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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 28.05.2026 um 10:46 Uhr

Rheinmetall verlor 38 % – was Analysten übersehen haben

Wer Rheinmetall im Depot hält oder die Aktie beobachtet, erlebt seit Oktober 2025 einen Rückgang von 38 % – obwohl Auftragsbestand und Umsatzwachstum Rekordniveaus melden. Am 7. Mai 2026 verfehlte Rheinmetall mit seinen Quartalszahlen erneut die Analystenerwartungen, die Aktie fiel auf 1.240 Euro. Die Analyse zeigt: Der Kursverfall ist strukturell erklärbar, die Bewertung heute fair. Wer auf eine schnelle Erholung hofft, braucht Geduld bis mindestens 2027. Stephan Heibel publiziert den Heibel-Ticker seit 1998 und analysiert Rheinmetall seit Kriegsbeginn 2022 – in Ausgabe 2026/21 legt er die genaue Mechanik hinter dem Absturz offen.

Warum fiel die Aktie, obwohl der Auftragsbestand wächst?

Anfang Februar 2022, kurz vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine, notierte Rheinmetall bei 90 Euro. Was folgte, war einer der steilsten Aufstiege in der Geschichte des DAX: Bis zum 3. Oktober 2025 stieg die Aktie auf 2.008 Euro – ein Plus von mehr als 2.100 %. Der Gewinn je Aktie legte im gleichen Zeitraum von 8,36 Euro auf 37,07 Euro zu, der Umsatz hat sich gegenüber dem Vorkriegsjahr 2021 verdreifacht. Der Auftragsbestand kletterte bis Ende 2025 auf 63,8 Mrd. Euro – genug, um die gesamte Fertigung für dreieinhalb Jahre auszulasten, selbst wenn die Kapazitäten jährlich um rund 35 % wachsen.

Auf den ersten Blick spricht das alles gegen einen Kursrückgang. Der Grund für den Absturz liegt nicht in den Fundamentaldaten selbst, sondern in der Bewertung, die der Markt für diese Daten angesetzt hatte. Auf dem Allzeithoch wurde Rheinmetall mit einem KGV von 70 und einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 6,5 gehandelt – Niveaus, die normalerweise nur für Technologieunternehmen mit jahrelangen, verlässlichen Wachstumsraten gezahlt werden. An der Wall Street nennt man das „Price for perfection“: Eine Bewertung, die keine Fehler erlaubt.

Bei dieser Ausgangslage genügt eine kleine Enttäuschung, um eine überproportionale Kursreaktion auszulösen. Für Anleger, die Rheinmetall halten, bedeutet das: Nicht die Nachrichten selbst sind das Problem – es ist die Lücke zwischen der Erwartung und der Realität, die den Kurs bewegt. Und genau diese Lücke klafft seit Oktober 2025 immer wieder auf.

Was Analysten als Risiko sehen – und was sie übersehen

Seit Oktober 2025 läuft bei den Analysten ein Prozess, den ich als Salami-Crash bezeichnen würde: Eine Erkenntnis nach der anderen wird eingepreist, das Ausmaß der Korrektur ist aber noch immer nicht vollständig klar. Schauen wir uns die Ereignisse der Reihe nach an. Rheinmetall wurde von PLUS-Mitgliedern des Heibel-Tickers zur Wunschanalyse gewählt — das Ergebnis dieser Analyse liegt der folgenden Einordnung zugrunde.

Im Oktober keimten erste Zweifel an der Umsetzbarkeit der Wachstumspläne auf – das sogenannte Execution-Risk. Die Kernfrage: Kann Rheinmetall die Fertigungskapazitäten tatsächlich wie geplant ausweiten, wenn Genehmigungen ausbleiben oder Zulieferer die wachsende Nachfrage nicht bedienen können? Genau das ist das Problem — nicht die Auftragslage, sondern die Fähigkeit, sie abzuarbeiten. Am 18. Dezember 2025 bestätigte sich die Sorge erstmals konkret: Rheinmetall reduzierte die Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2025. Analyse nach Analyse senkte daraufhin die Erwartung. Am 5. Februar 2026 folgte die Unternehmensprognose für 2026 – und lag noch unter den bereits reduzierten Analystenerwartungen.

Am 7. Mai 2026 kamen die Quartalszahlen für Q1 2026: Der Umsatz blieb um 0,4 % hinter den Erwartungen, der Gewinn sogar um 4 %. Als Grund wurde angegeben, dass Panzer und Militärfahrzeuge im Wert von 300 Mio. Euro verspätet – erst im zweiten Quartal – ausgeliefert würden. Hinzu kamen Qualitätsprobleme mit Munition aus der neuen Fabrik in Murcia, Spanien. Die Erwartung für den Gewinn je Aktie 2026 sank von 42,68 Euro im Oktober auf nunmehr 37,09 Euro.

Analysten begannen außerdem, strukturelle Risiken stärker zu gewichten. Der dominierende Auftraggeber Bund stellt heute bereits 34 % des Umsatzes; für 2027 wird ein Anstieg auf über 50 % erwartet. Dieses Klumpenrisiko erhöht die Abhängigkeit von politischen Entscheidungen. Hinzu kommt die Frage der Kriegsmarge: Heute erwirtschaftet Rheinmetall eine Nettogewinnmarge von 12 %, doppelt so viel wie vor dem Krieg. Sollte der Ukraine-Krieg eines Tages enden, dürfte diese Marge wieder in Richtung 6 % laufen. Und der zunehmende Einsatz von Drohnenschwärmen in der modernen Kriegsführung stellt die Nachfrage nach den teuren, hochkomplexen Systemen von Rheinmetall mittel- bis langfristig in Frage.

Was die Analysten bislang noch nicht mit Zahlen unterlegt haben, sind die echten Wachstumschancen auf der anderen Seite. Das US-Militär hat Interesse am Lynx XM30 Schützenpanzer von Rheinmetall gezeigt – Wettbewerber ist General Dynamics. Im Erfolgsfall winkt ein Auftrag im mittleren zweistelligen Milliardenbereich über mehrere Jahre; eine Entscheidung wird bis Anfang 2027 erwartet. Im Nahen Osten wächst die Nachfrage nach den Luftabwehrsystemen Skyranger und Skynex, auch wenn die Fertigungskapazitäten kurzfristig begrenzt sind. Darüber hinaus positioniert sich Rheinmetall im Marinegeschäft beim Fregattenbauprogramm F126 sowie über ICEYE im Satellitenbereich. Diese Bereiche sind in den aktuellen Analystenmodellen noch nicht bewertet.

Wann könnte sich die Bewertung auszahlen?

Die Bewertung hat sich seit dem Allzeithoch erheblich normalisiert. Das KGV steht laut Ausgabe 2026/21 (Stand 22. Mai 2026) bei 33, das EV/EBITDA – meine bevorzugte Bewertungsgröße – bei nur noch 17. Gleichzeitig wächst der Umsatz laut Analystenerwartungen im laufenden Jahr 2026 um 43 %, der Gewinn um 48 %. Auch für die Folgejahre werden Wachstumsraten von über 30 % p.a. erwartet. Ein EV/EBITDA von 17 für ein Unternehmen mit diesen Wachstumsraten ist günstig – wenn keine weiteren Prognosesenkungen folgen.

Genau daran hängt der Knoten. Solange Analysten ihre Erwartungen weiter reduzieren, trauen sich Anleger nicht zurück in die Aktie. Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, wann dieser Trend endet. Der nächste konkrete Datenpunkt sind die Q2-Zahlen am 6. August 2026. Bringen diese keine weitere Enttäuschung, könnte das den Wendepunkt im Abwärtstrend markieren.

Beim freien Cashflow zeichnet sich eine Talsohle für 2027 ab. Für das laufende Jahr 2026 wird mit einem historischen Rekord von 2,4 Mrd. Euro gerechnet – getrieben vor allem durch Vorauszahlungen bei Vertragsabschlüssen. Da 2027 weniger neue Verträge und damit weniger Vorauszahlungen erwartet werden, dürfte der freie Cashflow 2027 gegenüber dem Vorjahr um rund 33 % zurückgehen. Erst 2028 soll er auf ein neues Allzeithoch anspringen. Um diese Durststrecke zu finanzieren, hat Rheinmetall erstmals seit Jahrzehnten eine Unternehmensanleihe im Volumen von 500 Mio. Euro angekündigt – ein klares Zeichen, dass das Unternehmen voll auf Wachstum setzt.

In meinen Augen ist die aktuelle Bewertung fair – für ein Unternehmen, das neue Industrien aufbauen muss, um seinen Auftragsbestand abzuarbeiten, und dabei weitere Überraschungen nicht ausschließen kann. Langfristig ist Rheinmetall sicherlich ein solides Investment. Vor dem Hintergrund der hohen Investitionen und der damit verbundenen Unsicherheiten gehört Rheinmetall für mich aber noch nicht zu den Favoriten – dafür braucht es Geduld bis mindestens in den Verlauf des Jahres 2027.

Die ausführliche Analyse mit Bewertungsgrafiken und Analystendaten finden Sie in Ausgabe 2026/21 des Heibel-Tickers.


Über den Autor

Stephan Heibel ist Chefredakteur und Herausgeber des Heibel-Tickers, einem der ältesten deutschen Börsenbriefe für Privatanleger. Seit 1998 analysiert er Aktien, Makrotrends und Anlegerstimmung – zuletzt mit einer durchschnittlichen Portfoliorendite von rund 10 % p.a. seit 2008. Der Heibel-Ticker erscheint wöchentlich und erreicht mehr als 25.000 Leser. Heibel schreibt regelmäßig für Handelsblatt und Die Welt.

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Stephan Heibel

Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.

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