Hallo Herr Heibel,
sie wollen sich näher mit dem Vergleich der aktuellen Situation mit der Stagflation der 1970er auseinander setzen.
Ich freue mich schon sehr auf ihre Analysen und Ergebnisse. 🤓
Meine Gedanken, Fragen und Quellen zu dem Thema.
Am Anfang war seitens der EZB von einer temporären (transitory) Inflation die Rede. Ich finde diesen Begriff recht "interessant", insbesondere wenn Inflation durch Schocks auf der Angebotsseite (Lieferketten-Probleme, Öl/Gas durch Krieg/Sanktionen) ausgelöst wird, und nicht durch eine heißlaufende Nachfrage. Böse formuliert: Durch den Basiseffekt fällt nach 1 Jahr jeglicher Preisschock aus der Inflationsstatistik (ist somit "temporär"), auch wenn die Preise auf gleich hohem Niveau verbleiben.
Nun folgten eine einmalige(?) Effekte in Folge:
- MwSt-Senkung während Corona (temporärer künstlicher Eingriff -> Basiseffekt)
- Lieferketten-Probleme (Angebotsverknappung; kann noch einige Zeit anhalten, besteht aber auch schon einige Zeit.)
- Nachholeffekte nach Corona (temporär höhere Nachfrage, solange die Kunden es sich überhaupt noch leisten können.)
- Ukraine-Krieg / Sanktionen (Angebotsverknappung Öl/Gas, Nahrungsmittel/Dünger)
Fragen:
1. Gibt es eine verbindliche bzw. allgemein anerkannte Definition davon was noch temporäre (transitory) Inflation ist und was nicht?
2. In welcher Höhe und Dauer können sie sich Preissteigerungen durch Angebotsverknappung noch vorstellen, ehe diese durch Substitution oder Verzicht "begrenzt" werden? Ein Jahr nach Erreichen der "Schmerzgrenze" greift wieder der Basiseffekt)
3. Wie dramatisch wäre eigentlich eine Kerninflationsrate von ca. 4%, falls absehbar ist, dass sie "nur" über einen Zeitraum <4 Jahre währt? Wie würde sich das auf die "Inflationserwartungen bei unterschiedlich langen Anlagehorizonten" (Grafik aus Quirin-Newsletter, unten verlinkt) auswirken? Und wie auf die Aktienmärkte?
Bei der Angebotsverknappung durch die Lieferketten-Probleme sehe ich eine solche "Schmerzgrenze" erreicht. Alle Rabatte etc. sind gestrichen, es gibt lange Wartezeiten, aber ich denke noch höhere Preise (=> Inflation) werden wir deswegen kaum mehr sehen.
Sogar bei Gas denke ich, dass mit Abschluss der Heizsaison 10/22-04/23 die Luft raus sein wird. Und da an der Börse die Zukunft gehandelt wird, vielleicht sogar etwas früher. Zwischenzeitlich sind bis zum Nachweis das es notfalls auch ohne Putin-Gas geht (Verzicht/Substitution/LNG) der Spekulation wohl keine Grenzen gesetzt.
Ab Q2/23 werden die aktuellen Preisschocks durch Angebotsverknappung durch den Basiseffekt eingeholt.
Das "Durchsickern" der Energiekosten auf weitere Güter dauert ca. 1 Jahr länger, d.h. diesbezügliche Preissteigerungen laufen 2023 aus, und werden 2024 vom Basiseffekt eingeholt.
Ab 2024 sollte der Spuk dann - zumindest angebotsseitig - ein Ende haben. Das Risiko für eine länger als 2024 anhaltende höhere Inflationsraten liegt somit "lediglich" auf der Nachfrageseite. Somit hätten die Notenbanken bis Anfang 2024 Zeit Begehrlichkeiten auf der Nachfrageseite zu dämpfen.
Oder wie sehen sie das?
Nach ca. 25 Jahren mit einer Kerninflationsrate von <2%, sind 2-3 Jahre mit höheren Inflationsraten doch fast wieder "temporär". 😅
Mit freundlichen Grüßen
Daniel aus Essen |