Rheinmetall ist um fast 50% eingebrochen – doch charttechnisch ist das noch kein Kaufsignal: Die Aktie notiert bei 1.035,60 Euro und damit deutlich unter dem 52-Wochen-Hoch von 2.008 Euro, das Anfang Oktober 2025 erreicht wurde (Schlusskurs 02.07.2026). Der Kurssturz beschleunigte sich am 1. Juli 2026, als das Unternehmen den Stopp des Fregattenprojekts F126 bekanntgab und eine mögliche Umsatzbelastung von bis zu 300 Mio. Euro für 2026 bezifferte. Am selben Tag markierte die Aktie mit 900,20 Euro ein neues 52-Wochen-Tief. Stephan Heibel, Chefredakteur des Heibel-Ticker Börsenbriefs seit 1998, hat die charttechnische Verfassung der Aktie daraufhin ausführlich analysiert.
Der häufigste Anlegerfehler besteht darin, einen stark gefallenen Kurs mit einem günstigen Einstieg zu verwechseln. Wer sich an Rheinmetalls durchschnittlichem Kaufkurs der vergangenen 52 Wochen orientiert, sieht das Ausmaß: Dieser volumengewichtete Durchschnitt liegt bei rund 1.602 Euro – wer im Schnitt kaufte, liegt beim aktuellen Kurs also deutlich im Minus.
Auch das Chartbild bestätigt die Skepsis. Der Kurs liegt unter dem 20-Tage-, dem 50-Tage- und dem 200-Tage-Durchschnitt, und diese drei Linien verlaufen in klar negativer Reihenfolge: der kurzfristige Durchschnitt unter dem mittelfristigen, dieser wiederum unter dem langfristigen. Das ist die klassische Struktur eines intakten Abwärtstrends. Der 20-Tage-Durchschnitt bei rund 1.122 Euro bildet den ersten relevanten Widerstand, darüber folgt der 50-Tage-Durchschnitt bei rund 1.209 Euro. Der 200-Tage-Durchschnitt bei 1.567 Euro liegt inzwischen so weit entfernt, dass er kurzfristig eher an die frühere Euphorie erinnert als eine realistische Zielmarke zu sein.
Auch die Schwankungsbreite bleibt hoch: Die durchschnittliche Handelsspanne der vergangenen 14 Tage liegt bei rund 64 Euro je Aktie, das entspricht etwa 6% des aktuellen Kurses. Für Anleger bedeutet das konkret: Rheinmetall ist derzeit kein ruhiger Depotwert, sondern ein Titel mit erheblichen täglichen Ausschlägen – wer investiert bleibt, muss diese Schwankungen aushalten können.
Der RSI (Relative-Stärke-Index) misst, wie stark eine Aktie in den vergangenen Wochen unter Verkaufsdruck stand, auf einer Skala von 0 bis 100. Klassisch überverkauft – also ein Signal für nachlassenden Abgabedruck – gilt eine Aktie erst unter 30 Punkten. Rheinmetall liegt bei 38,5 Punkten und damit im unteren neutralen Bereich: Der Verkaufsdruck hat nachgelassen, ein sauberer Erschöpfungspunkt ist aber noch nicht erreicht.
Der MACD, ein weiterer Indikator zur Messung von Kursdynamik, bestätigt das schwache Bild. Die MACD-Linie liegt tief im negativen Bereich und zudem unterhalb der Signallinie, das Histogramm ist ebenfalls negativ. Der Abwärtstrend verliert damit bislang nicht sichtbar an Kraft. Für eine echte Bodenbildung bräuchte es zunächst eine Stabilisierung, dann eine Verengung des negativen Momentums und schließlich ein Kaufsignal – davon ist im aktuellen Chart noch wenig zu sehen.
Die Bollinger-Bänder, die die Schwankungsbreite einer Aktie um ihren gleitenden Durchschnitt abbilden, zeigen zusätzlich, wie nervös der Markt bei Rheinmetall geworden ist. Die Bandbreite liegt bei über 36%, der Kurs bewegt sich im unteren Bereich der Spanne. Die untere Begrenzung verläuft bei rund 920 Euro und liegt damit nahe am jüngsten 52-Wochen-Tief. Genau dort entscheidet sich, ob Rheinmetall einen tragfähigen Boden ausbilden kann oder der nächste Verkaufsimpuls folgt. Die Zone zwischen 900 und 920 Euro ist damit die zentrale Unterstützung – fällt sie, wäre das ein weiteres klares Warnsignal.
Auch im Vergleich zum DAX hat Rheinmetall zuletzt enttäuscht: Der Sortino-Wert, der die Rendite ins Verhältnis zum eingegangenen Abwärtsrisiko setzt, liegt für Rheinmetall über zwölf Monate bei −1,34, während der DAX auf +0,70 kommt. Das zeigt nicht nur eine schwächere Kursentwicklung, sondern vor allem eine deutlich schlechtere Entwicklung im Verhältnis zum eingegangenen Risiko.
„Rheinmetall bleibt für mich langfristig ein interessantes Unternehmen – die europäischen Verteidigungsausgaben sprechen weiterhin dafür, wie ich in meiner Wunschanalyse gezeigt habe“, ordnet Heibel ein. „Die charttechnische Frage ist aber eine andere: Hat der Markt bereits genug schlechte Nachrichten eingepreist? Darauf gibt der Chart bislang keine eindeutige Antwort.“ Auch ein starkes strukturelles Thema schützt demnach nicht automatisch vor einer überzogenen Bewertung und enttäuschten Erwartungen – das zeigt der aktuelle Kurssturz.
Eine technische Gegenbewegung ist laut Heibels Analyse jederzeit möglich, zumal die Zone um 900 bis 920 Euro kurzfristig stützen kann. Doch eine Gegenbewegung ist noch keine Trendwende. Erst ein Anstieg über den 20-Tage-Durchschnitt bei rund 1.122 Euro würde das kurzfristige Bild etwas entspannen. Oberhalb von 1.209 Euro, also über dem 50-Tage-Durchschnitt, ließe sich erstmals wieder von einer ernsthafteren Stabilisierung sprechen. Bis dahin bleibt jeder Kursanstieg zunächst nur eine Erholung im Abwärtstrend.
„Ich warte daher ab, ob Rheinmetall die Zone um 900 Euro verteidigt und anschließend die ersten Widerstände zurückerobert“, fasst Heibel seine Einschätzung zusammen. Er beobachtet damit vor allem die 900-Euro-Marke: Fällt sie, wäre das ein weiteres Warnsignal für den fortgesetzten Abwärtstrend.
Die Kursbewegung der vergangenen Tage bestätigt dieses Bild: Ein kurzer Ausbruchsversuch nach oben lief bereits wieder in den Abwärtstrend zurück, ohne die Widerstandszone nachhaltig zu überwinden.
Die vollständige charttechnische Analyse mit allen Details lesen Sie in Heibel-Ticker Ausgabe 2026/27. Die strukturellen Hintergründe zum Kursverfall – Execution-Risk, Klumpenrisiko Bund, Kriegsmarge – ordnet Heibel im Beitrag „Rheinmetall verlor 38 % – was Analysten übersehen haben“ ein.
Stephan Heibel ist seit 1998 Chefredakteur und Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs mit über 25.000 Lesern und einer durchschnittlichen Performance von 10% p.a. seit 2008.
Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.
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