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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 04.08.2026 um 11:00 Uhr

Aschenbrenners Crash: Die Angst ist zurück – so entscheide ich

Die Angst ist im Sommer 2026 an die Börse zurückgekehrt – und Stephan Heibel, der seit 1998 den Heibel-Ticker Börsenbrief herausgibt, hat sie selbst gespürt. Ausgelöst wurde sie durch die Zwangsliquidation eines vierfach gehebelten Hedgefonds, die am vergangenen Donnerstag, dem 30.07.2026, endete. Wochenlang fielen die Kurse der größten KI-Werte, ohne dass ein erkennbarer Grund dafür sichtbar wurde. Bei einem Kurssturz ohne Erklärung suche ich zunächst nach einer passenden Meldung; finde ich keine, gleiche ich die Lage mit ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit ab – das Restrisiko, den wahren Grund zu übersehen, bleibt dabei bestehen. Genau dieses Muster nutzte ich, um mitten im Ausverkauf meine Intel-Position aufzustocken. Ein gehebelter Hedgefonds muss in so einer Lage liquidieren, sofort und ohne Rücksicht auf den Kurs – ein Privatanleger ohne Hebel kann abwarten, nachkaufen oder nichts tun.

Warum fielen die KI-Kurse wochenlang, ohne dass ein Grund erkennbar war?

Genau das – ein Kursverfall ohne Erklärung – erzeugt die schlimmste Form von Angst. Hinter den erratischen Kursbewegungen bei Micron, SK Hynix und Intel steckte ein einzelner Akteur: der Hedgefonds Situational Awareness des 24-jährigen Mathematikers Leopold Aschenbrenner. Binnen weniger Monate wuchs dessen Volumen von 3 auf 46 Mrd. USD – finanziert über einen Vierfach-Hebel. Aschenbrenner musste seine Positionierung regelmäßig offenlegen, viele Trader folgten ihm. Als die Kurse der KI-Werte seit Juni ungebremst fielen, gerieten die gehebelten Positionen unter Druck, ohne dass für neue Absicherungen noch Geld vorhanden war.

Es kam zum Margin-Call: Broker Citadel Securities räumte Aschenbrenner nur wenige Stunden ein, um Sicherheiten nachzuliefern. Blieb das aus, wurden die Positionen ohne Rücksicht auf den Kurs liquidiert – große Blöcke wurden auf den Markt geworfen, die betroffenen Aktien brachen erratisch ein. Auch der südkoreanische Kospi war betroffen: Im Umfeld des Börsengangs von SK Hynix, den Aschenbrenner mitzeichnete, erreichte der Index sein Allzeithoch, brach danach um 30 % ein, mit Tagesminus von bis zu 11 % (Stand 31.07.2026). Nach Ende der Liquidation am Donnerstag sprang der Kospi umgehend wieder um 8 % an.

Für Marktbeobachter blieb der eigentliche Grund dabei wochenlang unsichtbar: Es gab keine Unternehmensmeldung, keine Branchennachricht, die den Ausverkauf erklärte. Stattdessen wurden andere Ursachen bemüht – chinesische Speicherchip-Entwicklungen, die SK Hynix Konkurrenz machen könnten, oder das offene KI-Modell Kimi K3. Diese Erklärungen bekamen mehr Gewicht, als ihnen zustand; die tatsächliche Ursache, die Liquidation eines einzelnen Hedgefonds, wurde erst im Nachhinein sichtbar. Ein erklärter Kursrückgang lässt sich einordnen. Ein unerklärter zwingt zur Entscheidung unter Unsicherheit. Wie sich Kursbewegungen ganz grundsätzlich ohne erkennbaren Trigger einordnen lassen, zeigt dieser Beitrag zur Sentimentanalyse des DAX.

Ein gehebelter Hedgefonds hat in dieser Lage keine Wahl. Er muss liquidieren, sofort, ohne Rücksicht auf den erzielten Kurs. Ein Privatanleger ohne Hebel steht nicht unter diesem Zwang – er kann abwarten, nachkaufen oder schlicht nichts tun.

Wie kaufe ich, wenn ich den Grund für einen Kurssturz nicht kenne?

Ich kaufe auch dann – aber nur nach einem festen Muster. Intel gehörte zu den betroffenen Werten. Ich nutzte den Ausverkauf, um meine Position aufzustocken – zu einem Zeitpunkt, an dem der eigentliche Auslöser noch nicht bekannt war. Ich nehme solch einen Ausverkauf zunächst zur Kenntnis und schaue nach einer passenden Meldung. Gibt es keine, kommen bei mir Erinnerungen an ähnliche Fälle aus der Vergangenheit ins Gedächtnis.

Diese Methode folgt einem festen Muster: zuerst die Suche nach einer erklärenden Meldung, dann – bleibt sie aus – der Abgleich mit vergleichbaren Situationen. Das Restrisiko bleibt dabei bestehen: Der wahre Grund könnte übersehen werden, die Aktie könnte auf einem tieferen Niveau landen, als der Nachkauf nahelegt. Diese Möglichkeit lässt sich nicht ausschließen, sie gehört zur Entscheidung dazu.

Für einen Privatanleger ohne Hebel stellt sich diese Situation anders dar als für den liquidierten Hedgefonds: Es besteht kein Zwang zum sofortigen Handeln. Genau dieser Unterschied – Zwang versus Wahlfreiheit – macht die Entscheidung überhaupt erst möglich.

Warum halte ich trotz Burrys Warnung die volle Nvidia-Position?

Ich halte still – aus Angst, den Boden zu verpassen. Diese zweite Form der Angst wirkt entgegengesetzt zur ersten. Die Aktie steht mit einem EV/EBITDA von 15 bei einem erwarteten Gewinnwachstum von 82 % im laufenden Jahr, 44 % im kommenden und 23 % im Jahr 2028 (Stand 31.07.2026) günstig da. Dennoch verkaufen einige Anleger.

Der Shortseller Michael Burry warnt vor zirkulären Investitionen: Nvidia investiert in OpenAI, OpenAI kauft im Gegenzug Nvidia-Chips – ein Konstrukt, das aus Burrys Sicht infrage stellt, ob ausreichend eigenständige Nachfrage besteht. Diese Einschätzung stammt von Burry, nicht von mir.

Ich halte trotz der günstigen Bewertung die volle Nvidia-Position – nicht aus Überzeugung, dass Burry falschliegt, sondern aus Erfahrung: Ein Verkauf mit anschließend verpasstem Wiedereinstieg hat sich bei Nvidia in der Vergangenheit bereits mehrfach als teurer erwiesen als das Halten der Position. Die Angst, den Boden nicht zu erkennen und danach nur mit einem Teil der Position beteiligt zu sein, wiegt für mich schwerer als die Angst vor weiteren Verlusten.

Beide Angstformen – zu früh verkaufen, zu spät kaufen – kennt im Grunde jeder, der ein Depot führt.

Fazit

Die Zwangsliquidation bei Situational Awareness ist beendet, die Märkte haben sich seither erholt, weitere Geschädigte sind bislang nicht bekannt. Die verbreitete Annahme, Profis handelten an der Börse angstfrei und rein rational, trifft nicht zu: Die Angst bleibt Teil des Geschäfts – nicht als Ausnahmezustand, sondern als Dauerzustand. Der Unterschied liegt nicht im Fehlen der Angst, sondern in der Entscheidung darunter.

Warum Unsicherheit an der Börse eher Treibstoff als Risiko ist, ordnet dieser Beitrag ein. Alle Details zu den hier genannten Positionen stehen in der Heibel-Ticker Ausgabe 2026/31 vom 31.07.2026.

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Stephan Heibel

Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.

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