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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 18.06.2026 um 10:33 Uhr

Nach dem SpaceX-Börsengang: Was der Fed-Entscheid für KI-Aktien bedeutet

Am 17. Juni 2026 hat die Fed unter ihrem neuen Chef Kevin Warsh den Leitzins zum vierten Mal in Folge unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen — genau so, wie ich es erwartet hatte. Damit bestätigt sich eine Einschätzung, die ich bereits in der Ausgabe vom 12. Juni formuliert hatte: Der Druck auf KI-Aktien der vergangenen Wochen war kein Stimmungsproblem, sondern strukturelle Rotation. Und der Fed-Entscheid markiert nun den Punkt, an dem sich diese Mechanik möglicherweise zu drehen beginnt.

SpaceX hatte am 12. Juni 2026 mit 75 Milliarden Dollar den größten Börsengang der Geschichte vollzogen. Das Geld kam nicht aus dem Nichts — Anleger, die SpaceX gezeichnet haben, mussten vorher verkaufen. Wer beobachtet hat, wie Nvidia, Apple oder Microsoft in den Wochen zuvor unter Druck gerieten, hat genau diese Mechanik gesehen. Als Herausgeber des Heibel-Tickers beobachte ich solche Kapitalströme seit 1998 — und ich habe selten eine so konzentrierte Welle neuer Aktienangebote in so kurzer Zeit erlebt.

SpaceX, Oracle, Alphabet saugen 185 Milliarden Dollar aus dem Markt

In der Woche vor dem SpaceX-IPO lieferte Oracle Quartalszahlen, die Phantasiezahlen aus früheren Jahren übertreffen: Der Umsatz stieg um 21 Prozent auf 19,2 Milliarden Dollar, das Cloud-Infrastrukturgeschäft wuchs um 93 Prozent. Und trotzdem fiel die Aktie — weil Oracle gleichzeitig die geplanten Investitionen für das kommende Geschäftsjahr auf 70 Milliarden Dollar anhob und sich davon 20 Milliarden über die Ausgabe neuer Aktien holen will. Der freie Cashflow lag im Geschäftsjahr 2026 bei minus 23,7 Milliarden Dollar. Oracle wächst sich in die Verschuldung hinein und verwässert die Aktionäre obendrein.

Eine Etage tiefer das gleiche Bild bei SuperMicro: Der Serverbauer nimmt 7 Milliarden Dollar über neue Aktien ein, um Komponenten für Aufträge im Volumen von rund 39 Milliarden Dollar zu beschaffen. Die Aktie verlor daraufhin fast 20 Prozent. Anleger zahlen die Verwässerung heute, weil die Marge frühestens 2027 kommt.

Hinzu kommt Alphabet, das in der Vorwoche knapp 85 Milliarden Dollar am Kapitalmarkt eingesammelt hat. Und nun SpaceX mit 75 Milliarden Dollar am Freitag. Das Angebot an Aktien wächst rasant. Dieses Geld muss irgendwoher kommen — und es kommt aus Portfolios, in denen bisher Nvidia, Apple, Microsoft und andere Technologieaktien standen. Wer einen dieser Titel hält und sich fragt, warum der Kurs in den vergangenen Wochen unter Druck stand, hat jetzt eine Antwort: Er stand nicht allein — er stand im Weg des größten Kapitalzugs, den die Börse je gesehen hat.

Ich selbst habe SpaceX gezeichnet. Bei einem Emissionspreis von 135 Dollar und einem vorbörslichen Handel von über 180 Dollar war das für mich eine kalkulierbare Spekulation. Meine Vorgehensweise war klar: Zeichnen und so schnell wie möglich wieder verkaufen. Die Absicherung durch den festgesetzten Ausgabepreis gab mir dabei die nötige Orientierung — wobei ich natürlich keine Garantie geben konnte, dass die Aktie tatsächlich am ersten Tag so stark zulegen würde.

Warum das kein Stimmungsproblem ist

Die meisten Anleger ordnen Kursdruck bei Technologieaktien als Stimmungsproblem ein: zu viel Unsicherheit, Iran-Krieg, Inflation. Das ist nicht falsch — aber es erfasst nicht den Kern. Die US-Verbraucherpreise stiegen im Mai um 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, der höchste Stand seit April 2023. Auf den ersten Blick ein Inflationsschock. Ein Blick unter die Oberfläche zeigt jedoch: Der Großteil des Anstiegs geht auf einen Energiepreissprung von 23,5 Prozent zurück. Die Kernrate ohne Energie stieg lediglich um 2,9 Prozent — weniger als erwartet. Transportdienstleistungen gaben sogar um 0,6 Prozent nach. Die Inflation ist also kein breites Preisproblem, sondern ein Ölpreisphänomen.

Meine These hat sich bestätigt: Wenn die Inflation zu 80 Prozent am Ölpreis hängt und der Ölpreis am Krieg, dann fällt sie tatsächlich schnell, sobald sich die Lage im Nahen Osten beruhigt. Die vorläufige Einigung zwischen den USA und dem Iran zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus ist genau dieser Schritt. Kevin Warsh hat am 17. Juni stillgehalten — aber der Dot Plot zeigt, dass die Fed-Mitglieder gespalten sind: 9 von 18 votieren für eine Zinsanhebung im zweiten Halbjahr, ebenso viele für unveränderte oder sinkende Zinsen. Der Handlungsspielraum hängt jetzt daran, wie schnell sich die Energiepreise normalisieren.

Das Anlegersentiment ist in dieser Ausgabe auf einen Wert von -1,6 gefallen, passend zum zwischenzeitlichen Wochenminus im DAX von -3,5 Prozent. Die Shortquote unter den Umfrageteilnehmern ist so hoch wie selten zuvor — nur sieben Mal in den vergangenen 20 Jahren gab es vergleichbar hohe Shortpositionierungen, und in den folgenden sechs Monaten stieg der DAX im Durchschnitt um 12,3 Prozent. Wer also denkt, das sei Stimmung gegen Technologieaktien, übersieht, dass die Kursschwäche strukturell begründet ist — und dass der Markt sich nach dem IPO-Schock erholen kann, sobald der Kapitalabzug endet.

Was mir in den vergangenen Tagen permanent durch den Kopf geht: Das Muster war klar erkennbar. In der Ausgabe der Vorwoche hatte ich bereits beschrieben, dass die Rotation aus bestehenden Positionen in neue Angebote weitergeht. Diese Woche hat sich genau das fortgesetzt — Oracle, SuperMicro, SpaceX. Anleger, die das als Reihe lesen statt als Einzelereignisse, verstehen den Mechanismus.

Anthropic im Oktober – was Anleger jetzt einplanen sollten

SpaceX ist nicht das Ende. Anthropic hat am 1. Juni 2026 vertraulich eine S-1 bei der SEC eingereicht — der Nasdaq-IPO ist für Oktober 2026 geplant, bei einer Bewertung von knapp einer Billion Dollar. Das ist kein unmittelbarer Druck, aber ein klarer Zeitplan. Wer Nvidia, Apple oder Microsoft im Depot hält, hat damit vier Monate Luft — aber auch vier Monate, in denen das Thema Kapitalabzug durch neue Emissionen immer wieder aufflackern wird. Allein SpaceX könnte in den kommenden Monaten alle zwei bis drei Wochen erneut Aktien im Wert von 75 Milliarden Dollar an die Börse bringen, da beim IPO nur vier Prozent der Aktien ausgegeben wurden.

Ich sage das nicht, um Pessimismus zu verbreiten. Ich sage es, weil es die Ausgangslage klar macht. Der akute Kapitalabzug rund um den SpaceX-IPO ist verdaut — aber wer den nächsten Druckschub nicht auf dem Radar hat, wird im Oktober wieder überrascht sein. Die Markttechnik entspannt sich gerade: Mit 15 Prozent Cash im Portfolio bin ich in der Lage, jederzeit zuzugreifen. Die Portfoliopositionen sind defensiv genug aufgestellt, um auch im Falle erneuter Belastungen nicht zu stark zu leiden.

Die Rotation findet nicht nur von KI zu defensiven Aktien statt, sondern auch innerhalb der KI-Branche selbst. Analysten haben in der Woche vom 9. Juni die Schätzung für Halbleiterfertigungsanlagen im laufenden Jahr auf 145 Milliarden Dollar angehoben — ein Plus von rund 32 Prozent. Für 2027 werden 185 Milliarden Dollar erwartet. Begrenzt werde das Wachstum nicht durch die Nachfrage, sondern durch fehlende Reinraumkapazitäten. Das ist der Unterschied: Ausrüster wie KLA, Applied Materials oder Lam Research verdienen unabhängig davon, welcher Chiphersteller am Ende gewinnt. Die klassische Schaufelverkäufer-Position — und strukturell robuster als ein direktes Wett auf Nvidia allein.


Die vollständige Analyse — inklusive Sentiment-Auswertung, Münchener-Rück-Wunschanalyse und allen Portfolioupdates zu Apple, Boeing und Novo Nordisk — finden Sie in Ausgabe 2026/24 des Heibel-Tickers. Wer das Strukturproblem der KI-Finanzierung noch tiefer verstehen möchte, findet im Blog-Beitrag zur Alphabet-Kapitalerhöhung die direkte thematische Vorgeschichte.


Stephan Heibel ist Chefredakteur und Herausgeber des Heibel-Tickers, dem wöchentlichen Börsenbrief für Privatanleger, den er seit 1998 herausgibt. Über 25.000 Leser nutzen seine Analysen zur Einordnung von Marktentwicklungen.

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Stephan Heibel

Seit 1998 verfolge ich mit Begeisterung die US- und europäischen Aktienmärkte. Ich schreibe nun wöchentlich für mehr als 25.000 Mitglieder über die Hintergründe des Aktienmarktes und die Ursachen von Kursbewegungen. Heibel-Ticker Mitglieder schätzen meinen neutralen, simplen und unterhaltsamen Stil. Als Privatanleger nutzen sie meine Einschätzungen und Anlageideen, um ihr Portfolio unabhängig zu optimieren.

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