Leserfragen (Mai 2025)


 Frage vom 28.05.2025

#First Solar: Extrem günstig, weil extrem gefährdet

Lieber Herr Heibel,

Vielen Dank für Ihre wöchentliche Börsenanalysen, die ich gern, aber leider nicht jede Woche, verfolge und lese.

Heute möchte ich Ihnen eine Hintergrundinformation zu First Solar geben, die für Ihre Investmententscheidung meiner Meinung nach berücksichtigt werden sollte. Die Beurteilung ist mir möglich, da ich seit vielen Jahren in der Metallbranche tätig bin.

Die Solarzellen von First Solar basieren auf der Dünnschichttechnologie. Diese ist nur wenig verbreite und First Solar der einzige Hersteller global von Bedeutung. Die Solarzellen sind günstiger in der Herstellung und die wesentliche Kostenkomponente für First Solar ist Cadmiumtellurid, also die beiden Metalle Cadmium und Tellur. Dies ist vergleichbar mit Silizium für Standardsolarzellen.

Cadmium ist global als Metall gut verfügbar, Tellur aus vielerlei Gesichtspunkten nicht und zudem ein sehr kleiner Markt. First Solar ist global mit Abstand der größte Verbraucher von Tellur, der größte Produzent ist China. Vor zwei Wochen hat China den Export beschränkt, wie das auch schon für andere Metalle wie Gallium, Germanium oder Antimon, die für die amerikanische Wirtschaft von immenser Wichtigkeit sind, geschehen ist. Der Tellurpreis ist daraufhin in kurzer Zeit um 30% angestiegen.

Viele Produkte wie die der Halbleiterbranche können Kostensteigerungen von Rohstoffen wie Metalle oft gut in der gesamt sehr hohen Margen auffangen. Dies ist für Tellur und die Solarzellen von First Solar nicht in diesem Maße gegeben. Der Vorteil gegenüber Siliziumsolarzellen kann dadurch schnell aufgezehrt werden. Dies ist in der Vergangenheit auch schon geschehen und hat einige schwierige Jahre bei First Solar mitgeprägt.

Eine genaue, quantifizierte Beurteilung ist mir nicht möglich, ich halte die Entwicklung um den Rohstoff Tellur aber für elementar in Bezug auf die weitere Entwicklung von First Solar.

Wenn ich Ihnen in einem kurzen Gespräch mit weiteren Infos helfen kann, melden Sie sich sehr gern bei mir.

Beste Grüße aus Meiendorf

Lars

 Antwort:

Herzlichen Dank für diesen Einblick. Ich habe mich damals bemüht [die Email stammt vom Februar], Details über Tellur herauszufinden: Verfügbarkeit, Preisbildung, etc., doch leider gibt es nicht einmal bei Bloomberg Daten dazu. In den vergangenen 10 Jahren wurde nur dreimal bei Bloomberg über Tellur berichtet.

Inzwischen hat China Exportkontrollen für reines Tellur als auch verschiedene tellurhaltige Verbindungen wie Cadmiumtellurid (CdTe), Cadmium-Zink-Tellurid (CdZnTe) und Cadmium-Quecksilber-Tellurid (CdHgTe) eingeführt. Exportierende Unternehmen müssen nun spezielle Lizenzen beantragen, um diese Materialien auszuführen. Dies ist zwar noch kein Exportverbot und auch keine Beschränkung, doch es nimmt Zeit und Verwaltungsaufwand in Anspruch und könnte als Vorstufe betrachtet werden, sollte sich der Zollstreit weiter zuspitzen.

Die Aktie von First Solar ist daher von mehreren Seiten unter Druck. Die Trump-Administration tut alles, um fossile Brennstoffe zu fördern. Kürzlich wurde verkündet, dass Förderungen für Solarenergie auslaufen, Solaraktien brachen daraufhin ein. Die Aktie von First Solar befindet sich eigentlich seit anderthalb Jahren im Abwärtstrend von 250 EUR auf zwischenzeitlich 110 EUR. Vor 10 Tagen gab es positive Analystenkommentare zu First Solar, die auf die massive Unterbewertung hinwiesen. Die Aktie sprang um 23% an. Doch die Hälfte des Kurssprungs wurde in den Folgetagen umgehend wieder abgegeben.

Die Empfehlung der Aktie war eine Value-Empfehlung, die ich nachvollziehen kann: Der Umsatz von First Solar wächst im Jahr mit durchschnittlich 20%, der Gewinn dürfte in den kommenden Jahren ebenfalls kräftig anspringen, solange die Lieferketten intakt bleiben und die Trump-Administration nicht weitere Steine in den Weg rollt. Aktuell beträgt das EV/EBITDA für 2025 lediglich 5, die Aktie ist also viel zu günstig bewertet. Bei 20% Wachstum wäre ein EV/EBITDA von 20 vertretbar.

Ich denke, First Solar kann sich zu einer Rakete entwickeln, sofern der Zollstreit mit China gelöst wird. Bis dahin wäre ich jedoch weiterhin vorsichtig.


 Frage vom 28.05.2025

#Short-Squeeze bei CoreWeave

Guten Tag Herr Heibel,
kurze Frage: Was halten Sie von CoreWeave?
Gruß
Jürgen aus Eggefelden

 Antwort:

CoreWeave ist ein junges Unternehmen, das sich auf den Bau von optimierten KI-Rechenzentren spezialisiert hat. Dabei gilt CoreWeave als führend, wenn es darum geht, die maximale Leistung eines Rechenzentrums mit einer effizienten Energieversorgung zu kombinieren. Der Börsengang im März war ein Reinfall, der Emissionspreis musste gesenkt werden und auch die Anzahl der ausgegebenen Aktien war geringer als geplant. Bis Ende April fiel die Aktie nochmal um 20%. Sie wurde heftig geshortet (leerverkauft, also auf weiter fallende Kurse spekuliert).

Doch dann zeigte sich, dass es eine sehr starke Nachfrage nach den KI-Rechenzentren von CoreWeave gibt. Die Aktie fand einen Boden und erholte sich langsam. Vor kurzem gab das Unternehmen dann eine Anleihe zur Finanzierung weiterer Projekte aus, Volumen: 2 Mrd. USD. Die Anleihe wurde problemlos platziert. Der Kursanstieg beschleunigte sich und bis heute konnte sich die Aktie innerhalb von nur vier Wochen vom Tief vervierfachen. Aktueller Kurs: 124 USD:

In dem Kursanstieg steckt nicht eine faire Bewertung des Unternehmens, sondern die Panik der Shortseller. Wir sehen in CoreWeave eine Short-Squeeze. Spekulanten, die auf fallende Kurse setzten, müssen ihre Short-Positionen nun zu hohen Kursen eindecken, da sie nicht mehr ausreichend Sicherheiten für ihre Short-Spekulation vorhalten können. Es ist schwer abzuschätzen, wie weit diese Short-Squeeze die Aktie noch tragen wird. Doch im Anschluss sollte die Aktie auf ein deutlich niedrigeres Niveau zurückfallen.

Der IPO-Preis von 40 USD gibt einen Anhaltspunkt, auf welchem Niveau Experten die Aktie vor 8 Wochen sahen. Mag sein, dass das Niveau zu niedrig war und mag auch sein, dass deren Geschäft so schnell wächst, dass eine „deutlich“ höhere Bewertung gerechtfertigt werden kann. Doch „deutlich“ höher heißt vielleicht um 50% höher als der IPO-Preis, nicht aber ein Vielfaches.


 Frage vom 23.05.2025

#Turnaround bei Nike

Hallo Herr Heibel,

ich verfolge seit einiger Zeit den Aktienkurs von Nike, früher doch ein sehr erfolgreiches Unternehmen.
Ist denn jetzt Zeit sich diese Aktie wieder ins Depot zu legen und auf ein Turnaround zu spekulieren?

Freundliche Grüße

Peter aus Bobingen

 Antwort:

Ja, Nike qualifiziert sich sogar „fast“ als Dividendenaktie: 4 der Kriterien sind erfüllt, allerdings befindet sich das Geschäft des Unternehmens in turbulenten Gewässern. Das Tagesgeschäft fliegt ihnen um die Ohren, weil man den Onlinevertrieb nicht in den Griff bekommt. Der Umsatz ist rückläufig, der Gewinn bricht ein, der Vorstand wechselt, …

Wollen Sie auf einen Turnaround setzen? Ich würde sagen, dafür ist es noch zu früh. Mit einem EV/EBITDA von 20 ist die Aktie noch immer nicht günstig. Ein Großteil des Geschäfts von Nike findet in China statt: sowohl die Produktion als auch der Absatz. Nike ist eines der Unternehmen, die stark unter dem Zollstreit leiden. Ich würde hier noch ein wenig abwarten.


 Frage vom 23.05.2025

#Pepsico als Dividendentitel: Qualifiziert, doch schlechtes Geschäftsmodell

Hallo Herr Heibel,

was halten Sie von PepsiCo als Dividendenposition?
Ist aus meiner Sicht auf einem Tiefpunkt und verspricht eine gleichbleibende Dividende.

Beste Grüße
Micha aus Stöbe

 Antwort:

Ja, Pepsico ist eine Dividendenaktie nach meinem Geschmack: Alle 5 Kriterien sind erfüllt. 4,4% Dividendenrendite und ein erwartetes Wachstum von 13,6% p.a. in den kommenden 5 Jahren sehen attraktiv aus.

Sie wissen, dass ich davon ausgehe, dass Abnehmspritzen und -pillen künftig verstärkt eingesetzt werden. Abnehmspritzen wirken appetitzügelnd, was zu einem geringeren Verzehr von kalorienreichen Lebensmitteln führen kann. Klassische Softdrinks mit hohem Zuckergehalt könnten an Beliebtheit verlieren, auch Produkte wie Chips und salzige Snacks könnten durch den Trend zu gesünderen Alternativen ersetzt werden. Bislang machen diese ungesunden Produktkategorien 85% das Absatzes bei Pepsico aus.

Kurz gesagt: Das Geschäftsmodell gefällt mir nicht.


 Frage vom 23.05.2025

#Chaos bei United Health

Guten Tag Herr Heibel,

hoffe es geht Ihnen gut.

Ich schaue mir gerade die Aktie von Unitedhealth an und bin über den tiefen Ausverkauf etwas überrascht. Mal abgesehen vom CEO Wechsel sehe ich aktuell keinen Grund warum. Hätten Sie evtl. weitere mögliche Gründe? Könnte sich ein Einstieg lohnen? Die Senkung der Medikamentenpreise sollte Unitedhealth doch entgegenkommen?

Vielen Dank.

Grüsse aus Zürich, Harris aus Zürich

 Antwort:

United Health soll Pflegeheime heimlich dafür bezahlt haben, Krankenhausüberweisungen zu vermeiden, um Kosten zu senken. Es laufen Ermittlungen des US-Justizministeriums wegen eines möglichen Medicare-Betrugs. Kürzlich trat CEO Andrew Witty zurück, die Unternehmensprognose wurde zurückgezogen. Ich denke, das sind genügend Warnsignale, um einen sehr großen Bogen um diese Aktie zu machen. Die Trump-Administration sucht nach den Verursachern der hohen Kosten des US-Gesundheitssystems. Da ist auch United Health im Visier der Behörden. Wenn Sie mich gefragt hätten, ob wir die Aktie auf dem nunmehr niedrigen Niveau noch Shorten können, wäre es interessant geworden.


 Frage vom 23.05.2025

#Übernahmekampf um ProSiebenSat.1

Guten Tag Herr Heibel,

ich habe heute eine Frage zur Übernahme von Pro Sieben durch MFE , Berlusconi Holding.

Ich habe soweit verstanden das MTE lediglich 5,74 pro Aktie zahlen möchte, und das auch nur teilweise in Bar und der Rest in neuen MTE Aktien? Können der Vorstand und die Aktionäre das noch abwenden.. Die Frage ist spezifisch für Pro Sieben aber auch generell. Da ich noch ProSieben Aktien habe weiss ich nicht wirklich wie ich mich verhalten soll, würde ich jetzt verkaufen dann müsste ich einen Verlust hinnehmen.

LG aus Malaga
Andreas

 Antwort:

Der Übernahmeversuch von MediaForEurope (MFE), dem von der Familie Berlusconi kontrollierten Medienkonzern aus Italien, bei ProSiebenSat.1 ist aktuell ins Stocken geraten. Gestern haben Vorstand und Aufsichtsrat von ProSiebenSat.1 den Aktionären offiziell empfohlen, das Übernahmeangebot von MFE nicht anzunehmen. Das Angebot ist zu niedrig. MFE hatte ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot unterbreitet, das aus 4,48€ in bar und 0,4 MFE-A-Aktien pro ProSiebenSat.1-Aktie bestand. Dies entspricht einem rechnerischen Angebotspreis von etwa 5,75 € pro Aktie. Die Aktie steht derzeit bei 7,22 EUR.

Parallel dazu hat die tschechische Investmentgruppe PPF ein konkurrierendes Angebot über 7,00€ in bar pro Aktie vorgelegt, um ihren Anteil an ProSiebenSat.1 auf bis zu 29,99% zu erhöhen. Dieses Angebot liegt deutlich über dem von MFE und hat die Aktie von ProSiebenSat.1 auf dieses Niveau steigen lassen.

MFE hält derzeit bereits 29,99% der Anteile und hat sich im Rahmen des Pflichtangebots bereits Aktien eines bestehenden Aktionärs gesichert, um über die 29,99%-Hürde zu springen. Wird diese Hürde übersprungen, so darf MFE über den Börsenhandel weiter Anteile zukaufen, ohne dies melden zu müssen und auch ohne ein weiteres Pflicht-Angebot an die bestehenden Aktionäre ausgeben zu müssen.

Wir sehen hier also einen waschechten Übernahmekampf zwischen MFE und PPF. Auf dem aktuellen Kursniveau ist die Aktie fair bewertet, der Kurssprung von 6 auf über 7 EUR hat die Unterbewertung aufgelöst. Das Management von ProSiebenSat.1 betont natürlich, langfristig deutlich mehr Wert als eigenständiges Unternehmen generieren zu können als in den Händen anderer Investoren. Die in Aussicht gestellte Dividendenrendite von 11% ab … ja, erst ab 2029 ist attraktiv, liegt jedoch in weiter Ferne.

Sie fragen nach meiner Meinung. Nun, die nervige Werbung im Free-TV schaue ich schon lange nicht mehr. Ich kann den heutigen TV-Formaten nicht viel abgewinnen und bin daher bei so weitreichenden Zukunftsaussichten nicht gerade begeistert. Ein Investment in diese Aktie drängt sich mir also nicht auf. Sollten Sie verkaufen oder drin bleiben? Ein paar Wochen würde ich den beiden Streithähnen MFE und PPF noch geben, doch auch sie werden keine Mondpreise für das Unternehmen zahlen.


 Frage vom 23.05.2025

#Bell Canada als Dividendentitel

Sehr geehrter Herr Heibel,

zunächst einmal herzlichen Dank für die vielen Einblicke und Informationen, die Sie jede Woche an mich als langjährigem treuen Kunden weitergeben.

Ich habe seit einigen Wochen die Aktie des kanadischen Telekommunikationsunternehmens BCE Inc. im Blick, weil ich die Dividende verlockend finde und langfristig das Potential eines wieder steigenden Kurses sehe. Was halten Sie von BCE Inc.?

Mit bestem Gruß, Martin aus Bratislava

 Antwort:

Bell Canada (BCE) kämpft mit einem rückläufigen Werbeumsatz im TV und Radio. Im vergangenen Jahr wurden daher hohe Wertberichtigungen vorgenommen, die den Gewinn (aber nicht den Cashflow) schmälerten. Gleichzeitig lasten hohe Schulden und deren Zinsen auf dem Unternehmen: Bei einem Jahresumsatz von 24 Mrd. Can$ schiebt das Unternehmen 39 Mrd. Can$ Schulden vor sich her. Und, als sei das noch nicht genug, auch das Stammgeschäft kämpft im harten Wettbewerb. Mobilfunkverträge müssen mit unbegrenzten Datentarifen ausgestattet werden, der Umsatz je Nutzer (ARPU) sinkt.

So ist der Umsatz rückläufig (-1%) und der Gewinn fällt überproportional (-10%). Der freie Cashflow wird jedoch stabil gehalten, was die hohe Dividendenrendite ermöglicht: 11,5% aktuell.

Bell Canada ist in meinen Augen ein Unternehmend, das wir nicht als Dividendentitel haben wollen. Die hohe Dividendenrendite wird aus der Substanz bezahlt: Wichtige Investitionen in die Zukunft werden nicht getätigt, stattdessen zahlt man das Geld an die Aktionäre aus. Das Geschäft schrumpft, der Gewinn bricht ein und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Dividende gekürzt werden muss.


 Frage vom 23.05.2025

#Seltene Erden nur als Spekulation

Sehr geehrter Herr Heibel,
vielen Dank zunächst einmal für Ihre ausführlichen Börsenticker. Ich hatte früher schon mal abonniert, bin jetzt wieder dabei.
Im Moment wird ja sehr viel über „Seltene Erden „ gesprochen.
Könnten Sie zu diesem Thema mal etwas schreiben? Gibt es gute Anlagemöglichkeiten? Im Moment wird auch über die seltene Erde Gallium gesprochen. Der Hauptteil von Edelmetallen wird natürlich von China produziert. Direkt bei den Chinesen zu investieren ist sicher nicht ohne Risiko.
Mit freundlichem Gruss
Ulrich aus Oldenburg

 Antwort:

„Seltene“ Erden sind selten, aber sie existieren eigentlich überall auf der Welt. Der Abbau der Seltenen Erden ist teuer, weil viel Material aus dem Boden geholt und verarbeitet werden muss, um ein bisschen der gewünschten „Seltenen“ Erde zu erhalten. Das ist in Deutschland zu unserem Lohnniveau und bei unseren Umweltauflagen wirtschaftlich nicht möglich. Damit hängt der Erfolg des Abbaus also an Komponenten wie Personalkosten, politisches System und Umweltstandards. Eine Investition in Unternehmen, die bestimmte Seltene Erden abbauen, hat in meinen Augen daher wenig mit der Wirtschaftlichkeitsrechnung zu tun, sondern viel mehr mit de oben genannten Rahmenbedingungen. Das ist, wie Sie schon sagen, dann eine heiße Spekulation, an der ich mich nicht beteiligen möchte.


 Frage vom 23.05.2025

#Trump bastelt an der globalen KI-Infrastruktur

Hallo Herr Heibel,

bei den Diskussionen und dem Bashing um Nvidia, Apple & Co stelle ich mir folgende Frage(n):

Wie verbindlich sind solche Investitionszusagen und wie schnell fließt das Geld tatsächlich ab?
Chipfabriken dürften auch in den USA nicht über Nacht gebaut werden. (Lokation, Genehmigungen, Basisarbeiten, ...)
Und wenn der Aufbau solcher Fabriken nach Abschluss des Zollkriegs im Sande verläuft ...?
Wie viele Ausstatter kommen überhaupt zur Bestückung solcher High-End-Fabriken in Frage? Gibt es da nicht einen ähnlichen Flaschenhals wie bei Boeing, d.h. das bei Neuaufträgen mit langen Wartezeiten zu rechnen ist?
Können die Firmen da nicht (vorläufig) viel versprechen, aber nachher nicht einhalten, sobald sich der Staub erstmal wieder gelegt hat?

Um wieviel teuer ist eine automatisierte High-End-Fertigung in den USA tatsächlich?
Sie schrieben Nvidia kauft sich nur teures Personal ein.
Erfolgt die Fertigung bisher nicht weitgehend in Taiwan? (wahrscheinlich deutlich teurer als in China)
Wie groß ist in dieser Industrie überhaupt der Personalkostenanteil?

Wie stark sind die Unternehmen WIRKLICH von den Zöllen betroffen?
Meinem Verständnis nach hat weder Apple noch Nvidia eine Endfertigung in den USA, oder doch?
Falls nicht, sind sie von Exportzöllen doch nicht betroffen.
Und was Importzölle in die USA angeht, wird eine Lieferung in andere Länder, z.B. in Europa, für die Unternehmen dadurch nicht attraktiver? Solange das Angebot die Nachfrage nicht deckt (Nvidia), wird sich doch immer ein Abnehmer finden.

Mit freundlichen Grüßen
Daniel aus Essen

 Antwort:

Donald Trump steht gerade mal am Anfang seiner Amtszeit. Wenn er die vier Jahre durchhält, dann dürften solche Großprojekte schon deutlich vorangetrieben werden. Kein Unternehmen kann es sich leisten, Versprechen zu brechen. Das würde auch ein Nachfolger Trumps nicht tolerieren.

In solchen „Deals“ geht es am Ende nicht um die Nachkommastelle. Wenn Nvidia und Apple zusagen, Fabriken im Wert von 500 Mrd. USD zu bauen, dann wird nach heutigen Preisen die Dimension einer solchen Fabrik abgesteckt. Wie teuer das am Ende dann tatsächlich sein wird, spielt dann weniger eine Rolle. Der Flaschenhals sind derzeit die Nvidia-KI-GPUs. Die freie Marktwirtschaft findet Lösungen für solche Nachfrageschübe, solange sich die Politik raushält. Der Vergleich mit Boeing hinkt, denn für den Bau eines Flugzeugs wird „Raketentechnik“ benötigt: Vom Knowhow bis zur Fertigung ist das hochspezialisiert, der Bau von Rechenzentren dagegen ist nicht kompliziert, das Komplizierteste sind die KI-Chips und deren Kühlung, daher ist dort auch der Flaschenhals.

Der Anteil der Personalkosten beim Betrieb eines Rechenzentrums lieg bei nur 5-10%. Bei hochautomatisierten KI-Rechenzentren geht dieser Anteil in Richtung 3-5% nach unten. Personal“kosten“ sind daher wohl kaum ein Standortargument, höchstens die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal. Wichtiger sind die Energiekosten, die 40-60% der Betriebskosten ausmachen. Und da ist Donald Trump ja mit seiner Direktive "Drill, Baby Drill“ auf dem Weg, diese weiter zu senken.

Es gibt Exportzölle und Importzölle. Für Nvidia, die den Großteil ihrer Chips in Taiwan fertigen, fallen diese Zölle bei Lieferung an China nicht an …, wenn sie dort einliefern dürften. Die Chips sind jedoch als nationales Sicherheitsrisiko eingestuft und dürfen daher, weil das Know-how in den USA liegt, nicht nach China geliefert werden.

Apple fertigt tatsächlich viel in China und liefert dann in die USA. Damit muss Apple die US-Zölle zahlen, die für China aufgelegt wurden: Bis zu 145%, derzeit noch 30% (10% Pauschalzoll plus 20% Fentanyl-Strafzoll). Apple hat verstanden, dass in China nicht mehr produziert werden soll und verlagert die Produktion daher nach Indien. In China werden lediglich iPhones gefertigt, die für den chinesischen Markt bestimmt sind. Dabei übersah CEO Tim Cook, dass Donald Trump nicht nur „gegen China“ ist, sondern eigentlich am liebsten die gesamte Fertigung in die USA holen möchte. Hier gibt es noch einen schwelenden Konflikt zwischen Tim Cook und Donald Trump.

Für Apple, das die ganze Welt mit iPhones beliefert, ist der Zollstreit tatsächlich eine Gefahr. Für Nvidia, die ohnehin die Nachfrage nicht decken können, ist es eine Frage der Wachstumsgeschwindigkeit. Nachdem die Hyperscaler (Microsoft, Amazon, Alphabet) bereits lange Bestelllisten aufgegeben haben, kommen nun die staatlichen KI-Projekte hinzu (Saudi-Arabien, Katar, Taiwan, …). Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Europa auf der Bildfläche erscheint. Da geht es für Nvidia nicht darum, kurzfristig Abnehmer zu finden, sondern es geht darum, wie man die globale Infrastruktur der eigenen Chipfertigung aufstellt: Wieviel wird in den USA gefertigt, wieviel in Taiwan, nun ist Frankreich im Gespräch.

Das erratische Vorgehen Trumps mag man verachten. Doch er hat erkannt, das wir derzeit an der Infrastruktur bauen, die uns in den kommenden Jahrzehnten dominieren wird. Er holt mit rabiaten Methoden so viel wie möglich davon ins eigene Land.


 Frage vom 23.05.2025

#Gerresheimer im Umbruch

Sehr geehrter Herr Heibel

Auf Ihre Empfehlung hin habe ich vor langer Zeit Aktien von Gerresheimer gekauft, es aber leider versäumt, sie rechtzeitig zu verkaufen. Würden Sie sie noch halten? Die Nachrichten und der Chart sprechen ja nicht für einen Wiederaufschwung, während anscheinend die meisten Analysten zum Kauf raten.

Mit besten Grüssen

Kenneth aus Zürich, ein treuer Kunde

 Antwort:

2024 hatte Gerresheimer mit zwei Problemen zu kämpfen: zum einen musste in den Ausbau der Fertigungskapazitäten investiert werden. Zum anderen riefen Kunden weniger Waren ab, verkürzten die Zahlungshorizonte (zahlten also später), was zu einem Anstieg der Lagerware bei Gerresheimer führte und den Free Cashflow einbrechen ließ. Die Aktie quittierte diese Entwicklung, die wohl auch auf die Verunsicherung im Pharma-Markt zurückzuführen ist, mit einem Rückgang von 120 EUR im September 2023 auf 50 EUR im April dieses Jahres.

Das EV/EBITDA fiel in diesem Zeitraum von 12 auf 7, inzwischen erholte es sich auf 8. Durchschnittlich liegt das EV/EBIDTA von Gerresheimer bei 10. Ungeachtet dieser Entwicklung steigt der Gewinn je Aktie und das EBITDA kontinuierlich an. Dank der hohen Investitionen, die auch im laufenden Jahr nochmals sehr hoch sein werden, wird sich das Gewinnwachstum erhöhen. Für das laufende Jahr wird ein Sprung um 21% erwartet, für 2026 dann nochmals 19%. Vor dem Hintergrund dieser Wachstumsbeschleunigung halte ich die Bewertung derzeit für günstig.

Ich hatte Gerresheimer vor einigen Jahren als Dividendenaktie analysiert. Die Dividendenrendite ist heute mit nur noch 2,1% zu niedrig - vermutlich ist das den hohen Investitionen geschuldet. Doch die anderen vier Kriterien, die ich als Qualifkkationsvoraussetzung für Dividendenaktien definierte, sind erfüllt: Es gab in den vergangenen 10 Jahren keine Dividendensenkung, vielmehr wurde sie 7 mal erhöht. Die Auszahlungsquote beträgt durchschnittlich 41% vom Gewinn. Erwartete Dividende und Gewinnwachstum für die kommenden 5 Jahre summieren sich auf durchschnittlich 30%. Nicht schlecht, oder?

Mag sein, dass Sie Geduld benötigen, doch das sollte sich auf Sicht von 2-3 Jahren auszahlen.


 Frage vom 09.05.2025

#Vinci als Dividendenaktie

Hallo Herr Heibel,

vielen Dank für Ihre letzte ausführliche Antwort!
Ich bin gespannt auf Ihren morgigen Brief. Wie gehts nun weiter? Stockpicking in Europa?
Was halten Sie in diesem Kontext und in Hinsicht auf die Dividenden von Vinci FR0000125486?

Mit besten Grüßen

Sonja aus Bamberg

 Antwort:

Ja, die französische Vinci Bauunternehmung aus dem Energiesektor könnte sich bald als Dividendenaktie qualifizieren: Vier meiner fünf Kriterien sind erfüllt. Vor neun Jahren gab es einmal eine Dividendensenkung, damit ist eines der fünf Kriterien, die ich für langfristig gute Dividendenaktien für erforderlich halte, nicht erfüllt. Ich vermute, dass Vinci im Rahmen der Eurokrise mal seine Cash-Reserven zusammenhalten wollte. Wenn wir noch ein Jahr warten, dann erfüllt Vinci also auch dieses Kriterium. Vor dem Hintergrund der zu erwartenden Infrastruktur-Investitionen in Deutschland, und vielleicht bald auch in Frankreich, können Sie selbst entscheiden, ob Sie dieses Jahr noch abwarten wollen.

Mit einem EV/EBITDA von 7,4 notiert die Aktie derzeit leicht unterhalb der durchschnittlichen Bewertung der vergangenen Jahre, die bei 8,8 liegt. Die Dividendenrendite ist mit 4% durchaus attraktiv. Zusätzlich verkündete Vinci kürzlich ein Aktienrückkaufprogramm in Höhe von 0,5% der ausstehenden Aktien, das innerhalb der kommenden sechs Wochen durchgeführt werden soll.