| Antwort: Wir müssen unterscheiden zwischen dem Anleihe-Kaufprogramm, dem Leitzins und der Inflation … und vielem mehr, aber belassen wir es vorerst bei diesen drei Komponenten.
Wenn das Anleihe-Kaufprogramm irgendwann herunter gefahren wird, dann werden wir an den Aktienmärkten noch keinen Gegenwind verspüren. Der Rückenwind der vergangenen Jahre wird nur ein wenig schwächer. Davon bremst man also noch nicht, lediglich die hohe Wachstumsgeschwindigkeit kann dann vielleicht nicht mehr ganz gehalten werden.
Das heißt, strukturell ändert sich erst einmal sehr wenig, solange der Rückenwind nur etwas reduziert wird. Insgesamt wird der Aktienmarkt gebremst, vielleicht kommt es sogar zu einer kleinen Korrektur. Doch das dürfte schnell vorübergehen. Der Leitzins jedoch bleibt unverändert. Der negative Einlagenzins (Strafzins) für Guthaben der Geschäftsbanken bei den Notenbanken sowie auch der Guthaben von Privatanlegern bei ihren Banken dürfte noch lange Zeit bestehen bleiben.
Der Inflationsdruck jedoch könnte durch die Reduktion der Anleihekäufe etwas abgemildert werden. Wenn weniger Liquidität im Umlauf ist, konkurrieren die Waren um weniger Geld, es entsteht Preisdruck, sofern es sich nicht um eine anderweitig verursachte Knappheit handelt (bspw. Chips).
Gold hat mit alledem wenig zu tun. Gold wirft zwar keine Zinsen ab, kostet aber auch keine Strafzinsen. Daher dürfte das Gold in dieser Phase nach wie als sicherer Hafen gefragt sein.
Wenn Sie die USA als den Nabel der Welt sehen, dürften japanische und chinesische Papiere fallen. Ich persönlich habe mir Hamburg zu meinem Nabel der Welt ausgewählt und betrachte daher alles aus der Euro-Brille. In meinen Augen steht die europäische Wirtschaft derzeit deutlich besser da als die US-Wirtschaft. Eine straffere Geldpolitik ist in Europa daher meines Erachtens eher möglich als in den USA. Doch kulturell bedingt sind wir hier etwas langsamer als die USA, daher dürften die USA tatsächlich als erstes die geldpolitischen Zügel straffen. Das dürfte dem US-Dollar jedoch nur ein bisschen helfen, da nicht nur Währungsknappheit, sondern auch die Konjunktur für den Wechselkurs verantwortlich ist.
Fallen dürften höchsten die Aktien von Schwellenländern, die sich hoch in US-Dollar verschuldet haben. Japan und China verfügen jedoch über eine eigenständige Konjunktur, dürften also nicht mehr so stark von den Entwicklungen in den USA abhängen, wie das vor einigen Jahrzehnten noch der Fall war.
Rentenpapiere, also Anleihen, dürften im Kurs fallen und die Renditen dürften steigen, weil die Anleihenschwemme nicht mehr von den Notenbanken aufgesogen wird. Das heißt in erster Linie, dass sich der Marktzins vom Leitzins entfernen dürfte. Der Leitzins dürfte mMn noch lange niedrig bleiben. Der Marktzins dürfte dann, je länger die Laufzeit, um so stärker ansteigen. Das gilt gleichermaßen sowohl für Staatsanleihen als auch Unternehmensanleihen. Und das gilt für US-Papiere halt ein bisschen früher als für europäische Papiere.
Ja, steigende Zinsen haben negative Auswirkungen auf Wachstumswerte, weil deren in der fernen Zukunft erwirtschafteten Gewinne mit einem höheren Zinssatz abdiskontiert werden. Aber wenn ich eingangs von weniger Rückenwind gesprochen habe, dann gilt dies erweitert auch noch für das Zinsniveau: Bei einem Leitzins von bis zu 3% spricht man noch immer von Rückenwind. Erst darüber lässt sich eine Bremswirkung verzeichnen. Davon sind wir jedoch noch weit entfernt.
Wenn also eine Zinsanhebung in Sicht kommt, dann dürften die Aktienmärkte, insbesondere die Wachstumsunternehmen, kurz und heftig korrigieren, anschließend jedoch ihren Anstieg fortsetzen.
Wann genau eine solche Reaktion erfolgt, lässt sich schwer bestimmen. Und wie tief genau die Papiere korrigieren, ist ebenso schwer. Ich halte es daher für nicht zielführend, wenn man jetzt alles verkauft, den Rest der noch laufenden Rallye verpasst und dann später in der Korrektur vermutlich den günstigen Einstieg verpasst :-(.
Profitieren würden in einem solchen Szenario natürlich die Versorger, die durch einen hohen Cashflow einen verlässlichen Rückfluss (Dividende) anbieten.
Wie Sie Ihr Depot umbauen sollten? Nun, die Gretchenfrage lautet: Schaffen Sie es, solche Marktschwankungen zum eigenen Vorteil zu timen? Ich versuche dies mit einem kleinen Teil unseres Portfolios. Ich verkaufe Teile von Positionen und segel vor erwarteten Korrekturen mit mehr Cash durch die stürmische See. Doch viel wichtiger als die kleine Timing-Komponente in unserem Heibel-Ticker Portfolio ist die intelligente Risikostreuung: Wir haben einige dividendenstarke Versorger im Portfolio, wir haben eine Unternehmensanleihe mit variablem Zins, wir haben Wachstumstitel, die meines Erachtens nach einer kleinen Korrektur schnell wieder auf ein noch höheres Kursniveau laufen dürften, etc.
Das Timing darf meiner Ansicht nach in diesem Umfeld nur ein kleines Hobby sein, nicht jedoch der Schwerpunkt Ihrer Strategie. |