Claude Mythos — das mächtigste KI-Modell, das Anthropic je entwickelt hat — hat unabsichtlich bewiesen, warum der Ausverkauf der SAP-Aktie zu weit gegangen ist. Der Kurseinbruch von 283 Euro auf rund 141 Euro traf den falschen Teil des Unternehmenswertes.
Mythos fand in Testläufen tausende Sicherheitslücken in weltweit eingesetzter Software — Lücken, die teils seit Jahrzehnten unentdeckt geblieben waren. Genau dieses Modell gilt als einer der Hauptgründe, warum SAP massiv abverkauft wurde. Doch was Mythos dabei gezeigt hat, widerlegt die Angst der Anleger.
Anthropic hat Claude Mythos nicht für die Öffentlichkeit freigegeben. Das Modell ist zu leistungsfähig, um es unkontrolliert zugänglich zu machen. Stattdessen wurde das Konsortium Project Glasswing gegründet — mit AWS, Apple, Google, Microsoft, Nvidia, CrowdStrike und Palo Alto Networks als Partner.
Was dabei sichtbar wurde: Mythos findet die Lücken. Schließen müssen sie CrowdStrike und Palo Alto — Unternehmen, die tief in die IT-Infrastruktur ihrer Kunden integriert sind, Zugriffsrechte haben und Prozesse verstehen. Coding allein reicht nicht. Es braucht das Netzwerk, das Ökosystem, die gewachsene Kundenbeziehung.
Ich habe das als Aha-Effekt beschrieben: Die gesamte Softwarebranche wurde nach diesem Ereignis wiederentdeckt. Der Markt hat verstanden, dass KI zwar analysiert — aber nicht umsetzt. Und genau dieses Umsetzen ist das, was Unternehmen wie SAP seit Jahrzehnten tun.
Ich unterscheide bei SAP zwei Wertbestandteile, die der Markt beim Ausverkauf nicht getrennt hat.
Der erste ist der Coding-Wert. KI kann heute Software schreiben, analysieren und verbessern — besser und schneller als viele Entwicklerteams. Dieser Teil des Unternehmenswertes ist tatsächlich unter Druck geraten. Hier hat der Markt nicht ganz unrecht.
Der zweite ist der Netzwerk-Wert. SAP ist seit Jahrzehnten tief in die Geschäftsprozesse von rund 180.000 Unternehmen weltweit integriert — Einkauf, Finanzbuchhaltung, Personalplanung, Lieferketten, Produktionssteuerung. Ich war selbst fünf Jahre als SAP-Berater in der Chemiebranche tätig und weiß, wie komplex diese Strukturen sind: Gefahrgutvorschriften für den Transport von Chemikalien durch sechs Transitländer, mit unterschiedlichen Anforderungen pro Land und Chemikalie, teils per Briefpost kommuniziert. Diese Komplexität ist kein Softwareprodukt. Sie ist ein globales Ökosystem — und das lässt sich durch kein KI-Modell replizieren.
Der Markt hat beim Ausverkauf beide Teile herausgerechnet. Den Netzwerk-Wert hätte er behalten müssen.
Project Glasswing operiert auf der Infrastrukturebene: Betriebssysteme, Browser, Basissoftware. SAP operiert auf der Geschäftsprozessebene. Beide Ebenen sind voneinander abhängig — aber nicht austauschbar.
Hinzu kommt: SAP hat die KI-Integration bereits begonnen. Mit S/4HANA Cloud, dem KI-Assistenten Joule und der Business Data Cloud fließen KI-Funktionen tief in die SAP-Landschaft ein. Zwei Drittel aller neuen Cloud-Verträge enthielten zuletzt KI-Komponenten. Das Cloud-Geschäft wächst mit 20 bis 23 Prozent jährlich und macht inzwischen 57 Prozent des Konzernumsatzes aus — gegenüber 6 Prozent vor zehn Jahren.
Die KI macht SAP nicht überflüssig. Sie macht SAP effizienter — und für seine Kunden wertvoller.
Das EV/EBITDA von SAP liegt Stand 10. April 2026 bei 13 — niedrig für ein Unternehmen mit 15 bis 18 Prozent jährlichem EBITDA-Wachstum. Die modernere PEG-Ratio liegt bei 0,7, also unter dem fairen Wert von 1. Die Aktie preist ein Szenario ein, in dem SAP seine globale Stellung verliert.
Ich halte dieses Szenario für unwahrscheinlich. Meine Einschätzung: Das Chance-Risiko-Verhältnis spricht derzeit für SAP. Die Chance auf einen großen Kursgewinn ist größer als das Risiko eines weiteren großen Kursverlustes. Das ist keine sichere Wette — Anleger müssen die KI-Strategie und die Entwicklung des Cloud-Umsatzes weiter im Auge behalten. Aber die Bewertung ist so niedrig, dass selbst eine falsche Weichenstellung bereits eingepreist wäre.
Wer reinen Code verkauft, ist durch KI ersetzbar. Wer ein Netzwerk verkauft, ist es nicht. SAP verkauft ein Netzwerk.
Die vollständige SAP-Wunschanalyse mit allen Bewertungskennzahlen, Cloud-Entwicklung und Chancen-Risiko-Einschätzung lesen Sie in Heibel-Ticker Ausgabe 2026/15.
Stephan Heibel ist Chefredakteur und Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs — seit 1998 wöchentlich für Privatanleger.
Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.
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