Leserfragen (Dezember 2021)


 Frage vom 09.12.2021

#Unterschied deutsche und US-Bilanzierung

Guten Tag Herr Heibel,

Hoffe, es geht Ihnen und Ihrer Familie gut!

Ich möchte fragen, ob Sie Interesse hätten, etwas zu den 'adjusted, non GAAP earnings', die in US Amerikanischen Analysen eine wichtige Rolle spielen, im Ticker zu schreiben. Da Sie ja eine Weile in den USA gearbeitet haben und sich unter Amerikanischen Aktien gut auskennen, dachte ich, Sie sind die richtige Person, um über so etwas zu schreiben!

Ich habe mich seit langem darüber gewundert, warum bei Yahoo Finance die EPS (earnings per share), die in dem 'summary' Teil berichtet werden, häufig ganz anders ausfallen als die im 'analysis' Teil, natürlich jeweils zur gleichen Aktie. Vor kurzem habe ich herausgefunden, dass in der 'summary' GAAP earnings berichtet werden, während unter 'analysis' eben diese adjusted (non-GAAP) earnings zugrunde gelegt werden, ohne dass da irgendwo ein Hinweis darüber steht. Das führt unter Umständen zu Unterschieden von fast 100% und lässt die Aktien viel attraktiver aussehen. Auf den ersten Blick sieht das nach einer tollen Art aus, die Aktien schön zu rechnen. In jedem Fall sind die adjusted EPS nicht mit dem KGV von deutschen Aktien vergleichbar. Wie ist das Ihrer Ansicht nach einzustufen und betrifft das auch Aktien anderer Länder als die in den USA gelisteten?

Mit Dank im Voraus für Ihre Antwort,

Hanns-André aus Seesen

 Antwort:

Ihre Frage ist wichtig für die Bilanzanalyse. Ich verwende meistens die Bilanzanalysen von Analysten und verschaffe mir nur einen Überblick über die beiden Effekte, die Sie ansprechen:

1. adjusted = bereinigt: Gibt es in Deutschland genau wie in den USA. Die Zahlen werden um außergewöhnliche Belastungen, wie derzeit beispielsweise durch Corona erzeugte Mehrkosten, bereinigt. Daraus lässt sich die Tragfähigkeit eines Geschäftsmodells besser beurteilen. Es lohnt jedoch ein Blick auf die Bilanzen der Vorjahre, denn manche Finanzchefs verschieben viel mehr Positionen in diesen Bereich als gerechtfertigt - rechnen das Geschäftsmodell also „schön“. Wenn also ein Unternehmen über viele Jahre jedes Mal nur dadurch Gewinn macht, weil es immer wieder außergewöhnliche Belastungen heraus rechnet, dann besteht Grund zur Skepsis.

2. non-GAAP = HGB: das ist eine ewige Diskussion zwischen der Finanzwelt, die möglichst standardisierte Bilanzen zur besseren Vergleichbarkeit haben möchte, und den Unternehmenslenkern, die gerne Bewertungsspielräume für die langfristig konservative Unternehmensplanung nutzen möchten. Hier müssen Sie berücksichtigen, dass die exzessive Nutzung der HGB-Spielräume (= non-GAAP) ebenfalls missbraucht werden kann, um die Unternehmenssituation schöner darzustellen, als sie in Wirklichkeit ist. Auf der anderen Seite kann die stringente Nutzung der GAAP-Regeln (in Deutschland: IFRS) zu starken Schwankungen beim Gewinn / Bilanzgewinn führen, was sich dann in einem teilweise nicht gerechtfertigten voltieren Kursverlauf widerspiegelt.

Unterschied USA - Deutschland? Je nachdem, wen Sie fragen, werden Ihnen Vorteile des GAAP sowie des IFRS genannt werden. GAAP ist regelbasiert, IFRS ist prinzipienbasiert. GAAP regelt also konkreter, lässt aber einige Sonderfälle unberücksichtigt. IFRS ist weniger konkret, gilt jedoch für alles. Beide Bilanzierungsvorschriften nähern sich jedoch über die Zeit immer wieder aneinander an.

Zu Ihrer ersten Frage: Ja, uns geht es bestens :-). Danke.


 Frage vom 09.12.2021

#Bitcoin als Trojanisches Pferd der Geldwäsche

Hallo Herr Heibel,
ich erspare mir die üblichen Lobhudeleien, allein daß ich ihren Börsenbrief abonniert habe ist Lob genug.
Was mich wundert ist ihre neu entstandene Liebe zum Bitcoin.
Es fehlt mir dabei der Hinweis, daß der Bitcoin für Geldwäsche und Erpressung in großem Maße genutzt wird.
So sind die Ablösesummen der Hackerangriffe, die immer mehr zunehmen, ausschließlich in Bitcoin bezahlt worden.
Die 500€ Schein Geldwäsche von NarcoGeld findet nun in Bitcoin statt.
Deshalb läuft der Bitcoin Gefahr über kurz oder lang verboten zu werden.
Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken/berichten.
Beste Grüße
Helmuth aus Darmstadt

 Antwort:

Vielen Dank für den Hinweis, ist mir aber nicht neu: Ich müsste dann auch über die Geldwäsche berichten, die mit dem Euro, dem US-Dollar und den anderen Währungen stattfindet. Immerhin bietet der Bitcoin die Möglichkeit, sämtliche Transaktionen nachzuverfolgen - wenn auch pseudonymisiert, aber daran wird gearbeitet. Oder, anders ausgedrückt: Beim Papiergeld werden wir immer mit Geldwäsche leben müssen, beim Bitcoin gibt es zumindest die Aussicht auf eine Lösung.


 Frage vom 09.12.2021

#Was tun mit Highflyern: Marvell & Verbio

Lieber Herr Heibel,

Ich halte noch einige von Ihnen früher einmal besprochenen oder gehandelten Titeln in meinem Depot - die meisten haben sich exzellent entwickelt. Sollten Sie die Zeit finden, Ihre aktuelle Sicht auf diese beiden besonders interessanten Titel zu teilen, würde es mich sehr freuen:
MARVELL TECHNOLOGY
VERBIO VEREINIGTE BIOENERGIE AG

Sollte die Zeit nicht reichen, kein Thema - ich bleibe trotzdem ein treuer ht PLUS Kunde. Herzliche Grüße
Ingo vom Bodensee

 Antwort:

Da haben Sie zwei Titel in Ihrem Depot behalten, über deren Verkauf ich mich ärgere :-(. Denn diese beiden Aktien sind abgehoben und sollten Ihnen in Ihrem Depot Freude machen.

Marvell: Chips für 5G, das Metaversum und für Rechenzentren sind gefragt, Marvell stellt für das laufende Quartal insbesondere im Bereich der Rechenzentren eine Umsatzverdopplung zum Vorjahr in Aussicht. 5 Mrd. USD Jahresumsatz werden mit einer Marktkapitalisierung von 70 Mrd. USD bewertet, das KUV beträgt also 14. Immerhin ist das Unternehmen profitabel und erreicht ein KGV von 40 und Analysten erwarten ein jährliches Gewinnwachstum von 43%. Wenn Sie die Nerven haben, auch heftigere Rückschläge auszuhalten, dann ist die Aktie auf Sicht von mehreren Jahren ein Gewinner. Doch zwischenzeitlich kann es turbulent werden, da steigende Zinsen Aktien mit hohem Bewertungsniveau zusetzen werden.

Wenn Sie meiner Empfehlung gefolgt sind, dann hat sich Ihre Marvell-Position im Wert schon mehr als verdoppelt. Was halten Sie davon, die Hälfte zu verkaufen, also ihren Einsatz zu sichern, und den Rest laufen zu lassen?

Verbio: Hier dürften Sie Ihren Einsatz bereits vervierfacht haben. Sie wären zu gierig, wenn Sie nicht wenigstens Ihren Einsatz aus dieser Position herausnehmen würden.

Das Unternehmen profitiert von der grünen Welle, die durch die Politik zieht. Das KGV von 33 ist hoch und wird durch die Preissteigerungen bei den CO2-Zertifikaten gerechtfertigt. Abgesehen davon unterliegt das Wachstum des Geschäfts von Verbio natürlichen Beschränkungen, da stets enge Beziehungen zu Bauern und deren Restprodukten nötig sind. Das lässt sich nicht über Nacht verdoppeln, daher würde ich auch hier zumindest einen Teil des Gewinns sichern.


 Frage vom 03.12.2021

#Rückläufiges Eigenkapital bei Apple

Hallo Herr Heibel,
eine Frage treibt mich schon eine Weile um - wieso wird das Eigenkapital bei Apple trotz regelmäßiger Gewinne immer weniger?

Vielleicht wissen Sie die Antwort? Ich bin gespannt,

Viele Grüße aus Dresden
Thomas

 Antwort:

Apple hatte über Jahre Gewinne im Ausland angehäuft. Um eine Verteuerung der im Ausland geparkten Gewinne zu vermeiden, häufte sich so in der Bilanz eine viel zu große Eigenkapitalquote an. Seit einigen Jahren schüttet Apple nun kräftig aus und kauft eigene Aktien zurück. Die Eigenkapitalquote geht dadurch nun langsam auf ein normales Maß zurück.


 Frage vom 03.12.2021

#Gewinnmarge bei Airbus

Sehr geehrter Herr Heibel,

Woher soll bei Airbus mittelfristig die "Belohnung bei der
Gewinnentwicklung" kommen, wenn in 2021, 2022 und 2023 die Lieferungen
mit schwachen Margen erfolgen? Diese Bestellungen sind verkauft und bis
dahin ausgeliefert (dieser Drops ist gelutscht!). Da der Flugzeugmarkt
begrenzt ist und Boeing sich vom Marktanteil her vermutlich erholt,
setzt der Nachholeffekt für Airbus erst später bei vielleicht geringeren
Stückzahlen ein. Meiner Meinung nach eine recht gewagte Spekulation,
trotz Herstellerduopols.

Beste Grüße,

Alfred aus Essen

 Antwort:

Bei Airbus kommt die Gewinnmarge weniger durch den Verkaufspreis, als vielmehr durch eine optimierte Produktion zustande. Derzeit fallen hohe Kosten an, um die Produktion trotz Lieferkettenengpässen am Laufen zu halten. Das bedeutet, dass schon mal ein fehlendes Bauteil mit einem Flieger aus Asien geholt wird, um den Airbus fertig stellen zu können. Solche Kosten werden in der Zukunft weniger werden. Wenn dann noch die Anlaufkosten der Produktionsausweitung wegfallen, folgt eine deutlich höhere Gewinnmarge auch ohne Preisanpassungen.