Leserfragen (Mai 2022)


 Frage vom 31.05.2022

#Fairer & innerer Wert einer Aktie

Sehr geehrter Herr Heibel

Freundlicherweise senden Sie mir die Kostenlose Version seit Jahren und ich lese dies mit großem Interesse. Ihre Analysen finde ich nicht nur echt gut durchdacht aber auch für Laien wie mich verständlich. Sporadisch bestelle ich daher das Probeabo.

Ich (86) habe seit Jahren ein Depot das im Kern unverändert bleibt und wo ich nur am Rande "adjustiere" und mit dem ich gut leben kann. Kernpunkte: Dividende um die Rente aufzubessern, gewisse Konsistenz, Schwerpunkt defensiv, Admixture mit Fonds/ETFs. Obschon ich auch in USA, Schweiz und GB investiert bin, vergleiche ich das Depotergebnis wöchentlich mit dem DAX (Performance) und damit, für mich, mit dem Markt. Bisher bin ich im Großen u. Ganzen zufrieden.

Übrigens, ich finde es nicht equitable, DAX mit anderen Kursindizes zu vergleichen.

Mit dem Probeabo habe ich mich mir jede Woche mit dem Lesen Zeitgenommen. Wie gesagt, Ihre Analysen genieße ich. Die Sentimentanalyse ist verständlich aber für mich schwer einzuordnen - mit den vielen Parametern, Werten usw. Als Ingenieur würde ich dies Tabulieren, mit Ist- und War-werten und ausführlichen Anmerkungen.

Als "Noch-Abonnent" habe ich ein Anliegen. Berufsbedingt interessiert mich die Chartanalyse jedoch grundsätzlich die Fundamentalwerten. Es wird bei Ihnen, und auch sonst von dem "inneren Wert" und dem "faireren Wert" gesprochen. Mit Ihrer unvergleichlicher Fähigkeit komplizierten Begriffe (wie .Z.B. neulich Margin Call) zu erklären, wäre sicherlich für uns alle, v.a., für die Nicht-Finanzeigeweihten wertvoll, Ihre Erklärung für diese zu erhalten und wie man dies ermittelten kann (wenn auch in "simplified form". Google/Wikipedia haben nicht hier richtig geholfen!

Wie gesagt, ich bin mit meinen Depot zufrieden und "reluctant" grundsätzliche Änderungen vorzunehmen. Mein Alter hat sicherlich etwas damit zu tun. Daher bleibe ich vorerst bei Ihrem kostenlosen Abo. Ich hoffe um Ihren Verständnis.

Mit herzlichen Grüßen

Avtar aus Oberhausen

 Antwort:

Herzlichen Dank für Ihr freundliches Schreiben. Die von Ihnen erwünschten Tabellen zum Sentiment gibt es, doch im Heibel-Ticker möchte ich das Thema kurz halten. Schauen Sie sich bitte mal animusX.de an, mein Sentiment-Dienst, der kostenfrei für alle wöchentlichen Teilnehmer ist. Dort bin ich mit Erwartungswerten, Varianz und historischen Vergleichen unterwegs. Die aktuelle Ausgabe hänge ich Ihnen an diese E-Mail an.

Gerne komme ich Ihrem Wunsch nach und versuche mich an einer simplifizierten Erläuterung zum inneren und fairen Wert einer Aktie :-).

Innerer und fairer Wert einer Aktie sind keine Begriffe, die wissenschaftlich definiert wurden. Häufig werden beide Begriffe als Synonym verwendet. Ich unterscheide wie folgt: Wenn ich Unternehmensteile berechnen kann, wie beispielsweise bei BB Biotech die Summe aller Biotech-Beteiligungen, dann klingt das für mich eher nach einem inneren Wert. Ob das dann auch fair ist, kann man damit kaum beurteilen. Auch wenn man den Wert der Amazon-Aktie mit hypothetischen Werten der Amazon-Cloud AMW, des Online-Versands sowie des inzwischen groß gewordenen Werbegeschäfts ermittelt, würde ich von einem inneren Wert sprechen.

Der faire Wert richtet sich demgegenüber eher an den Rahmenbedingungen aus: Je nach Börsenumfeld bin ich manchmal bereit, höhere Bewertungsniveaus als fair zu akzeptieren als in anderen Situationen. Aktuell laufen wir Gefahr, in eine Rezession zu rutschen. Da möchte ich mein Geld gerne in Aktien stecken, deren Unternehmen Dinge des Alltags zu vernünftigen Preisen anbieten.

Träumereien wie fliegende Taxis oder Wachstumsunternehmen ohne profitables Geschäft wie bspw. Global Fashion haben in dieser Marktphase nichts im Portfolio eines Privatanlegers zu suchen. Global Fashion wird bspw. mit einem Kurs/Umsatz-Verhältnis von nur 0,3 bewertet. Für ein Wachstumsunternehmen ist das extrem günstig, denn wir kennen dort ja Multiples von 2, teilweise sogar 5 und noch höher. Doch auf absehbare Zeit wird Global Fashion keinen Gewinn erzielen, daher ist es fraglich, ob es in einer ggfls. länger anhaltenden Rezession ohne eigene Gewinne bestehen kann. Anleger haben die Aktie bereits von 14 auf 2 Euro gestutzt.

Derzeit schaue ich also nach Unternehmen, die mit Alltagsprodukten ausreichend Profit machen, um eine akzeptable Dividendenausschüttung zu finanzieren.

Es gibt eine Faustformel, die ich Ihnen an die Hand geben möchte: Das Zinsniveau ist so etwas wie ein Preisindikator für die aktuelle konjunkturelle Situation. Wenn die Wirtschaft brummt, sind die Zinsen normalerweise hoch, damit es nicht zu einer Überhitzung kommt. In einer Rezession sind die Zinsen normalerweise niedrig, damit Unternehmen Investitionen günstig finanzieren können und somit einen Aufschwung ermöglichen.

Im Umfeld hoher Zinsen müssen Unternehmen mehr Gewinn erzielen, um sich als Anlagealternative zum festverzinslichen Papier zu qualifizieren. Nehmen wir einmal an, Sie könnten Ihr Geld risikofrei zu einem Zins von 5% anlegen. Eine Aktie müsste mindestens 5% Gewinn versprechen, um mit der risikofreien Anleihe zu konkurrieren. Nehmen wir einen kleinen Risikoaufschlag hinzu, so würde ich nach Aktien mit einem Gewinn von mindestens 6% Ausschau halten.

Wenn Sie die Prozentwerte zwischen Anleihe und Aktie vergleichen wollen, können Sie einfach den Kehrwert nehmen. Eine Aktie mit einem KGV von 20 verspricht also eine Rendite von 1 / 20 = 0,05 --> 5%. Eine Aktie mit einem KGV von 15 verspricht eine Rendite von 1 / 15 = 0,066 —> 6,6%.

Derzeit wird Ihr Geld nicht verzinst, Sie bekommen vielleicht 0,5% Zinsen, wenn Sie irgendwelchen Sonderangeboten nachlaufen. Um mit diesem niedrigen Zinsniveau zu konkurrieren, müssen Aktien also eine Rendite von 0,5% übertreffen. Das wäre bei einem KGV von 1 / 0,005 = 200 der Fall. Im Niedrigzinsumfeld ist also fast jede Aktie attraktiver als der Anleihemarkt.

So kam es in den vergangenen Monaten zu Börsengängen von Unternehmen, die kaum Gewinne in Aussicht gestellt haben: Unprofitable Geschäftsmodelle waren Anlegern lieber als Nullzinsanleihen. So wurde viel Kapital in Unternehmen gesteckt, die eigentlich nicht an die Börse gehören. Diese Unternehmen werden derzeit aus dem Markt geschüttelt, da Anleger in der Erwartung höherer Zinsen Ihr Geld aus unprofitablen oder gering-profitablen Unternehmen abziehen.

Was ist also eine faire Bewertung? Ausgangspunkt ist häufig das KGV, das Kurs/Gewinn-Verhältnis. Wie viel Gewinn erhalte ich für den Preis? Die Einschätzung, wieviel Gewinn ich mindestens erwarten möchte, hängt von den Rahmenbedingungen ab.

Natürlich kann man da weiter in die Tiefe gehen: Je nach Geschäftsmodell empfiehlt es sich, statt des Gewinns je Aktie auf den freien Cashflow zu gehen, oder aber bestimmte Sondereffekte herauszureichen. Aber zum einfachen Verständnis verwende ich im Heibel-Ticker meistens das KGV als Ausgangspunkt :-).


 Frage vom 12.05.2022

#Palantir liefert Software für Geheimdienste

Sehr geehrter Herr Heibel,

Palantir, WKN a2qa4j
Würden Sie bitte ihre Meinung für diese Aktien mitteilen?

Ich Danke Ihnen im Voraus,
Setrak aus München

 Antwort:

Das Kurs/Umsatz-Verhältnis liegt bei 10 und damit abenteuerlich hoch: Maximal 2 wird derzeit am Aktienmarkt toleriert. Ein KGV gibt es nicht, da noch kein Gewinn erzielt wird. Das KGV 2023e wird auf 33 geschätzt. Für 35% Gewinnwachstum p.a. in den kommenden Jahren ist das schon wieder okay.

Palantir bietet Software für Geheimdienste an. Ein Bereich, der nah am Militär rangiert und derzeit ziemlich gefragt ist. Wenn die Zinsen irgendwann mal aufhören sollten zu steigen, könnte Palantir zu den Aktien gehören, die am stärksten zurückspringen. Doch wann und von welchem Niveau aus das sein könnte, weiß ich nicht.


 Frage vom 04.05.2022

#Teilkäufe & -verkäufe, ETF-Sentimentsstrategie, Einstiegskurse

Sehr geehrter Herr Heibel,

ich frage mich die ganze Zeit ob Sie in allen Bereichen des Heibel Depots auch in Zukunft Teilkäufe,- sowei Verkäufe vornehmen werden?

Ich persönlich würde nämlich gerne ihre fundamentale Recherche benutzen, um mit ein paar ihrer Titel zu spekulieren und das auch im Dividendenbereich und Teilverkäufe Ihrerseits dann bei mir zu nutzen um komplette Gewinne zu realisieren.

Würden Sie für diese Strategie welche ich bevorzuge eher die Titel, welche mit "B" gekennzeichnet sind empfehlen wegen des dortigen Potenzials, oder eher doch die mit "C" gekennzeichneten, da diese ja bei gewinnen eh veräußert werden?

Die andere Möglichkeit welche Ich mir überlegt habe wäre nur einen ETF auf den Dax zu kaufen wenn laut Sentiment Panik am Markt herrscht um diesen DAX ETF wieder beim nächsten Widerstand zu verkaufen oder ist diese Idee zu Trivial?

Letzte Frage welche ich mir Stelle ist, wie sie die Einstiegskurse beim dem Heibel Depot ausrechnen?

Mit freundlichen Grüßen

Dennis aus Heinsberg

 Antwort:

Teilverkäufe und Teilnachkäufe nehme ich bei Dividenden- und Wachstumstiteln vor. Spekulationen sind in der Regel eine Ganz oder gar nicht-Entscheidung.

Mit einem DAX-ETF auf der Sentiment-Analyse zu segeln, halte ich für eine gute Idee. Ich habe das noch nicht getan, weil ich lieber in Einzelaktien investiere und weil die Sentimentanalyse nur einmal wöchentlich erstellt wird, da gibt es manchmal unterwöchige Schwankungen, die dann nicht in den Zahlen zu sehen sind.

Ich „errechne“ keine Kurse, sondern schaue in erster Linie auf die Marktentwicklung. An schwachen Tagen kaufen ich dann Aktien, die ich grundsätzlich für günstig halte, egal ob sie eine bestimmte Marke erreicht haben oder nicht.


 Frage vom 04.05.2022

#Daimler Truck und Mercedes-Benz

Hallo Hr. Heibel,
Kurze Frage zu Mercedes/Daimler:
Habe für meine ehemals Daimler Aktien die entsprechenden Mercedes und Daimler Trucks Aktien eingebucht bekommen.
Was wäre Ihre Empfehlung zu diesen beiden Werten.

Vielen Dank für Ihre Bemühungen.
Beste Grüße aus Österreich
Bert aus Linz

 Antwort:

Daimler Truck sieht wie eine solide Dividendenaktie aus. Allerdings fehlt natürlich die Historie, wir wissen also nicht, ob das Management wirklich so solide wirtschaften wird wie derzeit prognostiziert. Doch die Dividendenrendite 2023e von 4,8% und das KGV 23e von 8 machen die Aktie attraktiv.

Mercedes sieht auf den ersten Blick auch aus wie eine attraktive Dividendenaktie, doch bei Mercedes fehlen mir die Wachstumsaussichten. In den vergangenen drei Jahren stagnierte der Umsatz, für die kommenden drei Jahre wird ein Umsatzwachstum von 3,5% erwartet. Entsprechend ist die Dividendenrendite 23e von 7% zwar Ausdruck der finanziellen Stärke des Unternehmens, das KGV von nur noch 6 jedoch schon eher Ausdruck des Zukunftspessimismus.


 Frage vom 04.05.2022

#Wahrscheinlichkeit eines Gas-Stopps

Ja, auch wenn Russland die Gaslieferungen nach Deutschland einstellt, würde der DAX kräftig einbrechen. Ich kann mir das derzeit aber schwer vorstellen. Die Spannungen waren diesbezüglich bereits eskaliert, als die Zahlungen aus Deutschland nicht seinem Wunsch entsprechend in Rubel erfolgten. Da hätte er eigentlich den Gashahn zudrehen müssen. Der Umstand, dass er dies nicht tat, deutet für mich daraufhin, dass er nicht kann ..., zumindest derzeit nicht.

 Antwort:

Sehr geehrter Herr Heibel,

vielen Dank für Ihre Analyse. Einen wichtigen Punkt vermisse ich: was ist, wenn es zu einem Gasembargo bzw Einstellung der Lieferung seitens Russland käme, z.B. für den Fall der Nicht-Eröffnung eines Rubelkontos bei der Gazprombank. Das Problem der Wertschöpfung aus Gas wurde ja intensiv die letzten Wochen diskutiert. Ohnehin wird Deutschland künftig erhebliche Wohlstandseinbußen hinzunehmen haben wegen gestiegener Rohstoff-, insbesondere Gaspreise. Die Gefahr der Abwanderung von Industrien wächst. Wie schätzen Sie dieses Risiko ein?

Mit freundlichen Grüßen
Peter (62) aus München


 Frage vom 04.05.2022

#Spotify: Investoren brauchen gute Nerven und langen Atem

Hallo Herr Heibel,

müsste Spotify nicht mittlerweile zu Kursen von 110 USD auf ihrer Watchliste sein?
Das operative Geschäft hat sich gegenüber 02/2021 recht positiv entwickelt.

Freundliche Grüße
Erik aus Kelkheim

 Antwort:

Wenn Sie sich Spotify anschauen, dann ja. Wenn Sie sich den Markt anschauen, dann haben Anleger derzeit jedoch keinen Appetit auf Aktien mit hohem Bewertungsniveau oder Unternehmen ohne Gewinn. Spotify wird Analystenschätzungen zufolge 2023 erstmals einen Gewinn erwirtschaften. Vor dem Hintergrund steigender Zinsen ist es für Anleger derzeit ein rotes Tuch, in Aktien zu investieren, die keinen Gewinn erwirtschaften.

Zur Erinnerung: Je höher die Zinsen, desto stärker werden in den Bewertungsmodellen zukünftige Gewinne auf den heutigen Tag abdiskontiert. Solange die Zinsen steigen, verstärkt sich dieser Effekt und Anleger wollen erst einmal ein Ende der Zinssteigerungen sehen, bevor sie sich an die Bewertung solcher Aktien setzen.

Wenn Sie gute Nerven und einen langen Atem haben, könnte sich ein Investment auf dem aktuellen Kursniveau als gute Entscheidung herausstellen :-).