| Antwort: Oh, vielen Dank für diese Frage, denn da kann ich Ihnen mal einen kleinen Einblick in die Arbeit geben, die ich für die Heibel-Ticker Mitglieder mache.
Auf der von Ihnen genannten Seite werden tatsächlich ein paar Kennziffern angezeigt. Doch Hintergrundinfos dazu gibt es nicht. Ich nutze seit einiger zeit Bloomberg und zahle einen mittleren vierstelligen Betrag MONATLICH dafür. In der Vergangenheit bin auch ich immer wieder über irreführende Zahlen gestolpert und musste mich durch unzählige Quartalsbilanzen kämpfen, um Klarheit zu bekommen.
Entschlüsseln wir also mal, warum Palo Alto auf Basis der Zahlen von Nasdaq überteuert erscheint, auf Basis der tatsächlich relevanten Zahlen jedoch günstig ist.
Das Problem startet mit dem Bilanzjahr: Palo Altos Bilanzjahr entspricht nicht dem Kalenderjahr, sondern endet stets zum 31.7.. Damit ist das Geschäftsjahr von Palo Alto nicht nur um zwei Quartale unterschiedlich zum Kalenderjahr, sondern um zwei Quartale und einen Monat. Ausgefallener geht es kaum.
Finanzplattformen, die Unternehmenszahlen kostenfrei zur Verfügung stellen, machen sich nicht die Mühe, diese Zahlen aufzuschlüsseln. Jahreszahlen 2024 werden entsprechend dem Bilanzjahr von Palo Alto unter 2024 angezeigt. Dass diese Zahlen in Wirklichkeit um 7 Monate verschoben sind, wird dem Nutzer nicht verraten.
Um Zahlen zu Palo Alto zu erhalten, die mit anderen Unternehmen, deren Bilanzjahr dem Kalenderjahr entspricht, vergleichbar sind, müssen wir also tiefer ins Detail gehen. Ich habe mir über Bloomberg die Quartalszahlen geholt. Dabei musste ich entscheiden, ob ich das am 31. Januar endende Q2 von Palo Alto als Q1 des Kalenderjahres werte, oder aber als Q4 des Vorjahres. Ich habe mich für Q4 des Vorjahres entschieden, weil nur ein Monat davon im Kalenderjahr liegt, zwei jedoch noch im alten Kalenderjahr.
Damit ist das Q3 in der Bilanz von Palo Alto für mich stets das Q1 eines Kalenderjahres.
Nasdaq schaut auf den Gewinn je Aktie, ich jedoch betrachte das EBITDA, also den Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und immaterielle Vermögensgegenstände. Das EBITDA gibt einen besseren Einblick in die Profitabilität des Geschäftsmodells als der Gewinn je Aktie.
So hat Palo Alto im Ende Januar abgelaufenen Q2 2024 eine Steuergutschrift über 1,6 Mrd. USD erhalten, die sich gewinnwirksam im Gewinn je Aktie zeigt, jedoch wenig mit dem Geschäftsmodell zu tun hat. Der Gewinn inkl. Steuergutschrift ist etwa sechsmal so hoch wie ohne. Es wird Jahre dauern, bis Palo Alto aus dem regulären Geschäft einen entsprechenden Quartalsgewinn erzeugen kann.
Wenn wir uns nun die Wachstumsraten anschauen, dann gibt es stets die Möglichkeit, das Quartalswachstum gegenüber dem Vorjahresquartal zu betrachten, oder aber rollierend die jeweils vier jüngsten Quartale. Die Betrachtung der Quartalsergebnisse gibt eine zusätzliche Information über den Verlauf des jüngsten Quartals. Wenn wir jedoch eine Unternehmensbewertung vornehmen möchten, dann schaue ich mir jedoch Jahreszahlen an und summiere dazu entsprechend 4 Quartale.
Wenn also die Nasdaq für das Jahr 2024 ein Gewinnwachstum von 54% angibt, dann ist darin die Steuergutschrift enthalten. Für 2025 ist das Wachstum dann nur noch bei 16,9%.
Ich kann diese Zahlen mit den mir vorliegenden Informationen nicht nachvollziehen: für das Bilanzjahr 2024 komme ich auf ein Gewinnwachstum (Gewinn je Aktie) von 411%. Für 2025 würde der Gewinn je Aktie nach diesen Zahlen schrumpfen, und zwar um 56%.
Zusätzlich zum Gewinn je Aktie berichtet das Unternehmen auch noch den adjustierten (angepassten) Gewinn je Aktie. Dort ist die Steuergutschrift offensichtlich nicht enthalten, doch es bleibt Ermessensspielraum des Unternehmens, um welchen Betrag es die Zahlen anpasst.
Wenn wir daher das EBITDA betrachten, das nach den allgemeinen Bilanzierungsregeln ermittelt wird und somit kaum Spielraum für interessengesteuerte Anpassungen enthält, erhalten wir ein Gewinnwachstum für das Bilanzjahr 2024 von 158,7%. Darin ist tatsächlich die Steuergutschrift nicht enthalten, dennoch ist das Gewinnwachstum so hoch.
Mich interessiert aber nicht das Bilanzjahr, sondern das Kalenderjahr 2024. Und da beträgt das erwartete Gewinnwachstum 136,7%. Mit den Nasdaq-Zahlen kann ich das nicht ermitteln. Wenn ich die Nasdaq-Methode mit den Bloomberg-Zahlen durchführe, erhalte ich ein Wachstum von -85,7% für das Kalenderjahr 2024.
Schauen wir in das Jahr 2025: Das Gewinnwachstum wird von Analysten derzeit auf rund 31-33% geschätzt: Im EBITDA soll es bei 32,4% liegen, im Gewinn je Aktie bei 30,8%. Das liegt ja schon recht eng beieinander, weil man „Sondereffekte“ in Vorfeld nicht berücksichtigen kann.
Das KGV laut Bloomberg liegt für 2024 bei 107. Wenn ich mir die Quartalszahlen anschaue, muss Nasdaq hier plötzlich die Zahlen der vier im Jahr 2024 befindlichen Quartale verwenden, nicht mehr das Kalenderjahr. Sicher bin ich mir aber nicht, ich folgere dies nur daraus, dass das KGV auf Sicht von 4 Quartalen mit den Bloomberg-Daten für das Kalenderjahr 2024 bei 108,6 liegt.
Spätestens hier dreht sich mir der Magen um: Da wird auf einer Seite ein Wechsel in der Analysemethode vorgenommen, ohne darauf hinzuweisen.
Das entsprechende EV/EBITDA liegt bei 35,6. Die große Differenz kann entweder auf einem Unterschied des Enterprise Value (EV) zur Marktkapitalisierung (Preis der Aktie) beruhen, oder auf einem Unterschied im EBITDA zum Gewinn je Aktie. Ersteres ist nicht der Fall, das Unternehmen hat nur geringe Kredite, da liegen EV & Marktkapitalisierung nicht weit auseinander. Beim Gewinn je Aktie spielen die Abschreibungen der Investitionen hinein, sowie auch eine Verwässerung durch die Ausgabe neuer Aktien. Diesen Effekt haben wir bei Palo Alto, das Unternehmen ist uns ja bekannt also sehr generös seinen Mitarbeitern gegenüber.
Somit ist das erwartete EBITDA deutlich höher als der erwartete Gewinn je Aktie, der die Mitarbeiteraktien berücksichtigt. Die Frage ist nun, ob diese Mitarbeiteraktien ewig ausgegeben werden, oder aber ein Wachstumsinstrument des jungen Unternehmens sind. Ich gehe davon aus, dass Letzteres der Fall ist, dass also dieser negative Effekt über die Zeit deutlich abnimmt.
Nun berechnet Nasdaq ein PEG von 4 auf Basis der Prognose für die kommenden 12 Monate. Es wird das aktuelle KGV von 107 ins Verhältnis zur Wachstumsgeschwindigkeit den folgenden 12 Monaten gesetzt, das ist meinen Zahlen und Nasdaq-Systematik zufolge 107/26,9 = 4.
Wenn ich die entsprechenden Perioden mit meiner Systematik berechne, komme ich auf ein EV/EBITDA von 35,6 und eine Wachstumsgeschwindigkeit im EBITDA von 32,4%, also einen Wert von 1,1.
Die 0,19, die ich Ihnen in der vergangenen Ausgabe genannt habe, hatte ich anhand der mir vorliegenden Bilanz-Tabellen im Kopf auf das Kalenderjahr umgeschlagen. Dabei hatte ich die Bilanzzahlen 2024 beim EV/EBITDA verwendet (50,4) und das aktuelle Quartalswachstum (251%): 50,4/251 = 0,2.
Diese Betrachtungsweise zeigt, wie stark der Einfluss der Mitarbeiteraktien bei Palo Alto ist. Wer befürchtet, dass das Unternehmen ewig gute Mitarbeiter nur mit hohen Mitarbeiterprogrammen halten kann und dadurch künftige Gewinne für Bestandsaktionäre stark verwässert, der hält Palo Alto für zu teuer. Wer wie ich davon ausgeht, dass der negative Effekt der Mitarbeiteraktien über die Zeit kleiner wird, der betrachtet die Aktie als extrem günstig.
In den vergangenen Monaten habe ich bereits eine Reihe von Excel-Tabellen erarbeitet, die mir einen schnelleren Überblick über aktuelle Bewertungsniveaus bei einzelnen Aktien geben. Mir geht es darum, möglichst Fehler zu vermeiden, denn Aktien laufen von alleine nach oben, solange man die gröbsten Fehler vermeidet. Und seit ich mich intensiv in die Bloomberg-Daten einarbeite, sind grobe Schnitzer bislang ausgeblieben.
Ich schreibe den Heibel-Ticker nicht für Finanzanalysten, sondern für Berufstätige, die ihre Altersvorsorge in die eigene Hand nehmen. Sie wollen nicht jedes Mal diese haarkleinen Analysen, sondern benötigen einen kurzen, aber fundierten, Überblick. Ich denke, wir sind da auf einem guten Weg :-).
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