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08.05.2020:



H E I B E L - T I C K E R    P L U S

F I N A N Z I N F O R M A T I O N E N

- Einfach einen Tick besser -



DEUTSCHE BIBLIOTHEK : ISSN 1862-5436

15. Jahrgang - Ausgabe 19 (08.05.2020)
Erscheinungsweise: wöchentlich Freitag/Samstag



I N H A L T

01.Info-Kicker: Wegweisende Entwicklungen in Politik und Wirtschaft
02.So tickt die Börse: Maskenball in Deutschland: So sieht's wirklich aus
 - Nach Heilungs-Hoffnung nun Impf-Hoffnung
 - Maskenball! Wolkenbau überm Abgrund trüber Zeiten
 - Kohl hat die D-Mark verkauft
 - Zwei Börsenwelten
 - Wochenperformance der wichtigsten Indizes
03.Sentiment: Schnäppchenjäger warten auf die zweite Ausverkaufswelle
 - @@
04.Ausblick: Radeln als Alternative zu den Öffis
 - E-Bikes vom europäischen Marktführer
05.Wunschanalyse: Cyan
 - Cyan: Cyan - Sicherheit aus der Cloud
 - Sicherheitslösung aus der Cloud über bestehende Kundenbeziehungen
 - Ein Großkunde (Orange) und dann lange nichts
 - Erwartungen wurden enttäuscht
 - Keine dramatischen Ereignisse
 - 57% Umsatzwachstum, 44% Gewinnmarge
 - KGV 2020e von 21, KUV von 3,3
 - Proof of Concept
 - FAZIT
06.Leserfragen
 - : Spekulation mit Ölkonzernen
 - : Ölbranche & Immobilienfinanzierer
 - : ÖL-ETC verliert überproportional stark an Wert
 - : Öl-Future: Fehler im Finanzsystem
 - : Währungsschnitt und Vermögensabgaben
 - : Nächster Problemherd: Schwellenländer
07.Update beobachteter Werte: Freenet, Wirecard, Wirecard, Münchener Rück, Barrick Gold, Wheaton Precious Metals, BASF
 - Freenet: Dividende gestrichen
 - Wirecard: Es bleibt spannend
 - Wirecard: Stopp Loss hat gezogen, Aktie verkauft
 - Münchener Rück: Q-Zahlen ohne Überraschung, Beitragswachstum 25%
 - Barrick Gold: Q-Zahlen im Rahmen der Erwartungen, keine Corona-Probleme
 - Wheaton Precious Metals: Gute Q-Zahlen, schlechter Ausblick, Verkaufen
 - BASF: Verkaufen
08.Übersicht HT-Portfolio
09.Disclaimer / Haftungsausschluss und Risikohinweise
10.An-/Ab-/Ummeldung



01. Info-Kicker: Wegweisende Entwicklungen in Politik und Wirtschaft

Liebe Börsenfreunde,

Es passiert einfach viel in diesen Tagen, so dass auch diese Ausgabe mit 29 Seiten wieder extrem lang ist. Liebe Neukunden, bitte verzagen Sie nicht: In normalen Zeiten komme ich mit der Hälfte aus.

Aber es ist schon spannend, was derzeit so passiert: Das Bundesverfassungsgericht stellt sich gegen den Europäischen Gerichtshof, die Landesfürsten stellen sich gegen die Kanzlerin, die Bundesliga wirft ihren Vorbildanspruch über Bord und drückt einen Sonderweg durch, derweil schießen Aktien von Corona-Gewinnern in die Höhe, während die -Verlierer trotz hoffnungsvollen Impfstoffdaten auf der Stelle treten. In Kapitel 02 rücke ich die Ereignisse ins rechte Licht.

Das Aktiensentiment unter den Anlegern ist zwiegespalten: Zwar werden fallende Kurse erwartet, doch viele Anleger wollen einen weiteren Ausverkauf umgehend für Käufe nutzen. Wie das zu werten ist, lesen Sie in Kapitel 03.

Warum nicht mit dem Rad zur Arbeit fahren? Immerhin sind Bus und U-Bahn gefährliche Ansteckungsorte in Coronazeiten. Draußen hingegen darf man sich relativ sicher fühlen. Fahrradläden erleben einen Kundenansturm, seit sie wieder geöffnet sind. Ich habe eine entsprechende spekulative Aktie in unsere Einkaufsliste aufgenommen. Die Einzelheiten sowie meinen kurzfristigen Ausblick lesen Sie in Kapitel 04. Zudem habe ich Sie dort auch auf zwei Käufe vorbereitet, die ich zum Beginn der kommenden Woche umsetzen möchte.

Diese Woche habe ich in Kapitel 05 im Rahmen der Wunschanalyse einen Blick auf das Cloud-Sicherheitsunternehmen Cyan geworfen. Cyan hatte ich vor einem Jahr bereits im Rahmen der Wunschanalyse untersucht und kam damals zu dem Schluss, dass es eine sehr spekulative Aktie ist. Heute sieht es nicht viel besser aus, im Gegenteil: Wir wissen nicht mehr, obwohl einige Zeit vergangen ist.

Heute gibt es wieder eine Reihe von Leserfragen in Kapitel 06, die sich insbesondere mit dem Ölmarkt beschäftigen: Welche Ölaktien eignen sich zum Spekulieren, warum bricht ein Öl-ETC überproportional ein und wie kann ich Öl-Futures als "Fehler im System" bezeichnen?

Kapitel 07 enthält wieder alle Updates dieser Woche zu unseren offenen Portfoliopositionen. Wir haben drei Positionen verkauft, bitte verpassen Sie das nicht.

Die PDF-Version dieser Ausgabe steht Ihnen ab sofort im Archiv sowie unter dem folgenden Link zur Verfügung: http://www.heibel-ticker.de/downloads/htp200510.pdf

Nun wünsche ich eine anregende Lektüre,

take share, Ihr
Börsenschreibel

Stephan Heibel

Chefredakteur und
Herausgeber des
Heibel-Ticker




02. So tickt die Börse: Maskenball in Deutschland: So sieht's wirklich aus

In der abgelaufenen Woche wurde ein statistischer Meilenstein erreicht: Die jüngste Corona-Zählung in Deutschland hat erstmals ergeben, dass es hierzulande inzwischen mehr Corona-Experten gibt als Corona-Infizierte.

Ich weiß nicht, wie ich in diesem Zusammenhang auf die Bundesliga komme. Dort sitzen Millionen Trainer derzeit gelangweilt zu Hause auf dem Sofa. Aber das soll nun ein Ende haben: ab dem 16. Mai gibt es Geisterspiele. Ich befinde mich nun in Erklärungsnot, denn mein Sohn, ebenfalls begeisterter Fußballer, darf - anders als die Profis - noch nicht Fußball spielen, nicht einmal im Freien.

Zum Glück haben unzählige Fußballprofis, Trainer und Verantwortliche in der Vergangenheit immer wieder für Ereignisse gesorgt, aus deren Anlass ich die Vorbildfunktion des Profisports drastisch relativieren musste. Diesmal ziehen Politik und Sport gemeinsam an einem Strang.

Ist die Bundesliga nun ein für unsere Gesellschaft wichtiges Ereignis, das Menschen in Deutschland vereint? Dann sollte die Bundesliga endlich wieder kostenfrei ausgestrahlt werden. Oder ist es in erster Linie ein gewinnorientierter Wirtschaftsbetrieb? Dann sollte das Gelaber von "Vorbildfunktion" endlich aufhören.

So, jetzt nehme ich meine Trainer-Cap wieder ab.

NACH HEILUNGS-HOFFNUNG NUN IMPF-HOFFNUNG

Vor einer Woche berichtete ich Ihnen von den vielversprechenden Testergebnissen zu Remdesivir von Gilead. Der DAX war vor Euphorie über 11.000 Punkte gesprungen. Doch diverse Drohungen in Richtung China seitens Donald Trump holten die Aktienmärkte im weiteren Wochenverlauf wieder zurück.

Gestern hat die US-Gesundheitsbehörde FDA den mRNA-Impfstoff von Moderna zu klinischen Tests der Phase II zugelassen. Moderna durchläuft die verschiedenen Entwicklungsstufen, Marktzulassungshürden und Produktionsvorbereitungen in atemberaubendem Tempo. Nie zuvor wurde ein Impfstoff auf mRNA-Basis zugelassen, Moderna bewegt sich in absolutem Neuland. Daher rechnet eigentlich jeder Experte mit zwischenzeitlichen Rückschlägen, doch die bleiben bislang aus.

Schon im Frühsommer möchte Moderna die letzte klinische Testphase beginnen, die Phase III, nach deren erfolgreichem Abschluss die Marktzulassung zeitnah möglich ist. Der als optimistisch geltende Termin Herbst für die Markteinführung, und damit rechtzeitig vor der erwarteten nächsten Epidemie-Welle, rückt in greifbare Nähe.

Nachdem also vor einer Woche Gilead mit Remdesivir Hoffnung auf eine erste wirkungsvolle Behandlung von Covid-19 machte, folgt nun die Hoffnung für die rechtzeitige Zulassung eines wirksamen Impfstoffes vor der zweiten Welle. Der DAX notiert heute mit 0,7% im Plus.

Es handelt sich um eine Hoffnungsrallye. Es gibt bislang noch keinen Impfstoff und es gibt noch viele Stolpersteine, über die Moderna auf dem Weg zur Zulassung stolpern könnte. Mehr als ein Hoffnungsschimmer ist das also nicht. Ebenso ist auch die Entwicklung bei Remdesivir zu sehen: Es gibt auch auf dem Weg zur Zulassung von Remdesivir noch eine Reihe von möglichen Stolpersteinen. Bitte verwechseln Sie die Hoffnungsrallye nicht mit einer Lösungsrallye.

MASKENBALL! WOLKENBAU ÜBERM ABGRUND TRÜBER ZEITEN

So wird im Phantom der Oper der Maskenball treffend beschrieben. Die Gesichtsmaske wird in den kommenden Monaten zum Stadtbild gehören. Das Ausmaß der Folgen des Lockdowns sind noch nicht annähernd aufgedeckt, wie die immer wieder "überraschenden" Arbeitsmarktdaten eindrucksvoll belegen.

Die zweite Runde bundesweiter Lockerungen nach dem Lockdown wurde diese Woche beschlossen. Für viele Bereiche bedeuten die beschlossenen Lockerungen eine große Verbesserung, wenngleich noch lange nicht von einer Normalisierung die Rede sein kann. Nachdem ich mich weiter oben darüber lustig gemacht habe, wie viele Corona-Experten es in Deutschland gibt, werde ich mich heute eines Kommentars enthalten. Schauen wir stattdessen auf die wirtschaftlichen Auswirkungen.

Sowohl in Geschäften als auch in Büros und vielen weiteren Arbeitsplätzen gilt nach wie vor die Abstandsregel von 1,5m. Daraus resultieren weiterhin erhebliche Beeinträchtigungen, sei es beim Shopping, sei es bei Team-Projekten bis hin zu organisatorischen Klimmzügen in Produktionsbetrieben. Ich kann mir also kaum vorstellen, dass in den kommenden Wochen wirtschaftlich bereits wieder eine Normalisierung, geschweige denn ein Nachholeffekt erzielt werden kann.

So sprechen denn auch die meisten Unternehmen in ihren Pressekonferenzen von einem erwarteten Tiefpunkt der wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise im dritten Quartal (Juli bis September). Wer also glaubt, die derzeitigen Konjunkturdaten spiegeln schon annähernd das Ausmaß des Wirtschaftseinbruchs wider, der irrt.

Immerhin führt die Flexibilität und Kreativität der Menschen dazu, dass alternative Lieferketten die Produktion sichern und Online-Absatzkanäle mindern den Umsatzverlust. Doch von einem Nachholeffekt im zweiten Halbjahr sind wir bislang noch weit entfernt. Die Einschränkungen dauern - wenn auch weniger strikt - länger als zu Beginn des Ausnahmezustands befürchtet.

Wer noch nicht die Ausnahmesituation in Zahlen erfasst hat, der schaue sich bitte mal die Q-Zahlen von HolidayCheck an, die heute früh veröffentlicht wurden: Es wurde ein Quartalsumsatz von -5 Mio. Euro erzielt. Ein negativer Umsatz. Das heißt, das Unternehmen hat mehr Geld an Kunden ausbezahlt als eingenommen. Dieser Effekt wird sogar noch aufgeschlüsselt: nach 42 Mio. Euro Umsatz im Vorjahresquartal wurden nun nur noch 10 Mio. Euro eingenommen. Einschließlich der Rückzahlungen für Reisen, die früher bezahlt, aber nicht angetreten und entsprechend erstattet wurden, ergibt sich ein Umsatz von -5 Mio. Euro. Entsprechend können wir also davon ausgehen, dass 15 Mio. Euro für stornierte Reisen erstattet wurden.

Sehr honorig von HolidayCheck den Kunden gegenüber. Vor Corona wurden 150 Mio. Euro Jahresumsatz mit einer Marktkapitalisierung von 150 Mio. Euro bewertet. Was ist HolidayCheck wert, wenn mehrere Quartale in Folge ein negativer Umsatz ausgewiesen werden muss?

Egal, die EZB zahlt ja alles.

KOHL HAT DIE D-MARK VERKAUFT

1992 wurden die Maastricht-Kriterien als Basis für eine europäische Währung festgelegt. Die Südländer wollten gerne die starke D-Mark haben und waren zu weitreichenden Zugeständnisse bereit. So etwa auch die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Die drei Maastricht-Kriterien galten seitens Deutschlands als elementar für eine feste Währung, die von einer unabhängigen Notenbank administriert wird, um Konflikte zwischen Fiskal- und Geldpolitik frühzeitig zu vermeiden.

Ich habe damals VWL in Würzburg studiert und erinnere mich, wie unser VWL-Prof. Berthold sichtlich verärgert die Vereinbarung vorstellte: Was, wenn jemand ein Kriterium bricht? Was, wenn sich einige Länder nicht daran halten? Es gibt keinen Sanktionsmechanismus und mangels Sanktionsmechanismus werden solche Länder niemals mehrheitlich zu einer Kurskorrektur gezwungen werden können. Bundeskanzler Kohl ist in diesem letzten - vermeintlich kleinen - Mosaiksteinchen unseres Geldsystems eingeknickt.

Und genau dieser fehlende Sanktionsmechanismus ist die Ursache der frühen Skepsis gegenüber dem Euro, der fortwährenden Streitereien zwischen Süd- und Nordeuropa, dessen Streit diese Woche in einem historisch wichtigen Urteil des Bundesverfassungsgerichts ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.

In Deutschland sind wir überzeugt, dass fiskalpolitische Disziplin wichtig ist, um Politiker daran zu hindern, durch Steuerversprechen Wahlen zu gewinnen, um anschließend die Staatsverschuldung in ungeahnte Höhen zu schrauben. Politiker sind davon überzeugt, dass sie den Willen des Volkes zu einem guten Teil umsetzen müssen, auch wenn dies eine höhere Verschuldung nach sich zieht. Für die Finanzen kann man - so war es in den Südländern üblich - später mit der Notenbank eine Lösung finden. Ob Währungsschnitt oder hohe Inflationsraten, irgendwie wurde die Staatsschuld auf dem Rücken der Bevölkerung abgetragen.

Was ist also wichtiger: Politik oder Geld? In Deutschland haben wir es geschafft, der Politik fiskalische Handschellen anzulegen und trotzdem konnten die wichtigsten politischen Ziele bislang immer erreicht werden. In Italien war das nicht möglich.

Nun sagen die Südländer, Deutschland sei ein reiches Land, weil auf dem Rücken der Südländer viel Geld verdient würde. Also könne man sich diese fiskalpolitische Disziplin leisten. Doch in Italien sei das nicht möglich, dort müssen man mit Steuergeschenken schlimmste Verhältnisse in der Bevölkerung bekämpfen.

Entsprechend entwickeln sich die Staatsfinanzen seit Jahren auseinander: Während Deutschland auch in dieser historischen Krise reichlich Reserven hat, um wirtschaftliche Folgen abzufedern, reißt die Krise Länder wie Italien endgültig in den finanziellen Ruin.

Spätestens seit der "Whatever it takes" - Rede des ehemaligen (italienischen) Notenbankchefs Mario Draghi gehen die Falken in Deutschland auf die Barrikaden. Nein, so die Überzeugung, die Notenbank darf den Staaten nicht rettend zur Hand gehen, sondern die Politik muss durch harte Einschnitte und Strukturreformen dafür sorgen, dass jedes Land alleine wieder aus Krisen kommt. Und so wurden die Anleihekäufe, die Draghi damals im Alleingang und entgegen unzähliger Aufschreie in Deutschland durchsetzte, in Deutschland vor Gericht gebracht.

Die Frage, die gestellt wurde, lautete sinngemäß: Darf die EZB Risiken eingehen, für die Nationalstaaten später einmal asymmetrisch gerade stehen müssen? Oder greift die EZB damit mittelbar in die Staatskasse einzelner Länder ein, ohne dafür ein politisches Mandat zu haben?

Zunächst enthielt sich das Bundesverfassungsgericht eines Urteils und gab das Verfahren an den Europäischen Gerichtshof ab. Dieser stellte klar, dass die EZB als politisch unabhängige Institution alles tun darf, was zur Erfüllung ihres Mandats erforderlich ist. Sonst wäre sie ja nicht unabhängig.

Mit diesem Urteil im Rücken hat sich das Bundesverfassungsgericht diese Woche endlich zu der Frage geäußert: Wenn "whatever it takes" - also Anleihekäufe und somit mittelbare Staatsfinanzierung - tatsächlich zur Erfüllung ihres Mandats erforderlich sei, dann müsse diese weitreichende Entscheidung ausreichend begründet sein, damit auch Bundestag und Regierung darüber entscheiden können, ob man diesem mittelbaren Griff in den eigenen Haushaltssäckel zulasse. Immerhin können Bundestag und Regierung der Bundesbank, die durch die EZB mit der Umsetzung der beschlossenen Anleihekäufe beauftragt werden muss, untersagen, diese Weisung umzusetzen.

Victor Constacio, ehemals zuständig für die inhaltliche Begründung dieser EZB-Entscheidung, twitterte umgehend seine Empörung: Wenn die Umsetzung von EZB-Entscheidungen gegen deutsches Gesetz verstoße, müsse man endlich das deutsche Gesetz anpassen. Die Reaktionen aus Italien sind wesentlich schärfer: Deutschland entziehe sich der Solidarität.

Der Ausweg: Die EZB wird wohl eine Begründung nachreichen. Dafür hat ihr das Bundesverfassungsgericht drei Monate Zeit eingeräumt, diese Begründung könnte dann in Deutschland akzeptiert werden. Beim wirtschaftlichen Verständnis, das ich Mutti zuspreche, gehe ich davon aus, dass Sie dies tun wird.

Als Volkswirt muss ich dem Bundesverfassungsgericht Recht geben: Ich freue mich, dass der EZB endlich Grenzen aufgezeigt werden. Nur wenn nationale Politiker, ja auch in Italien, merken, dass die Rettungsmöglichkeiten der EZB beschränkt sind, werden strukturelle Reformen umgesetzt. Eine Disziplin, die schon an Kasteiung erinnert, wie bei uns in Deutschland üblich, ist in der südländischen Politik nicht zu finden.

Als überzeugter Europäer muss ich mir jedoch gleichzeitig auch die Frage gefallen lassen, was mir der europäische Frieden wert ist? Ist ein Euro, der letztlich nach südländischen Gepflogenheiten betrieben werden kann, tatsächlich der Preis für den Frieden? Ist das alternativlos, wie wir vermutlich von Mutti bald hören werden?

Ich bin der Ansicht, dass ökonomisch vernünftige Systeme die Basis für eine gleichberechtigte Freundschaft sein müssen. Wenn Mutti das anders sieht, sollte sie das gut begründen.

ZWEI BÖRSENWELTEN

Wir haben uns in den vergangenen Wochen immer wieder mit der Unterteilung in Corona-Gewinner und Corona-Verlierer beschäftigt. Die Einteilung bleibt bestehen und ist diese Woche aktueller denn je: Aktien der Techbranche haben diese Woche um 8% zugelegt, Aktien des Gesundheitssektors um 5,5%. Hingegen treten die Aktien der Automobilbranche mit +1% und der Finanzbranche mit -2% auf der Stelle. Logistiker verloren ebenfalls 2%, der Rohstoffsektor gab 1% ab.

Es gibt sie, die Corona-Gewinner! Und deren Gewinne sind so groß, dass sie den gesamten Aktienmarkt nach oben ziehen. Doch wie immer am Ende einer Rallye werden die Index-Gewinnen von immer weniger Aktien getrieben, deren Einzelgewinn immer größer wird.

Morphosys sprang diese Woche um 21% an, Sartorius, Compugroup, Eckert&Ziegler sowie die Shop Apotheke um je 11-15%. Im, Techbereich legten TeamViewer, Delivery Hero, Bechtle, Cancom, Dialog Semi, S&T sowie New Work (Xing) um 8-15% an. Vielleicht sollten wir noch Einzelhandelsaktien, die technologiegetrieben sind, dazu nehmen: Zalando +16%, Hello Fresh +15% und Zooplus +17%.

In den USA ergibt sich ein ganz ähnliches Bild: Peloton, Twilio, Paypal, Beyond Meat, T-Mobile, Workday, Liveperson, Mercadolibre, Fortinet, Zoom Video, Activision Blizzard, Okta, Zscaler, Crowdstrike und ServiceNow schießen in die Höhe. So ziemlich alle aufgezählten Unternehmen haben überraschend gute Q-Zahlen vorgelegt.

Schauen wir mal, wie sich diese Entwicklungen auf die wichtigsten Indizes im Wochenvergleich ausgewirkt haben:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES


INDIZES7.5.20Woche ΔΣ '20 Δ
Dow Jones24.250 0,0%-15,3%
DAX10.904 0,4%-17,7%
Nikkei20.179 -0,1%-14,7%
Shanghai A 3.035 1,2%-4,7%
Euro/US-Dollar1,09-0,7%-3,0%
Euro/Yen115,59-1,1%-5,4%
10-Jahres-US-Anleihe0,66%0,07-1,28
Umlaufrendite Dt-0,55%-0,05-0,32
Feinunze Gold$1.711 1,1%13,2%
Fass Brent Öl$30,28 20,0%-56,0%
Kupfer5.199 0,3%-16,3%
Baltic Dry Shipping514 -20,1%-52,8%
Bitcoin9.898 16,0%35,7%








03. Sentiment: Schnäppchenjäger warten auf die zweite Ausverkaufswelle

Die Freude über die guten Testergebnisse zu Remdesivir von Gilead hat den DAX vor einer Woche über 11.000 Punkte gehievt. Donald Trumps Drohungen in Richtung China sorgen Anfang der abgelaufenen Woche für einen Absturz auf 10.500 Punkte. Inzwischen haben sich China und die USA versöhnt und es wurde ein Erfolg bei der Impfstoffentwicklung vermeldet, der DAX flirtet wieder mit den 11.000 Punkten.

Die technische Gegenbewegung nach dem Ausverkauf im März ist vorüber. Nun entscheidet sich, ob die Aktienmärkte in Form einer V-Erholung direkt wieder in Richtung Hochs laufen, oder aber nicht. Die V-Formation ist bereits seit vier Wochen in Frage gestellt, denn seither hat die Erholungsdynamik deutlich nachgelassen, die Entwicklung sieht eher einer Seitwärtsbewegung ähnlich.

Das ist immerhin schon genug, um die Anleger bei Laune zu halten. Das Aktiensentiment notiert mit +1,6 im leicht positiven Bereich, die Stimmung unter Anlegern ist gut.

Doch wenngleich Anleger die stabile Entwicklung an den Aktienmärkten begrüßen, so sind sie mit sich selbst jedoch weiterhin unzufrieden. Mit einem Wert von -1,1 herrscht leichte Verunsicherung über den Kursanstieg. Das mag entweder darauf zurückzuführen sein, dass man dem Braten nicht traut und sich wundert, warum eine zweite Ausverkaufswelle weiter auf sich warten lässt. Oder aber Anleger sind einfach falsch positioniert, haben im Tief nicht ausreichend eingekauft und halten das Kursniveau nun für zu hoch, um noch einzusteigen.

Der Blick auf die Zukunftserwartung lässt vermuten, dass erstere Begründungsoption wohl wahrscheinlicher ist: Wo bleibt die zweite Ausverkaufswelle, fragen sich viele Anleger, denn mit einem Wert von -1,2 dominieren Bären die Erwartungshaltung. Anleger fürchten in den kommenden drei Monaten erneut fallende Kurse.

Wenn diese denn kommen sollte, sind viele Anleger nun bereit, Aktien zu kaufen. Die Investitionsbereitschaft ist auf 2,3 gestiegen und zeigt, dass viele Anleger auf einen kleinen Rücksetzer warten, um zu kaufen.

Das Euwax-Sentiment der Privatanleger ist weiterhin tief im Minus (-10). Privatanleger haben sich gegen weitere Kursverluste durch entsprechende Finanzprodukte, die bei fallenden Kursen profitieren, abgesichert.

Profis hingegen, die sich über die Eurex absichern, haben ihre Absicherungspositionen zurückgefahren. Sie sind neutral positioniert. Auch das Put/Call-Verhältnis der CBOE in den USA zeigt eine Rückkehr zur neutralen Positionierung unter den dortigen Anlegern.

Fondsmanager verfügen über eine Investitionsquote von 68% (-10%punkte). In den März-Ausverkauf hinein wurde verkauft, anschließend wurde in steigende Kurse hinein investiert und nun wurden offensichtlich einige Gewinne mitgenommen.

Das Bulle/Bär-Verhältnis in den USA steht bei bärischen -29%, Pessimisten haben absolut die Oberhand.

Der technische Angst & Gier Indikator des S&P 500 steht bei 41%, zeigt also eine verhältnismäßig neutrale Verfassung.

Interpretation



Es hat den Anschein, dass viele Anleger nunmehr ihre Hausaufgaben gemacht haben und auf die Gelegenheit warten, ihre Aktienlieblinge im nächsten Ausverkauf ins Depot zu holen.

Im Sinne der Sentiment-Theorie fallen mir da zwei mögliche Entwicklungen ein, die wir daraus ableiten können: Entweder es geht hoch, oder runter ;-). Haha.

Okay, fangen wir anders herum an: Wir können ausschließen, dass eine zweite Ausverkaufswelle die Aktienmärkte so schnell in die Tiefe reißt wie die erste. Vielmehr gibt es durch das Kaufinteresse bei den Anlegern vermutlich bereits bei DAX-Kursen knapp über 10.0000 Punkten Kaufinteresse, so dass ein Ausverkauf dort bereits enden sollte. Vorläufig.

Denn Pessimismus mit Kaufinteresse kombiniert zeigt eine Schnäppchenjägermentalität. Eigentlich wäre man gerne schon in bestimmten Aktien investiert, doch auf dem aktuellen Kursniveau möchte man nicht mehr einsteigen. Also hofft man auf einen kurzen Ausverkauf, um dann zuzugreifen.

Daraus lässt sich ableiten, dass genau dieses Szenario vermutlich nicht eintreten wird. Vermutlich wird sich der DAX knapp über 10.000 Punkten dann eben nicht fangen und auf neue Hochs steigen. Vielmehr ist es durchaus denkbar, dass der Aktienmarkt sofort nach unten durchrauscht und deutlich unter die 10.000er-Grenze rutscht.

Das zweite Szenario ist jedoch ebenfalls möglich: Sollten die Kurse weiter steigen, werden viele Anleger auf dem falschen Fuß erwischt. In die Erholung hinein hatte man sich nicht getraut, einzusteigen. Nun sind vielen Anlegern die Kurse zu hoch zum Kaufen. Einige haben sogar schon Gewinne mitgenommen. Steigen die Kurse nun weiter an, könnte es zu einer Kaufpanik kommen, die den DAX nochmals weiter in die Höhe treibt.

Ich halte das Szenario, dass die Kurse nochmals unter 10.000 Punkte rauschen, für wahrscheinlicher. Warum ich das befürchte, erkläre ich im folgenden Kapitel.





04. Ausblick: Radeln als Alternative zu den Öffis

Zunächst zu meiner Markterwartung: Sollte der ganze Coronaspuk ein einziges Medienspektakel gewesen sein, in dem sich die Politik nach Herzenslust profilieren konnte? Und nun verschwindet das Virus, die Welt ist vollgepumpt mit Liquidität und die Aktienmärkte schießen nach oben? Mag sein. Ich will das nicht ausschließen. Sollte der DAX auf 11.200 Punkte steigen, werde ich entsprechend reagieren.

Grundsätzlich habe ich jedoch den Eindruck, dass wir insbesondere in der heute ablaufenden Woche eine zumindestens komische Reaktion sehen. Neben den Q-Zahlen, die bei unzähligen Tech- und Gesundheitsaktien für Kurssprünge gesorgt haben, gab es auch die beschriebenen Meldungen, die hinsichtlich der Virus-Bekämpfung Hoffnung machen. Nicht nur das Medikament Remdesivir, über das ich vor einer Woche geschrieben, habe, sondern auch der Impfstoff von Moderna lassen die Hoffnung zu, dass wir dieses Virus "im Keim ersticken".

Heute Mittag hat sich nun noch die Uniklinik aus meiner Nachbarschaft zu Wort gemeldet: Das UKE Hamburg hat mehr Corona-Opfer obduziert, als sonst irgendeine Institution - vermutlich weltweit. Prof. Püschel vertritt weiterhin die Überzeugung, dass man Menschen mit Risikoprofil besonders schützen müsse, den Rest der Bevölkerung jedoch weitgehend frei lassen sollte. Warum also Kinder, die bislang kaum Symptome zeigten und - einmal abgesehen von besonderen Einzelfällen - auch nicht sterbe, wegsperren?

Damit bringe ich meine Kritik an der Bundesliga zu Ende: Wie wäre es, wenn die Bundesliga Regeln und Maßnahmen unterstützen würde, die es allen Fußballvereinen ermöglicht, ihren Betrieb wieder aufzunehmen? Das würde in meinen Augen den Begriff "Vorbildfunktion" gut begründen. Draußen, da sind sich selbst Virologen inzwischen einig, findet keine nennenswerte Ansteckung statt.

Medizinisch betrachtet ist meine zu Beginn der Pandemie formulierte Erwartung, dass das Virus im Frühjahr verschwinden wird, nun eingetreten. Der wirtschaftliche Schaden, der angerichtet wurde, ist meiner Ansicht nach aufgrund der anfänglichen ungewissen Datenlage entschuldbar. Doch nun muss mit aller Kraft daran gearbeitet werden, schleunigst wieder einen Zustand herzustellen, der ein weitgehend normales gesellschaftliches Leben ermöglicht: Schutzmasken in allen öffentlichen Räumen, keine Menschenansammlungen bspw. ab x Personen (50?), sofortiger Lockdown von Landkreisen, in denen sich das Virus erneut ausbreitet.

Doch in anderen Ländern sieht es nicht so gut aus wie bei uns. Gründe sind in dem jeweiligen Gesundheitssystem, in den sozialen Gewohnheiten und vielen weiteren Faktoren zu finden, die bereits häufig die befürchteten Superspreader-Ereignisse ausgelöst haben. Der internationale Handel wird sich nur sukzessive erholen können und entsprechend wird auch die exportorientierte Wirtschaft meiner Einschätzung nach keine V-Erholung erleben können.

Daher bleibe ich vorsichtig. Wir haben nach den Verkäufen der vergangenen Tage (Wirecard, Wheaton Precious und BASF) nunmehr eine Cashquote von 37%. Auch der Umstand, dass immer weniger Aktien mit immer größeren Kurssprüngen die Indizes nach oben ziehen, ist für mich ein Zeichen dafür, dass die Erholungsrallye in ihren letzten Zügen steckt.

Trotz der eingangs genannten Hoffnungsschimmer sind nicht mehr die Corona-Verlierer angesprungen, die doch von einem baldigen Ende der Coronakrise am meisten profitieren würden, sondern eben die Corona-Gewinner. Außerdem hat der DAX das Hoch, das er nach Bekanntgabe des Remdesivir-Testerfolgs erzielte, nach der Zulassung des Impfstoffes von Moderna nicht mehr erreicht. Rückläufige Hochs dienen ebenfalls als Warnung.

Der DAX notiert im laufenden Jahr weiterhin bei -18%, wir konnten unser Minus weiter auf nur noch -4% verringern. Sollte ich mit meiner derzeit pessimistischen Erwartung falsch liegen, bleibt uns noch ausreichend Zeit für eine Kurskorrektur.

E-BIKES VOM EUROPÄISCHEN MARKTFÜHRER

Ja, die Leserkorrespondenz wirft mich regelmäßig aus der Bahn, denn zweizeilige Fragen lassen sich häufig nicht mit einem Zweizeiler beantworten. Ich bleibe aber weiter am Ball, denn manchmal ist eine echte Perle unter Ihren E-Mails - so zum Beispiel die eines Kunden, der mich auf die niederländische Firma Accell aufmerksam machte.

Accell ist die Mutter von Fahrradmarken wie Ghost, auf dem sich mein Sohn extrem wohl fühlt. Endlich ein Kinderrad, dass unter 10 Kg wiegt. Vor meinem Fenster fahren grüne Wohlstandsmütter scharenweise mit ihren Kleinkindern in den Wannen der Babboe-Räder. Kennen Sie bestimmt: Vor dem Lenker ist ein langer Korb montiert und erst davor kommt das Vorderrad. Unter den Rennradlern ist Accell mit Koga vertreten. Vor 30 Jahren fuhr ich zweimal auf meinem Raleigh-Rennrad durch Irland, einmal durch die Provence. Doch Raleigh unter dem Dach von Accell macht inzwischen überwiegend City-Bikes. Mit Winora werden die Einkaufsmärkte beliefert und wer sich mal nach Elektro-Rädern umgesehen hat, der kommt an Haibike nicht vorbei.

Dabei ist Haibike nur eine E-Marke unter vielen bei Accell. Inzwischen gibt es so ziemlich alle Räder auch mit E-Motoren. Zwei Drittel des Konzernumsatzes wird mit E-Bikes gemacht. Dabei kommt Babboe als Lastenbike eine besondere Stellung zu, denn je komfortabler, flexibler und größer das Rad, desto mehr Muckis braucht der Radler. So sind inzwischen also die meisten verkaufen Babboe-Räder mit einem E-Motor ausgestattet.

E-Bikes kosten natürlich deutlich mehr als der alte Drahtesel ohne E-Motor. Damit verfügt Accell über ein Geschäftsmodell, mit dem sich derzeit überdurchschnittliche Gewinnmargen erzielen lassen.

Gleichzeitig wissen wir inzwischen, dass New York City nur deswegen so stark vom Coronavirus betroffen ist, weil sich das Virus über die schlecht belüftete Metro ausbreiten konnte. Das Superspreader-Ereignis von New York ist die U-Bahn.

Bei uns in Hamburg fährt die "Untergrund"-Bahn zu einem großen Teil überirdisch, ist also besser durchlüftet. Doch es bleibt dabei:
Das Ansteckungsrisiko, das ich weiter oben für draußen als gering bezeichnete, ist in Bus und Bahn deutlich höher als draußen. Wer die Wahl hat, der nimmt das Rad. Entsprechende Trends sind bereits zu erkennen. Und entsprechende Berichte liegen ebenfalls bereits vor: Seit Fahrradläden über Reparaturen hinaus auch wieder Räder verkaufen dürfen, rennen Kunden ihnen die Bude ein: https://www.sueddeutsche.de/auto/fahrrad-haendler-ansturm-trotz-corona-1.4896411.

Ich habe den Eindruck, dem Unternehmen ist das noch gar nicht bewusst. Im März wurde die Produktion heruntergefahren. Die Unternehmensprognose wurde ausgesetzt und die Dividende gestrichen. Gleichzeitig wurde ein Langzeitkredit von 75 auf 125 Mio. Euro um 50 Mio. Euro erhöht, just in case. Verantwortungsvolle Manager bereiten sich auf das Schlimmste vor, hoffen jedoch das Beste. So haben Analysten ihre Umsatzerwartung um 20% gekürzt.

Ich gehe davon aus, dass Accell das Jahr 2020 mit Umsatzplus abschließen könnte, wenn ... und hier kommen wir zum großen WENN :-( ... wenn das Unternehmen die Produktion in den Griff bekommt.

Denn schon vor der Corona-Pandemie hat Accell Verzögerungen bei der Einführung neuer Produkte vermeldet. Ich konnte nicht herausfinden, ob diese Verzögerungen hausgemacht waren, oder aber ggfls. bereits durch den früheren Ausbruch von Covid-19 in China begründet sind. Entsprechende Anfragen bei der IR-Abteilung des Unternehmens blieben unbeantwortet.

Hier kommt das zweite WENN ins Spiel: Das Unternehmen scheint keinen Kontakt zu Anlegern oder Analysten zu wünschen. Telefonisch kam ich über die Empfangshalle nicht hinaus, ich solle mein Anliegen schriftlich einreichen. Auf meine E-Mails habe ich bis heute keine Antwort erhalten.

Eine gute Aktie benötigt immer auch einer gute IR-Arbeit. Das macht mich hier ein wenig vorsichtig.

1,1 Mrd. Euro Jahresumsatz werden mit einer Marktkapitalisierung von 450 Mio. Euro belegt. Das spricht für ein margenschwaches Geschäft, wie im Fahrradhandel üblich. Aber E-Bikes dürften bessere Margen haben. Davon ist derzeit jedoch nichts zu sehen: Das Unternehmen hat sein US-Geschäft verkauft, den Einkauf verschlankt und einige Vorleistungen für den Aufbau der künftigen E-Modelle erbracht. Zuletzt wurden Verluste erwirtschaftet.

Der Ausverkauf im März hat die Aktie von 29 auf 12 Euro geführt. Der negative Cashflow sowie der Verlust haben wohl Insolvenz-Ängste aufkommen lassen. Anders kann ich mir diese Intensität im Ausverkauf nicht erklären.

Seither hat sich die Aktie lediglich auf 16,70 Euro erholt, notiert also noch immer um 40% unter dem Vorkrisenniveau.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass weitere Berichte in diesem Sommer über eine neue Lust am Radeln die Aktie die Lager von Accell leer räumt und der Aktie Beine macht. Es ist also nur eine Spekulation auf ein paar Wochen, vielleicht wenige Monate. In dieser Zeit werde ich mich dann weiter um einen Kontakt mit der IR-Abteilung bemühen um herauszufinden, was an dem Unternehmen faul ist, oder ob es nur seine Hausaufgaben gemacht hat.

Ich werde schauen, auf welchem Kursniveau die Aktie in der kommenden Woche startet. Gerne würde ich Kurse um 16 Euro für einen ersten Kauf erwischen.

Im folgenden werde ich die einzelnen Positionen unserer Einkaufsliste überarbeiten bzw. kurz kommentieren.

GOLD
OSISKO Gold Royalties - WKN WKN: A115K2, ISIN: CA68827L1013 Kaufen unter 7,70 EUR (5)
Wheaton Precious Metals - WKN: A2DRBP ISIN: CA9628791027 Kaufen um 30 EUR - Aktie gehört wieder auf unsere Wunschliste!

HEIMARBEIT

Twilio - WKN: A2ALP4, ISIN: US90138F1021 Kaufen unter 90 EUR (70)
TeamViewer - WKN: A2YN90, ISIN: DE000A2YN900 Kaufen unter 36 EUR (28)

5G
Marvell Tech - WKN: 930131, ISIN: BMG5876H1051 Kaufen unter 25 EUR (18)

SICHERHEIT
OKTA - WKN: A2DNKR ISIN: US6792951054 Kaufen unter 120 EUR (95)
Crowdstrike - WKN: A2PK2R ISIN: US22788C1053 Kaufen unter 55 EUR (40)
Zscaler - WKN: A2JF28 ISIN: US98980G1022 Kaufen unter 47 EUR (40)
Forescout WKN: A2H5XA ISIN: US34553D1019 Kaufen unter 22 EUR
Splunk - WKN: A1JV4H, ISIN: US8486371045 Kaufen unter 115 EUR (100)
Ich habe Splunk von Heimarbeit auf Sicherheit umdefiniert: Splunk nutzt künstliche Intelligenz, um Ereignisse im Netzwerk auf sicherheitsanfällige Hinweise zu analysieren. Hier und bei Crowdstrike (Endnutzerkontrolle) steckt meiner Ansicht nach die Zukunft, nicht bei Cyan (Wunschanalyse). Splunk hat diese Woche bekannt gegeben, bald für die Google-Cloud verfügbar gemacht zu werden ... davon träumt Cyan.

DEZENTRALER WORKFLOW
DocuSign - WKN: A2JHLZ ISIN: US2561631068 Kaufen unter 85 EUR (70)
Veeva Systems - WKN: A1W5SA ISIN: US9224751084 Kaufen unter 155 EUR (140)

MEDIZINTECHNIK
CompuGroup Medical - WKN: 543730 ISIN: DE0005437305 Kaufen unter 65 EUR (55)
Kurssprung nach guten Q-Zahlen

Drägerwerk & Co. Vz - WKN: 555063 ISIN: DE0005550636 Kaufen unter 70 EUR (65)
Shop Apotheke - WKN: A2AR94 ISIN: NL0012044747 Kaufen unter 55 EUR (50)

MOBILITÄT DER ZUKUNFT
Tesla - WKN: A1CX3T, ISIN: US88160R1014 Kaufen unter 440 EUR - leider ohne uns abgefahren
Accell - WKN: A1JADL ISIN: NL0009767532 Kaufen um 16 EUR

ERNÄHRUNG DER ZUKUNFT
Beyond Meat - WKN: A2N7XQ, ISIN: US08862E1091 Kaufen unter 90 EUR (65)
Frosta - WKN: 606900 ISIN: DE0006069008 Kaufen unter 60 EUR (58)
Hawesko - WKN: 604270 ISIN: DE0006042708 Kaufen unter 27 EUR

AUSGEBOMBT - ZU UNRECHT ABGESTRAFT
Thor Industries - WKN: 872478 ISIN: US8851601018: Kaufen unter 50 EUR (42)
Krones - WKN: 633500 ISIN: DE0006335003: Kaufen unter 50 EUR (47) - hat heute solide Zahlen vorgelegt, aber vor schwachem Q2 & Q3 gewarnt
General Electric - WKN: 851144 ISIN: US3696041033: Anschauen unter 6 EUR (5,50)- hat schwache Zahlen vorgelegt, dürfte von Remdesivir-Rallye überproportional profitieren
Pioneer Natural resources - WKN: 908678 ISIN: US7237871071 Kaufen um 70 EUR
Twitter - WKN: A1W6XZ ISIN: US90184L1026 Kaufen um 26 Euro
Hoppla, das wäre mir fast entgangen: die Aktie hat diese Tage unseren Wunschpreis unterschritten. Grund waren Q-Zahlen und insbesondere die Unternehmensprognose, die zurückgezogen wurde. Aufgrund der Covid-19 Pandemie seien die Anzeigenbuchungen rückläufig, so das Unternehmen. Man könne den Effekt für das laufende Geschäftsjahr noch nicht abschätzen.
Das ist super, denn Twitter wächst nicht mit den Einnahmen, sondern mit der Nutzerzahl. Und das Wachstum der Nutzerzahlen hat weiter zugelegt. Die zukünftigen Einnahmen hängen am heutigen Nutzerwachstum. Damit ist der Kursrückschlag genau die richtige Gelegenheit für uns, diese Aktie wieder in unser Wachstumsdepot zu holen! Ich melde mich Montag früh diesbezüglich.

Fazit:
Montag früh werde ich mich bezüglich der beabsichtigten Käufe von Twitter (Wachstum) und Accell (Spekulation) bei Ihnen melden.



05. Wunschanalyse: Cyan

Sicherheit aus dem Netz des Mobilfunkanbieters, künftig auch aus der App Ihres Finanzdienstleisters: Cyan betreibt eine Cloud-Anwendung, die es Geschäftspartnern ermöglicht, ihren Kunden mehr Netzsicherheit gegen eine geringe Zusatzgebühr anzubieten. Tolles Produkt, doch es gibt bislang noch nicht ausreichend Daten darüber, ob das Produkt von Endkunden angenommen wird.

Cyan
Cyan - Sicherheit aus der Cloud

Fr, 08. Mai um 09:31 Uhr
SICHERHEITSLÖSUNG AUS DER CLOUD ÜBER BESTEHENDE KUNDENBEZIEHUNGEN

Cyan hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Zugriffssicherheit von Endgeräten auf Unternehmensdiensten sicherer zu machen. Dabei setzt Cyan nicht auf Lösungen, die jeder Kunde selbst auf seinen Geräten installieren und einrichten muss, sondern geht an große Dienstleister, wie bspw. die Mobilfunkanbieter, und integriert ihren Sicherheitsschutz in deren Netzwerk. Sodann können die Mobilfunkkunden über ihren Mobilfunkvertrag diesen Sicherheitsdienst für einen monatlichen Betrag (bspw. 2€) hinzubuchen.

Die Software von Cyan ist in der Cloud und kann bei verschiedenen Anbietern integriert werden. Nicht nur Mobilfunkanbieter eignen sich, derzeit wird mit Wirecard und dem Versicherer AON auch versucht, Finanzdienstleister ins Cloud-Netz zu holen. Deren Kunden könnten dann ebenfalls ihre Finanzgeschäfte durch Cyan-Produkte absichern.

EIN GROSSKUNDE (ORANGE) UND DANN LANGE NICHTS

Anfang 2018 ging Cyan an die Börse, kurz danach wurde der französische Mobilfunkanbieter Orange als erster Großkunde präsentiert. Auf Basis von erwarteten Umsätzen mit Orange-Kunden wurde eine rosige Zukunft gezeichnet, die Aktie schoss bis Anfang 2019 von einem IPO-Preis bei 24 Euro auf 34 Euro.

Anfang 2018 hatte Hauck & Aufhäuser einen fairen Marktwert von 235 bis 255 Mio. Euro für Cyan berechnet. Ein Jahr später und nach der Verkündung des Orange-Deals wurde die Kalkulation auf 336 Mio. Euro angehoben. Wow, dabei hatte Cyan für 2018 noch nicht einmal den endgültigen Jahresumsatz verkündet, der dann später mit 20,7 Mio. Euro angegeben wurde.

Daraus konnte man nur ableiten, dass Cyan zum Standard der Sicherheitslösungen werden würde und Mobilfunk-, sowie Finanzbranche im Sturm erobern würde. Entsprechende Umsatz- und Gewinnerwartungen untermauerten diese Sichtweise. Anleger honorierten diese Euphorie mit einem Aktienkurs von 34 Euro.

Heute steht die Aktie bei 14,75 Euro, die Marktkapitalisierung ist auf 129 Mio. Euro geschmolzen. Und dabei haben Sicherheitslösungen während der Coronakrise Hochkonjunktur. Was ist schief gelaufen?

ERWARTUNGEN WURDEN ENTTÄUSCHT

Cyan ist mit einer Marktkapitalisierung von 129 Mio. Euro kein DAX-Schwergewicht ... im Gegenteil, das Unternehmen muss darum kämpfen, von Bankhäusern und Analysten gecovert (bewertet) zu werden. Große DAX-Unternehmen veröffentlichen Daten und überlassen es den Analysten, die Bewertung vorzunehmen. Ein DAX-Unternehmen mit einer guten Investor Relations Abteilung weißt Analysten auf Fehler in deren Bewertungsmodellen hin, wenn diese zu extremen Bewertungsdifferenzen kommen. Aber nicht alle machen das.

Bei kleineren Unternehmen, die nicht von 10 oder 20 Analysten gecovert werden, ist es sehr wichtig, in engem Kontakt mit den Analysten zu sein, um deren Fehler frühzeitig aufzudecken. Natürlich werden dabei keine Insider-Informationen herausgegeben, aber häufig kann es schon vermieden werden, dass Mond-Bewertungen oder Insolvenz-Bewertungen veröffentlicht werden.

Für Cyan wurden jedoch offensichtlich Mond-Bewertungen veröffentlicht, wie wir heute sehen. War also das Management zu optimistisch, hat die IR-Abteilung ihre Arbeit nicht gemacht oder war der Analyst beratungsresistent? Ich weiß es nicht. Aber es wirft ein schlechtes Bild auf die Beziehung zwischen Unternehmen und Analyst.

KEINE DRAMATISCHEN EREIGNISSE

Es könnte ja auch sein, dass sich etwas Negatives ereignet hat, was zuvor nicht absehbar war. Doch ich kann in den Pressemeldungen des Unternehmens nichts Entsprechendes finden. Eigentlich läuft alles super, würde ich folgern, wenn ich den Veröffentlichungen glaube, ohne mir die Zahlen anzuschauen.

„Cyan beschleunigt Wachstumskurs” ist da am 20.8.2019 zu lesen, diverse Kooperationen und Neukunden werden als Beleg für die überlegene Cyan-Technologie präsentiert. Einzig ein reduzierter Gewinn aufgrund von Investitionen in das Umsatzwachstum wurde als Wermutstropfen bekannt gegeben, doch das „beschleunigte” Umsatzwachstum reicht nicht einmal, um die alten Analystenerwartungen zu erreichen. Die Investitionen wurden durch eine Kapitalerhöhung finanziert, die den Aktienkurs verwässert hat.

Vor einem Jahr habe ich Cyan schon einmal im Rahmen der Wunschanalyse angeschaut. Damals lautete mein Urteil sinngemäß „ganz oder gar nicht”, also entweder die Technologie ist wirklich so überragend wie angepriesen und die Aktie hebt weiter ab. Oder aber das Kartenhaus fällt zusammen. Daher habe ich die Aktie als bestenfalls eine Spekulation mit engem Stopp Loss bewertet.

Doch wie schaut’s nun heute aus?

57% UMSATZWACHSTUM, 44% GEWINNMARGE

Unternehmen und Analysten sind inzwischen zusammengewachsen. Zumindest liegen Analystenerwartung und Unternehmensergebnis nicht mehr weit auseinander. Die Euphorie der Nach-IPO-Phase ist einer nüchternen Realität gewichen, das Umsatzwachstum im laufenden Jahr wird von Hauck & Aufhäuser derzeit mit +16% auf 34 Mio. Euro erwartet.

Tatsächlich hat das Unternehmen im Jahr 2019 ein kräftiges Wachstum verzeichnet. Der Umsatz ist um 57% auf 32,4 Mio. Euro gesprungen. Die Gewinnmarge (EBITDA) hat sich auf 44% deutlich gegenüber dem Vorjahr (34%) erhöht.

Das ist ziemlich beeindruckend. Gleichzeitig wurde kürzlich bekannt gegeben, dass die Integration von I-News, einer großen Übernahme aus dem Vorjahr, nun erfolgreich abgeschlossen wurde, und dass die Kooperation mit Orange nun in der zweiten Jahreshälfte 2020 in die operative Phase übergehen kann...

...wie bitte? Jetzt erst? Die Aktie war also in den Orbit geschossen, weil man Orange als Kunde gewonnen hat. Dann blieben die guten Zahlen aus, weil es länger dauerte, bis Orange das Cyan-Produkt integriert hat (und umgekehrt). Das soll jetzt erst starten.

Wenn dem so ist, hätte ich mir eine Information über Integrationsprobleme gewünscht, oder aber eine frühzeitige Info, dass bis auf weiteres kaum Umsatz seitens Orange generiert werden kann. Das habe ich so nicht verstanden – und das obwohl ich Cyan kurz nach Bekanntgabe des Vertragsabschlusses in einer Investorenkonferenz erlebt habe.

KGV 2020E VON 21, KUV VON 3,3

Analysten haben ihre Erwartungen gesenkt. Anleger haben ihre Euphorie abgelegt. Inzwischen ist das Bewertungsniveau mit einem KGV 2020e von nur noch 21 sehr niedrig. Vor dem Hintergrund eines erwarteten Umsatzwachstums von 16% wäre ein deutlich höheres KGV möglich, doch daran möchte offensichtlich niemand glauben.

Auch das Kurs/Umsatz-Verhältnis von 3,3 ist für einen Cloud-Anbieter von Sicherheitslösungen verhältnismäßig günstig.

PROOF OF CONCEPT

Ich finde das Geschäftsmodell von Cyan weiterhin interessant. Der Ansatz, Sicherheitslösungen über die Cloud anzubieten, ist zukunftsweisend. Es wundert mich eher, dass Mobilfunkanbieter ein solches Angebot nicht schon längst selber ins Leben gerufen haben. Auf der anderen Seite bin ich als Apple-Nutzer von etwaigen Angriffen bislang weitgehend verschont geblieben. Ich persönlich sehe also ähnlich viel Sinn in einem weiteren Schutz wie in Antivirus-Software, die ich seit Jahren nicht nutze und ohne die mir dennoch noch nichts Schlimmes passiert ist.

Aber in der Android-Welt mag das anders aussehen.

Um das Geschäftsmodell jedoch verlässlich bewerten zu können, brauche ich ein Proof of Concept: Wie viele der Orange-Kunden werden das Angebot annehmen, wenn es denn verfügbar ist? Wird die Cyan-Sicherheit zum Standard? Oder bleibt es ein Angebot, das nur besonders ängstliche Menschen nutzen werden? Wird 1% der Orange-Kundschaft zugreifen, oder 0,1% oder nur Promille? Oder gar 10%? Für mich ist das noch nicht abschätzbar.

Entsprechend sind die Umsatzerwartungen für mich weiterhin schwer nachvollziehbar.

Im Verlauf des zweiten Halbjahres wird Orange das Angebot an ausgewählten Kunden testen. Vielleicht lassen sich daraus schon erste Zahlen über die Akzeptanz ableiten. Doch bis dahin müssen wir bei immer neuen Vertragsabschlüssen darauf vertrauen, dass das Produkt letztlich auch von Kunden genutzt wird.

Cyan ist im B2B-Geschäft unterwegs, verdient aber je nach Nutzung durch die Kunden der Geschäftspartner. Der Zugriff auf den Kunden des Geschäftspartners bleibt Cyan verwehrt.

FAZIT
Ein komplexes Produkt in einem heiß umkämpften Wachstumsmarkt lässt sich nicht von heute auf morgen zum Erfolg führen. Lange Vorarbeit ist notwendig und auf dem langen Weg können jederzeit neue Probleme auftreten. Es ist alles andere als sicher, dass Cyan die Erwartungen der Analysten erfüllt, oder auch nur die eigenen Unternehmensprognosen erreicht.

Für ein Investment ist es meines Erachtens noch zu früh, dazu brauche ich noch das Proof of Concept.



06. Leserfragen



Spekulation mit Ölkonzernen

Sa, 02. Mai um 10:30 Uhr
Hallo Herr Heibel,
zunächst ein großes Kompliment für Ihre gestrigen Ausführungen, die sich zu 100% mit meinen Einschätzungen gedeckt haben!
Da waren Sie in Höchstform unterwegs...;-)
Ich tausche mich privat öfter mit Markus Koch von ntv aus und auch er liegt mit seinen Einschätzungen voll auf ihrer Linie.
Ich habe zwar eine vollkommen andere Depotstruktur,da ich seit 10 Jahren fast nur US Techs kaufe,aber das geht bei Ihrer Leserschaft logischerweise nicht und ist auch mit deutlich höheren Volas verbunden.
Neben Mastercard,Amazon,Alphabeth&Apple halte ich ebenfalls bereits länger DocuSign,ServiceNow,AdobeSystems,Nvidia,Microsoft,Shopify,Mercadolibre,aber auch Varta,Morphosys,und so heiße Eisen wie ITM Power und PowercellSweden...Beyond wird nachher an der US Börse noch gekauft...Watchlist: The Trade Desk, Atlassian Corp, Barrick Gold,B2Gold,Slack Tech,&Chevron
Also alles Werte mit ziemlich „Bums” in beide Richtungen...;-))...aber ich halte viele Werte längerfristig&halte natürlich auch immer Pulver trocken, um nachzukaufen.
Ich schreibe das nur,damit Sie mein Anlageverhalten nachvollziehen können,was mich zu meiner eigentlichen Frage führt.
Thema Öl...insbesondere WTI, da das Texas Öl,anders als Brent,das an der Küste gelagert wird, im Landesinneren der Staaten gelagert werden muss, was ja zu den bekannten Problemen geführt hat..mittlerweile liegen ja auch bereits dutzende Tanker vor der Küste, also alles historisch einmalig.
Die Futures für Juli liegen bei ca.30USD
Bisher bin ich wegen der Contango und rollover Problematik nicht an die Geschichte herangegangen,insbesondere nicht über Öl ETF‘s,die ja auch ein Armageddon für viele blauäugige Anleger beschert haben...
Von den Öl Werten halte ich von der Bilanz und anderen Faktoren her Chevron für den aktuell attraktivsten Wert ,der wohl auch entgegen Shell seine Dividende zahlen wird...ist aber natürlich auch etwas „langweilig” und müsste man längerfristig sehen...haben Sie vielleicht eine Idee,über welches Papier man an dem absehbar steigenden Ölpreis direkt 1:1 partizipieren kann, ohne die Intransparenzrisiken mit einzukaufen??
Meine Vermutung ist, das sich die überschüssigen Bestände langsam abbauen, auch wenn die Wirtschaft nur sehr langsam wieder anlaufen wird...60% der Fracking Unternehmen sind bereits platt...Trump braucht einen deutlich höheren Ölpreis...over all sehe ich den Ölpreis Richtung Ende 2020 wieder bei 50-60$
Vielleicht haben Sie ja dazu eine Anlageidee?

Herzliche Grüße und einen schönen Start in den Mai.

Oliver aus Freiburg
1.5.

ANTWORT
Ich habe mich in der aktuellen Ausgabe bewusst für einen Explorer entschieden, weil deren Kurs am volatilsten ist. Ich fürchte, wir werden auf absehbare Zeit weniger Öl verbrauchen, ein Abbau der Lagerbestände muss also durch verringerte Fördermengen erfolgen - und da sind die Ölkonzerne dann negativ betroffen… , letztlich dann auch wieder die Explorer. Es ist also kein Investment, sondern eine Spekulation. Und für eine Spekulation sind mir Ölkonzerne nicht volatil genug. Zudem fällt es Ölkonzernen schwerer, die Fördermenge zu drosseln, als es Explorern möglich ist, flexibel die eigenen Tätigkeiten zurückzuführen.

Vielen Dank für das Lob :-).



Ölbranche & Immobilienfinanzierer

Sa, 02. Mai um 12:41 Uhr
Sehr geehrter Herr Heibel

Ich bin seit kurzer Zeit wieder im Heibel-Ticker Plus dabei und beschäftige mich aktuell mit dem Thema Depotbereinigung, wie in Ihrer letzten Ausgabe angesprochen.

Aktuell habe ich noch kleine Positionen in Total, Tatneft, Dt. Pfandbriefbank und Sixt

Die ersten 3 Aktien halte ich aus Gründen der Dividendenrendite. Die Frage ist, ob diese aktuell noch sicher ist, gerade auch wegen der aktuellen Ölkrise. Die Pfandbriefbank hat die Auszahlung ja zumindest schon einmal verschoben. Sixt ist natürlich von der Corona-Krise betroffen.

Würde evtl. auch in Ihre Empfehlungen tauschen, da sind die Einstiegskurse aber noch recht weit weg.

Danke für Ihre Einschätzung

Mit freundlichen Grüßen
Klaus aus Dieburg

ANTWORT
@Total: Die kürzen ihre Investitionen, um die Dividende zu sichern: Kurzfristig ist das gut, langfristig wird aber Wachstum verschenkt. Vielleicht nicht verkehrt bei dieser Branche. Ich habe den Ölbereich nur als Spekulation aufgenommen, nicht als Investition.

@Tatneft: Kenne ich nicht :-(.

Grundsätzlich werden sowohl Öl, die Finanzbranche als auch Immobilien (Pfandbrief) unter den Folgen von Corona —> Wirtschaftsschwäche leiden, daher sind diese Aktien in meinen Augen nicht mehr als eine Spekulation. Wenn Sie Ihr Portfolio für die nächsten 12-18 Monate ausrichten wollen, haben diese Aktien dort nichts verloren.



ÖL-ETC verliert überproportional stark an Wert

Sa, 02. Mai um 13:23 Uhr
Guten Tag Herr Heibel,

ich wende mich heute an Sie(ich hoffe das ist okay, obwohl ich noch nicht lange Abonnent bin), um Ihnen einerseits meine Erfahrungen mit einem ETC auf das WTI mitzuteilen, zum anderen mir Ihre Meinung zu einem bestimmten Sachverhalt einzuholen.

Als Sie letztens vor ETC auf ÖL gewarnt haben, war es für mich leider schon zu spät.

Ich habe mich Mitte März für eine Investition in Öl interessiert. Vor vielen Jahren habe ich negative Erfahrungen mit Knock Out Produkten auf das WTI gemacht. Grund: ich musste das Zertifikat länger halten und auf Grund des Rollens wurden die Verluste immer größer. Es wurde eine Einbahnstraße mit viel Verlust. Mein Ziel war es, ein Indexzertifikat zu finden, welches keine negativen Roll- Effekte mit sich bringt. Bei der BNP Paribas bin ich augenscheinlich mit dem Zertifikat WKN PS7WT1 fündig geworden. Warum augenscheinlich? Das Zertifikat wurde im April 2017 emittiert. Der Ölpreis beim WTI schwankte seitdem durchaus erheblich. Natürlich nicht in der Art und Weise der letzten Wochen. Daher bin ich von überwiegend negativen Roll- Effekten ausgegangen. Um das herauszufinden habe ich mir den Chart vom WTI und des Zertifikates angesehen und verglichen. Bis Mitte April 2020(Rollen in den Juni- Kontrakt) lief die Performance nahezu identisch ab. Um auszuschließen, dass das nach gut 3 Jahren Laufzeit Zufall ist(negative und positive Rolleffekte gleichen sich aus), habe ich Stichpunktartige Termine( vorallem vor und nach den Roll- Terminen) konkret verglichen. Ich konnte nie eine Abweichung erkennen. Den jeweiligen Umrechnungskurs zum Euro habe ich dabei berücksichtigt.

Die über fast 3 Jahre nahezu gleiche Wertentwicklung bei durchaus schwankenden Ölpreis ließ für mich nur den einen Schluss zu, dass es sich um ein Index- Zertifikat handelt. So begann ich stufenweise ab 30.3.20 mit Käufen. Nicht wissend, dass es negative Rolleffekte geben wird, habe ich unsinniger weise Mitte des Monats, kurz vor dem Rollen, noch einmal meine Position verdoppelt. Letzten Freitag musste ich feststellen, dass da irgendetwas nicht stimmt. Die Entwicklung Ölpreis und Zertifikat wies auf einmal eine Schere auf. Auf Nachfrage beim Emittenten erfuhr ich, dass auf den Juni- Kontrakt gerollt wurde und sich das Bezugsverhältnis von 0,96 auf 0,7 geändert hat. Sie können sich vorstellen, wie perplex ich war.

Ich habe mir daraufhin eine Strategie überlegt, wie ich zu mindestens schadensfrei aus der Nummer raus komme. Aus dem Grund habe ich diesen Dienstag den niedrigen Ölpreis genutzt und nachgekauft, in der Erwartung, dass der Ölpreis bis Mitte Mai(nächster Rolltermin) wesentlich höher steht. Hinzu kommt noch, dass das Öl kurzzeitig auf ca. 7$ fiel und ich supergünstig nachkaufen wollte. Meine Sorgen wären wenige Tage später weg gewesen. Leider war es nicht möglich, zu kaufen. Es wurde zwar ein Geldkurs gestellt, der sogar unter meinem Briefkurs lag, aber meine Order wurde nicht ausgeführt.

Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass der Emittent gestern in den Juli- Kontrakt gerollt hat, wissen Sie was passiert ist. Das Bezugsverhältnis liegt nun bei unglaublichen 0,43867726. Das bedeutet, meine zuerst gekaufte Positionen für 17,87€ bei WTI- Preis von 20,2$, bekomme ich erst bei einem WTI- Preis von ca. 44$ (Juli- Kontrakt) verlustfrei verkauft. Da darf der Dollar zum Euro aber nicht fallen. Unter den aktuellen Bedingungen habe ich also nun keine Chance mehr, Verluste zu verhindern. Im Gegenteil, wenn ich das jetzt laufen lasse, wird mein ETC in Richtung wertlos laufen.

Herr Heibel, das hat fast etwas von einem Knock- Out- Produkt. Ich muss mir selbst den Vorwurf machen, dass ich mit meiner Erfahrung da so blind rein gestolpert bin. Aber wie viele Privatanleger werden mit diesem Produkt aufs Glatteis geführt. Da muss sich doch niemand wundern, wenn in Deutschland viele Menschen die Finger von Zertifikaten lassen. Meiner Meinung nach zurecht. Es sei denn, sie werden vernünftig beraten, wie z. B. von Ihnen. Es ist also wichtig, dass es Menschen wie Sie gibt.

Bei aller Selbstkritik, ich kann immer noch nicht nachvollziehen, wie es sein, dass die Performance des WTI und des Zertifikates seit April 2017 zu allen Phasen identisch verlief. Negative und positive Rolleffekte sind aus dem Chart des Zertifikates nicht erkennbar. Haben Sie da eine Erklärung für mich? Ich wäre Ihnen da sehr verbunden und bedanke mich im Voraus.

Vielleicht können Sie noch einen Tipp geben, wie ich mich jetzt verhalten soll. Ich habe 1.050 Stck. mit eine durchschnittlichen Kaufpreis von 15,88€ gekauft. Aktueller Kurs: 9,20€

Meine Strategie wäre jetzt:

Ich gehe davon aus:

- dass der Emittent nicht vor Anfang Juni in den August rollt (diese Zeit bleibt mir, da ich bis zum nächsten Rollen alles verkaufen möchte)

- die OPEC+ eine umfangreiche Förderkürzung im Mai beschließen

- in den USA auf Grund des Preisverfalls wesentlich weniger Schiefer- ÖL gewonnen wird

- die Wirtschaft im Mai wieder anläuft

- die Vola beim Öl sehr hoch bleibt

Darauf Aufbauend würde ich extreme Schwankungen nach unten (WTI Juli Kontrakt unter 15$) zum Nachkauf nutzen( aber maximal bis Mitte Mai), nach oben stufenweise verkaufen(beginnend Juli- Kontakt bei 27$) Auf jeden Fall will ich vor der nächsten Rollung das Zertifikat glattgestellt haben. Oder vielleicht doch halten- über einen längeren Zeitraum?

Was meinen Sie Herr Heibel?

Viele Grüße Roy aus Naumburg

ANTWORT
Herzlichen Dank für Ihre nachvollziehbare Beschreibung Ihrer Vorgehensweise: Ich erhalte häufig solche Kundenschreiben, selten aber so gut beschrieben wie von Ihnen. Darf ich das unter Roy aus Naumburg veröffentlichen?

Inzwischen wurde das Bezugsverhältnis auf 0,36% verringert (https://kid.bnpparibas.com/DE000PS7WT17_DE.pdf)

Im Verkaufsprospekt wird explizit aufgeführt, dass man mit Terminkontrakten arbeitet (https://www.derivate.bnpparibas.com/de/rewrite.aspx?path=/DEU/MediaLibrary/Document/928377/Backend/Derivative_Documents/FinalTerms/PS7WT1%20EA-Nr.%2045.pdf&). Wie sollte es auf dem Ölmarkt auch anders möglich sein? Finanzhäuser betreiben keine Öllager. Der Futures-Markt wurde für Öl-Produzenten und Öl-Verbraucher erfunden, die ihre planbaren Einnahmen und Ausgaben gegen große Schwankungen frühzeitig absichern wollen. Das hat nichts mit Investment zu tun, sondern folgt dem physischen Markt. Privatanleger haben dort meiner Ansicht nach nichts verloren. Wir können uns gerne gemeinsam darüber aufregen, dass unsere Politik, die von sowas keinerlei Ahnung hat, glaubt, durch drakonische und elendig lange Paragraphenabhandlungen, die von allen Teilnehmern unterschrieben werden müssen, meint, Anlegern etwas Gutes zu tun. Gut gemeint ist aber nicht gut gemacht.

Der Rohöllagerbestand in den USA (maßgeblich für WTI-Öl) geht langsam wieder auf ein erträgliches Maß zurück (https://de.investing.com/economic-calendar/eia-crude-oil-inventories-75). Ob das schon für den Mai-Kontrakt ausreicht, um ein erneutes Abrutschen zu vermeiden? Ich denke schon, denn auch die Marktteilnehmer haben dieses Risiko inzwischen verstanden und „rollen” daher lieber zu früh als zu spät. Daher fällt Ihr ETC derzeit weiterhin so stark.

Grundsätzlich kann ich mir gut vorstellen, dass der Ölpreis bis zum Spätsommer wieder in Richtung 30, vllt. sogar 40 USD/Fass ansteigen wird. Es ist ja in erster Linie ein Lagerproblem und nicht etwa ein Problem der mangelnden Zahlungsbereitschaft der produzierenden Unternehmen, die Öl einsetzen. Ich traue mir jedoch nicht zu, bei diesem komplizierten Finanzprodukt, das Sie da haben, auszurechen, wo der Preis davon stehen könnte, wenn der Ölpreis in den kommenden Monaten ansteigt. Das hängt nicht nur vom Ölpreis ab, sondern auch vom Verhalten der Trader des ETCs, die das Rollen umsetzen müssen.

Von daher ist es sehr fraglich, ob es sich lohnt, auf einen kleineren Verlust in einigen Wochen/ Monaten zu spekulieren, oder ob man in den sauren Apfel beißt und sich mit „guten” Anlageideen beschäftigt vor diesem Hintergrund erinnere ich mich immer ungern an meine Zeit bei der Schweizer Börse, als ich mit dem dortigen Controller einmal nachgerechnet habe, dass weit über 70% der über die Börse angebotenen Finanzprodukte früher oder später wertlos vom Kurszettel genommen werden :-(.

Es tut mir leid, dass ich Ihnen da keine bessere Nachricht geben kann.



Öl-Future: Fehler im Finanzsystem

Sa, 02. Mai um 13:30 Uhr
Sehr geehrter Herr Heibel

Sie brauchen diese E-Mail nicht zu beantworten, auch wenn Sie von sich selbst sagen, dass Sie jede E-Mail beantworten wollen. Ihre Erklärungen sind passend und für den Laien verständlich zusammengefasst. Nur in einem Punkt haben Sie meines Erachtens nicht recht. Sie Schreiben:

"Einmal mehr zeigen sich FEHLER in unserem Finanzsystem: Eine
ordentliche Preisfindung in Abhängigkeit vom Nutzen/Wert für Öl
funktioniert nicht mehr, Zocker haben auch diesen Markt kaputt
gemacht."

Eine ordentliche Preisfindung ist auch Abhängig von der Lagerkapazität und nicht nur vom Nutzen/Wert des Öl's. Viele Rohstoffe die gehandelt werden, wollen die Marktteilnehmer jeweils nicht physisch besitzen. Somit ist die begrenzte Lagerkapazität auch ein Faktor der Preisfindung. Der Punkt, ob Rohstoffe überhaupt gehandelt werden sollen (was unbedingt sein sollte), lasse ich jetzt bewusst weg, damit die E-Mail nicht zu lange wird.

Nebenbemerkung: Der Rohstoffmarkt funktioniert im Gegensatz zu den Anleihenmärkten sehr gut.

Physisches Gold ist im Moment Mangelware, weil die Goldschmelzen teilweise nicht oder zu wenig produzieren können. Physisches Gold hat beim Kauf daher einen höheren Aufschlag als sonst, obwohl sich der Nutzen/Wert nicht geändert hat. Der Aufschlag kommt zusätzlich zum Unzenpreis zum Tragen.

Viele Grüsse
Marcel aus Zürich

PS: Ich lese Ihren Newsletter sehr gerne, weil Sie meines Erachtens ein gutes Gespür bei IT-Werten haben. Vielen Dank für die Berichte!

ANTWORT
Doch, da antworte ich gerne, um meine Aussage klarzustellen:

Der Futures-Markt wurde erfunden, damit Öl-Förderunternehmen und Öl-Einsatzunternehmen ihre Einnahmen und Ausgaben frühzeitig absichern können. Dadurch kann besser kalkuliert werden und entsprechend kann die Finanzplanung mit größerer Zuverlässigkeit vorgenommen werden. Solange der Preis der Futures durch Unternehmen bestimmt wird, die in der Ölbranche wirtschaften, kann es kaum zu solchen Kursschwankungen kommen, wie wir sie derzeit sehen.

Da aber seit vielen Jahren Öl-Futures auch von Spekulanten gehandelt werden, Marktteilnehmer, die niemals beabsichtigen, Öl abzunehmen, wird die Absicherung für die wirtschaftenden Unternehmen erschwert. Nicht mehr Angebot und Nachfrage werden in Einklang gebracht, sondern die Stimmung der Spekulanten bestimmt den Preis. Verzockt haben sich aktuell die Spekulanten, die nicht über die Lagerkapazitäten für das Öl verfügen, das sie gekauft haben. Was haben diese Spekulanten auf dem Futures-Markt zu suchen? Meiner Ansicht nach: Nichts!

Damit ist die Preisfindung aus Sicht der wirtschaftenden Unternehmen, derer also, für die der Markt einst erfunden wurde, kaputt.



Währungsschnitt und Vermögensabgaben

Sa, 02. Mai um 14:07 Uhr
Sehr geehrter Herr Heibel,

zwei Fragen habe ich, die vielleicht auch schon andere Kunden von Ihnen gestellt haben,
oder auch Ihre anderen Kunde interessieren könnten.

Falls der Euro zusammen bricht, so das in Europa wieder jedes Land eine eigene Währung hat,
oder aber der Euro stark abgewertet wird, z.B. durch einen E-Euro
und gleichzeitig das Bargeld abgeschafft wird.

Was passiert Ihrer Meinung nach wenn ich in meinem deutschen Konto:

1. Ein Unterkonto z.B. mit einer Währung die nicht betroffen ist z.B.
US$ Dollar habe ?
2. In meinem Aktienportfolio nur Aktien von nicht europäischen Firmen
befinden z.B. Apple oder Amazon usw.und in US$ gehandelt werde.

über ein Antwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Claus vom Ammersee

ANTWORT
Zu 1.: Nichts, ist ja nicht betroffen.

Zu 2.: Nichts, sind ja nicht betroffen.

… aber: Sie sprechen also einen reinen Währungsschnitt in der einen oder anderen Form an. In der Regel geht sowas mit einer ganzem Reihe von Maßnahmen einher, bspw. könnte ich mir in einem solchen Fall derzeit auch vorstellen, dass Vermögensabgaben diskutiert werden - und da wären ihre beiden Positionen dann betroffen.



Nächster Problemherd: Schwellenländer

Sa, 02. Mai um 14:17 Uhr
Hallo Herr Heibel,

ein Themenkomplex für Sie als Volkswirt.

Nachdem ich einen Bericht über die Pressekonferenz mit Frau Gopinath
gesehen habe, versuche ich folgenden Report zu verstehen:
https://www.imf.org/en/Publications/GFSR/Issues/2020/04/14/global-financial-stability-report-april-2020

Auf Seite 16 wird ausgeführt, dass es als Folge einer Kettenreaktion zur
einer Kreditklemme kommen könnte. Besonders die Schwellenländer werden erwähnt (Executive Summary).

Hier wird wohl vor einer Finanzkrise ausgehend von den Schwellenländern
gewarnt. Diese sind extrem in USD verschuldet, können also nicht einfach
ihre Währung abwerten und können sich infolge des wahrscheinlichen
Rückgangs der Weltwirtschaft zunehmend schlechter
refinanzieren.

Fragen:
Was ist mit "test existing debt resolution framework" gemeint ? Wie
wahrscheinlich halten Sie das Szenario eines Schuldenschnitts ?
Welche Gläubiger wären besonders betroffen ? Aktien von Banken und
Exportunternehmen würden in einem solchen Szenario wohl underperformen.

Falls in einem Ihrer letzten Ticker schon darauf eingegangen sind, bitte
ich um Nachsicht. Die letzten Ausgaben ware etwas viruslastig (keine
Kritik !).
Ich habe es aber mit der Archivsuche probiert. Danach tauchte das Thema
"Schwellenländer" zuletzt in 2018 auf.


Viele Grüße aus Osnabrück
Markus
26.4.

ANTWORT
Sie machen mich also auf eine potentielle Gefahr aufmerksam, die seitens der Schwellenländer auf uns zurollen könnte: Da gebe ich Ihnen Recht. Das Coronavirus beginnt gerade erst, sich in diesen Ländern auszubreiten und entsprechend werden dort wirtschaftliche Einbrüche erst noch erfolgen. Mangels Reserven sind viele davon nicht in der Lage, das aufzufangen, ich kann mir gut internationale Hilfsprogramme für diese Länder vorstellen.

Ich habe schon ein Auge auf Brasilien, dort scheint es sich derzeit am schnellsten zuzuspitzen. Grundsätzlich habe ich mich wenig mit den Details der Schwellenländer beschäftigt, ich nehme die Entwicklungen nur zur Kenntnis und achte darauf, dass ich hinsichtlich der Erholung, die wir derzeit an den Aktienmärkten erlebt haben, nicht zu optimistisch werden :-).



07. Update beobachteter Werte: Freenet, Wirecard, Wirecard, Münchener Rück, Barrick Gold, Wheaton Precious Metals, BASF

Bitte beachten Sie auch den Kundenbereich auf meiner Internetseite unter www.heibel-ticker.de -> Portfolio -> 10 neueste Einträge. Dort finden Sie aktuelle Charts mit meinen jeweils aktualisierten Einschätzungen.

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Im Wochenverlauf habe ich zu mehreren Titeln Anmerkungen im Kundenbereich der Webseiten verfasst.


Freenet
Dividende gestrichen

Di, 05. Mai um 11:15 Uhr
Freenet hat Sonntag Abend Q-Zahlen veröffentlicht. Im Großen und Ganzen würde ich die Zahlen als positiv bewerten, denn Auswirkungen der Coronakrise halten sich bislang in Grenzen. Obwohl der Vertrieb, der maßgeblich über Stände in Media- und Saturn-Märkten erfolgt, deutliche Einbußen erleben musste, konnten halbwegs ordentliche Zahlen veröffentlicht werden. Der Umsatz ist um 4,3% angestiegen, der Gewinn ging jedoch um 3,4% zurück. Doch der Gewinnrückgang sei maßgeblich durch regulatorische Änderungen bedingt, so die Erklärung.

Die Zahl der Abonnenten ist um 3,2% angewachsen, die Wachstumsgeschwindigkeit im Q1 konnte beibehalten werden. Der Umsatz je Kunde sei jedoch leicht rückläufig.

Die regulatorischen Änderungen betreffen die internationalen Tarife, die europaweit vereinheitlicht wurden. Freenet gibt an, allein dadurch bereits 5 Mio. Euro weniger im Quartal verdient zu haben.

Dieser Effekt trat allein beim Abokunden im Mobilfunkbereich auf. Die Nutzung der TV-Angebote wuchs kräftig an. Doch mit den TV-Angeboten wird bislang nur sehr wenig Geld verdient, der Umsatz macht nur ein Zehntel des Konzernumsatzes aus. Im Hauptgeschäft, dem Mobilfunkgeschäft, ist das Wachstum schwer zu finden.

Wenn ich mir vor diesem Hintergrund das KGV von nur 10 vor Augen führe, sieht die Aktie für mich weiterhin recht attraktiv aus.

Unschön ist allerdings die Dividendengeschichte: Noch Mitte März wurde die Dividende von 1,65 EUR/Aktie bestätigt, eine Rendite von 10%. Doch am Sonntag wurde dieser Dividendenvorschlag zurückgezogen. Aufgrund der ungewissen Entwicklung in Folge der Coronakrise und dessen Auswirkungen auf die Finanzbranche wolle man die Dividende lieber im Konzern belassen, um in den kommenden Monaten zwei zur Rückzahlung fällige Schuldscheine tilgen zu können.

Zur Tilgung stehen zwei Schuldscheine mit einem Gesamtvolumen von 700 Mio. Euro an. Durch die Einhaltung der Dividende verbleiben 1,65 Euro/ Aktie x 128 Mio. Aktien = 210 Mio. Euro im Konzern. Das ist sicherlich ein nennenswerter Beitrag.

Ich kann die Vorsicht des Management verstehen, denn bei mir treffen vermehrt Meldungen ein, dass die von Finanzminister Olaf Scholz verkündeten Maßnahmen nicht so wirken, wie er es sich vorstellt. Banken geben Kredite nur mit großer Vorsicht aus, obwohl Scholz immer wieder davon spricht, dass die KfW nennenswert für die Absicherung gerade stehe.

Die Maßnahme, die Dividende nicht auszuschütten, zeigt jedoch, dass Freenet seit der unglücklichen Beteiligung an Ceconomy nicht mehr die Finanzkraft hat, die wir zuvor von Freenet kannten. Die Entscheidung ist richtig, zeigt aber verspätet die negativen Auswirkungen der Ceconomy-Beteiligung.

Gestern war die Aktie zunächst heftig eingebrochen (-14%), inzwischen wurde jedoch zumindest die Hälfte des gestrigen Verlustes schon wieder ausgeglichen. Die Enttäuschung über die gestrichene Dividende ist nachvollziehbar.

Doch weiterhin bin ich mir nicht sicher, ob die Coronakrise nachhaltig negative oder positive Auswirkungen auf Freenet haben wird: Werden die Menschen mehr Mobilfukverträge abschließen, oder weniger? Werden sie ihre Verträge aufstocken, oder reduzieren? Für beide Richtungen gibt es Argumente.

Die verstärkte Heimarbeit könnte dazu führen, dass Mobilfunknetze weniger in Anspruch genommen werden, da zu Hause ja schnelles Internet (ohne Freenet) verfügbar ist. Auf der anderen Seite führen die Kontaktsperren dazu, dass viel mehr über Telefone und Computer kommuniziert wird, sowohl über das Heimnetz als auch über das mobile Netz. Um die weitere Entwicklung der Freenet-Aktie zu beurteilen, müssten wir detailliertere Informationen haben, um diese Fragen zu beantworten. Bis dahin ist die Aktie in meinen Augen fair bewertet, es gibt keinen Grund zu überhasteten Entscheidungen.


Wirecard
Es bleibt spannend

Di, 05. Mai um 11:49 Uhr
Kaum eine andere Aktie ist mit so viel Spannung beladen wie Wirecard: Nachdem der KPMG-Bericht einen Freispruch lediglich mangels Beweise ergabt, sammeln die Kritiker Ungereimtheiten. So ist heute ein weiterer Artikel in der Financial Times erschienen, in dem nochmals auf die Probleme hingewiesen wird: Für knapp 1 Mrd. Euro Umsatz hat Wirecard nicht die entsprechenden Kunden nachweisen können, was jedoch im Sinne des Geldwäschegesetzes geboten sei. Zudem habe der Treuhänder, der diese Summe vorübergehend durch seine Konten laufen ließ, zeitgleich mit der Aufnahme der Sonderprüfung durch KPMG den Dienst quittiert und stehe auch nicht mehr für Rückfragen zu Verfügung. Und, und, und...

Die Aktie kann sich kaum von der Unterstützung bei 85 Euro lösen. Leerverkäufer haben ihre Positionen Ende April aufgestockt, bislang wurden die Shortpositionen noch nicht zurückgeführt. Da wird also noch darauf spekuliert, dass das dicke Ende erst noch kommt.

Der Analyst der HSBC hat gestern sein Kursziel gesenkt: das mit spitzem Bleistift errechnete Kursziel von 210 Euro werde nun mit einem Risikoaufschlag von 50% bewertet, das neue Kursziel laute also 105 Euro. Ich habe mich schlapp gelacht. Da wird in wochenlanger Arbeit von hochbezahlten Analysten ein fairer Wert errechnet, um dann auf der Ziellinie einfach mal diese Ziffer zu halbieren. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Analysten ebenfalls nur mit Wasser kochen.

Ungemach droht tatsächlich seitens der DWS, denn dort wurde das Engagement in Wirecard zum Jahreswechsel erst deutlich hoch gefahren (https://finanz-szene.de/banking/jetzt-erst-recht-wie-die-dws-ihre-wirecard-position-aufbaute/). Die DWS hat sich dem ESG verschrieben und laut ESG werden Dinge wie Transparenz groß geschrieben. Aber Transparenz ist nun einmal gerade das, was bei Wirecard fehlt.

Die DWS wird sich also unangenehmen Fragen stellen müssen, wenn die Wirecard auch Ende dieses Quartals noch so groß ist. Es ist also gut vorstellbar, dass die DWS derzeit schon auf der Verkäuferseite unterwegs ist und jeden Kurs über der Unterstützung von 85 Euro nutzt, die Position zu verkleinern.

Somit sind wir nun doch wieder in einem Dilemma: Auf der einen Seite hält der Analyst, genau wie ich, an dem hohen Wert des Geschäftsmodells von Wirecard fest. Auf der anderen Seite gibt es jedoch derzeit noch immer eine Menge Ungemach, das den Kurs daran hindert, sich von den 85 Euro zu lösen. Und leider kann ich es nicht ausschließen, dass der Kurs bei der nächsten Hiobsbotschaft oder auch im Rahmen einer allgemeinen Marktschwäche die 85 Euro noch nach unten durchbricht.

Bitte also weiterhin den Stopp Loss bei 85 Euro belassen. Es bleibt eine kurzfristige Spekulation.

Langfristig? Mit einer langfristigen Entscheidung pro oder contra Wirecard würde ich warten, bis die Zukunft von CEO Markus Braun geklärt ist. Sollte der über diese Geschichten irgendwann doch noch stolpern, wäre das sicherlich eine kurzfristige Belastung für das Geschäft sowie die Aktie. Wie's danach ausschaut, ist dann die wichtige Frage: Wer kommt dann?

Bislang hält er sich im Sattel und dieser Schlingerkurs kann noch andauern.


Wirecard
Stopp Loss hat gezogen, Aktie verkauft

Do, 07. Mai um 08:24 Uhr
Hmm, das unrühmliche Abenteuer in Wirecard ist leider nach hinten losgegangen: die Aktie hat nun neue Tiefs heimgesucht, unsere spekulative Position wurde bei 85 EUR ausgestoppt.

Inzwischen haben zwei institutionelle Großaktionäre (Fonds) offen Kritik am Verhalten von CEO Markus Braun geübt und seine Position an der Spitze des von ihm gegründeten Unternehmens in Frage gestellt.

Meine Lehre daraus: Mag sein, dass das Geschäftsmodell in Wirklichkeit 200 Euro je Aktie wert ist, doch mit einem CEO, der sich der Kritik nicht stellt, kann der Wert nicht gehoben werden.

Oder, um mich dem Jargon der hochbezahlten Analysten anzuschließen: Ich würde auf den Unternehmenswert von 200 Euro je Aktie einen Risikoaufschlag von 85% anlegen, damit ergibt sich ein Kursziel von 30 Euro ;-) (bitte nicht ernst nehmen, so wie man den Risikoaufschlag von 50% des Analysten von HSBC nicht ernst nehmen darf).

Schauen wir uns das Theaterstück von Wirecard also wieder von der Seitenlinie an.


Münchener Rück
Q-Zahlen ohne Überraschung, Beitragswachstum 25%

Do, 07. Mai um 11:35 Uhr
Vor 10 Tagen hatte die Münchener Rück bereits zur Corona-Pandemie Stellung bezogen: Pandemie-Schäden seien in den meisten Versicherungen ausgeschlossen, so ihr Hinweis. Dabei bezog sie sich auf Versicherungen, die einen Betriebsausfall absichern sollen. Solche Absicherungen sind vom Volumen her unüberschaubar: Die Münchener Rück könnte die Deutsche Lufthansa nicht schuldenfrei halten, wenn dort keine Flüge mehr stattfinden... oder anders herum gesagt: eine Versicherungsprämie, die ein solches Risiko nach versicherungsmathematischen Kennzahlen abdecken soll, wäre exorbitant teuer und würde von der Lufthansa niemals gezahlt werden.

Einzelereignisse wie insbesondere Großveranstaltungen werden von den Veranstaltern häufig tatsächlich gegen Pandemien abgesichert, daher muss die Münchener Rück tatsächlich für die Verschiebung der Olympiade in Tokio einstehen.

So weist die Münchener Rück in ihren Q-Zahlen Covid-19-Schäden in Höhe von 800 Mio. Euro aus, der Gewinn ist daher auf ein Drittel des Vorjahres geschrumpft, beträgt also nur noch 221 Mio. Euro.

Das Unternehmen unterscheidet zwei Versicherungsbereiche: Die Rückversicherung mit einem Beitragsvolumen von 9 Mrd. Euro und einem Gewinn von 149 Mio. Euro sowie die Ergo-Versicherung mit 5 Mrd. Euro Beitragseinnahmen und einem Gewinn von 72 Mio. Euro. Die Auszahlung von Schadensersatz bei Großveranstaltungen beläuft sich auf 973 Mio. Euro nach 283 Mio. Euro vor einem Jahr. Genau hier ist die größte Belastung des abgelaufenen Quartals zu finden.

Wer den Heibel-Ticker schon länger liest, der weiß, dass die Schadensregulierungen von heute die höheren Prämien von morgen sind: Wenn die Aktie also im Rahmen der Corona-Pandemie ausverkauft wird, dann wegen des Einmaleffekts der höheren Schadensleistungen. Doch da sich Versicherungsprämien nach versicherungsmathematischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen berechnen, deren Variablen sich durch jeden Schadensfall verändern, werden die Prämien von morgen teurer sein.

Japan hatte in den vergangenen zwei Jahren eine Reihe von Taifun-Schäden. Die Folge ist nicht etwa ein schwaches Japan-Geschäft, sondern das Gegenteil: Japaner zahlen höhere Prämien und versichern sich häufiger. So kann die Münchener Rück für das abgelaufene Quartal einen Prämienanstieg für vergleichbare Risiken von 3% vermelden. Trotz des Prämienanstiegs stiegen die Prämieneinnahmen um insgesamt 25%.

In den 25% sind Prämienerhöhungen für vergleichbare Risiken von nur 3% enthalten. Der Rest kommt von einem gestiegenen Versicherungsbedarf für Risiken, die zuvor noch nicht versichert waren.

Das Aktienrückkaufprogramm hatte die Unternehmensleitung bereits ausgesetzt, gleichzeitig wurde auch das Jahresziel zurückgenommen. Kurzfristig sei die Situation im Rahmen der Corona-Pandemie nicht abschätzbar.

Doch Einmalbelastungen wirken sich kaum auf den Unternehmenswert aus. Das Geld (hier also 800 Mio. Euro) ist fort, doch das Geschäftsmodell profitiert durch höhere Prämien und einen gestiegenen Versicherungsbedarf. In einer Unternehmensbewertung spielt das Geschäftsmodell mit den zu erzielenden Einnahmen eine dominante Rolle. Liquide Mittel, die in unserem Beispiel gerade deutlich reduziert wurden, spielen da nur eine untergeordnete Rolle. Ich würde den Wert der Münchener Rück heute also höher ansetzen als vor der Corona-Pandemie.

Doch es wird noch ein wenig dauern, bis sich dieser Bewertungsansatz durchsetzt: Kurzfristig belastet natürlich ein großer Verlust. Doch die Bilanz kann diesen Liquiditätsverlust gut verkraften, an der Dividendenerhöhung hat das Unternehmen sogar festgehalten.

Zuletzt noch eine Bemerkung zum Anlageergebnis: Die Prämieneinnahmen der Versicherung muss angelegt werden. In Zeiten mit negativem Zins und nach einem Aktienmarktcrash mussten diese Kapitalanlagen sicherlich Federn lassen. Die Münchener Rück hat den Großteil dieses Verlustes mit Hedging-Geschäften ausgleichen können: Zwar mussten die Aktienwerte deutlich reduziert werden, dagegen konnten jedoch hohe Gewinne aus dem Derivate-Geschäft verbucht werden.

Es schwebt schon lange das Damoklesschwert über den Versicherungen, dass in Zeiten des Anlagenotstands keine ordentlichen Renditen mehr erwirtschaftet werden können. Das aktuelle Beispiel bei der Münchener Rück zeigt, dass dieses Geschäftsmodell immer weniger auf Renditen aus dem Anlagegeschäft angewiesen ist, gleichzeitig die Risiken aus den Anlagen mit Hedging-Geschäften zu einem großen Teil absichert. Wer muss das Ganze bezahlen? Nun, die Versicherungsnehmer durch höhere Prämien. Bislang scheint die Rechnung aufzugehen.


Barrick Gold
Q-Zahlen im Rahmen der Erwartungen, keine Corona-Probleme

Do, 07. Mai um 17:17 Uhr
Gestern Abend hat Barrick Gold Q-Zahlen veröffentlicht, die im Rahmen der Erwartungen lagen: Der Umsatz ist um 30% auf 2,7 Mrd. USD gesprungen, der Gewinn sprang um 45% auf 0,16 USD/Aktie. Das Unternehmen hält an der Dividendenstrategie fest, die Dividendenrendite beträgt bei einer Ausschüttung von 0,07 USD/Aktie quartalsweise 1% (ex Dividendentag ist 28.5.).

Auf die Frage, ob Barrick Gold nicht eine Dividendenerhöhung erwägen könnte, reagierte CEO Mark Bristow heftig: Man sei ein Minenbetreiber, der in der aktuellen Corona-Pandemie seine Liquidität beisammen halten müsse. Zudem gebe es derzeit interessante Möglichkeiten auf dem Übernahmemarkt, eine weitere Konsolidierung unter Goldminen hält Bristow für sehr wahrscheinlich. Dafür wird also die Liquidität benötigt.

Der Verkaufspreis je Unze Gold ist im Q1 um 21,5% auf 1.589 USD gestiegen. Die Produktionsmenge sei um 9% zurück gegangen. Verkaufskosten für die Unze Gold sind um 3% angestiegen. Die Gewinnmarge liegt bei 41%.

Covid-19 habe bislang kaum negative Auswirkungen auf das Geschäft gehabt. Dank der internationalen Vernetzung habe man sowohl die benötigten Verbrauchsmaterialien als auch Schutzkleidung stets dort bezogen, wo die Pandemie noch nicht oder nicht mehr zugeschlagen habe. Die Gesundheit der Mitarbeiter sei von höchster Priorität und Covid-19 habe bislang noch nicht nennenswerte Krankheitsfälle unter den Minenarbeitern hervorgerufen.

Dafür hat jedoch das Land Papua Neuguinea, eine halbe Insel vor Australien, das Schürfrecht an der Porgera-Mine entzogen, die gemeinsam mit dem chinesischen Partner Zijin Mining betrieben wird. Die Produktion musste gestoppt werden, Barrick Gold wird zum 8. Mai vor Gericht zitiert, um in der Auseinandersetzung weiter zu verhandeln.

Die Auseinandersetzung ist ziemlich leicht zu verstehen aber schwer zu lösen: vor einem Jahr wurde James Marabu Premierminister von Papua Neuguinea. Der studierte Umweltwissenschaftler findet es ungerecht, dass internationale Konzerne die Insel ausbeuten und verlangt einen größeren Anteil der Gewinne. Mit Barrick Gold wird nun ein Musterprozess durchgefochten, dessen Ausgang ein Litmustest für andere Konzerne wie Total S.A. oder auch Exxon Mobil ist.

5% der jährlichen Goldproduktion steuert die Porgera-Mine bei. Die ist nun bis auf weiteres geschlossen, entsprechend wurde die Jahresprognose gesenkt.

Die Aktie von Barrick Gold reagierte unterm Strich positiv auf die Zahlen. Insbesondere der hohe erzielte Verkaufspreis für die Unze Gold sowie die Meldung, dass die Corona-Pandemie zu keinen Beeinträchtigungen geführt habe, dürften hier die positiven Treiber sein.

Barrick Gold hat kaum Schulden, kann also aktiv die Branchenkonsolidierung betreiben (Finanzformulierung für: versucht, kleinere Wettbewerber zu kaufen). Als Bluechip der Branche erfährt das Unternehmern einen Kursaufschlag. Inzwischen werden die 13 Mrd. USD Jahresumsatz mit einem KUV von 3,5 bewertet, ziemlich hoch für meinen Geschmack. Aber solange der Goldpreis anzieht, wird auch Barrick Gold weiter steigen.

Ich würde unsere spekulative Position mit einem Trailing Stopp Loss absichern: Rückschläge von 10% vom jüngsten Hoch würde ich tolerieren, darunter sollten wir unseren Gewinn absichern. Das Hoch wurde gestern bei 26 Euro erreicht, einen Stopp Loss würde ich daher aktuell bei 23,40 Euro vorsehen.


Wheaton Precious Metals
Gute Q-Zahlen, schlechter Ausblick, Verkaufen

Fr, 08. Mai um 10:45 Uhr
Gestern Abend hat Wheaton Precious Metals Q-Zahlen veröffentlicht, die leicht über den Erwartungen lagen: der Umsatz stieg dank des gestiegenen Goldpreises um 13% auf 255 Mio. USD, der Gewinn sprang um 69% auf 0,22 USD/Aktie.

Die Nettoverschuldung wurde um 24% auf nur noch 588 Mio. USD zurückgeführt. Der Verkaufspreis je Unze Gold sprang - ähnlich wie bei Barrick Gold - um 21% auf 1.589 USD. Gold war für 63% des Konzernumsatzes verantwortlich, Silber für 33% und Palladium für 4%.

Produktionsvolumen, Umsatz, Cashflow und Gewinn sind allesamt angestiegen. Die Aalabo-Mine, die von Vale in Brasilien entwickelt wird und von deren Goldproduktion 75% Wheaton zustehen wird, bleibt im Zeitplan: Anfang 2022 soll die Mine in Produktion gehen.

Soweit die positiven Dinge, die auch zu einem entsprechenden Kursplus von 3% am heutigen Morgen führen. Ich würde die Gunst der Stunde nutzen und 54% Gewinn in dieser Spekulation einsacken:

Denn in den vergangenen Wochen habe ich keinerlei schlechte Meldungen von Wheaton erhalten. Nun wird plötzlich veröffentlicht, dass 6 Minen in Mexiko und Peru, an denen Wheaton Lizenzrechte hält, ihre Produktion aufgrund von Covid-19 eingestellt haben. Der Grund sei überall, dass die Minen nicht systemrelevant seien und daher von den jeweiligen Regierungen geschlossen wurden. Es ist also nicht der Fall, dass etwa Infektionen dafür gesorgt hätten. Und tatsächlich habe ich in den vergangenen Wochen "nur" gelesen, dass bislang keinerlei Infektionsausbreitung bei den Minen zu verzeichnen sei.

Die Minen sollen Ende Mai wieder in Betrieb gehen.

In den Jahren 2018 und 2019 waren diese sechs Minen für 36% der Produktion des Unternehmens verantwortlich. Wenn diese Minen im April und Mai also nicht produzierten, wird mindestens zwei Drittel der Produktion im laufenden Quartal ausfallen. Zwei Drittel von 36% des gesamten Produktionsvolumens macht 24%. Wir müssen also damit rechnen, dass der Umsatz im Q2 um ein Viertel einbricht.

Die Aktie von Wheaton Precious hat genau das getan, was ich mir gewünscht habe: Sie springt wie ein Optionsschein an, wenn der Goldmarkt nach oben läuft. Jetzt besteht jedoch zunächst einmal große Hoffnung, dass es eine wirksame Behandlung für Covid-19 geben könnte (Remdesivir) und seit gestern sogar, dass ein Impfstoff schon für die nächste Grippesaison zugelassen werden könnte (Moderna). Da könnten einige Anleger auf die Idee kommen, dass die Absicherung in Gold gar nicht mehr so elementar ist wie in den vergangenen Wochen. Und wenn Anleger solche Gedanken haben, werden sie sich die Bewertung anschauen: KGV 47.

Wie an einer Schnur gezogen ist Wheaton Precious in den vergangenen Wochen in den Himmel gestürmt. Eine Korrektur ist fällig und ich würde daher den erzielten Gewinn sichern, die Position verkaufen und auf einen Rücksetzer warten, um dann ggfls. wieder (hoffentlich günstiger) einzusteigen.


BASF
Verkaufen

Fr, 08. Mai um 13:36 Uhr
Eigentlich schaue ich täglich nur noch auf BASF: Wann ist ein geeigneter Zeitpunkt, diese mit C19 "-" markierte Position (heißt: BASF ist ein Corona-Verlieren) aus dem Portfolio zu werfen? Nach den Q-Zahlen vor zwei Wochen hatte ich noch die Hoffnung gehegt, dass die Bestätigung der Dividende zu einer Kurserholung führen könnte. Doch der damalige Kurssprung entpuppte sich als Strohfeuer.

Jeden Tag sehe ich, wie die Corona-Gewinner weiter nach oben schießen. Gerade diese Woche gab es exorbitante Gewinne, wie Sie in der heutigen Heibel-Ticker Ausgabe in Kapitel 02 lesen werden. Doch die Corona-Verlierer, die wir ja recht früh treffend definiert haben, treten auf der Stelle.

Nun gibt es Hoffnung für die Covid-19-Behandlung sowie für einen Impfstoff. Ein Lockerungsfahrplan ist nun erstellt worden und dennoch treten die Corona-Verlierer auf der Stelle. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Erholungsrallye in einem späten Stadium befindet. Für einen eventuellen Rückschlag an den Aktienmärkten möchte ich mich von den C19 "-" Positionen trennen und Cash haben, um die Gewinner im Falle einer nennenswerten Konsolidierung einzusammeln.

BASF hat sich wacker gehalten, doch ich habe mir vorgenommen, konsequent zu sein. Und konsequent heißt: BASF ist sicherlich kein Corona-Gewinner, bestenfalls kommt das Unternehmen mit einem blauen Auge davon. Ich fürchte jedoch, dass die wirtschaftlichen Folgen für BASF deutlich negativ sein werden, die Aktie muss also raus. Ich würde die Position daher heute verkaufen.



08. Übersicht HT-Portfolio

Spekulation (≈15%) =4,4%WKN7.5.20Woche ΔΣ '20 ΔAnteil 5x3%!C19
Wheaton Precious MetalsA2DRBP40,13 €11%51%0,0%B+
Barrick Gold87045025,56 €10%62%4,4%B+
Wirecard74720684,18 €-7%-5%0,0%A+








Wachstum (≈35%) =21,1%WKN7.5.20Woche ΔΣ '20 ΔAnteil 5x7%!0
BB BiotechA0NFN357,90 €1%-6%3,5%B+
SpotifyA2JEGN140,46 €3%6%8,8%B+
Nvidia918422287,95 €7%25%4,5%B+
ServiceNowA1JX4P352,95 €13%44%4,4%B+








Dividende (≈30%) = 18,5%WKN7.5.20Woche ΔΣ '20 ΔAnteil 4x7,5%!0
Innotec5405108,05 €-3%-20%4,6%C-
FreenetA0Z2ZZ16,37 €-5%-20%6,8%B0
Deutsche Post55520026,78 €-1%-21%3,2%B+
BASFBASF1146,20 €-1%-14%0,0%C-
Munich Re843002191,05 €-5%-18%4,0%B0








Absicherung (≈20%) =19,2%WKN7.5.20Woche ΔΣ '20 ΔAnteil 3x7%!0
Goldbarren 100 gr100 gr.5.042,00 €0%16%9,4%A+
Südzucker-AnleiheA0E6FU74,90%0%-14%6,5%A+
Nokia-AnleiheA0T9L2107,04%0%-7%3,3%C0





Cashquote

Σ-Portfolio Ergebnis seit 2020

1%-4%36,7%


Heibel-Ticker
GewichtungAnzahl Positionenangestrebte Positionsgröße
PortfolioZielSollIstSollIst
SpekulationEreignis10%4,4%512%
WachstumEnkelkinder30%21,1%546,0%
DividendeUrlaub25%18,5%446%
AbsicherungZins & Gold20%19,2%336,7%
Summe
85%63,3%1712


Anmerkungen:
- Die Überschrift über jedem Portfoliobereich in der jeweiligen ersten Spalte (bspw. Absicherung (≈20%) =21,8%) bedeutet: Der beabsichtigte Anteil dieses Portfoliobereichs am Gesamtportfolio beträgt ungefähr 20%. Aktuell beträgt der Anteil 21,8%.
- Die dritte Spalte zeigt die Schlusskurse von Donnerstagabend.
- Unter „Woche” steht die Veränderung im Vergleich zur Vorwoche.
- Unter „Σ 'XX Δ” steht das Ergebnis der Position seit Jahresbeginn bzw. seit Aufnahme ins Portfolio.
- Unter „Anteil” finden Sie den Anteil der jeweiligen Position am Gesamtdepot.

Unter ! steht zur Information meine Grundtendenz:


ATop-Aktie mit günstigem Kurs, 
BKursrücksetzer zum Kaufen nutzen 
CKurssprünge zum Verkaufen nutzen, 
Dbei Gelegenheit Verkaufen, 
ESofort Verkaufen 


Die „Gelegenheit” zum Kaufen oder Verkaufen wird sodann kurzfristig von mir per Update an Sie bekanntgegeben.

Ich habe diese Spalte „!” insbesondere für neue Kunden vorgesehen, die zu einem späteren Zeitpunkt wissen wollen, ob ich die Position noch zukaufen würde, wenn ich beispielsweise darin nicht schon voll investiert wäre. Zukaufen würde ich jeweils jedoch niemals zu Höchstkursen, sondern stets nur nach kurzfristigen Kursrückschlägen von mindestens 5-7%.

Kauffolge: Je spekulativer, desto aggressiver würde ich kaufen und verkaufen. Derzeit verwende ich die folgenden Schritte:
- Dividenden- & Wachstumspositionen in drei Schritten aufbauen: 25%-25%-50%,
- Zyklische Positionen in zwei Schritten aufbauen: 50%-50%,
- Spekulative Positionen ganz oder gar nicht: 100%.

Stopp Loss Limits, Verkaufslimits und ähnliche Aktionsmarken verwalte ich aktiv in meinem System und ändere ich unter der Woche mehrfach, fast täglich. Eine Veröffentlichung der entsprechenden Limits ist in der Regel nicht sinnvoll, allenfalls Stopp Loss Marken für unseren Spekulationen werde ich bisweilen im Text bekanntgeben.

Eine erfolgreiche Börsenwoche,
take share

Stephan Heibel

http://heibel-ticker.de


mailto:info/at/heibel-ticker/./de



09. Disclaimer / Haftungsausschluss und Risikohinweise

Wer un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen in Umlauf setzt, wird mit Lust-, manchmal auch mit Erkenntnisgewinn belohnt; und wenn alles gut geht, fällt davon sogar etwas für Sie ab. (frei nach Robert Gernhardt)

Wir recherchieren sorgfältig und richten uns selber nach unseren Anlageideen. Für unsere eigenen Transaktionen befolgen wir Compliance Regeln, die auf unsere eigene Initiative von der BaFin abgesegnet wurden. Dennoch müssen wir jegliche Regressansprüche ausschließen, die aus der Verwendung der Inhalte des Heibel-Tickers entstehen könnten.

Die Inhalte des Heibel-Tickers spiegeln unsere Meinung wider. Sie stellen keine Beratung, schon gar keine Anlageempfehlungen dar.

Die Börse ist ein komplexes Gebilde mit eigenen Regeln. Anlageentscheidungen sollten nur von Anlegern mit entsprechenden Kenntnissen und Erfahrungen vorgenommen werden. Anleger, die kein tiefgreifendes Know-how über die Börse besitzen, sollten unbedingt vor einer Anlageentscheidung die eigene Hausbank oder einen Vermögensverwalter konsultieren.

Die Verwendung der Inhalte dieses Heibel-Tickers erfolgt auf eigene Gefahr. Die Geldanlage an der Börse beinhaltet das Risiko enormer Verluste bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.

Quellen:
Kurse: Deutsche Kurse von comdirect.de, Goldbarren & Münzen von proaurum.de, US-Kurse von finance.yahoo.com. Alle Kurse sind Schlusskurse vom Donnerstag sofern nichts Gegenteiliges vermerkt ist.
Bilanzdaten: Comdirect, Yahoo! Finance sowie Geschäftsberichte der Unternehmen
Informationsquellen: dpa-AFX, Aktiencheck, Yahoo! Finance, TheStreet.com, IR-Abteilung der betreffenden Unternehmen



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