| Antwort: Puh, da fordern Sie mich aber heraus. I accept the challenge ;-).
Sie wollen eine US-Anleihe kaufen, die heute bei 100,83% notiert und zum 15.8. zu 100% zzgl. 6,25% Zins zurückbezahlt wird. Wenn Sie heute kaufen, müssen Sie zusätzlich zu den 100,83% auch noch die bis zum heutigen Tag angelaufenen Zinsen anteilig zahlen: 15.8.22 bis 24.2.23 = 189 von 360 Tagen = 3,23%.
Sie zahlen also 100,83 + 3,23 = 104,06%.
In 171 Tagen bekommen Sie dann 106,25% zurück, Gewinn also = 106,25-104,06 = 2,19.
Auf den Einsatz von 104,06 entspricht das eine Rendite von 2,1% für 171 Tage. Aufs Jahr gerechnet entspricht das einer jährlichen Rendite von 4,42%.
Mit unserer Bundesanleihe bekommen wir 2,9% Rendite aufs Jahr gerechnet, also 1,5%punkte weniger. Nun fangen Sie an, den Wechselkurs einzurechnen. Ich halte das für nicht zielführend, da man ja nur dann in Anleihen investiert, wenn man ein „sicheres“ Einkommen haben möchte. Andernfalls würde ich Wechselkursspekulationen eingehen. Aber sei’s drum, schauen wir uns das mal an:
In den vergangenen sechs Monaten hatte der Wechselkurs Ende September ein Tief bei 0,9595 und Anfang Februar ein Hoch bei 1,1012. In den sechs Monaten ist der Wechselkurs also um 15% geschwankt. Und da wollen Sie auf die künftigen 6 Monate eine „sichere“ Anleihe mit 1,5% Vorsprung vorziehen? Da vermischen Sie Dinge.
Aber sei’s drum, nehmen wir mal an, Sie wollen auf einen weiter ansteigenden US-Dollar spekulieren, weil, wie Sie sagen, die Fed die Zinsen weiter erhöhen wird. Der Wechselkurs wird nicht allein durch die Fed bestimmt, sondern auch durch die EZB. Und aktuell sieht es danach aus, als werde die EZB eine höhere Geschwindigkeit bei den Zinserhöhungen an den Tag legen, nachdem sie mit einem halben Jahr Verspätung in das Rennen eingestiegen ist. Und stärkere Zinserhöhungen der EZB sprechen für einen festen Euro.
Zumindest möchte ich damit zeigen, dass ein weiterer Kursanstieg des US-Dollars nicht so einfach durch die Fed hervorgerufen werden kann.
Soweit meine Ausführungen. Ich habe die Berechnung nicht auf den Tag genau und somit nicht auf die letzte Nachkommastelle genau durchgeführt, es geht hier um die Dimension. Auch sehe ich gerade, dass die Zinsen halbjährlich und nicht jährlich ausgezahlt werden, ich bin fälschlicherweise von jährlicher Zahlungsweise ausgegangen ... das ändert aber nichts am Ergebnis.
Wer einen kleinen Zinsvorteil in den USA nutzen möchte, muss damit rechnen, dass Wechselkursschwankungen den Zinsvorteil niedlich erscheinen lassen.
RÜCKFRAGE
Guten Abend Herr Heibel,
Danke, da ich bisher noch nie in Anleihen investiert war, scheine ich mich wohl komplett falsch auszudrücken. Die Stückzinsen habe ich natürlich überhaupt nicht berücksichtigt, aber die Leute bei den Börsennachrichten auch nicht. Bin nicht alleine, leider ☹ früher war das anders.
Deshalb erlaube ich mir es noch mal zu versuchen.
Meine Beispiele dienten dazu den bisherigen Verlauf darzustellen, um auf den zukünftigen Verlauf (den ich mir vorstelle, ob er kommt, sei dahingestellt) hinzuweisen, der aufgrund der Schuldensituation wieder sinkende Zinsen mit sich bringen wird. Top zu treffen ist unmöglich und es muss auch keine Staatsanleihe sein.
Wenn ich nun folgende Annahmen in den Raum stelle: USA 6% Spitzenzinssatz mit einer Inflation, die keine 10% in der Zukunft mehr trifft, aufgrund des Basiseffektes.
Kauf zu diesem Zeitpunkt würden die 6% sicher + Kurserhöhung unsicher garantieren. Ich gehe noch von 2023/24 schwierigen Zeiten aus, also Leerverkauf, lief letztes Jahr nicht schlecht (Beimischungen).
Dann stellt sich mir die Frage, die der Wirtschaftsingenieur gerne an den Volkswirt weiter reichen möchte: Inflation und sinkende Zinsen und sinkender Dollar = steigender Goldpreis und kein Fiat-Geld!! Gegenüber: Anleihen zu ~6% gekauft.
In beide Positionen investieren oder Gold vorziehen?
Mit freundlichen Grüßen,
Reiner aus Blankenheimerdorf
PS: Könnte mir vorstellen, dass nach dem Abverkauf 2022 der Anleihen im Jahr 2023 der umgekehrte Fall eintreten wird. Bloß kaum Anleihewissen.
RÜCKANTWORT
Wenn ich Sie richtig verstehe möchten Sie wissen, ob Sie im Falle einer Rezession im weiteren Jahresverlauf eher in Gold, oder in Anleihen investieren sollen.
Fiat-Geld (=Staatsanleihe kaufen bei Zinsspitze): Das würde davon abhängen, wie hoch die Inflation dann ist. Solange die Inflation höher als der Leitzins ist, wäre dieser Weg nachteilig und entsprechend würde ich auch keinen Kursgewinn (führt zu weiter sinkenden Renditen) bei den Staatsanleihen erwarten.
Sollte die Inflation jedoch zu diesem Zeitpunkt dann schon niedriger sein als der Leitzins, dann hat die Notenbank übersteuert und eine Rezession ist nicht nur wahrscheinlich, sondern mMn ziemlich sicher. In diesem Fall wird das Geld tatsächlich in die Anleihen strömen, um den Zins auf das Inflationsniveau zu drücken.
Aktienmärkte werden in der Regel bis zum Eintritt einer Rezession ausverkauft. Wenn wir also Ende des Jahres eine Rezession haben, dann sollten wir in den kommenden Monaten schon den Ausverkauf sehen. Vielleicht im Sommer …? Ich denke jedoch, dass wir den Großteil des Ausverkaufs im vergangenen Jahr bereits vorweg genommen haben, daher dürfte ein weiterer Ausverkauf moderat bleiben.
Goldpreis und US-Dollar sind tatsächlich negativ korreliert: Wenn der US-Dollar schwächest, steigt der Goldpreis. Im obigen Szenario, wenn die Wirtschaft abgewürgt wird, dürfte der US-Dollar fallen und der Goldpreis steigen … theoretisch :-)
Ich hoffe, ich habe dieses mal Ihre Frage besser beantwortet. Aber bitte bedenken Sie, das dies nur Szenarien sind. Volkswirte wie ich sind gut im Erklären dessen, was passiert ist. Auch Szenarien können wir erstellen. Doch die Realität kann dann noch immer ganz anders aussehen. |