 | Guten Tag Herr Heibel,
Hoffe, es geht Ihnen und Ihrer Familie gut!
Ich möchte fragen, ob Sie Interesse hätten, etwas zu den 'adjusted, non GAAP earnings', die in US Amerikanischen Analysen eine wichtige Rolle spielen, im Ticker zu schreiben. Da Sie ja eine Weile in den USA gearbeitet haben und sich unter Amerikanischen Aktien gut auskennen, dachte ich, Sie sind die richtige Person, um über so etwas zu schreiben!
Ich habe mich seit langem darüber gewundert, warum bei Yahoo Finance die EPS (earnings per share), die in dem 'summary' Teil berichtet werden, häufig ganz anders ausfallen als die im 'analysis' Teil, natürlich jeweils zur gleichen Aktie. Vor kurzem habe ich herausgefunden, dass in der 'summary' GAAP earnings berichtet werden, während unter 'analysis' eben diese adjusted (non-GAAP) earnings zugrunde gelegt werden, ohne dass da irgendwo ein Hinweis darüber steht. Das führt unter Umständen zu Unterschieden von fast 100% und lässt die Aktien viel attraktiver aussehen. Auf den ersten Blick sieht das nach einer tollen Art aus, die Aktien schön zu rechnen. In jedem Fall sind die adjusted EPS nicht mit dem KGV von deutschen Aktien vergleichbar. Wie ist das Ihrer Ansicht nach einzustufen und betrifft das auch Aktien anderer Länder als die in den USA gelisteten?
Mit Dank im Voraus für Ihre Antwort,
Hanns-André aus Seesen |  |
| | Antwort: Ihre Frage ist wichtig für die Bilanzanalyse. Ich verwende meistens die Bilanzanalysen von Analysten und verschaffe mir nur einen Überblick über die beiden Effekte, die Sie ansprechen:
1. adjusted = bereinigt: Gibt es in Deutschland genau wie in den USA. Die Zahlen werden um außergewöhnliche Belastungen, wie derzeit beispielsweise durch Corona erzeugte Mehrkosten, bereinigt. Daraus lässt sich die Tragfähigkeit eines Geschäftsmodells besser beurteilen. Es lohnt jedoch ein Blick auf die Bilanzen der Vorjahre, denn manche Finanzchefs verschieben viel mehr Positionen in diesen Bereich als gerechtfertigt - rechnen das Geschäftsmodell also „schön“. Wenn also ein Unternehmen über viele Jahre jedes Mal nur dadurch Gewinn macht, weil es immer wieder außergewöhnliche Belastungen heraus rechnet, dann besteht Grund zur Skepsis.
2. non-GAAP = HGB: das ist eine ewige Diskussion zwischen der Finanzwelt, die möglichst standardisierte Bilanzen zur besseren Vergleichbarkeit haben möchte, und den Unternehmenslenkern, die gerne Bewertungsspielräume für die langfristig konservative Unternehmensplanung nutzen möchten. Hier müssen Sie berücksichtigen, dass die exzessive Nutzung der HGB-Spielräume (= non-GAAP) ebenfalls missbraucht werden kann, um die Unternehmenssituation schöner darzustellen, als sie in Wirklichkeit ist. Auf der anderen Seite kann die stringente Nutzung der GAAP-Regeln (in Deutschland: IFRS) zu starken Schwankungen beim Gewinn / Bilanzgewinn führen, was sich dann in einem teilweise nicht gerechtfertigten voltieren Kursverlauf widerspiegelt.
Unterschied USA - Deutschland? Je nachdem, wen Sie fragen, werden Ihnen Vorteile des GAAP sowie des IFRS genannt werden. GAAP ist regelbasiert, IFRS ist prinzipienbasiert. GAAP regelt also konkreter, lässt aber einige Sonderfälle unberücksichtigt. IFRS ist weniger konkret, gilt jedoch für alles. Beide Bilanzierungsvorschriften nähern sich jedoch über die Zeit immer wieder aneinander an.
Zu Ihrer ersten Frage: Ja, uns geht es bestens :-). Danke.
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