Der Ölpreis steht kurz vor 100 Dollar – und das Sentiment der Öl-Anleger spricht dafür, dass er von dort wieder fällt. Auslöser ist der wieder aufgeflammte Iran-Konflikt: Die Nordsee-Sorte Brent ist von 67 US-Dollar je Fass am 2. Juli 2026 auf 96,78 US-Dollar am 26. Juli 2026 gestiegen, zwischenzeitlich lag sie über 100 Dollar. Das entspricht einem Plus von 11,7 Prozent allein in der vergangenen Woche und von 59,0 Prozent seit Jahresbeginn. In diesem Ausmaß der Bewegung liegt der Grund, misstrauisch zu werden.
Diese Zahl steht fest: 67 auf 96,78 Dollar, das sind knapp 30 Dollar je Fass innerhalb von drei Wochen. Wer auf die Charts schaut, sieht keine Übertreibung im Rückblick, sondern eine reale Bewegung mit einem realen Auslöser. Der Iran-Konflikt hat die Sorge vor Lieferausfällen im Persischen Golf zurück auf die Agenda gebracht, und Öl-Anleger haben diese Sorge in Positionen übersetzt. So weit ist der Anstieg nachvollziehbar.
Doch die Frage, die für Stephan Heibel entscheidend ist, lautet nicht, ob der Anstieg stattgefunden hat. Sie lautet, was die Anleger jetzt daraus machen – und genau hier setzt seine wöchentliche Sentimenterhebung über animusX an, die er seit 1998 für mittlerweile über 25.000 Leser führt. Seine Auswertung zeigt: Nach vergleichbaren Sentiment-Extremen lag der Ölpreis im Schnitt 9,8 Prozent tiefer als sechs Monate zuvor – für ihn ein Kontraindikator, keine Bestätigung der aktuellen Rally.
Die animusX-Daten zeigen für die vergangene Woche eine Euphorie unter Öl-Anlegern, wie sie selten zu beobachten ist. Fast alle rechnen mit weiter steigenden Preisen. Ist eine derart breite Einigkeit unter Anlegern ein verlässliches Signal für die Zukunft? Nein – in der Historie war sie bislang fast immer das Gegenteil.

Ich sehe in dieser Euphorie einen Kontraindikator, keine Bestätigung. Meine Auswertung der animusX-Daten zeigt: Nach vergleichbaren Sentiment-Extremen im Ölmarkt lag der Ölpreis im Schnitt 9,8 Prozent tiefer als sechs Monate zuvor. Der Markt preist aktuell dauerhaft teures Öl ein – das Sentiment sagt das Gegenteil, und ich stelle mich bewusst gegen die veröffentlichte Meinung.
Die Kette, die daraus folgt, lässt sich vollständig durchdeklinieren: Auf den Iran-Konflikt folgte der Ölpreissprung, auf den Ölpreissprung folgte die Euphorie unter Öl-Anlegern, die animusX gemessen hat. Diese Euphorie ist historisch ein Kontraindikator, der im Schnitt einen um 9,8 Prozent niedrigeren Ölpreis nach sechs Monaten ankündigt. Ein niedrigerer Ölpreis bedeutet nachlassenden Inflationsdruck. Nachlassender Inflationsdruck schafft Spielraum für Zinssenkungen. Und Spielraum für Zinssenkungen wirkt entlastend auf Aktienbewertungen.
Für Sie als Heibel-Ticker-Leser mit einem Aktiendepot ist an dieser Stelle der entscheidende Punkt: Öl-Trader setzen aktuell auf weiter steigende Preise. Für jemanden, der ein Aktiendepot hält, ist damit derzeit nicht die Konjunkturdatenlage die entscheidende Größe für den Zinspfad, sondern der Ölpreis selbst – über seinen Effekt auf die Inflationserwartung.
Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe hat diese Anspannung bereits gezeigt: Sie lag im Mai 2026 bei 4,7 Prozent, fiel bis Ende Juni 2026 auf 4,36 Prozent und steht aktuell bei 4,68 Prozent – ein Anstieg, der die jüngste Ölpreisbewegung widerspiegelt. Am Mittwoch, den 29. Juli 2026, entscheidet die Fed über den Leitzins, mit anschließender Pressekonferenz von Kevin Warsh. Das ist der Termin, an dem sich zeigt, ob die Notenbank die Ölpreisbewegung als vorübergehend einordnet oder nicht.
Sentiment-Extreme im Ölmarkt haben sich historisch mittelfristig ausgeglichen, nicht fortgesetzt. Der aktuelle Ölpreissprung ist real, die Euphorie darüber ist das eigentliche Signal – und Mittwoch, der 29. Juli 2026, ist der Termin, an dem sich der nächste Schritt in dieser Kette zeigt.
Die vollständige Sentiment-Auswertung zu dieser Ausgabe finden Sie in Heibel-Ticker Ausgabe 2026/30 vom 24.07.2026, Kapitel 3. Wie die Sentiment-Daten den vorherigen Ölpreisrückgang bereits im Sommer angekündigt hatten, lesen Sie hier: Ölpreisverfall -16%: Trumps Deflationsplan geht auf.
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