestützt: Die zweijährige US-Staatsanleihe, deren Rendite besonders sensibel auf kurzfristige Zinserwartungen reagiert, sprang zwischenzeitlich auf 4,16 Prozent, nachdem sie Ende des vergangenen Jahres noch unter 3,5 Prozent gelegen hatte. Die Rendite der dreißigjährigen Anleihe, die eher die langfristige Wachstums- und Inflationserwartung widerspiegelt, veränderte sich im gleichen Zeitraum kaum. Diese Divergenz spricht eher für eine kurzfristige Nervosität der Märkte als für eine grundsätzlich veränderte langfristige Zinserwartung.
Die jüngste Sitzung der US-Notenbank unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh wurde in der Finanzpresse überwiegend als Signal für eine bevorstehende Zinsanhebung interpretiert. Tatsächlich erwarten neun der 18 Notenbankmitglieder für das laufende Jahr noch eine Zinsanhebung. Was in dieser Berichterstattung meist fehlt: Ebenfalls neun Mitglieder erwarten keine weitere Anhebung. Und der neue Notenbankchef selbst hat gar keine eigene Prognose abgegeben.
Das Bild ist also deutlich ausgeglichener, als es die Mehrheit der Finanzmedien darstellt. Verstärkt wird diese Fehleinschätzung durch einen weiteren Faktor: Kevin Warsh kürzte das übliche FOMC-Statement der Notenbank von 341 auf nur noch 130 Wörter. Seine Begründung: Jede ausführliche Einschätzung der Notenbank zur Konjunkturlage berge das Risiko, sich später als falsch zu erweisen. Die Märkte hätten diese Kürze jedoch überwiegend als Signal für eine bevorstehende Zinsanhebung interpretiert – eine Lesart, die durch die tatsächliche Verteilung der Mitgliedermeinungen so nicht gedeckt ist.
Wenn der Ölpreis auf einem Niveau zwischen 60 und 70 US-Dollar je Fass verharrt, dürfte die inflationäre Wirkung schon in den kommenden Monaten spürbar nachlassen – mit entsprechendem Spielraum für die Notenbank, das Zinsniveau unverändert zu belassen oder sogar über Senkungen nachzudenken. Sollte sich die Entspannung im Nahen Osten weiter festigen, wäre sogar ein Ölpreis deutlich unter 50 US-Dollar je Fass denkbar – ein Szenario, das eine noch stärkere, geradezu deflationäre Wirkung auf die US-Wirtschaft entfalten könnte.
Unsere eigenen Sentimentdaten über animusX hatten bereits in den vergangenen Monaten auf mittlere Sicht fallende Ölpreise nahegelegt, während der Großteil der Marktteilnehmer noch von anhaltend hohen Notierungen ausging. Die Geschwindigkeit des jüngsten Rückgangs hat viele überrascht – uns nicht.
Ein dauerhaft niedrigerer Ölpreis verschiebt Gewinner und Belastete innerhalb der Wirtschaft. Fluggesellschaften etwa zahlen einen erheblichen Teil ihres Jahresumsatzes für Kerosin – bei einem Anbieter wie der Deutschen Lufthansa macht der Kerosin-Anteil rund 20 Prozent des Jahresumsatzes aus. Jeder Anstieg des Ölpreises um 1 US-Dollar je Fass belastet dort den Nettogewinn mit rund 60 Millionen Euro zusätzlich; ein dauerhaft niedrigerer Ölpreis wirkt entsprechend spürbar entlastend auf die Kostenseite.
Zinssensitive Titel wiederum würden von einem ausbleibenden Zinsanstieg profitieren, da ihre Finanzierungskosten dann nicht weiter steigen müssten. Dazu zählen etwa Baumarktketten und Finanzdienstleister, deren Geschäftsmodell besonders stark von den Kreditkosten der Konsumenten abhängt – im Heibel-Ticker Portfolio zeigt sich das an den dort gehaltenen Zins-Spekulationen Home Depot und Capital One, die allein in der vergangenen Handelswoche um 7 bzw. 14 Prozent zulegten. Das passt zur These: Der Markt beginnt, die deflationäre Wirkung des fallenden Ölpreises stärker einzupreisen, als es die überwiegend zinsanhebungsorientierte Berichterstattung nahelegt.
Auf der Gegenseite geraten Ölproduzenten und energieintensive Geschäftsmodelle unter Druck. Als der Ölpreis Mitte Juni spürbar nachgab, verlor die Exxon-Mobil-Aktie binnen eines Handelstags rund 4 bis 4,5 Prozent, während der gesamte Energiesektor um gut 3 Prozent nachgab – ausgelöst durch dieselbe Entspannung im Nahost-Konflikt, die auch dem Gesamtmarkt die Furcht vor einer langen Öl-Preisspitze nahm. Ende Juni senkte die Investmentbank Morgan Stanley zudem ihre Ölpreisprognose und rechnet mit weiterem Gegenwind für die Aktien von BP, Shell und Chevron, sollten die Notierungen wie von Heibel erwartet weiter nachgeben.
Wer die Entwicklung am Ölmarkt und deren Rückwirkung auf die Zinserwartung genauer verfolgen möchte, findet die vollständige Einordnung von Stephan Heibel – seit 1998 Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs mit über 25.000 Lesern. Wie Trumps Öl- und Iranstrategie auch geopolitisch einzuordnen ist, hat Heibel bereits in einem früheren Beitrag zu Trumps Iran- und Ölstrategie analysiert. Ob Kevin Warsh sich als geldpolitischer Falke oder Pragmatiker erweist, ordnet der Beitrag Kevin Warsh: Fed-Falke oder Pragmatiker? vertiefend ein. Die vollständige Analyse mit allen Hintergründen steht in der Ausgabe 2026/26 des Heibel-Ticker.
Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.
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