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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 18.08.2026 um 12:31 Uhr

Sentiment-Papst Goldberg geht – seine Erkenntnis bleibt

Joachim Goldberg beendet nach 30 Jahren seine aktive Arbeit als Deutschlands bekanntester Sentimentanalyst. Seine zentrale Lehre lautet: Nicht der absolute Sentiment-Wert verrät etwas über den Markt, sondern seine wöchentliche Veränderung.

Im Videocall mit Stephan Heibel – der den Heibel-Ticker seit 1998 für mittlerweile mehr als 25.000 Leser schreibt – zieht der als „Sentiment-Papst“ bekannte Experte Bilanz über drei Jahrzehnte Marktstimmungsanalyse.

▶ Zur Aufzeichnung: Nachlese 30 Jahre Sentiment mit Joachim Goldberg

Sentiment-Analyse: 30 Jahre mit Joachim Goldberg

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Was Goldberg in diesem Gespräch zusammenträgt, bleibt auch nach seinem Rückzug anwendbar. Die wöchentliche Stimmungsveränderung können Sie über die bereits parallel bestehende Sentimentplattform animusX weiterverfolgen – dort können Sie sich anmelden und an der Erhebung teilnehmen.

Die wichtigsten Punkte aus dem Gespräch im Überblick.

Warum war die Veränderung des Sentiments 2000 wichtiger als der Extremwert?

Am Höhepunkt der Internetblase lag der von Goldberg gemessene Sentiment-Wert entgegen der Erwartung nicht bei extremem Optimismus, sondern unter der neutralen Nulllinie. Für ihn war das ein erstes Anzeichen dafür, dass mit dem Markt etwas nicht stimmte.

Die Kurse brachen danach nicht abrupt ein. Sie verloren zunächst rund 8 bis 9 Prozent – und gleichzeitig drehte das Sentiment ins Positive, weil viele Marktteilnehmer den Rückgang als Kaufgelegenheit werteten.

Genau dieser Kontrast markierte für Goldberg den Moment, in dem etwas grundsätzlich nicht in Ordnung war: fallende Kurse bei gleichzeitig steigendem Optimismus.

Seine Konsequenz für die Praxis: Die ersten 5 bis 10 Prozent eines Kursrückschlags verdienen genaue Beobachtung. Dort entscheidet sich, ob es ein normaler Rücksetzer ist oder ein echtes Warnsignal.

Auf einen festen Zeithorizont wollte sich Goldberg dabei nie festlegen. Wichtiger war ihm, zu welchem Preis sich die Stimmung ändert. Aus den wöchentlich erhobenen Einstandspreisen ließ sich abschätzen, wann Anleger mit Verlustpositionen zurückkehren oder ihre Verluste realisieren – und damit, wo größeres Angebot oder größere Nachfrage entsteht.

Warum tickt der Markt bei Tiefs anders als bei Hochs?

Tiefs lassen sich laut Goldberg über Sentimentdaten vergleichsweise gut identifizieren, Hochs dagegen kaum.

An einem Tief zeigt sich meist ein extremer Pessimismus, der umschlägt, sobald Schnäppchenjäger einsteigen. Zwei Wochen später fällt das Sentiment oft wieder – das spricht für eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung.

Ein Hoch dagegen dauert nach Goldbergs Beobachtung in der Regel länger als gedacht, solange die „Mauer der Angst“ aus verbliebenen Pessimisten noch nicht abgebaut ist.

Bei der Einordnung unterscheidet er zusätzlich zwischen institutionellen und privaten Anlegern:

  • Institutionelle Investoren versteht er als Spiegel der ganz großen Kapitalbewegungen. In vielen Marktphasen wirken sie als Kontraindikator.
  • Über soziale Medien befragte Privatanleger wechselten auffallend schnell ihre Meinung – für Goldberg ein Hinweis auf kleine, wenig ernstzunehmende Positionen.

Diese Trennung ist inzwischen unschärfer geworden. Manche Privatanleger bewegen mittlerweile so große Summen, dass Goldberg sie im Sentiment eher wie institutionelle Marktteilnehmer behandelt.

Auch ausländische Kapitalströme in den DAX ordnet er über diesen institutionellen Spiegel ein, ergänzt um Daten wie die monatliche Umfrage von Bank of America.

Für Sie als Privatanleger heißt das: Stimmungssignale aus sozialen Medien sagen wenig über tatsächliche Kapitalbewegungen aus, solange keine institutionelle Bestätigung folgt.

Warum schützt eine richtige Markteinschätzung nicht vor Verlusten?

Dieses Muster wiederholt sich über die Jahrzehnte. Sowohl bei der Finanzkrise 2008/2009 als auch beim Corona-Crash 2020 beobachtete Goldberg denselben Ablauf: Der extreme Pessimismus unter Privatanlegern kehrte sich jeweils erst um, nachdem sich der Markt bereits wieder zu erholen begonnen hatte.

Wie riskant es ist, gegen eine solche Bewegung zu stehen, zeigt Goldberg an einem aktuellen Fall.

Der Hedgefondsmanager Leopold Aschenbrenner setzte stark gehebelt auf KI-Rechenzentren und verkaufte gleichzeitig Softwareunternehmen leer. Als sich die Markterwartung zur US-Zinspolitik kurzfristig drehte, musste Citadel seine Positionen zu deutlich günstigeren Kursen übernehmen – nicht zu Marktwert.

Goldbergs Einordnung: Aschenbrenner hatte vermutlich eine grundsätzlich richtige Markteinschätzung. Er verlor trotzdem Geld, weil die Position zu stark gehebelt war, um kurzfristige Bewegungen auszuhalten. Dasselbe Muster kennt er von der LTCM-Krise 1998.

Für Sie als Privatanleger heißt das: Eine richtige Markteinschätzung allein schützt nicht vor Verlusten. Entscheidend ist, ob die eigene Position kurzfristige Gegenbewegungen aushält, ohne zum falschen Zeitpunkt aus dem Markt gedrängt zu werden.

Zur aktuellen Marktlage sieht Goldberg einen fundamental starken Markt, in den zunehmend wieder internationales Kapital in die Eurozone zurückfließt.

Wie geht es mit der Sentimentanalyse nach Goldbergs Ruhestand weiter?

Goldbergs Methodik war über die gesamten 30 Jahre von einem Prinzip geprägt: eigene Positionen und Analyse strikt zu trennen, um selektive Wahrnehmung zu vermeiden. Eigene Marktpositionen hat er deshalb nie gehalten.

Die wöchentliche Sentimenterhebung musste er nach eigenen Angaben in 25 Jahren kein einziges Mal ausfallen lassen – auch weil er über weite Strecken keine Vertretung hatte.

Dass diese Arbeit künftig von Maschinen übernommen wird, hält er für verfrüht. Ein KI-Modell mit absoluter Rationalität gebe es noch nicht. Und Sentiment lebe gerade von den kognitiven Verzerrungen menschlicher Marktteilnehmer.

Genau deshalb bleibt die Methode auch nach seinem Rückzug nutzbar. Für mich bestätigt das Gespräch, wie ich animusX in der eigenen Marktbeobachtung einsetze: Nicht der Wert an sich zählt, sondern seine Veränderung von Woche zu Woche.

Sein Fazit setzt dabei den Rahmen für den Umgang mit Sentimentdaten: Sentiment liefert keine exakte Prognose, sondern eine Wahrscheinlichkeitseinschätzung – mit der sich das eigene Engagement je nach Marktlage stärker oder schwächer dosieren lässt.

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Stephan Heibel

Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.

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