Kevin Warsh hat am 17. Juni 2026 in seiner ersten Pressekonferenz als neuer Fed-Chef die dot-plots abgelehnt und damit das wichtigste Signalinstrument der Notenbank außer Kraft gesetzt. Der Leitzins blieb unverändert – doch die Märkte reagierten nicht mit Erleichterung, sondern mit steigenden Zinserhöhungserwartungen. Wer Anleihen, Wachstumsaktien oder einen Nasdaq-ETF hält, spürt das unmittelbar: Höhere Zinserwartungen drücken auf Bewertungen, selbst wenn die Fundamentaldaten unverändert bleiben. Ich teile diese Erwartung nicht – und erkläre, warum.
Die dot-plots waren bislang das Kernwerkzeug der Fed-Kommunikation: Jedes Mitglied des Offenmarktausschusses trug vierteljährlich seinen erwarteten Zinspfad in ein Punktediagramm ein. Der Median dieser Punkte galt an den Märkten als informeller Leitfaden – als Fenster in das Innere der Fed, das Planbarkeit suggerierte. Fonds, Banken und Privatanleger weltweit richteten ihre Zinsprognosen an diesen Punktwolken aus.
Kevin Warsh hat dieses Instrument in seiner ersten Pressekonferenz verworfen. Seine Begründung ist grundsätzlicher Natur: Zukunftserwartungen zu bilden sei nicht Aufgabe der Notenbank, sondern Aufgabe der Märkte. Notenbankmitglieder seien keine Orakel, ihre Einschätzungen änderten sich mit jedem neuen Datenpunkt – und das öffentliche Darstellen von Zinspfaden suggeriere Bindungswirkung, wo keine sei. Wer den zukünftigen Zinspfad prognostizieren will, solle das tun – aber nicht als Fed-Gouverneur in einem offiziellen Punktediagramm. Wer Warsh bislang nicht kannte: Im Beitrag Kevin Warsh – Falke oder Pragmatiker? habe ich seinen geldpolitischen Hintergrund eingeordnet.
Das klingt nach einem technischen Detail – ist es aber nicht. Für den Markt bedeutet das Wegfallen der dot-plots: weniger Orientierung, mehr Unsicherheit. Und Unsicherheit wird an den Märkten fast reflexartig als Risiko interpretiert, für das man Prämie verlangt. Die unmittelbare Folge: Die impliziten Zinserwartungen stiegen. Investoren preisten nach der Pressekonferenz höhere Zinsen für wahrscheinlicher ein als zuvor – nicht weil Warsh Erhöhungen signalisiert hätte, sondern weil das Interpretationsvakuum gefüllt werden musste. Aktuell preist der Markt ein bis zwei Zinserhöhungen bis Jahresende ein. Das ist ein bärisches Signal für alle zinssensitiven Positionen: Wer langlaufende Anleihen hält oder auf Wachstumsaktien setzt, spürt den Gegenwind unmittelbar.
Für Privatanleger mit Positionen in Wachstumsaktien oder Tech-ETFs ist das relevant. Steigende Zinserwartungen erhöhen den Diskontierungssatz, mit dem zukünftige Unternehmensgewinne bewertet werden. Das drückt Bewertungsmultiples, auch wenn das Unternehmen selbst keine schlechten Zahlen meldet. Anleihen verlieren an Kurs, wenn die Marktrenditen steigen. Langlaufende Anleihen reagieren dabei stärker als kurzlaufende. Die Marktreaktion auf Warsh war also nicht irrational. Sie war folgerichtig – aus Sicht einer bestimmten Annahme über die Inflationslage.
Ich teile diese Annahme nicht.
Der Markt sieht die Inflationszahl und zieht die Schlussfolgerung: Hohe Gesamtinflation, Fed unter Druck, Zinserhöhung wird wahrscheinlicher. Ich sehe dieselbe Zahl – und komme zu einer anderen Bewertung, weil ich in die Zusammensetzung schaue, nicht nur auf den Gesamtwert.
Der Inflationsdruck geht nach Heibels Einschätzung vor allem auf erhöhte Energiepreise zurück – getrieben durch den Ölpreis, der durch die geopolitische Lage am Persischen Golf erhöht bleibt. Diese Art von Inflation ist ein Angebotsschock, kein Nachfrageproblem. Sie entsteht nicht, weil die Wirtschaft überhitzt oder die Konsumenten zu viel ausgeben. Sie entsteht, weil ein externer Faktor – der Krieg im Iran und die Lage an der Straße von Hormus – die Energiepreise hochtreibt.
Der Ölpreisanstieg in Richtung 150 USD je Fass blieb bislang aus – obwohl immer neue Hürden in die Straße von Hormus geworfen werden. Das ist das eigentliche Signal: Der Markt preist bereits ein gewisses Maß an Entspannung ein, auch wenn der geopolitische Druck anhält. Die Inflation ist real – aber ihr Treiber ist identifizierbar und grundsätzlich reversibel.
Das ist eine wesentlich andere Ausgangslage, als die nackte Inflationszahl suggeriert. Nicht überhitzte Nachfrage, nicht eine Lohn-Preis-Spirale treibt die Preise – sondern ein Energiepreisschock mit klar identifizierbarer geopolitischer Ursache.
Stephan Heibel analysiert Inflationsstrukturen und Geldpolitik seit 1998 im Heibel-Ticker, einem der ältesten unabhängigen deutschen Börsenbriefe mit über 25.000 Lesern. In der Ausgabe 2026/25 vom 19. Juni 2026 wird diese Einschätzung ausführlicher hergeleitet.
Für Anleiheinvestoren und alle, die in zinssensitive Werte investiert sind, ist diese Unterscheidung entscheidend. Wer auf Zinserhöhungen setzt, positioniert sich defensiv: kürzer in der Duration bei Anleihen, vorsichtiger bei Wachstumstiteln, womöglich höherer Cashanteil. Das ist eine nachvollziehbare Reaktion auf die Gesamtinflationszahl – aber sie basiert auf der Annahme, dass hinter dieser Zahl ein strukturelles Problem steckt. Wer diese Annahme nicht teilt, kommt zu einer anderen Schlussfolgerung.
Die Kernfrage lautet: Reagiert die Fed auf Gesamtinflation oder auf Kerninflation? Historisch haben Notenbanken gelernt, Energiepreisschocks nicht mit Zinserhöhungen zu bekämpfen – weil Zinsen die Ölförderung in Iran oder Saudi-Arabien nicht beeinflussen. Erhöht die Fed die Zinsen auf einen Angebotsschock hin, bremst sie die Wirtschaft ohne den Inflationstreiber zu beseitigen. Das gilt auch für Warsh – der als ehemaliger Fed-Gouverneur diese Mechanik kennt. Wer wie ich die Inflation als temporären Energiepreiseffekt bewertet, käme daher zu einer anderen Schlussfolgerung für das eigene Depot – ohne dass ich damit eine konkrete Handlungsempfehlung ausspreche.
Wie das Doppelmandat der Fed – Preisstabilität und Vollbeschäftigung – konkret auf Zinsentscheidungen wirkt, habe ich im verlinkten Know-how-Beitrag für Privatanleger aufbereitet.
Der einzige Grund, warum das Inflationsbild trüber wirkt als es ist, liegt in der geopolitischen Lage: Die Straße von Hormus. Rund 20 % des weltweiten Öltransports laufen durch diese Meeresenge zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel. Solange die Durchfahrt blockiert oder ernsthaft gefährdet ist, bleibt der Ölpreis erhöht – und mit ihm die Gesamtinflation. Der kausale Zusammenhang ist direkt und für jedermann nachvollziehbar.
Aber: Das ist ein politischer Faktor, kein struktureller. Die Straße von Hormus ist keine permanente Situation – sie ist ein Zustand, der sich durch diplomatische oder militärische Entwicklungen ändern kann, und zwar schnell. Entspannt sich die Lage am Persischen Golf, öffnet sich die Meeresenge wieder für den normalen Tankerverkehr, dann wird der Angebotsschock wegfallen. Der Ölpreis gerät unter Druck. Die Gesamtinflation fällt – und zwar deutlich, weil der größte Treiber wegfällt. Was bleibt, ist der eigentliche Inflationstreiber ohne geopolitischen Schock – und der liegt deutlich niedriger. Das wäre das eigentliche Bild.
In diesem Szenario – das ich für das wahrscheinlichere halte – hätte Kevin Warsh keinen makroökonomischen Grund, die Zinsen zu erhöhen. Im Gegenteil: Sinkende Energiepreise reduzieren den Inflationsdruck spürbar. Der Weg zu Zinssenkungen wäre frei. Wachstumsaktien, Technologiewerte und langlaufende Anleihen würden in diesem Umfeld profitieren – das sind die Assetklassen, die von sinkenden oder gleichbleibenden Zinsen am stärksten begünstigt werden.
Das Gegenargument nehme ich ernst: Was, wenn der Iran-Konflikt weiter eskaliert? Dann bliebe der Ölpreis auf erhöhtem Niveau. Die Gesamtinflation würde nicht fallen, der Druck auf die Fed stiege. Aber auch in diesem Szenario wäre die entscheidende Frage, wie Warsh darauf reagierte. Seine erste Pressekonferenz hat gezeigt: Er kommuniziert bewusst offen, ohne Vorabfestlegungen. Ohne eigene dot-plots, ohne Zinspfad-Signale. Eine abwartende Haltung wäre mit seinem Kommunikationsstil besser vereinbar als eine präventive Zinserhöhung.
Ich stelle mich auf stagnierende oder fallende Zinsen ein. Das spiegelt sich in meinen eigenen Positionen wider – wie ich im Heibel-Ticker regelmäßig für Mitglieder offenlege. Wer die vollständige Einschätzung zu Warsh nachlesen möchte, findet sie in der Ausgabe 2026/25.
Stephan Heibel analysiert seit 1998 Aktienmärkte und Makroökonomie im Heibel-Ticker, einem der ältesten unabhängigen deutschen Börsenbriefe mit über 25.000 Lesern. Dieser Beitrag gibt seine persönliche Einschätzung und Portfolioentscheidungen wieder und stellt keine Anlageberatung dar.
Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.
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