Microsoft wird an der Börse wie ein KI-Verlierer gehandelt – dabei wächst Azure um 39 Prozent und das KI-Geschäft legt um 123 Prozent zu. Die Diskrepanz zwischen Kursentwicklung und Fundamentaldaten ist selten so deutlich wie in diesem Moment. Genau jetzt findet die Microsoft Build 2026 statt – die jährliche Entwicklerkonferenz, auf der Microsoft seit heute Vormittag in San Francisco eigene KI-Modelle und ein überarbeitetes GitHub-Copilot-Update präsentiert. Ich bin überzeugt, dass hier über die Neubewertung einer der günstigsten Aktien am Markt entschieden wird.
Gemeinsam mit der gesamten Softwarebranche erklomm Microsoft im Oktober vergangenen Jahres ein Allzeithoch bei 540 US-Dollar. Was folgte, war ein Ausverkauf, der in seiner Konsequenz überraschte: Binnen sechs Monaten verlor die Aktie 35 Prozent auf 356 US-Dollar – während Analysten ihre Gewinnerwartungen im gleichen Zeitraum kontinuierlich anhoben. Der Kurs fiel, die Gewinne stiegen. Das passiert, wenn Anleger nicht mehr an ein Geschäftsmodell glauben.
Die Skepsis hat einen nachvollziehbaren Kern. Microsoft hat in den vergangenen Jahren massiv in KI-Infrastruktur investiert, ohne bislang den Beweis zu liefern, dass diese Investitionen zu höheren Margen führen. 2023 investierte das Unternehmen noch 28 Milliarden US-Dollar. Bis zum laufenden Geschäftsjahr stiegen die Investitionen auf 117 Milliarden US-Dollar – eine Vervierfachung in drei Jahren. Für 2027 werden weitere 176 Milliarden US-Dollar erwartet. Gleichzeitig schmilzt der freie Cashflow, und jede zusätzliche KI-Abfrage kostet Rechenleistung, Strom und Infrastruktur – ein radikaler Bruch mit dem alten, fast schwerelosen Softwaremodell, bei dem einmal geschriebene Software jahrzehntelang genutzt wird.
Was der Markt dabei übersieht: Azure wuchs zuletzt um 39 Prozent – stärker als erwartet. Microsofts KI-Geschäft legte um 123 Prozent zu und erreicht eine annualisierte Umsatzrate von 37 Milliarden US-Dollar. Mit einem EV/EBITDA von 15 bei 17 Prozent Umsatzwachstum und 18 Prozent Gewinnwachstum ist die Aktie aus meiner Sicht günstig bewertet. Das ist keine KI-Niederlage. Das ist ein Markt, der ein kurzfristiges Copilot-Problem mit einem strukturellen Versagen verwechselt.
Ich gestehe: Als Apple-Jünger, der schon im Studium mit dem Newton arbeitete, habe ich Microsoft jahrelang wenig Beachtung geschenkt. Die intensive Beschäftigung mit der Microsoft-Aktie hat mich eines Besseren belehrt – denn der Markt wirft zwei grundverschiedene Produkte in einen Topf.
Microsoft 365 Copilot, die KI direkt in Word, Excel, Outlook und Teams, enttäuscht bisher. Wenn ich in Excel einen KI-Agenten nutze, wähle ich Claude, weil er in meiner Erfahrung deutlich besser funktioniert als der hauseigene Copilot. Der Grund dafür ist jedoch weniger dramatisch, als er klingt: Copilot nutzt standardmäßig ChatGPT 5.1 mini – ein altes und im Vergleich zu heute verfügbaren Modellen schwaches Modell von OpenAI. Copilot kann wahlweise OpenAI oder Anthropic nutzen, das ist individuell einstellbar. Microsoft muss seine KI also nicht neu erfinden. Das Unternehmen muss lediglich eine höherwertige KI hinterlegen. Das ist machbar. Copilot hat inzwischen 20 Millionen bezahlte Nutzer – ein Plus von 230 Prozent zum Vorjahr. Das Wachstum ist real, auch wenn es gemessen an den Wachstumsraten von ChatGPT oder Claude noch bescheiden wirkt.
GitHub Copilot ist ein anderes Produkt mit einem anderen Reifegrad. GitHub ist die Plattform, auf der nahezu alle Entwickler weltweit ihre Software verwalten. GitHub Copilot ist in der Softwareentwicklung bereits viel näher am echten Produktivitätsgewinn als der Office-Copilot. Während ChatGPT Fragen beantwortet, können KI-Agenten wie Codex oder Claude Code eigenständig komplexe Aufgaben lösen, Apps erstellen und launchen. Informatiker haben die Bitcoin-Revolution losgetreten – die KI-Revolution wird ebenfalls von Programmierern geprägt, und GitHub Copilot sitzt genau dort.
Ein IT-Fachmann, mit dem ich mich kürzlich ausgetauscht habe, bestätigte das aus der Praxis: Er arbeitet täglich mit Copilot und begann von sich aus, begeistert von der Kombination Copilot und GitHub zu berichten – genau der Punkt, den ich in meiner Analyse identifiziert hatte. Die Qualität ist vorhanden, wenn man das richtige Modell hinterlegt. Das ist die eigentliche Botschaft der Microsoft Build 2026.
Die Build ist Microsofts wichtigste Entwicklerkonferenz. Was dort heute mit Satya Nadellas Keynote begann, entscheidet darüber, wie Entwickler in den kommenden Monaten über GitHub Copilot urteilen werden. Microsoft wird Gerüchten zufolge eigene KI-Modelle vorstellen – darunter ein auf Programmierung spezialisiertes Modell zur Stärkung von GitHub Copilot sowie Modelle für Transkription, Schlussfolgern und Bildanalyse. Gelingt ein überzeugender Qualitätssprung, werden Entwickler innerhalb von Stunden nach der Präsentation ihr Urteil abgeben.
Das Beispiel Snowflake zeigt, was möglich ist. Snowflake präsentierte kürzlich Quartalszahlen, die belegten, wie KI tatsächlich lukrativ genutzt werden kann: schnelleres Umsatzwachstum, steigende Marge, konkrete Nachfrage von Unternehmenskunden. Die Aktie sprang in zwei Tagen um 75 Prozent – ähnlich wie Microsoft war Snowflake zuvor ausverkauft worden, der Kursrückgang wurde binnen eines Handelstages fast vollständig ausgeglichen. Anleger hatten das Geschäftsmodell plötzlich verstanden.
Zusätzlichen Rückenwind liefert Nvidia: In Taiwan wurden neue Computermodelle vorgestellt, die alle auf ARM-Chips aufbauen und unter Windows laufen. Microsofts KI-Infrastruktur wird damit aus einer weiteren Richtung bestätigt.
Ich habe am 1. Juni eine spekulative Position in Microsoft zu einem Kurs von 450,24 Euro eingegangen – ohne auf einen Rücksetzer zu warten. Die Begründung: Ich wollte nicht zusehen, wie Microsoft ohne Rücksetzer den Bewertungsrückstand ausgleicht, falls die Build überzeugt.
Wer noch nicht positioniert ist, könnte das Risiko einer Enttäuschung gegen das Risiko des Verpassens abwägen. Im Erfolgsfall würde sich auch nach der ersten Kursreaktion noch gut mit Microsoft verdienen lassen – das Bewertungsniveau ist günstig genug, um mehrere Aufwärtsphasen zu tragen. Im Misserfolgsfall hätte man sich Verluste erspart. Beide Wege sind rational – entscheidend ist, welches Risiko man bereit ist einzugehen.
Die vollständige Analyse sowie regelmäßige Updates zur Microsoft-Aktie finden Sie im Heibel-Ticker.
Stephan Heibel ist Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs und seit 38 Jahren am Aktienmarkt aktiv. Die Inhalte dieses Beitrags spiegeln seine persönliche Meinung wider und stellen keine Anlageempfehlung dar.
Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.
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