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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 10.06.2026 um 13:46 Uhr

Palo Alto: Anthropics KI-Modell Mythos treibt IT-Sicherheit

Palo Alto Networks profitiert von KI nicht trotz, sondern wegen der wachsenden Bedrohungslage: Anthropics neues Modell Mythos beschleunigt Cyberangriffe und zwingt Unternehmen weltweit, ihre Sicherheitsarchitektur grundlegend neu aufzustellen. Das ist kein Gegenwind für IT-Sicherheitsanbieter – das ist ihr stärkstes Wachstumsargument seit Jahren.

Die Q-Zahlen vom 4. Juni 2026 belegen das mit Nachdruck. Der Kurs sprang nachbörslich zwischenzeitlich um weitere 10 Prozent an – um dann durch Gewinnmitnahmen den gesamten Gewinn wieder abzugeben und am Folgetag sogar im Minus zu eröffnen. Wer die Zahlen kennt, versteht: Der Kursrückgang erzählt eine andere Geschichte als das Unternehmen selbst.

KI-Modelle ersetzen keine Firewall – sie schaffen neue Angriffsflächen

Noch vor wenigen Monaten stand die Sorge im Raum, moderne KI-Modelle könnten IT-Sicherheitslösungen selbst übernehmen und Anbieter wie Palo Alto Networks oder CrowdStrike verdrängen. Die Logik klang zunächst plausibel: Wenn KI Muster erkennt, Anomalien identifiziert und auf Bedrohungen reagiert – wozu braucht es dann noch spezialisierte Sicherheitsplattformen?

CEO Nikesh Arora hat diese These mit den jüngsten Q-Zahlen und seinem Kommentar zu Anthropics Modell Mythos klar widerlegt. Arora spricht von einer neuen Ära „cyberfähiger Systeme“. Solche Modelle können Sicherheitslücken schneller erkennen, Angriffsketten bilden und theoretisch komplette Attacken in Maschinengeschwindigkeit ausführen. Das ist kein Argument gegen IT-Sicherheit – das ist ein Nachfragebeschleuniger für IT-Sicherheit. Wenn Angriffe schneller werden, muss auch die Verteidigung schneller werden.

Das zeigt sich konkret: Palo Alto berichtete von mehr als 1.200 Kundenanfragen und bereits 800 Kundengesprächen innerhalb von sechs Wochen. Unternehmen diskutieren nicht mehr theoretisch über KI-Sicherheit, sondern suchen konkrete Lösungen – und zwar bevor sie KI-Agenten für sensible Daten und interne Systeme einsetzen.

Auch das klassische Firewall-Geschäft profitiert davon. Palo Alto meldete bei Hardware-Firewalls ein Buchungswachstum von fast 40 Prozent, der Software-Firewall-ARR wuchs um 25 Prozent. Das klingt zunächst nach Old Economy – ist aber konsequent: KI-Agenten erzeugen mehr Maschinenkommunikation, mehr Datenverkehr und mehr Kontrollbedarf. Mehr KI bedeutet also nicht weniger Firewalls, sondern mehr zu prüfenden Verkehr.

Palo Alto Q3-Zahlen: Warum der Kursrückgang das Bild verzerrt

Das Quartal war stark. Palo Alto meldete ein Umsatzwachstum von 31 Prozent auf 3,0 Milliarden US-Dollar – 2 Prozent über den Erwartungen. Die jährlich wiederkehrenden Erlöse im Bereich Next-Generation Security (ARR) stiegen um 60 Prozent auf 8,1 Milliarden US-Dollar. Die verbleibenden Leistungsverpflichtungen wuchsen um 36 Prozent auf 18,4 Milliarden US-Dollar. Auch das organische Kerngeschäft – ohne die Beiträge der übernommenen Unternehmen CyberArk und Chronosphere – legte beim ARR um 28 Prozent zu.

Die Gewinnmitnahmen, die den Kurs anschließend drückten, sind in meinen Augen nicht besorgniserregend. Palo Alto notierte in der Woche vor den Q-Zahlen zwischenzeitlich mit 24 Prozent im Minus seit Jahresbeginn. Seit dem Tief Ende Februar sprang die Aktie dann um mehr als 110 Prozent an – eine Verdopplung in drei Monaten. In diesem Kontext sind Gewinnmitnahmen nach guten Zahlen ein übliches Muster, das ich bei Palo Alto schon länger beobachte: Gewinnmitnahmen nach den Zahlen, dann nach vier bis sechs Wochen Bodenbildung, anschließend Rallye auf neue Allzeithochs.

Auch Wettbewerber CrowdStrike bestätigte einen Tag später dieses Branchenbild. CEO George Kurtz bezeichnete Mythos ebenfalls als Wendepunkt: Unternehmen müssten KI absichern, bevor sie sie breit einsetzen könnten – und gleichzeitig entstünden durch KI neue Angriffsflächen. Zwei Unternehmen, eine Aussage. Das ist kein Zufall.

Die Plattformstrategie von Palo Alto bündelt IT-Sicherheitslösungen über die Cloud: Sicherheitschecks, Identitätskontrolle, Beobachtung und Lösung in einem Netzwerk. Im Quartal kamen rund 110 neue Plattformkunden hinzu. Die Übernahmen von CyberArk und Chronosphere passen in dieses Bild: CyberArk stärkt die Identitätssicherheit – also die Frage, welcher Mensch, welche Maschine und welcher KI-Agent auf welche Systeme zugreifen darf. Chronosphere ergänzt die Überwachung großer Daten- und Infrastrukturströme. Beide Zukäufe laufen laut Management besser als geplant, CyberArk liegt bei den Synergien drei bis sechs Monate vor Plan.

Ausnahme vom IPO-Sog: Palo Alto profitiert, wo andere leiden

Die übergeordnete These, die Stephan Heibel im Heibel-Ticker seit Wochen vertritt, lautet: Die Flut an Börsengängen und KI-Finanzierungen saugt über den Sommer jegliches Kapital aus den Märkten – für Kurssteigerungen bei KI-Aktien bleibt wenig Luft. Alphabets Kapitalerhöhung über 85 Milliarden US-Dollar ist dafür das deutlichste Signal, wie Stephan Heibel in der Ausgabe 2026/23 des Heibel-Ticker Börsenbriefs ausführlich analysiert – und wie er im Beitrag zur Alphabet-Kapitalerhöhung erläutert hat: Selbst der größte Cash-Produzent unter den Hyperscalern braucht Fremdkapital für KI-Infrastruktur.

Palo Alto ist in diesem Umfeld eine Ausnahme. Das Unternehmen ist kein KI-Infrastrukturanbieter, der im Wettbewerb um Rechenzentrums-Kapital steht. Es ist der Sicherheitsanbieter, der von genau diesem KI-Infrastrukturaufbau profitiert. Jede neue KI-Instanz, jeder neue KI-Agent, jedes neue Rechenzentrum braucht Absicherung. Das unterscheidet Palo Alto strukturell von Nvidia, CoreWeave oder den Hyperscalern.

Palo Alto ist nicht allein, der Wettbewerb ist groß: CrowdStrike bleibt der starke Spezialist für die Überwachung der Endgeräte, Fortinet ist bei Firewalls stark, Cisco hat eine große Reichweite und Microsoft sitzt tief in der Unternehmens-IT. Palo Alto versucht jedoch, sich breiter aufzustellen als die meisten Wettbewerber. In einer Welt, in der Angriffe in Minuten ablaufen, werden Insellösungen weniger attraktiv. Wer viele Sicherheitsdaten auf einer Plattform bündelt, kann schneller reagieren.

Mit einem EV/EBITDA von 60 ist die Aktie nicht günstig. Das Umsatzwachstum von 30 Prozent rechtfertigt diese Bewertung jedoch, und der Gewinn wächst überproportional. Im Heibel-Ticker Portfolio habe ich die Position nach den kräftigen Kursgewinnen der vergangenen Wochen aus Disziplingründen auf 3 Prozent Portfolioanteil reduziert – nicht wegen Zweifeln am Unternehmen, sondern weil Palo Alto in einem Umfeld mit starkem IPO-Druck auch als Kapitalquelle für Spekulanten dienen könnte. Sollte der Kurs in den kommenden Wochen deutlicher nachgeben, würde ich die Position wieder aufstocken. Der strukturelle Grund bleibt unverändert: Wer KI einsetzt, braucht Sicherheit. Und wer Sicherheit braucht, kommt an Palo Alto schwer vorbei.


Stephan Heibel ist Chefredakteur und Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs. Seit 1998 analysiert er Aktien und Märkte für über 25.000 Leser. Die vollständige Analyse zu Palo Alto Networks sowie alle weiteren Portfolio-Updates finden Sie in Ausgabe 2026/23. Den Artikel zur Alphabet-Kapitalerhöhung – dem strukturellen Hintergrund dieser Serie – lesen Sie hier.

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Stephan Heibel

Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.

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