 | Sehr geehrter Herr Heibel,
aus der Mediathek des SWR2 möchte ich Sie auf diese Sendung aufmerksam machen:
Rote Zahlen statt schwarzer Null – Wie gefährlich sind Staatsschulden?
In Ihrem Ticker werden immer wieder "Staatsschulden" thematisiert, auch im Zusammenhang mit der Börse. In dieser Sendung werden unterschiedliche Aspekte dazu angesprochen.
Es geht hier u.A. um den Umgang mit Staatsschulden, um das Thema Schattenhaushalte, Willkür von Schulden-Obergrenzen, wann soll der Staat investieren usw.
Mich würde grob interessieren, welche Meinungen und Behauptungen Sie mittragen bzw. nicht mittragen können.
Herzlichen Dank im Voraus und schönen Sonntag
Mit freundlichen Grüßen
Gerhard aus Sindelfingen |  |
| | Antwort: Ich werde dazu Stellung nehmen, ohne den ganzen Podcast gehört zu haben, denn sowohl die in der Einleitung beschriebene Sichtweise als auch Prof. Bofinger sind mir gut bekannt. Bei Prof. Bofinger habe ich mein mündliches VWL-Examen abgelegt. Seine Frage in Sachen Außenhandelstheorie beantwortete ich graphisch, doch nach zwei Minuten unterbrach er mich mit den Worten: „da sind Sie auf dem Holzweg“. Da ich mir ziemlich sicher in dem war, was ich erzählen wollte, brach in diesem Moment eine Welt für mich zusammen: Was an meiner Argumentation war falsch? Solange ich das nicht verstand, konnte ich auch keine Korrektur vornehmen.
Glücklicherweise sprang mir der Assistent zu Hilfe und beschwichtigte Prof. Bofinger: „Lassen Sie ihn mal erzählen. Ich denke, das kann schon passen“. Prof. Bofinger lenkte ein und ich konnte meine gesamte Redezeit dafür aufwenden, seine Frage graphisch zu beantworten. Am Ende bekam ich eine Eins. Ohne die Intervention des Assis wäre es wohl auf eine Fünf hinausgelaufen.
Prof. Bofinger war bekannt dafür, gerne mal Gedankenexperimente mit uns Studenten durchzuspielen. Wir haben das geschätzt, denn seine Vorlesungen wurden dadurch lebhafter. Nicht selten kam er in die Vorlesung und teilte uns mit, dass er heute keine Lust auf das eigentliche Vorlesungsthema habe, denn gestern Abend hatte er eine Idee, die er gerne mit uns durchsprechen wolle. Dann begann er seine Gedanken zu skizzieren und wir versuchten, ihm zu folgen. Manchmal endete sein Gedankenabenteuer mit einer Meldung eines Studenten, der ihn dann auf einen Fehler in seiner Argumentationskette hinwies.
Ich habe daraus gelernt, dass Prof. Bofinger nach Wegen sucht, die etablierten (alten) Volkswirtschaftstheorien in Frage zu stellen. Mit der Modern Monetary Theory (MMT) ist einigen Volkswirtschaftsprofessoren dies gelungen. Ich habe im Frühjahr in insgesamt vier Ausgaben die MMT diskutiert (suchen Sie im Heibel-Ticker Archiv danach). Kurz gesagt: Der berechtigten Kritik an der Freien Marktwirtschaft, die nicht immer eine gesellschaftlich optimale Lösung hervor bringt, wird die MMT als Königsweg gegenüber gestellt: Der Staat weiß, was richtig ist.
Wir bauen in Deutschland nicht auf die Freie Marktwirtschaft, sondern auf die Soziale Marktwirtschaft, doch dieser feine Unterschied wird von den amerikanisch dominierten Wissenschaftlern ignoriert. Außerdem gibt es in der MMT keine maximale Schuldentragfähigkeit. Solange die Gesellschaft die Schulden trägt, also akzeptiert, ist alles in Ordnung. Man stützt sich auf die Argumentation, dass die 60%-Grenze (Maastricht Kriterium: Kein Land darf mehr Schulden haben, als 60% des BIP) willkürlich gewählt sei.
Auch das ist richtig: Historische Betrachtungen haben erarbeitet, dass Staaten in finanzielle Schwierigkeiten geraten, wenn die Schulden zu hoch sind. Als Schwelle hat man die 60% auserkoren, weil ab dem Überschreiten dieser Marke Staatspleiten häufiger auftraten. Doch natürlich gibt es auch Staaten, die über einen langen, sehr langen Zeitraum mit einer deutlich höheren Verschuldung zurecht kommen (Japan). Daher wird die 60%-Marke von der MMT nicht akzeptiert.
Sind Sie schon mal bei rot über eine Ampel gefahren? Wem das passiert ist, der weiß, dass er Glück gehabt hat. Ein Unfall folgt nicht zwangsläufig. Doch wenn man zu häufig über rote Ampeln fährt, kann man davon ausgehen, dass es irgendwann schief geht. Und so geht ein Staat nicht zwangsläufig Pleite, wenn die willkürlich gewählte Schwelle von 60% überschritten wird.
Daraus jedoch abzuleiten, dass Deutschland nicht wettbewerbsfähig sei, wenn der Staat nicht durch das Überschreiten dieser Schwelle wichtige Ausgaben tätigt, entspricht nicht meiner Denkrichtung. Abenteuerlich finde ich diesen Vorschlag, wenn ich mir vergegenwärtige, dass dieser Vorschlag von Links, also von Menschen kommt, die das Geld dann überwiegend konsumtiv (Sozialleistungen) ausgeben wollen und nicht investiv.
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