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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 13.10.2026 um 11:26 Uhr  - Bei Google Discover als bevorzugte Quelle hinzufügen

Linde ist eine Zinswette – steigende Zinsen drücken den Kurs

Linde (WKN A3D7VW, ISIN IE000S9YS762) ist eine Zinswette: Ob sich ein Investment in die Aktie lohnt, entscheidet das Zinsniveau. Die Aktie steht am 02.10.2026 bei 469 USD, nach einem Allzeithoch von 548 USD im Juli. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg am 07.10.2026 über 5,35 % und erreichte damit den höchsten Stand seit 2002 (Forbes, 07.10.2026), die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreichte Anfang Oktober 2026 zeitweise 3,65 %, den höchsten Stand seit Juni 2009 (ms-aktuell, 01.10.2026). Mitglieder des Heibel-Ticker PLUS haben sich Linde für die Wunschanalyse gewünscht. Wir hatten Linde schon zweimal im Heibel-Ticker Depot: Anfang 2021 mit +17 % und Anfang 2025 mit +6 %.

Ob sich Linde lohnt, entscheidet der Zins: Fällt er, steigt die Bewertung

Privatanleger bekommen mit Linde einen Marktführer. In den vergangenen 10 Jahren verdienten Anleger mit Linde inklusive Dividende durchschnittlich 16,5 % pro Jahr. Das Gewinnwachstum liegt bei 9 bis 10 %, und die Aktienrückkäufe erhöhen den Gewinn je Aktie allein um 3 bis 4 % pro Jahr. Günstig war die Aktie dabei noch nie zu haben: Qualität hat ihren Preis, das EV/EBITDA liegt bei 16.

Drei Zinsfälle entscheiden über den Ertrag: weiter steigend, hoch bleibend oder fallend

Welche Rendite daraus entsteht, hängt vom Zins ab. Ich unterscheide drei Fälle. Steigen die Zinsen weiter, erwarte ich weiteren Druck auf die Aktie. Verharrt das Zinsniveau auf hohem Niveau, rechne ich mit gestrichenen Investitionen, langsamerem Umsatzwachstum und überproportional steigenden Gewinnen. Fallen die Zinsen, rechne ich mit einer steigenden Bewertung. Ich halte in den Wochen nach dem 02.10.2026 zunächst rückläufige Zinsen für gut möglich, und das nützt der Linde-Aktie. Bewiesen ist damit nicht, dass das Zinshoch hinter uns liegt: Die globale Verschuldung ufert aus, Kriege führen zu weiteren Schuldenausweitungen, und das Inflationsgespenst lässt sich erfahrungsgemäß nur schwer wieder einfangen.

Linde ist weder Dividendentitel noch disruptiver Titel, sondern eher eine Spekulation

Meine Einordnung: Trotz der langjährig stabilen Entwicklung ist Linde weder Dividendentitel noch disruptiver Titel, sondern eher eine Spekulation. Im Heibel-Ticker Portfolio bietet Linde eine Position mit sehr niedriger Korrelation: Mit keinem einzigen Portfoliotitel liegt sie über 0,27 (TJX), im Gesamtportfolio geht sie gegen Null, weil wir das Zinsrisiko vor dieser Marktphase reduziert hatten. Die Frage lautet nun, ob es an der Zeit ist, wieder mehr Zinsabhängigkeit ins Depot zu holen. Wenn ja, ist Linde ein guter Kandidat.

Zins, Marge, Bewertung und Ausschüttung sind die vier Punkte, auf die es bei Linde ankommt

  • Zins: Ein Prozentpunkt mehr Zins kostet 100 USD je Aktie, bei 469 USD am 02.10.2026 sind das 20 %.
  • Marge: Lincare drückt die Gewinnmarge erstmals seit vielen Jahren, und die Helium-Knappheit normalisiert sich erst Anfang 2027.
  • Bewertung: Das EV/EBITDA liegt bei 16, zeitweise stand es bei 18 oder 19. Der Umsatz wächst nur unterproportional, das hohe Gewinnwachstum entsteht durch Aktienrückkäufe.
  • Ausschüttung: Die Dividendenrendite beträgt 1,3 %. Als Dividendenstar qualifiziert sich Linde damit nicht.

Lange Verträge und hohe Investitionen machen Linde zinsempfindlich

Linde zerlegt Luft in Sauerstoff, Stickstoff und Argon, erzeugt Wasserstoff und Kohlendioxid aus Erdgas und vertreibt Helium und andere Edelgase (Linde plc, Directors‘ Report 2025, Abschnitt „Principal Activities“, S. 3). Gase lassen sich wirtschaftlich nur über kurze Strecken bewegen, deshalb betreibt Linde ein dichtes Netz aus 450 Luftzerlegern, Abfüllwerken, 150 Wasserstoffanlagen und Tanklagern. Großabnehmer wie Stahlwerke, Raffinerien und Chipfabriken bekommen eine Anlage auf ihr Gelände gestellt oder werden per Pipeline versorgt. Diese On-Site-Verträge laufen 15 bis 20 Jahre, enthalten Mindestabnahmen und reichen Energiekosten durch. Mehr als ein Drittel des Gasumsatzes entsteht auf diese Weise.

Das Modell verlangt hohe Investitionen. Über die Hälfte des Cashflows investiert Linde umgehend wieder, teils zur Geschäftsausweitung, teils zum Ersatz alter Anlagen. Bei jährlichen Investitionen von fast 6 Mrd. USD belasten die Ausgaben zuerst, während die künftig erwarteten Gewinne mit dem höheren Zins abdiskontiert werden. Die Bewertung nach der DCF-Methode (Discounted Cashflow, mit den Standardeinstellungen von Damodaran) zeigt: Ein Zinsanstieg um 1 Prozentpunkt verringert den rechnerischen Marktwert um 100 USD je Aktie, bei 469 USD sind das 20 %.

Dazu kommt ein zweiter Effekt. Steigen die Finanzierungskosten, fallen die Investitionen niedriger aus, und das Umsatzwachstum von 5 bis 7 % lässt sich langfristig nicht halten. Die Aktie verliert damit doppelt: durch die abdiskontierten Erträge in der DCF-Rechnung und durch das langsamere Wachstum. Beide Faktoren wirken Stand 02.10.2026.

Marktführer mit Netzwerkeffekt: Linde wächst im Gewinn je Aktie schneller als die Wettbewerber

Air Liquide, Air Products und Linde beliefern über die Hälfte des Weltmarktes. Mit der japanischen Nippon Sanso und der privaten Messer Group aus Bad Soden im Taunus decken fünf Unternehmen 80 % des Welthandels ab. Industriegase sind ein regionales Geschäft, und wer in einer Region vertreten ist, sichert sich mit seinem Netzwerk gegen neue Wettbewerber ab. Linde profitiert als Weltmarktführer stärker von diesem Netzwerkeffekt: Der Gewinn je Aktie wuchs in den vergangenen 30 Jahren jährlich um durchschnittlich 11 %, bei den Wettbewerbern waren es durchschnittlich 7 %. Air Products hat sich mit zu schneller Expansion und zu vielen Großprojekten ohne ausreichende Abnahmeverträge übernommen und muss Stand 02.10.2026 zurückrudern und abschreiben.

Das zweite Quartal 2026 bestätigt das Wachstum, doch Lincare drückt erstmals die Marge

Die Zahlen des zweiten Quartals 2026 bestätigen das Wachstum. Der Umsatz stieg um 9 %, davon 2 Prozentpunkte durch höhere Preise und 2 Prozentpunkte durch höhere Mengen (Linde-Quartalsmeldung vom 31.07.2026). Der Gewinn legte um 10 % zu. Im Bereich Elektronik sorgten neue Chipfabriken für einen Umsatzsprung von 18 %. Belastend wirkt das Geschäft von Lincare, dem US-Anbieter von medizinischen Heimbeatmungs- und Sauerstofftherapiegeräten: Die Lohnkosten steigen, während die US-Krankenkassen niedrigere Erstattungssätze zahlen. Erstmals seit vielen Jahren gab die Gewinnmarge von Linde nach, die Aktie fiel im Anschluss um 6 %. Berichten zufolge sondiert Linde den Verkauf von Teilen von Lincare.

Zölle und Sanktionen berühren Linde nicht, die Helium-Knappheit kostet Marge

Zollstreit und China-Sanktionen berühren Linde nicht, denn das Unternehmen wirtschaftet stets „local for local“: Die regionale Nachfrage wird regional bedient, produziert wird beim Abnehmer, sodass weder Zölle noch Exportbeschränkungen stören. Sämtliche Anlagenbauverträge in Russland sind gekündigt, Rückstellungen sind gebildet, und vor Schiedsgerichten in Hongkong und Stockholm läuft Stand 02.10.2026 die Klage.

Der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus haben zu einer Helium-Knappheit geführt, der Heliumpreis verdoppelte sich binnen weniger Wochen. Helium kühlt die supraleitenden Magnetspulen in der Magnetresonanztomografie (MRT) auf etwa −269 °C und ist in der Chipfertigung nicht zu ersetzen. Linde glich die Knappheit mit eigenen Lagern und dem globalen Netzwerk aus und gibt an, sämtliche Lieferverpflichtungen erfüllt zu haben. Der Preisanstieg wird jedoch zu einem großen Teil durch höhere Transportkosten aufgezehrt, und erst Anfang 2027 ist mit einer Normalisierung zu rechnen. Der hohe Ölpreis erhöht die Energiekosten der Abnehmer. Linde reicht diese Kosten durch, doch die Industrieabnehmer leiden, und die Industrieproduktion sinkt. Die Raumfahrt wächst als Geschäftsfeld, ist aber kein Kurstreiber: Für SpaceX baute Linde für 100 Mio. USD eine eigene Anlage in Brownsville, bei jährlichen Investitionen von fast 6 Mrd. USD ist das ein Tropfen im Tank.

Rückkäufe tragen den Gewinn je Aktie, die Dividendenrendite bleibt niedrig

Linde erwirtschaftet 13,5 Mrd. USD Gewinn (EBITDA) und wird mit einem Unternehmenswert von 216 Mrd. USD bewertet. Das Gewinnwachstum liegt bei 9 bis 10 %. 2025 kaufte Linde Aktien im Wert von 7,4 Mrd. USD zurück, für 2026 ist derselbe Betrag geplant. Insgesamt verschwinden damit 7 % der ausstehenden Aktien vom Markt. Linde erhöht die Dividende seit 30 Jahren jedes Jahr, meist um 5 bis 7 %, und schüttet rund 45 % des Gewinns aus. Auf den Kurs vom 02.10.2026 gerechnet ergibt das ab dem Jahr 2040 eine Dividendenrendite von 2,5 %.

Die vollständige Wunschanalyse steht in der Heibel-Ticker-Ausgabe 26/40 vom 02.10.2026. Zur Zinslage: Kevin Warsh: Markt fürchtet Zinserhöhung – Heibel nicht. Zur Bewertung: Im Beitrag zu den Linde-Zahlen des dritten Quartals 2024 aus dem November 2024 steht das EV/EBITDA bei 23, der Ausblick sieht ein Gewinnwachstum je Aktie von 8 bis 10 %. Stand 02.10.2026 liegt das EV/EBITDA bei 16, das Gewinnwachstum bei 9 bis 10 %: Bei vergleichbarem Wachstum ist die Bewertung gesunken.

Quellen und Stand: Heibel-Ticker PLUS Ausgabe 26/40 vom 02.10.2026; Quartalszahlen: Linde-Quartalsmeldung vom 31.07.2026; Renditen: Forbes, 07.10.2026 (USA) und ms-aktuell, 01.10.2026 (Deutschland); Bewertung 2024: Heibel-Unplugged, November 2024; WKN und ISIN: finanzen.net; Helium: Exiger, 16.03.2026; SpaceX-Anlage: ConstructConnect, 13.08.2025; Geschäftsmodell: Linde plc, Directors‘ Report 2025.

Autor: Stephan Heibel, Chefredakteur und Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs.

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Stephan Heibel

Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.

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