| Antwort: Herzlichen Dank für Ihr freundliches Schreiben. Die von Ihnen erwünschten Tabellen zum Sentiment gibt es, doch im Heibel-Ticker möchte ich das Thema kurz halten. Schauen Sie sich bitte mal animusX.de an, mein Sentiment-Dienst, der kostenfrei für alle wöchentlichen Teilnehmer ist. Dort bin ich mit Erwartungswerten, Varianz und historischen Vergleichen unterwegs. Die aktuelle Ausgabe hänge ich Ihnen an diese E-Mail an.
Gerne komme ich Ihrem Wunsch nach und versuche mich an einer simplifizierten Erläuterung zum inneren und fairen Wert einer Aktie :-).
Innerer und fairer Wert einer Aktie sind keine Begriffe, die wissenschaftlich definiert wurden. Häufig werden beide Begriffe als Synonym verwendet. Ich unterscheide wie folgt: Wenn ich Unternehmensteile berechnen kann, wie beispielsweise bei BB Biotech die Summe aller Biotech-Beteiligungen, dann klingt das für mich eher nach einem inneren Wert. Ob das dann auch fair ist, kann man damit kaum beurteilen. Auch wenn man den Wert der Amazon-Aktie mit hypothetischen Werten der Amazon-Cloud AMW, des Online-Versands sowie des inzwischen groß gewordenen Werbegeschäfts ermittelt, würde ich von einem inneren Wert sprechen.
Der faire Wert richtet sich demgegenüber eher an den Rahmenbedingungen aus: Je nach Börsenumfeld bin ich manchmal bereit, höhere Bewertungsniveaus als fair zu akzeptieren als in anderen Situationen. Aktuell laufen wir Gefahr, in eine Rezession zu rutschen. Da möchte ich mein Geld gerne in Aktien stecken, deren Unternehmen Dinge des Alltags zu vernünftigen Preisen anbieten.
Träumereien wie fliegende Taxis oder Wachstumsunternehmen ohne profitables Geschäft wie bspw. Global Fashion haben in dieser Marktphase nichts im Portfolio eines Privatanlegers zu suchen. Global Fashion wird bspw. mit einem Kurs/Umsatz-Verhältnis von nur 0,3 bewertet. Für ein Wachstumsunternehmen ist das extrem günstig, denn wir kennen dort ja Multiples von 2, teilweise sogar 5 und noch höher. Doch auf absehbare Zeit wird Global Fashion keinen Gewinn erzielen, daher ist es fraglich, ob es in einer ggfls. länger anhaltenden Rezession ohne eigene Gewinne bestehen kann. Anleger haben die Aktie bereits von 14 auf 2 Euro gestutzt.
Derzeit schaue ich also nach Unternehmen, die mit Alltagsprodukten ausreichend Profit machen, um eine akzeptable Dividendenausschüttung zu finanzieren.
Es gibt eine Faustformel, die ich Ihnen an die Hand geben möchte: Das Zinsniveau ist so etwas wie ein Preisindikator für die aktuelle konjunkturelle Situation. Wenn die Wirtschaft brummt, sind die Zinsen normalerweise hoch, damit es nicht zu einer Überhitzung kommt. In einer Rezession sind die Zinsen normalerweise niedrig, damit Unternehmen Investitionen günstig finanzieren können und somit einen Aufschwung ermöglichen.
Im Umfeld hoher Zinsen müssen Unternehmen mehr Gewinn erzielen, um sich als Anlagealternative zum festverzinslichen Papier zu qualifizieren. Nehmen wir einmal an, Sie könnten Ihr Geld risikofrei zu einem Zins von 5% anlegen. Eine Aktie müsste mindestens 5% Gewinn versprechen, um mit der risikofreien Anleihe zu konkurrieren. Nehmen wir einen kleinen Risikoaufschlag hinzu, so würde ich nach Aktien mit einem Gewinn von mindestens 6% Ausschau halten.
Wenn Sie die Prozentwerte zwischen Anleihe und Aktie vergleichen wollen, können Sie einfach den Kehrwert nehmen. Eine Aktie mit einem KGV von 20 verspricht also eine Rendite von 1 / 20 = 0,05 --> 5%. Eine Aktie mit einem KGV von 15 verspricht eine Rendite von 1 / 15 = 0,066 —> 6,6%.
Derzeit wird Ihr Geld nicht verzinst, Sie bekommen vielleicht 0,5% Zinsen, wenn Sie irgendwelchen Sonderangeboten nachlaufen. Um mit diesem niedrigen Zinsniveau zu konkurrieren, müssen Aktien also eine Rendite von 0,5% übertreffen. Das wäre bei einem KGV von 1 / 0,005 = 200 der Fall. Im Niedrigzinsumfeld ist also fast jede Aktie attraktiver als der Anleihemarkt.
So kam es in den vergangenen Monaten zu Börsengängen von Unternehmen, die kaum Gewinne in Aussicht gestellt haben: Unprofitable Geschäftsmodelle waren Anlegern lieber als Nullzinsanleihen. So wurde viel Kapital in Unternehmen gesteckt, die eigentlich nicht an die Börse gehören. Diese Unternehmen werden derzeit aus dem Markt geschüttelt, da Anleger in der Erwartung höherer Zinsen Ihr Geld aus unprofitablen oder gering-profitablen Unternehmen abziehen.
Was ist also eine faire Bewertung? Ausgangspunkt ist häufig das KGV, das Kurs/Gewinn-Verhältnis. Wie viel Gewinn erhalte ich für den Preis? Die Einschätzung, wieviel Gewinn ich mindestens erwarten möchte, hängt von den Rahmenbedingungen ab.
Natürlich kann man da weiter in die Tiefe gehen: Je nach Geschäftsmodell empfiehlt es sich, statt des Gewinns je Aktie auf den freien Cashflow zu gehen, oder aber bestimmte Sondereffekte herauszureichen. Aber zum einfachen Verständnis verwende ich im Heibel-Ticker meistens das KGV als Ausgangspunkt :-).
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