Leserfragen (Juli 2026)


 Frage vom 30.07.2026

#ROIC als Qualitätskennziffer

Guten Morgen Herr Heibel,

Ich hab gerade etwas über Unternehmen mit hohem ROIC gelesen, wie würden Sie diesen Wert bei der Auswahl der Aktien einordnen ?

Vielen Dank

Freundliche Grüße

Dieter aus Hüven

 Antwort:

ROIC (Return on Invested Capital) ist ein guter Qualitätsindikator, aber kein Allheilmittel. Er ersetzt weder Bewertung noch Wachstumsperspektive.

ROIC misst, welche Rendite das Unternehmen auf jeden investierten US-Dollar (oder Euro) erwirtschaftet, egal ob dieses Kapital aus Eigenkapital oder Fremdkapital stammt. Damit ist er ehrlicher als die Eigenkapitalrendite (ROE - Return on Equity), die durch einen hohen Verschuldungsgrad künstlich aufgebläht werden kann. Ein Unternehmen mit einem ROIC von 20% und Kapitalkosten von 8% schafft jedes Jahr echten Mehrwert, weil jeder investierte Euro zwölf Cent an Gewinn nach Kapitalkosten bringt. Ein Unternehmen mit einem ROIC von 6% bei Kapitalkosten von 8% vernichtet Vermögen, selbst wenn Umsatz und Gewinn wachsen. Der ROIC zeigt, ob ein Burggraben (Marke, Netzwerkeffekt, Skaleneffekte) tatsächlich in bares Geld umschlägt.

Allerdings ist die Kennziffer ROIC rückwärtsgewandt. Ein hohes historisches Niveau sagt nichts darüber, ob der Burggraben in fünf Jahren noch trägt. Kodak hatte jahrzehntelang einen exzellenten ROIC, bis die Digitalisierung das Geschäftsmodell zermalmt hat.

Aktien mit dauerhaft hohem ROIC finden Sie überproportional in unserem Disruptiv- und Dividenden-Cluster - SAP, Palo Alto Networks, Munich Re als Beispiele. Aktien mit niedrigem oder schwankendem ROIC gehören eher ins Spekulations-Cluster, wo Sie eine bewusste Wette auf eine Kehrtwende eingehen. Wenn Sie den ROIC systematisch in Ihre Auswahl integrieren wollen, würde ich als Faustregel setzen: Langfristig über 15% mit stabiler Tendenz ist ein Qualitätsindikator, unter 10% mit hoher Verschuldung ist ein Warnsignal.


 Frage vom 22.07.2026

#Investition in Bitcoin zur Absicherung als Alternative zu Gold

Lieber Herr Heibel,
für welchen der beiden ETPs für eine Bitcoininvestition würden Sie sich momentan entscheiden?

Den in unserem Portfolio befindliche Bitwise Physical Bitcoin ETP A27Z30 mit 0,2 % Managmentgebühr p.a. oder den Coin Shares Bitcoin ETP A3GPMN mit der günstigeren Managmentgebühr von 0,15 % p.a.?

Sehen Sie weitere Unterschiede zwischen den beiden Exchange Traded Notes? Sehen Sie zusätzlich ein Problem in dem Emittentenrisiko (Insolvenz) und der fehlenden Einlagesicherung?

Andere Formen mit einer eigen Wallet sind zu kompliziert und haben mehr Risiken oder …

Ich freue mich über Ihre geschätzte Beurteilung und bedanke mich.
Herzliche Grüße
Henning aus Wendelsheim

 Antwort:

Bevor wir vergleichen, muss ich Ihre Ausgangszahl korrigieren: Der Bitwise Physical Bitcoin ETP (WKN: A27Z30) kostet nicht 0,2%, sondern 2,00% pro Jahr – gegenüber 0,15% beim CoinShares Physical Bitcoin reden wir also nicht über einen Viertelprozentpunkt Unterschied, sondern über fast zwei Prozentpunkte, Jahr für Jahr. Auf fünf Jahre gerechnet frisst das Bitwise-Produkt rund ein Zehntel Ihrer Position auf, das CoinShares-Papier weniger als ein Prozent. Die Erklärung ist historisch: Das Bitwise-Produkt (früher ETC Group) kam 2020 als eines der ersten physischen Bitcoin-Papiere Europas auf den Markt und konnte damals 2% verlangen, weil es kaum Konkurrenz gab. Seither tobt ein Gebührenkrieg: CoinShares hat seine Gebühr schrittweise von 0,98% über 0,25% auf nunmehr 0,15% gesenkt, und selbst Bitwise bietet inzwischen ein eigenes Billigprodukt an, den Bitwise Core Bitcoin ETP (A4AER6) für 0,05% – während das alte Produkt unter fast gleichem Namen weiter 2% kostet und von der Trägheit der Altanleger lebt. Achten Sie also penibel auf die WKN.

Jenseits der Kosten sind die Unterschiede gering. Beide Papiere sind zu 100% physisch mit Bitcoin hinterlegt, die Coins lagern im Cold Storage bei professionellen Verwahrern, und jeder Anteil verbrieft einen Anspruch auf eine definierte Menge Bitcoin. Bitwise emittiert aus Deutschland heraus, CoinShares aus Jersey; das CoinShares-Papier ist mit gut einer Milliarde Euro Volumen das größere, beide sind an deutschen Börsen liquide handelbar. Der Auslieferungsanspruch ist der Grund, weshalb solche Papiere steuerlich üblicherweise wie ein Direktinvestment in Bitcoin behandelt werden – Gewinne nach zwölf Monaten Haltefrist steuerfrei, statt der Abgeltungsteuer zu unterliegen. Allerdings möchte Lars Klingbeil die Haltefrist für den Bitcoin abschaffen. Ich bin mir nicht sicher, ob das gelingen wird.

Zum Emittentenrisiko: Ja, rechtlich halten Sie eine Inhaberschuldverschreibung, kein Sondervermögen. Die fehlende Einlagensicherung ist allerdings der falsche Maßstab – die sichert Bankguthaben ab, nicht Wertpapiere; auch Ihre Aktien und ETFs unterliegen keiner Einlagensicherung. Die richtige Frage lautet: Was passiert bei einer Pleite des Emittenten? Und da greift die Konstruktion dieser Papiere: Die hinterlegten Bitcoin sind über einen unabhängigen Treuhänder zugunsten der Anleger besichert und gehören nicht zur Insolvenzmasse des Emittenten – im Ernstfall werden sie verwertet oder ausgeliefert. Was bleibt, sind operative Restrisiken: ein Verwahrer könnte gehackt werden (Cold Storage minimiert das), und eine Abwicklung im Insolvenzfall kostet Zeit und Nerven. Diese Restrisiken sind der Preis dafür, dass Sie sich den Umgang mit eigener Wallet und privaten Schlüsseln ersparen. Wer sich die Selbstverwahrung nicht zutraut, tauscht mit dem ETP das Risiko des verlorenen Schlüssels gegen ein kleines, strukturell abgefedertes Emittentenrisiko.

Für Neuanlagen würde ich heute zum CoinShares-Papier oder zum Bitwise Core für 0,05% greifen, wenn Ihr Broker ihn führt. Für eine bestehende Position im alten Bitwise-Produkt gilt: Liegt Ihr Einstand mehr als zwölf Monate zurück, würde ich den Wechsel in das günstigere Papier vollziehen, denn die 2% Jahresgebühr sind auf Dauer nicht zu rechtfertigen; innerhalb der Jahresfrist würde ich mit dem Tausch ggf. bis zu deren Ablauf warten, um die Steuerfreiheit nicht zu verspielen.


 Frage vom 22.07.2026

#ASML weitet Fertigungskapazität in Eindhoven aus

Hallo Herr Heibel,
bin gerade in den Niederlanden unterwegs. U.a. Vesthoven/Eindhoven und komme auf dem Weg zu unserem Campingplatz
immer wieder an dem gigantischen ASML Werk vorbei. Unglaublich wie das Werk expandiert. Es werden für Kapazitätserweiterung
und Ausbildung neue Gebäude geschaffen.
Schade, dass wir den größten Lithographie System Anbieter für die Chipfertigung seinerzeit nicht auf dem Schirm hatten. Wäre sicherlich der
bessere Trade gewesen als PVA zu 27€ seinerzeit.
Wahrscheinlich ist die Aktie, auch nach den jüngsten beeindruckenden Zahlen, schon zu weit gelaufen und wird wohl erst nach einem Rücksetzer interessant. Vielleicht können Sie ja Mal auf ASML eingehen.

Mit freundlichen Grüßen

Bernd aus Mainz

 Antwort:

Da campieren Sie an der richtigen Stelle. Was Sie in Veldhoven vom Straßenrand aus beobachten, ist keine gewöhnliche Werkserweiterung, sondern der sichtbare Teil eines beispiellosen Kapazitätsausbaus: ASML will die Fertigungskapazität für seine EUV-Systeme bis 2027 um rund 30% erhöhen, für 2028 wird eine weitere Steigerung in ähnlicher Größenordnung geprüft, und auch die Kapazität der älteren DUV-Systeme soll um rund 30% wachsen. Die Neubauten, an denen Sie täglich vorbeifahren, sind die Baustelle für genau diese Pläne.

Der Anlass für den Ausbau steht in den jüngsten Zahlen: Im zweiten Quartal beschleunigte sich das Umsatzwachstum auf 21% bei einer Gewinnmarge von 54%, für das laufende Quartal stellt das Management einen Umsatz in Aussicht, der die bisherigen Analystenschätzungen um mehr als 10% übertrifft; zudem wurde die Jahresprognose zum zweiten Mal in diesem Jahr kräftig angehoben, bei gleichzeitig steigender Margenerwartung. Der KI-Investitionszyklus ist bei den Ausrüstern angekommen: Wer im Kapazitätsrennen nicht zu spät kommen will, bestellt beim einzigen Unternehmen der Welt, das die EUV-Lithographie beherrscht. Über die Qualität müssen wir also nicht diskutieren, denn ein Monopol auf die Schlüsseltechnologie des Jahrzehnts findet man kein zweites Mal.

Das EV/EBITDA steht bei 35, ASML wächst mit 20% im Umsatz, 24% im Gewinn. Das ist also nicht zu teuer, aber schon ambitioniert. Wetten auf Halbleiteraktien gelten laut der jüngsten Fondsmanagerumfrage der Bank of America den dritten Monat in Folge als der am stärksten überlaufene Trade der Welt. Dazu kommt eine alte Branchenweisheit: Die Ausrüster sind das zyklischste Glied der Halbleiterkette. Dieselbe Kapazitätsschlacht, die ASML heute die Bücher füllt, kann in zwei, drei Jahren für Überkapazitäten sorgen – und wenn die Chiphersteller dann ihre Investitionen kappen, trifft es die Maschinenbauer zuerst und am härtesten. Bäume wachsen auch in Veldhoven nicht in den Himmel.

Aktuell gibt es Verwirrung in der Halbleiterbranche: Kimi K3 stellt infrage, ob die Rechenleistung überhaupt so groß sein muss, um gute KI-Modelle zu entwickeln. IPOs und Aktienplatzierungen saugen derzeit Liquidität aus dem Markt, sodass die Kurstreiber derzeit nicht wirklich stark sind. Im Gegenteil, verunsicherte Anleger nehmen derzeit gerne Gewinne mit. Außerdem sorgt der Iran-Krieg für weitere geopolitische Verunsicherung. Ich würde daher mit einem Einstieg noch ein wenig warten, bis sich diese vielen Punkte wieder verflüchtigen. Mag sein, dass dies erst im Herbst geschieht.

Und trösten Sie sich mit Blick auf PVA TePla: Bei Kursen um 37 Euro liegen Sie mit Ihrem Einstand von 27 Euro gut ein Drittel vorne. Im gleichen Zeitraum wäre ASML gar nicht so viel besser gelaufen, denn auch ASML musste zwischenzeitlich Federn lassen. Dass auch PVA Tepla gerade knapp 20% von seinem Juni-Hoch abgegeben hat, passt im Übrigen ins Bild eines heißgelaufenen Sektors, der Luft ablässt.


 Frage vom 22.07.2026

#Cashquote: Wo bleibt das Geld?

Lieber Herr Heibel,

Sie sagen in Ihrem Kommentar vom 17.07.26 bezüglich US-Fondsmanagern als Warnung für fallende Kurse, dass:

"... die Cash-Quote nur noch bei mageren 3,6% liegt."

... wobei ich bei meinem Thema "verwirrende irreführende Aussagen" bin:

Wenn die Cash-Quote bei US-Fondsmanagern so niedrig liegt, dann muss Cash irgendwo anders in gleichem Umfang zugenommen haben.
Das könnte darauf schließen lassen, dass entsprechend dort hohe Liquidität bereit steht, Aktien zu kaufen und Kurse steigen zu lassen.

Da die Cash-Menge in erster Näherung für die Gesamtheit aller weltweiten Marktteilnehmer konstant ist (abgesehen von Money -Printing, usw.),
sind niedrige Cash-Bestände einzelner Marktteilnehmer irrelevant, da Cash im Gesamtmarkt konstant ist.

Ich weiß, dass die Verhältnisse komplexer sind, aber mich stören nach wie vor diese irreführenden und wörtlich genommen unsinnigen Finanzfloskeln und -Logiken.

Hinter diesen Floskeln verbergen sich komplexere Finanz-psychologische Prozesse, die aber leider verschwiegen werden.

Mit besten Grüßen
Volker

 Antwort:

Kann es sein, dass Sie die Begriffe „Quote“ und „Betrag“ durcheinander bringen?

Die Cash-Quote der Fondsmanager misst gar nicht die Geldmenge, sondern die Positionierung und Risikobereitschaft jener Gruppe, die an der Börse die Preise setzt. Die Cashquote wird auch in der monatlichen Umfrage der Bank of America unter gut 200 institutionellen Anlegern erhoben, deren Kassenbestand im Juli von 4,1% auf 3,6% des verwalteten Vermögens gefallen ist – unter die Schwelle von 4%, ab der das hauseigene Regelwerk ein Verkaufssignal gibt. Wohlgemerkt: Die Quote ist ein Verhältnis, kein Betrag. Sie kann sogar fallen, ohne dass eine einzige Aktie gekauft wird – allein dadurch, dass die Aktienbestände im Kurs steigen und niemand rebalanciert. Beides sagt dasselbe aus: Der Optimismus dieser Gruppe ist vollständig in Positionen umgesetzt, mehr geht kaum.

Und damit sind wir beim Kern Ihrer Frage. Kurse entstehen nicht in der Summe, sondern am Rand: beim jeweils nächsten Geschäft. Nicht die Menge des vorhandenen Geldes bestimmt den Preis, sondern die Dringlichkeit des nächsten Käufers im Verhältnis zum nächsten Verkäufer. Ist die wichtigste Käufergruppe bereits voll investiert, fehlt bei der nächsten Enttäuschung der Nachkäufer – nicht weil das Geld aus der Welt verschwunden wäre, sondern weil der Wille fehlt.

Ihr Umkehrschluss, das Geld liege nun eben woanders und stehe dort für Käufe bereit, scheitert an einer simplen Beobachtung: Wer das Geld jetzt hält, hat durch sein Handeln soeben bewiesen, dass er zu diesen Kursen lieber Cash hält als Aktien. Das viele Geld in den Geldmarktfonds wartet nicht auf Aktien, es verdient dort Zinsen, und seine Besitzer sind damit offenkundig zufrieden – sonst hätten sie längst gekauft. Und selbst wenn sie eines Tages kaufen, fließt auch dann kein Geld "in den Markt": Der Verkäufer trägt es im selben Moment wieder hinaus. Was sich ändert, ist allein der Preis, zu dem die Papiere den Besitzer wechseln. Ein einziger drängender Käufer, der den Briefkurs um 1% nach oben hebt, wertet die gesamte Marktkapitalisierung auf, ohne dass ein zusätzlicher Euro gebunden würde. Die Marktkapitalisierung ist eben keine Geldmenge, sondern ein Preisschild. Genau deshalb bewegen kurzfristig Stimmung und Positionierung die Kurse, nicht die Liquidität. Der Vollständigkeit halber: Konstant ist übrigens auch die Aktienseite nicht – Rückkäufe vernichten Angebot, IPO-Wellen schaffen neues und verteilen denselben Geldbestand auf mehr Papier.

Taugt die Quote als Warnsignal? Empirisch durchaus, wenn auch bescheiden: Werte von 3,6% oder darunter gab es seit 2002 erst 16 Mal, im Schnitt folgten zwei schwache Wochen und ein leicht negativer Monat, während Anleihen besser liefen. Kein Crash-Prophet also, sondern eine Warnlampe.

Ihr letzter Punkt schließlich rennt bei mir offene Türen ein: Ja, dahinter stecken finanzpsychologische Prozesse und die verschweige ich keineswegs, sie sind das Fundament meiner wöchentlichen Sentimentanalyse. Extreme Positionierung ist ein Kontraindikator: Wenn alle gekauft haben, die kaufen wollten, kann die Überraschung nur noch von der Verkäuferseite kommen. Die "magere Cash-Quote" ist meine Kurzformel für genau diesen Zusammenhang. Dass die Kurzformel wörtlich genommen hinkt, ist berechtigt angemerkt. Am Signal ändert es nichts.


 Frage vom 22.07.2026

#Squeeze Out bei Innotec TSS

Moin Herr Heibel,

aus gegebenem Anlass muss ich Sie noch einmal um Ihren Rat bitten.

Die obige Gesellschaft hatten wir aufgrund Ihrer Empfehlung von längerer Zeit im HT. Aufgrund der mangelhaften Infos der Gesellschaft zum Geschäftsverlauf bzw. Prognosen wurde die Aktie verkauft.

Weil aber gute Dividende gezahlt wurde und der Kurs so schlecht war habe ich die Aktie noch behalten.

Nun kommt da ein sehr mäßiges Übernahmeangebot, das Schriftstück habe ich der Mail beigefügt.

Ich bitte nun deshalb um Ihren Rat, weil der Anteil Aktien im freien Handel nur noch 15 % ausmacht.

Haben Sie etwas darüber erfahren, ob evtl. ein Delisting der Gesellschaft beabsichtigt ist?

Gern höre ich von Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Peter aus Münster

 Antwort:

Was Ihnen vorliegt, ist kein Übernahmeangebot im eigentlichen Sinne, sondern ein Pflichtangebot. Die beiden Gesellschaften GLI und Grondbach haben Ende Juni eine dauerhafte und verbindliche Stimmrechtsvereinbarung geschlossen und durch die wechselseitige Zurechnung der Stimmrechte die Kontrollschwelle des Übernahmegesetzes überschritten. Damit waren sie gesetzlich verpflichtet, allen übrigen Aktionären ein Angebot zu unterbreiten – und zwar zum gesetzlichen Mindestpreis, also den gewichteten Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate. Die 7,57 Euro sind demnach keine Bewertung des Unternehmens, sondern das Ergebnis einer Rechenvorschrift.

Dass das Angebot mäßig ausfällt, ist gewollt: Die Bieter erfüllen eine Pflicht, sie werben nicht um Ihre Aktien. Entsprechend gibt es keinen Grund, es anzunehmen, die Aktie notiert an der Börse ohnehin auf Angebotsniveau, Sie können also jederzeit zum selben Preis verkaufen, mit oder ohne Angebot. Pikant ist die Konstellation obendrein: Geschäftsführer der bietenden GLI ist Dr. Gerson Link, der zugleich Vorstand der InnoTec ist. Hier sammeln die Insider ein, und Insider kaufen erfahrungsgemäß nicht zu teuer.

Nun zu Ihrer eigentlichen Frage: Ein Delisting haben die Bieter öffentlich nicht angekündigt. Erklärtes Ziel ihrer Vereinbarung ist vielmehr, per Hauptversammlungsbeschluss eine Ausschüttung von mindestens 30% des Konzernjahresüberschusses durchzusetzen – die Dividende, deretwegen Sie die Aktie behalten haben, wollen die Großaktionäre also ausdrücklich festschreiben.

Bei nur noch 15% Streubesitz erfüllt eine Börsennotierung jedoch keine Funktion mehr, sie kostet das Unternehmen nur noch Geld und Berichtspflichten und Sie als Aktionär haben kaum eine Möglichkeit der Einflussnahme mehr. Dass früher oder später der Rückzug folgt, würde mich nicht überraschen. Entscheidend für Sie ist, dass Sie dabei nicht schutzlos wären: Ein Delisting aus dem regulierten Markt setzt ein weiteres Erwerbsangebot voraus, für das der Gesetzgeber mindestens den Sechsmonats-Durchschnittskurs verlangt. Und sollten die Bieter über das laufende Angebot die Schwellen von 90% oder 95% erreichen, stünde ein Squeeze-out im Raum, bei dem die Barabfindung anhand einer vollständigen Unternehmensbewertung ermittelt wird und gerichtlich überprüfbar ist. Bei substanzstarken Nebenwerten wie diesem liegt der so ermittelte Wert meist über dem Börsenkurs. Wer die Endphase solcher Konzentrationsprozesse geduldig aussitzt, wird historisch eher belohnt als bestraft. Doch Sie brauchen viel Geduld dafür.

Die Kehrseite dürfen Sie dabei nicht unterschätzen: Nach einem Delisting hielten Sie eine nicht mehr handelbare Aktie ohne Kurse und mit noch dünnerer Informationslage als bisher – und die war ja bereits der Grund, warum wir die Position seinerzeit aufgelöst haben. Sie müssten notfalls Jahre warten können, ohne an Ihr Geld zu kommen.

Das Pflichtangebot selbst würde ich verstreichen lassen, es bietet nichts, was die Börse nicht auch bietet. Die eigentliche Entscheidung lautet: Beunruhigt Sie die Aussicht, irgendwann eine unnotierte Aktie im Depot zu haben, dann würde ich über die Börse verkaufen, solange es noch laufend Kurse gibt. Bringen Sie dagegen die Geduld auf, spricht einiges dafür, dass die Familien für die letzten Prozente später mehr zahlen müssen als die heutigen 7,57 Euro – und die festgeschriebene Ausschüttungsquote versüßt die Wartezeit.


 Frage vom 22.07.2026

#Skyworks Solutions übernimmt Qorvo

Hallo Herr Heibel,
seit längerer Zeit halte ich Skyworks Solution im Depot. Kommt die Aktie
irgendwann noch in Fahrt. Eigentlich bin ich immer noch von der Firma überzeugt.
Oder sollte gibt es bessere Alternativen?
VG Thomas aus Schwäbisch Hall

 Antwort:

Geduld ist bei Skyworks bislang schlecht bezahlt worden, die Aktie sinkt auf immer neue Tiefstände, während der Halbleitersektor von Rekord zu Rekord eilte. Rund zwei Drittel des Umsatzes hängen an einem einzigen Kunden, nämlich Apple. Und Apple arbeitet seit Jahren konsequent daran, seine Zulieferer austauschbar zu machen. Beim iPhone 17 wurde eine Schlüsselkomponente doppelt beschafft, Skyworks verlor dadurch rund ein Fünftel bis ein Viertel seines Warenwerts je Gerät. Das Mobilfunkgeschäft, noch immer deutlich mehr als die Hälfte des Umsatzes, schrumpft entsprechend. Ihre Überzeugung vom Unternehmen ehrt Sie, aber das alte Skyworks, das Sie einst gekauft haben, hat sich stark verändert.

Abschreiben würde ich die Aktie dennoch nicht, denn die Geschichte hat sich gedreht. Erstens wächst das Geschäft jenseits des Smartphones zweistellig (WLAN-Chips der neuesten Generation, Rechenzentren, Autoelektronik) und steuert inzwischen gut 40% zum Umsatz bei. Zweitens, und das ist der eigentliche Kurstreiber: Skyworks übernimmt den Erzrivalen Qorvo. Die Aktionäre beider Unternehmen haben dem Zusammenschluss bereits zugestimmt, und Ende Juni hat das Management den erwarteten Vollzug auf Ende 2026 vorgezogen. Die angepeilten Kostensynergien entsprechen gut 6% des gemeinsamen Umsatzes und schlagen im margenstarken Chipgeschäft überproportional auf den Gewinn durch. Zudem verringert Qorvos Android-, Rüstungs- und Infrastrukturgeschäft die Apple-Abhängigkeit. Die Aktie hat sich vom Märztief um rund 30% erholt.

Teuer ist sie trotzdem nicht: Das EV/EBITDA liegt bei nur 7, die Dividendenrendite bei rund 4,7%. Sie werden also fürs Warten bezahlt. Bleibt das Risiko: Die US-Kartellbehörde hat eine vertiefte Prüfung der Fusion eingeleitet. Platzt der Zusammenschluss, fällt die Aktie auf die schrumpfende Apple-Story zurück.

Wenn ich die Aktie noch hätte, würde ich sie bis zum Vollzug der Fusion und durch die ersten gemeinsamen Quartale halten, denn die Dividende versüßt die Wartezeit. Sollte die Kartellbehörde den Deal untersagen, würde ich die Position ggf. auflösen.


 Frage vom 10.07.2026

#Dell +250% seit Jahresbeginn: Halten?

Hallo Herr Heibel,

vielen Dank für Ihre gute Arbeit und den immer hochinteressanten und lesenswerten Heibel-Ticker.

Sie hatten in den letzten Jahren Dell empfohlen (als spekulative Position), und nach einem übertriebenen Kurseinbruch während Amtsübernahme von Trump sogar zum Nachkauf geraten.
Ich habe beides gemacht, bin dann aber Ihrer Verkaufsempfehlung nicht nachgekommen, da ich die KI Story für Dell erst am Anfang sah.
Der Aktienkurs hat sich mittlerweile in abenteuerliche Höhen geschraubt.
Was würden Sie aktuell empfehlen? Halten oder aussteigen? Ich bin unentschieden und mich würde Ihre Meinung interessieren.

Vielen Dank für eine kurze Einschätzung und freundliche Grüße aus München,

Josef aus Gröbenzell (München)

 Antwort:

Vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Bei Dell haben Sie mit Ihrem Festhalten an der KI-Story bislang eindeutig recht behalten. Die Entwicklung ist inzwischen allerdings in eine neue Phase eingetreten: Aus der spekulativen Sondersituation ist ein sehr stark gelaufener KI-Infrastrukturwert geworden. Im laufenden Jahr erwarten Analysten für Dell ein Umsatzwachstum von 52% und einen Gewinnsprung von 62%. Das EV/EBITDA von 16 spiegelt diese Entwicklung noch immer nicht wider.

Gleichzeitig ist die Aktie inzwischen heiß gelaufen. Für Dell nimmt das aktuelle Bewertungsniveau bereits sehr viel KI-Erfolg vorweg. Denn das sprunghafte Wachstum im laufenden Jahr wird sich Analystenerwartungen zufolge in den kommenden Jahren nicht fortsetzen, da fällt Umsatz- und Gewinnwachstumserwartung in den niedrigen zweistelligen Bereich zurück (9-17%). Außerdem sorgen KI-Server zwar aktuell für Umsatzwachstum, sind aber nicht automatisch hochmargig. Bei steigenden Komponentenpreisen, Engpässen und Preisdruck könnte der Umsatz schneller wachsen als der Gewinn.

Ich würde daher die vorsichtige Erntephase einläuten: Wenn Sie sehr hoch im Gewinn liegen, würde ich einen Teilgewinn mitnehmen, um zumindest die ursprüngliche Investition aus der Position herauszuholen. Den Rest können Sie dann langfristig weiterlaufen lassen, Sie würden bei zwischenzeitlichen Bewertungskorrekturen keine schlaflosen Nächte haben. So bleiben Sie an der KI-Story beteiligt, reduzieren aber Ihr Risiko, bei einer normalen Korrektur des stark gestiegenen Kurses zu viel Buchgewinn wieder abzugeben. Wir waren komplett ausgestiegen, weil wir an der KI-Revolution noch mit anderen Positionen partizipieren und wir das Gesamtgewicht in ein vernünftiges Verhältnis setzen wollten.


 Frage vom 10.07.2026

#Deutz übernimmt Rüstungskonzern FFG

Sehr geehrter Herr Heibel,

Deutz AG hat heute bekannt gemacht, daß für den stolzen Kaufpreis von 1,6 Mrd. € der Rüstungsspezialist FFG erworben wird (vorbehaltlich die Aufsichtsbehörde stimmt zu). 1 Mrd. soll über ein Bankenkonsortioum finanziert werden, der Rest über die Ausgabe neuer Aktien. Die Altfamilie behält 29,9 %. Außerordentliche HV soll am 24. August stattfinden.

Nach dem Rüstungsgipfel in Ankara wird anscheinend die Ausstattung von Armeen überdacht. Anscheinend weniger Kampfpanzer und dafür mehr Bewaffnung in Richtung Drohnen usw. Rheinmetall leidet aktuell im Kurs bereits nach diesen Einschätzungen.

Wie schätzen Sie diese Situation ein, da FFG anscheinend gerade im Panzerbau und deren Instandhaltung den Schwerpunkt hat? Der Kurs von Deutz hat zwar positiv reagiert, aber das muß ja nicht so bleiben.

Viele Grüße

Helmut aus Grettstadt

 Antwort:

Der FFG-Kauf ist für Deutz tatsächlich ein großer strategischer Sprung: 1,6 Mrd. Euro Kaufpreis bei rund 760 Mio. Euro FFG-Umsatz 2025, finanziert mit rund 1,0 Mrd. Euro Bankkredit und rund 0,6 Mrd. Euro neuen Aktien. Dabei ist Deutz heute gerade einmal 1,8 Mrd. EUR wert (Enterprise Value). Die Verkäuferfamilien sollen dadurch bis zu 29,9% an Deutz halten und langfristige Ankeraktionäre werden. Das ist ambitioniert, aber nicht abwegig, denn FFG bringt laut Deutz mehr als 1,9 Mrd. Euro Auftragsbestand, über 90% NATO-Kunden einschließlich Ukraine sowie rund 90% Geschäft mit Wartung, Reparatur, Instandsetzung und Modernisierung (kurz: MRO).

Gerade deshalb würde ich FFG nicht nur als klassischen „Panzerbauer“ sehen. Der Schwerpunkt liegt stark auf der Nutzungsverlängerung, Umrüstung und Einsatzbereitschaft vorhandener Landfahrzeuge. Wenn Armeen künftig stärker auf Drohnen, Elektronik und beweglichere Systeme setzen, verschwindet der Bedarf an geschützten Fahrzeugen nicht. Im Gegenteil: Bestehende Flotten müssen modernisiert, repariert, mit neuen Modulen ausgerüstet und länger genutzt werden. FFG passt damit eher in den Trend „mehr einsatzfähige Systeme, schneller verfügbar“ als in die enge Wette auf neue schwere Kampfpanzer.

Das Risiko liegt weniger im Absatzmarkt, sondern eher in der Finanzierung und im Preis. Deutz nimmt viel Fremdkapital auf und verwässert durch die Ausgabe neuer Aktien die Aktionäre deutlich. Außerdem muss die außerordentliche Hauptversammlung am 24. August zustimmen, das Closing wird erst Ende 2026 oder im ersten Quartal 2027 erwartet. Positiv ist, dass die Verkäufer einen großen Teil des Kaufpreises in Deutz-Aktien nehmen. Das spricht dafür, dass sie an die gemeinsame Plattform glauben.

Strategisch eröffnet die Übernahme Deutz einen Zugang zum wachstumsstarken Verteidigungsmarkt. Kurzfristig ist die Aktie nach der positiven Reaktion aber kein Selbstläufer, denn Bewertung, Verschuldung und Integration müssen erst verdient werden. Für Anleger ist das nun keine reine Motorenaktie mehr, sondern eine deutlich offensivere Verteidigungs-Industrieplattform mit entsprechend größerer Chance, aber auch größerem Risiko.

Die Bewertung von Deutz bleibt extrem günstig: Ein EV/EBITDA von nur 9 ist für das im laufenden Jahr erwartete Gewinnwachstum von 74% viel zu günstig. Auch in den kommenden Jahren wurde bislang ein zweistelliges Gewinnwachstum erwartet. Nun wird die Integration dieser großen Übernahme zunächst Kosten verursachen und die reichhaltigen Gewinne, die uns Aktionären versprochen werden, weiter in die Zukunft verschieben. Daher wird der Aktienkurs eher auf die Entwicklung der Geduld der Anleger reagieren, als auf die aktuelle Bewertungssituation.


 Frage vom 06.07.2026

#Übernahmeangebot für Hugo Boss

Guten Tag Herr Heibel,
für diese Aktien liegt ein Abfindungsangebot von 38,00 Euro vor. Haben Sie Informationen bzw. eine Empfehlung hierzu?
Danke für Ihre Mühe und freundliche Grüße
Otto aus Visbek

 Antwort:

Bei Hugo Boss handelt es sich um ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot der britischen Frasers Group, die bereits gut 26% an Hugo Boss hält. Geboten werden die von Ihnen genannten 38,00 Euro. Das Angebot ist nicht mit Vorstand und Aufsichtsrat von Hugo Boss abgestimmt.

Ich halte das Angebot für nicht besonders attraktiv. Die Prämie lag zum Zeitpunkt der Ankündigung nur bei rund 4% auf den letzten Börsenkurs beziehungsweise auf den Drei-Monats-Durchschnittskurs. Für ein Übernahmeangebot ist das wenig. Zudem nutzt Frasers aus meiner Sicht eine schwache Phase der Hugo-Boss-Aktie, um den eigenen Einfluss auszubauen.

Institutionelle Anleger, die kurzfristig Liquidität benötigen und mit 38,00 Euro zufrieden sind, können das Angebot annehmen. Wir Privatanleger müssen jedoch nicht vorschnell verkaufen und können es jederzeit zum aktuellen Börsenkurs verkaufen, ohne den Kurs zu beeinflussen. Ich würde daher das Angebot eher als Untergrenze denn als besonders großzügige Abfindung betrachten.


 Frage vom 06.07.2026

#Erfolgsaussichten im Iran-Konflikt

Hallo Herr Heibel,

so wie Sie im letzten HT einfach eine Äußerung über unsere Medien machen, ist das schlicht unqualifiziert, lieber Herr Heibel.

Denken Sie doch einmal darüber nach, was unsere "bekanntlich linksorientierten Medien" überhaupt sind. So eine pauschale Herabwürdigung ist deplatziert, weil es die "Medien" als solche nicht gibt. Wir haben einen bunten Strauß in den verschiedenen Kanälen. Ja, dabei gibt es auch rechtsextreme und wenig renommierte Medien, die können sie wohl kaum als Referenz heranziehen wollen, so hoffe ich wenigstens. Ich glaube nicht, dass sich bspw die FAZ von so einer Bewertung angesprochen fühlte. Überwiegend setzen insbesondere die gerade oft kritisierten, öffentlich-rechtlichen Medien auf eine gute und ausgewogene Recherche. Dabei kommt es halt nicht zu einer einfachen Übernahme von rechten Inhalten, und das ist auch gut so! Gerade im Gegenteil finden Sie bei den rechtsextremen Medien doch sehr oft haarsträubende und aus der Luft gegriffene Behauptungen, die keiner sachlichen Analyse standhalten. Aber die Sau ist billig durchs Dorf getrieben, und mehr sollte wahrscheinlich gar nicht erreicht werden. So gesehen sind dann die Medien der Mitte schon linksorientiert.

So eine billige, pauschale Aussage hat im HT doch nichts verloren! Das ist für mich eine Art Kulturkampf, und dafür habe ich den HT nicht abonniert. Bleiben Sie bei dem, was Sie gut können und wofür Sie regelmäßig gelobt werden.

Und noch ein Punkt, Zitat: "Wenn Sie nun denken, dass niedrige Zinsen ein Glücksfall für Trump wären, würde ich eher sagen: Das war der Plan. Ein hohes Zinsniveau bedrohte die Solvenz der USA und Trump musste einen Weg finden, das Zinsniveau zu senken. Größter Einflussfaktor für die Inflation ist der Ölpreis, denn Öl geht in alle Bereiche der Wirtschaft ein: Kunststoffe, Transport/Logistik, Spritkosten für die Fahrten zur Arbeit, Energieversorgung, ... Es war der eine Hebel mit der größten Wirkung. Durch die zeitlich begrenzten Verwerfungen (Venezuela, Iran) wurden langfristig neue Kapazitäten geschaffen, die nun den Ölpreis nachhaltig senken werden."
Wenn das nun wirklich der Plan gewesen sein sollte, dann frage ich doch noch einmal nach, warum das so viele Menschenleben kosten musste, soviel Geld für die Angriffe auf den Iran ausgegeben und gleichzeitig so viele, teure Anstrengungen zur Verteidigung im Nahen Osten erforderlich waren? Dieses Ziel hätte man äußerst wahrscheinlich auch mit viel weniger Einsatz auf anderen Wegen erreichen können, mit weniger unkalkulierbaren Auswirkungen auf internationale Beziehungen. Das ist nicht der einzige Hebel, von dem Sie da schreiben. Abgesehen davon wurde unglaublich viel Vertrauen verspielt. An dieser Stelle widerspreche ich Ihren Äußerungen, auch wenn letztlich Ihre Einschätzung zur Rolle des Ölpreises noch stimmen dürfte (solange wir von den fosslien Energieträgern dort so abhängig sind). Was die langfristigen Auswirkungen des Krieges angeht, können wir das heute wohl kaum abschätzen. Wer hat denn bisher am meisten von dem Krieg profitiert? Offensichtlich das Regime im Iran!

Dann kommt noch hinzu, dass Regimewechsel mit auf der Tagesordnung stand. Doch als es notwendig war, die Menschen im Iran zu unterstützen, da passierte nichts außer einem Versprechen, Hilfe ist unterwegs. Die westlich gesinnten Iraner wurden alleine gelassen. Jetzt sitzt das Regime fester im Sattel als zuvor, erhandelt sich ua finanzielle Vorteile und hat künftig sehr wahrscheinlich die Hand auf der Straße von Hormuz. Das wird ein Unterpfand, mit dem das Regime Irans noch reichlich wuchern wird, und wir noch teuer dafür bezahlen werden. Von der Atombombe lässt das Regime in der Zukunft ebenfalls nicht, genauso wenig wie es seit Trumps Ausstieg aus dem Atomabkommen 2017 davon gelassen hat.

Wo ist hier ein planvolles Vorgehen erkennbar? Ich finde es nicht, beim besten Willen nicht. Ziel verfehlt würde ich da urteilen.

Diese Punkte zusammen genommen rechtfertigen auch den Krieg noch immer nicht. Wie gesagt, bleiben Sie bei dem, was Sie gut können und wofür Sie regelmäßig gelobt werden.

--
Mit freundlichen Grüßen

Helmut aus Nürnberg

 Antwort:

Vielen Dank für Ihre ausführliche Rückmeldung. Ich verstehe die Kritik, dass die Formulierung von den „bekanntlich linksorientierten Medien“ als zu pauschal wahrgenommen wird, sofern ich keine Begründung liefere. Doch der Heibel-Ticker ist ja bewusst kein nüchternes Faktenportal, sondern ich formuliere darin meine Meinung, die ich aufgrund der mir vorliegenden Fakten gebildet habe. Bei Rückfragen, wie der von Ihren, liefere ich die Begründung gerne hiermit nach.

[So erfolgte seitens der TU Dortmund 2024 eine umfangreiche Befragung von 525 deutschen Journalisten](https://www.journalismusstudie.fb15.tu-dortmund.de/wp-content/uploads/2024/09/2024-Journalismusbefragung_Journalismus-und-Demokratie.pdf). 41% davon fühlten sich den Grünen nahe, weitere 16% der SPD und nochmal 6% den Linken. Also insgesamt 63% eher links. Im Gegenzug dazu fühlen sich nur 8% der CDU nahe, 3% der FDP.

[Noch extremer war 2020 das Ergebnis eine Umfrage unter 150 Volontären von ARD und ZDF](https://meedia.de/news/beitrag/14365-ard-volontaere-wuerden-mit-absoluter-mehrheit-die-gruenen-waehlen.html): 57,1% Grüne, 23,4% Linke, 11,7% SPD, also zusammen gut 92% für grün-rot-rot. Es nahmen aber nur 86 der 150 Befragten teil, so dass die geringe Teilnehmerzahl Anlass zu Kritik bietet.

Ich finde trotzdem, da kann man schon von linksorientierten Medien sprechen, oder?

Ich habe den Krieg gegen den Iran nicht gerechtfertigt. Eine Erklärung eines möglichen Kalküls ist keine moralische Billigung. Meine These war: Ein niedrigerer Ölpreis kann für die US-Regierung ein wichtiger Hebel sein, um Inflationserwartungen und damit mittelbar auch das Zinsniveau zu beeinflussen. Das heißt aber nicht, dass militärische Eskalation der richtige Weg dorthin wäre - im Gegenteil. Aus Sicht der US-Regierung könnte die Senkung des Ölpreises ein strategisches Ziel gewesen sein. Ob dieses Ziel mit den gewählten Mitteln erreichbar war, ob die Nebenwirkungen beherrschbar sind und ob die Rechnung am Ende aufgeht, ist eine ganz andere Frage. Da bin ich klar der Meinung, dass die Trump-Administration damit viel Unheil angerichtet hat.

Zum Schluss ziehen Sie nun jedoch Schlussfolgerungen, die ich noch lange nicht als gegeben sehe: Wie kommen Sie darauf, dass der Regimewechsel auf der Tagesordnung stand? Wie kommen Sie darauf, dass das Regime vom Krieg profitierte und nun fester im Sattel sitzt als zuvor? Und wie kommen Sie zu der Schlussfolgerung, dass der Iran nicht von der Atombombe lassen wird und zusätzlich die Hand auf der Straße von Hormus hat?

Ich sehe den Iran und das iranische Regime als stark geschwächt, insbesondere weil die Nachbarländer sich inzwischen koordinieren. Atombombe und Straße von Hormus sind nach wie vor heikle Themen, deren Ausgang noch nicht geklärt ist. Je mehr Gegenwind die Trump-Administration erfährt, ob zu Recht oder zu Unrecht sei dahingestellt, desto schwerer wird es, den Iran zum Einlenken zu bewegen. Insofern ist es nicht nur voreilig, wenn die „linke Presse“ die Situation schwärzer darstellt als sie ist, sondern sogar kontraproduktiv.

Ich nehme Ihre Kritik gerne an und versuche hiermit, meine Position etwas zu verdeutlichen. Der Heibel-Ticker soll keine Bühne für Kulturkampf sein, sondern ein Ort, an dem politische und wirtschaftliche Entwicklungen nüchtern eingeordnet werden – mit Blick auf Kapitalmärkte, Risiken und Chancen. Zuspitzung gehört zu meinem Stil ;-) und entsprechende Begründungen liefere ich gerne bei Bedarf nach. Wenn ich jedoch jede meiner Schlussfolgerungen akribisch belegen muss, wird das Lesen zu anstrengend.

Daher vielen Dank für Ihren Widerspruch. Er war deutlich, und inhaltlich begründet. Solche Rückmeldungen helfen mir besser zu verstehen, wie meine Ausführungen aufgenommen werden.


 Frage vom 06.07.2026

#Kauf von physischen Goldmünzen und Goldbarren

Hallo Herr Heibel,

Wie stehen Sie aktuell zu einer weiteren Absicherung in Gold, nachdem der Preis deutlich zurück gekommen ist.

Ich würde gerne ein paar Münzen kaufen. Wie gehe ich dazu am besten vor?

Was halten Sie z.b. von diesem Anbieter:

https://philoro.ch/shop/goldmuenzen

Ich wundere mich etwas, warum der Kauf- und Verkaufspreis teilweise so stark voneinander abweichen.

Vielen Dank im Voraus & LG!

Tobias aus Allensbach

 Antwort:

Philoro ist ein etablierter, seriöser Händler, aber das Bild ist nicht makellos. Gute Preise und netter Service werden durch teils lange Wartezeiten gestört. Wer viel Geld in Gold investiert, möchte nicht zu lange auf dessen Lieferung warten. Es gibt keine direkten Kaufgebühren und branchenüblich gute Spreads (Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufspreis, genau damit machen Edelmetallhändler ihren Gewinn, insbesondere wenn es keine zusätzlichen Gebühren gibt), ist aber bei der Lagerung nicht günstig.

Beim deutschen Trusted-Shops-Profil mit fast 950 Bewertungen dominiert klar das Positive, etwa dass philoro einen am Wochenende fixierten Kaufpreis auch bei zwischenzeitlich gestiegenem Kurs bestätigte. Kaufen bei philoro funktioniert in der Regel reibungslos und zu wettbewerbsfähigen Preisen. Die kritischen Berichte häufen sich fast ausschließlich beim Ankauf (Verkauf durch den Kunden).

Der Spread ist ein wichtiges Thema. Je nach Summe würde ich bei kleinen Beträgen zu Münzen und ab 100 g zu Barren greifen. Die 5,8 g Feingold des Vreneli sind der Einstieg (710 CHF), am kleinsten ist der Spread bei Unzen - egal ob Krügerrand (Südafrika) oder andere Unzen. Für größere Beträge würde ich Barren nehmen: 100 g, 250 g, 500 g, etc. Am geläufigsten sind tatsächlich der 100-g-Barren und die Unzen-Münze. Ich habe die Preise mit anderen Goldhändlern verglichen, da scheint mir der von philoro aufgerufene Spread handelsüblich.

Physisches Gold holt man sich langfristig, es ist kaum dazu geeignet, als Zahlungsmittel zu dienen. Daher sind die kleinen Beträge mMn auch nicht wirtschaftlich. Ich würde also erst ab mindestens 700 CHF (Vreneli) Gold physisch kaufen. Für Beträge über 1 kg (über 100.000 CHF) sollten Sie Versicherung, Steuer und anderes gegebenenfalls in Verbindung mit Verwahrstellen sorgfältig analysieren.


 Frage vom 02.07.2026

#CTS Eventim aktuell günstig bewertet

Lieber Herr Heibel,

da ich Ihnen zum ersten Mal schreibe, möchte ich mich an dieser Stelle für ihr Engagement bedanken.
An zweiter Stelle möchte ich Sie bitten einen Blick auf CTS zu werfen. Sie hat ordentlich Federn gelassen daher find eich sie jetzt interessanter denn je.

Vielen Dank nochmal für ihre Arbeit und nähe zu Ihren Abonnenten.

Liebe Grüße,
Lucas aus Siegsdorf

 Antwort:

Mit CTS haben Sie eine derzeit gute Aktie gefunden. „Derzeit“, weil das Geschäft in der Corona-Zeit quasi zum Erliegen kam, die Aktie kräftig einbrach und der Fortbestand des Unternehmens in Frage stand. Es folgte die Erholung und der starke Nachholbedarf bei den Kunden, die zu erhöhten Preisen kein Event, kein Konzert ausließen und dem Unternehmen zu Wachstumsraten um die 20% p.a. im Umsatz über mehrere Jahre bescherten. Die Aktie sprang von 40 Euro Mitte 2022 auf 114 Euro Mitte 2025.

Doch der Nachholeffekt ist nun eingepreist und die Wachstumsraten kommen wieder auf ein „normales“ Niveau von 3-5% p.a. im Umsatz zurück. Die Aktie war für ein so langsames Wachstum viel zu hoch bewertet und korrigiert nun wieder. Aktuell steht sie wieder bei 53 Euro. Analysten hinken noch immer der Entwicklung hinterher und senken bei jeder Gelegenheit ihre Gewinnerwartung, so dass die Aktie keinen Boden findet.

Inzwischen steht das EV/EBITDA bei nur noch 6. Für den Gewinn werden im laufenden und in den kommenden beiden Jahren Wachstumsraten von 6-9% p.a. erwartet, damit ist die Aktie günstig.

Nun habe ich gestern Abend zufällig zwei Karten für das Konzert des Rappers A$AP Rocky in der Barclays Arena hier in Hamburg gekauft, über CTS Eventim. Es wird das erste Konzert sein, das meine Tochter besucht, und ich habe uns weit hinten, weit oben positioniert. Wir werden das Gesicht von A$AP Rocky vermutlich kaum erkennen. Pro Karte habe ich 100€ ausgegeben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier die Zahlungsbereitschaft der „Fans“ zu stark ausgenutzt wird. Mit so hohen Preisen muss man jederzeit damit rechnen, dass Konzerte auch mal nicht ausverkauft sind. Wenn wir hier in Deutschland den Gürtel mal wieder etwas enger schnallen müssen, dann wären Konzerttickets so ziemlich das erste, an dem der Konsument sparen würde.

Ich finde, das Geschäftsmodell von CTS Eventim ist ziemlich solide, die Bewertung günstig, und auf Sicht von mehreren Monaten kann ich mir gut vorstellen, dass die Aktie zulegen wird. Doch langfristig unterliegt das Geschäft sehr stark dem Konjunkturrisiko, so dass es für mich eher eine Spekulation wäre als ein Investment.


 Frage vom 01.07.2026

#Deutsche Telekom mit negativer Dynamik

Guten Tag Herr Heibel,

Ihre Idee mit der "Wunschanalyse" finde ich einfach hervorragend! Sicher ist die Wunschliste Ihrer Leserschaft inzwischen schon lang, dennoch möchte ich die Deutsche Telekom noch hinzufügen, wenn sie nicht ohnehin schon vorgeschlagen wurde.

Die Aktie hat seit 03/25 fast ein Drittel ihres Wertes verloren und nach einer Erholung bis März 26 ist sie wieder unterwegs gen Süden. Die Voten der Analysten Buy / Hold / Sell bewegen sich dennoch unbeirrt bei 9/0/0 bis 7/0/0. Bei den Kursverlusten hilft auch die wirklich gute Dividende nicht! Die Aktie ist schon lange in meinem Depot, aber es fällt mir seit Anfang 2025 zunehmend schwer, dabei zu bleiben. Mich würde daher Ihre Meinung sehr interessieren. Falls es mit der Wunschanalyse so schnell nichts werden kann, dann vielleicht als Antwort in der Rubrik Leserbriefe.

Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen Gerhard aus Kornwestheim

 Antwort:

Die Deutsche Telekom hat es in die Vorschlagsliste dieser Woche geschafft, musste sich dann aber hinter Alphabet mit dem zweiten Platz geschlagen geben. Daher vorerst leider keine Wunschanalyse.

Dennoch kurz meine Einschätzung: 2019 wurde die Dividende gesenkt und es dauerte bis 2022, um das Niveau von 2018 wieder zu erreichen. Daher erfüllt diese Aktie nicht unsere Kriterien für eine Dividendenaktie. Doch die anderen vier Kriterien sind erfüllt: Hohe Dividendenrendite von 3,6%, moderate Ausschüttungsquote, regelmäßige Anhebungen und eine ordentliche Wachstumsrate.

Der Umsatz wächst mit 3% p.a., das ist in einem reifen Markt nicht überraschend, aber dennoch zeigt auch diese Kennziffer, dass mit großen Sprüngen nicht gerechnet werden sollte. Mit einem EV/EBITDA von 6,2 ist das moderate Wachstum fair bewertet.

Analysten senken regelmäßig ihre Gewinnerwartung, was für eine negative Dynamik spricht. Daher kann ich nicht abschätzen, wann diese negative Dynamik, die auch den Kurs mit nach unten zieht, endet. Die Investitionen werden kräftig nach oben gefahren, was den freien Cashflow belastet. Es muss sich erst zeigen, ob sich die Investitionen rechnen.

Ich würde davon ausgehen, dass sich die Investitionen rechnen, allerdings kann es noch eine Weile dauern, bis sich das im Kurs zeigt. Aktuell würde ich daher nur mit engem Stop-Loss eine erste Position eröffnen, wenn überhaupt. Grundsätzlich warte ich lieber, bis diese negative Dynamik endet, bevor ich mich für eine Aktie entscheide.