| Antwort: Eine Einschätzung zum Management ist stets ein wichtiges Element meiner Analyse. Gerade bei Flatex hatte ich die Möglichkeit, sowohl CEO Frank Niehage als auch CFO Muhamad Chahrour persönlich kennenzulernen sowie mehrfach mit ihnen zu telefonieren/ einen Videocall zu veranstalten.
Frank Niehage konnte ich auf das Abenteuer mit der Österreichischen Post ansprechen: Was wollte der Online Broker mit der Österreichischen Post, die ein aufwendiges Filialnetz betreibt? Die Kooperation platzte schnell und Flatex ging mit finanziellem Gewinn aus der Geschichte hervor, Anleger waren jedoch verunsichert und die Aktie war eingebrochen.
Für mich ergab sich ein Bild, das den CEO als versierten Strategen mit Sinn für profitable Geschäfte zeichnete. Dass Anleger diesen Geschäftssinn nicht nachvollziehen konnten, bedauerte er und gelobte, künftig darauf zu achten. Die anschließende Geschäftsentwicklung sowie die strategische Entscheidung, DeGiro zu übernehmen, haben die Aktie um ein Vielfaches nach oben katapultiert.
Nun ist FlatexdeGiro erwachsen geworden. Höhere Wachstumsraten als die Konkurrenz bei gleichzeitiger Profitabilität, das muss man erst mal nachmachen. Something has to give, irgendwas musste darunter leiden: Die Compliance, also das Befolgen von Regularien. Wenn Sie zehn CEOs von Start-Ups fragen, ob sie sicher sind, alles regelkonform zu tun, werden Sie neunmal als Antwort erhalten: Keine Ahnung, erst einmal müssen wir uns am Markt etablieren, sonst können uns die Vorschriften ohnehin egal sein.
So ist FlatexDeGiro sicherlich nicht deswegen schneller gewachsen als die Konkurrenz, weil man alle Vorschriften befolgte. Vielmehr ist das Online-Depot bei FlatexDeGiro attraktiver als bei vielen Wettbewerbern.
Nun war die BaFin im Haus und hat eine Mängelliste erstellt. Die muss nun abgearbeitet werden. Ökonomisch betrachtet ist diese Vorgehensweise viel effizienter, als frühzeitig alle eventuell geltenden Vorschriften zu befolgen. Nun hat man eine Liste mit den drängendsten Problemen von der BaFin erstellt bekommen.
Es befindet sich kein Vorwurf darunter, dass Kundengelder gefährdet seien. Oder aber dass bestimmte Geschäfte nicht erlaubt seien. Es ist lediglich eine Liste mit Abläufen und Dokumentationspflichten, die in die Unternehmensprozesse eingearbeitet werden müssen. Weil diese Dokumentationspflicht nicht erfüllt wird, darf FlatexDeGiro bis auf Weiteres ein bestimmtes Absicherungsgeschäft nicht tätigen, sondern muss stattdessen 50 Mio. Euro hinterlegen. Dieses Geld wird das Unternehmen zurück bekommen, sobald die Vorschriften erfüllt werden. CFO Chahrour rechnet damit, bis Ende 2023 die Anforderung zu erfüllen.
„Früher“ war diese Vorgehensweise, zu warten, bis einem die Behörde auf die Finger klopft, so etwas wie ein Kavaliersdelikt. Heute hat sich das Bild geändert und ohne die Folgen des Vergehens zu beurteilen, wird das Management verurteilt. Daher ist die Aktie eingebrochen und es wird wohl eine Weile dauern, bis das Management das Vertrauen wieder herstellen kann.
Die deutsche Nationalmannschaft ist regelkonform ausgeschieden, hat sogar moralisch Stärke bewiesen. Hansi Flick wird hofiert weiterzumachen. Preis/Leistung stimmt bei der Nationalmannschaft irgendwie nicht, es fehlen die Charakterköpfe, die den Unterschied machen können. Bei FlatexDeGiro gibt es die Charakterköpfe und, wie nicht anders zu erwarten, wird kräftig auf sie eingehauen. Doch FlatexDeGiro ist in meinen Augen in der Lage, am Ende als Sieger vom Platz zu gehen.
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