 | Hallo Herr Heibel,
ich schätze Ihre Ausführungen und Einsichten zum Börsengeschehen seit vielen Jahren. Im aktuellen Ticker hat das Thema "Schulden" einen hohen Stellenwert - zu Recht. Ich fand allerdings Ihre Darstellung von Frankreich, die "ihre Schulden nicht im Griff haben" und daneben Deutschland als Musterschüler darstellen, schlicht falsch.
Ich möchte Ihnen gern meine Sicht der Dinge schildern, die sich eher an Ökonomen wie Heiner Flassbeck orientiert.
1) Die privaten Haushalte haben immer schon gespart, und das ist auch gut und richtig so
2) Früher haben sich die Unternehmen verschuldet, mittlerweile sparen auch diese.
3) In Deutschland möchte nun sogar der Staat sparen: Schuldenbremse, schwarze null
Es ist ja sehr löblich wenn alle sparen wollen. Das Ding ist nur: die Sparguthaben und Schulden auf der Welt saldieren sich zu null. Daraus folgt rein logisch: es können nicht alle sparen. Wenn jemand spart, muss sich jemand anders verschulden.
Oder anders gesagt: damit wir in Deutschland alle so schön sparen können, _brauchen_ wir das Ausland, welches sich verschuldet. Das kann aber schon per Definition nicht jedes Land so machen, der Saldo ist nunmal null.
Und warum kann Deutschland der Sparer sein kann und Frankreich der Schuldner? Das ist natürlich komplex, aber ein wichtiger Grund ist: wir haben uns beim Start der Währungsunion mal auf 2% Inflationsziel geeinigt. In Frankreich sind die Löhne im Schnitt 2% stärker gestiegen als der Produktivitätszuwachs, d.h. dort wurde die richtige Richtung eingeschlagen. Gleichzeitig haben wir in Deutschland die Reallöhne aber abgesenkt, bspw. durch die Agenda 2010, und haben dadurch unsere Wettbewerbsfähigkeit gesteigert.
Die gemeinsam gesetzten Regeln wurden also von beiden Seiten nicht eingehalten, und die Entwicklungen auf beiden Seiten hängen direkt miteinander zusammen. Gemeckert wird aber immer nur mit den Schuldnern, weil sie ihr Geld nicht zusammen halten können.
Damit will ich natürlich nicht sagen, dass es keine Reformen von verkrusteten und unwirtschaftlichen Zuständen geben soll. Ich finde es gut, dass hier Druck aufgebaut wird, um die Produktivität in der gesamten Eurozohne zu erhöhen. Leider treffen die Einsparungen dann aber meist die Schwachen, die keine Lobby haben. Und das führt dann wiederum zu gesellschaftlichen Verwerfungen und dem Erstarken von populistischen Parteien. Ich fände es in einem ersten Schritt schön, wenn die oben genannten Zusammenhänge wahrgenommen und verstanden werden, davon sind wir aber wohl leider weit entfernt.
Sie bekommen viele Nachrichten und dies ist ein komplexes Thema, daher bin ich Ihnen nicht böse wenn Sie nicht antworten. Falls doch, würde ich mich aber sehr über Ihre Einschätzung dazu freuen.
Liebe Grüße,
Michael aus Verl |  |
| | Antwort: Vielen Dank für Ihr Lob und für die offene Auseinandersetzung mit einem Thema, dass durchaus kontrovers gesehen werden kann.
In Ihren Ausführungen fehlt mir der Hinweis auf die Unruhen, mit denen Frankreich seit vielen Jahren zu kämpfen hat. Ich persönlich habe den Eindruck, dass unser Modell, also weniger Lohnsteigerung (kleiner 2%) als Produktivitätswachstum von (größer 2%), zu mehr Wachstum führte, was wiederum der Politik ermöglichte, mehr soziale Transfers umzusetzen. Fand unser Wachstum auf dem Rücken der Franzosen statt?
Meiner Ansicht nach nicht. Ich unterscheide die Politik seit jeher in zwei Lager: Alle wollen sozial sein. Die einen wollen zuerst eine soziale Gerechtigkeit herstellen und bauen darauf, dass sodann das Wirtschaftssystem besser funktioniert (links). Die anderen wollen zuerst ein funktionierendes Wirtschaftssystem aufbauen und setzen darauf, dass dann ausreichend Geld für soziale Transfers übrig bleibt (rechts).
Menschen werden produktiv, wenn sie in einem funktionierenden Anreizsystem arbeiten. Die Politik muss in meinen Augen ausreichend soziale Transfers umsetzen, ohne das Anreizsystem kaputt zu machen. Dies führte unter anderem in der Nachkriegszeit zum Wirtschaftswunder in Deutschland. Seither wird jedoch zuerst verteilt, auch von der vermeintlich „rechten“ CDU. Das funktioniert auf dem Rücken unseres zuvor geschaffenen Kapitalstocks nicht ewig und wir kommen an die Grenzen.
Mit einem funktionierenden Anreizsystem wird von kreativen Menschen Wohlstand geschaffen. Diese Erfahrung sollten wir aus diversen gescheiterten sozialistischen Systemen inzwischen gemacht haben. In Deutschland haben wir eine soziale Marktwirtschaft. Die „Marktwirtschaft“ ist groß geschrieben, sozial ist ein zusätzliches Attribut. Meinem Eindruck nach hat sich diese Priorität seit 20 Jahren umgekehrt ..., in Frankreich schon viel länger.
Die Sichtweise, dass des einen Guthaben des anderen Schulden sind, halte ich für Demagogie. Es ist ein eingeschränktes volkswirtschaftliches Modell, mit dem Wechselwirkungen dargestellt werden. Ein Modell ist eine vereinfachende Darstellung der Realität. In der Realität gibt es noch viel mehr Komponenten, wie beispielsweise der Anreiz, mit dem Menschen arbeiten. Ein starker Anreiz führt zu Innovation und Innovation führt zu Wohlstand. Die Geldmenge mag sich in diesem System auf Null summieren, aber durch Anreiz erzielte Innovationen erhöhen den Wohlstand ungeachtet der Nullsumme.
Ja, das Thema ist komplex und ich merke schon, dass natürlich auch bei meiner Sichtweise genügend Angriffsflächen vorhanden sind. Ich habe zwar Volkswirtschaft studiert, sehe mich aber eher als jemanden, der sein Wissen aus der persönlichen Beobachtung, also Erfahrung, speist. Ich sehe, wie die Menschen, mit denen ich über produktive Tätigkeiten sprechen kann, immer seltener werden. Die meisten wissen genau, was rechtlich zulässig und erforderlich ist, wie man Auflagen erfüllt und was man besser unterlassen sollte.
In diesem Umfeld also zu glauben, ein Lösen der Schuldenbremse würde die Produktivität und den Wohlstand fördern, halte ich für abenteuerlich. Mehr Geld in einem System, das zunehmend darauf ausgerichtet ist, Auflagen zu erfüllen, wird endlich die Auflagen erfüllen, ohne einen wirklichen Mehrwert zu schaffen. Nicht umsonst haben Wolfspeed und Intel Ihre Investitionen abgeblasen, obwohl sie mit Milliardensummen gefördert werden sollten. Geld ist nicht das Problem. Ob Schulden oder Guthaben, ohne ein funktionierendes Anreizsystem passiert gar nichts.
... klingt ziemlich resolut, meine Antwort - ich hoffe, nicht zu harsch: Ich bin Ihnen sehr dankbar für die offene Diskussion, auch wenn ich manchmal meine Punkte recht resolut vertrete. Ich hoffe, Sie kommen damit zurecht :-). |