Leserfragen (Mai 2024)


 Frage vom 30.05.2024

#HVO100 Diesel flächendeckend zugelassen. Profitiert Verbio?

Hallo Herr Heibel,
Vor langer Zeit hatten Sie mal Verbio im Depot. Könnten die in Anbetracht des neuen HVO100 Diesels jetzt wieder eine Spekulation wert sein?
MfG
Rainer aus Berlin

 Antwort:

Ich vermute, Sie spielen auf die Zulassung des HVO100 Diesels für den flächendeckenden Verkauf an, denn bislang konnte HVO100 Diesel nur in „nicht straßengebundenen öffentlichen Verkehrsmitteln“ zugelassen werden.

Die Herstellung des synthetischen Diesels ist sehr aufwendig, Verbio hat sich in diesem Bereich tatsächlich als ein führendes Unternehmen etabliert. Allerdings hängt die Verbio-Aktie weniger an gesetzlichen Rahmenbedingungen als vielmehr an der Verfügbarkeit der Einsatzstoffe und deren Preis: Abfallfette sind nur in begrenzter Menge verfügbar und Raps- und Palmöl sind knapp, eine anziehende Nachfrage nach HVO100 Diesel würde - einmal abgesehen von den Produktionskapazitäten - daher den Preis für die Einsatzstoffe in die Höhe treiben.

Synthetischer Diesel ist preislich noch nicht wettbewerbsfähig. Parallel zur Genehmigung des flächendeckenden Vertriebs über Tankstellen wäre meiner Einschätzung nach eine Förderung oder ein Zwang erforderlich, um den Absatz anzukurbeln. Da aber, wie gesagt, das Angebot relativ starr ist, Verbio kann nicht von heute auf morgen die Produktion verdoppeln, dürfte ein positiver Effekt für die Verbio-Aktie nur über einen Preisanstieg des synthetischen Diesels erfolgen. Den sehe ich durch die nun durchgeführte Gesetzesänderung allein noch nicht.


 Frage vom 30.05.2024

#Pure Storage & Dell führen die B2B-Welt zur KI

Sehr geehrter Herr Heibel,
Im Rahmen Ihrer Analysen zu Unternehmen die an dem KI Trend partizipieren, würde mich Ihre Meinung zu PureStorage interessieren. Das Unternehmen WKN A14YFN ist Markführer im Bereich Primary Storage und zusammen mit Dell im Bereich Distributed File Systems and Object Storage und bietet seinen Kunden verstärkt Storage as a service (subscription basiert) um den Anforderungen der KI zum trainieren und der Inferenz der Modelle flexibel zu begegnen.

Wie ist Ihre Einschätzung zu diesem Unternehmen?

Vielen Dank
Christian aus München

 Antwort:

Ja, da haben Sie ein attraktives Unternehmen ausgegraben :-). Gemeinsam mit Dell arbeitet das Pure Storage daran, im B2B-Bereich eine Cloud-Infrastruktur anzubieten, mit der KI-Training und Interferenz möglich wird. Was bedeutet das?

Große Unternehmen haben ihre eigene IT-Infrastruktur. Und große Unternehmen haben gigantische Mengen an unternehmenseigenen Daten. Wenn ein großes Unternehmen nun eine eigene KI trainieren möchte, dann müssen die Daten für das Training der KI nutzbar gemacht werden. Die Daten liegen heute aber teils auf lokalen Datenträgern über die Welt verstreut. Pure Storage bietet eine Cloud Infrastruktur, die individuell für das Unternehmen aufgesetzt wird und darin sämtliche Unternehmensdaten zusammenführt.

Diese Cloud-Infrastruktur von Pure Storage baut auf hochperformanten Festplatten auf, die leistungsfähig genug sind, um mit den Nvidia-KI-Chips das derzeit 9-monatige Training zu durchlaufen.

Dell-Gründer und CEO Michael Dell war bei der großen Nvidia-Präsentiation vor wenigen Wochen der einzige Geschäftspartner von Nvidia, der in der ersten Reihe sitzen durfte. Michael Dell wurde im Rahmen seiner Präsentation mehrmals von CEO Jensen Huang erwähnt. Ich habe daraus geschlossen, dass Dell einer der wichtigsten, wenn nicht DER wichtigste, Partner von Nvidia ist, wenn es um die KI-Einführung im B2B-Bereich geht. Dell baut die erforderlichen Rechenzentren und Pure Storage liefert die Festplatten-Infrastruktur darin.

Die Aktie von Pure Storage ist im laufenden Jahr bereits um 76% angesprungen. Gestern (Mittwoch) wurden Q-Zahlen veröffentlicht, die heute zu einem Kurssprung von weiteren 10% führen. Vermutlich sprechen Sie mich deswegen auf diese Aktie an. Schauen wir uns also mal die Bewertung an.

20 Mrd. USD ist das Unternehmen wert, es werden 7 Mrd. USD im Jahr umgesetzt und es bleibt ein Gewinn (EBITDA) von 500 Mio. USD. Das EV/EBITDA steht also bei 40. Für das laufende Jahr erwarten Analysten einen ordentlichen Gewinnanstieg (+16%), so dass sich ein EV/EBITDA von nur noch 24 ergibt. Mit einem EV/EBITDA / Gewinnwachstum (ähnlich der PEG-Ratio) von 1,74 ist die Aktie also nicht teuer.

Pure Storage hat kaum Schulden, das Umsatzwachstum soll laut Analystenschätzungen in den kommenden Jahren bei 10–13% liegen, der Gewinn soll langfristig überproportional anwachsen, 2026 mit noch 16%. Für mich sieht das alles sehr solide aus. Der Kurssprung, den die Aktie im laufenden Jahr gemacht hat, spiegelt den Erfolg wider. Immerhin hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren kräftig investiert und erreichte erst 2023 erstmals eine schwarze Null. Seit 2014 wurden nur Verluste geschrieben.

Den Analystenschätzungen zufolge sinkt das EV/EBITDA bis 2027 auf 20. Ab 20 spricht man von einer vernünftigen Bewertung, sofern das Wachstum nicht exorbitant hoch bleibt. Das liegt ganz schön fern in der Zukunft, muss ich sagen. Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter. Gleichzeitig glaube ich jedoch, dass die Nachfrage nach unternehmenseigener KI noch nicht einmal wirklich begonnen hat. Mit zunehmender Leistungsfähigkeit der KI-Chips von Nvidia werden die Trainingszeiten immer kürzer und somit das Trainieren von KI immer ökonomischer. Immer mehr Unternehmen werden ihre eigene KI trainieren. Es würde mich nicht wundern, wenn die Nachfrage nach den Lösungen von Dell und Pure Storage immer wieder die Erwartungen der Analysten, die ihre Erwartungen von den heute bekannten Technologien ableiten müssen, übertreffen. Vor diesem Hintergrund ist Pure Storage eine heiße Spekulation auf die immer stärkere Nutzung der KI.

Ich habe mir bei der Gelegenheit auch Dell angeschaut. Das Unternehmen wird günstiger bewertet als Pure Storage: Das EV/EBITDA/ Gewinnwachstum liegt bei 1,06. Dell wächst zwar nicht so schnell wie Pure Storage, dafür ist die Bewertung deutlich günstiger. Das EV/EBITDA liegt für das laufende Jahr bei 13, das Gewinnwachstum wird auf 31% geschätzt. Dell ist der Partner der großen Unternehmen und wählt Pure Storage als Lieferanten für die Cloudspeicher-Infrastruktur. Derzeit scheint Pure Storage die beste Lösung zu bieten, doch wenn es da mal jemanden gibt, der das günstiger oder besser kann, wird Dell vllt. den Partner wechseln. Mag sein, dass die Aktie von Pure Storage kurzfristig noch stark nach oben springt. Immerhin haben nach den gestrigen Zahlen eine ganze Reihe von Analysten umgehend ihre Kursziele für Pure Storage angehoben. Ich halte aber die Aktie von Dell mittelfristig für günstiger und das Unternehmen für besser positioniert.

RÜCKANTWORT:
Vielen Dank Herr Heibel für Ihre Einschätzung.
Wie immer sehr fundiert und hilfreich:).

Besten Gruß
Christian


 Frage vom 17.05.2024

#Alfen, Smart Grid Systeme aus den Niederlanden

Hallo Herr Heibel,

mich würde Ihre Meinung zu Alfen interessieren. Eine kleine Firma, die zum Überflieger wurde. Jetzt vielleicht Abschluss der Konsolidierung und weiterer Kursanstieg ?

Die 3 Geschäftsfelder Energy storage, smart grids und EV charging bleiben doch sicherlich die nächsten Jahre noch interessant. Scheinbar hat die Firma da ein Händchen für die richtigen Lösungen…ob das in Zukunft so bleibt, das ist die Frage….

Grüße aus Dresden,
Thomas

 Antwort:

Alfen hatte in den vergangenen Monaten Probleme mit einer ungewollten Feuchtigkeitsentwicklung in einem seiner Produkte. Dies führte zu teuren Änderungen im Produktionsprozess und zu aufgestauten Auslieferungen. Die Kosten werden auf 5 Mio. EUR beziffert, was etwa einem Prozent vom Umsatz oder 8% vom Gewinn (EBITDA) entspricht.

Wenn ich mir die Meldungen auf Bloomberg zu Alfen durchschaue, entsteht bei mir der Eindruck einer regelrechten Short-Attacke. Cube, Citadel, Wellington, Management, Millennium Intl., PDT, Marshall Wace und schier unzählig weitere Hedgefonds publizieren kontinuierlich ihre Shortposition in Alfen.

Dabei ist die Umsatzentwicklung gut: Zweistelliges jährliches Wachstum seit fünf Jahren, für die Zukunft wird eine Wachstumsrate von über 20% avisiert. Auch die Gewinnentwicklung ist erfreulich mit einer Nettomarge von 6-9%, im Jahr 2022 sogar mal 12,4%. Die Bewertung ist mit einem EV/EBITDA von 13 in Ordnung, doch die Aktie war früher mal gehypt und hat daher ein durchschnittliches EV/EBITDA von 33.

Im Branchenvergleich ist das EV/EBITDA von 13 am oberen Ende. Zudem ist das Unternehmen auf der Suche nach einem neuen Finanzchef (CFO). Ein Unternehmen ohne CFO wird stets argwöhnisch von Investoren beäugt.

Die Frage ist also: Wissen die Shortseller etwas? Als Gründe für die hohen Leerverkaufspositionen finde ich Berichte darüber, dass die Unternehmensprognose zu hoch sein könnte, da der Lieferstau aufgrund des oben genannten Problems nicht so schnell abgebaut werden könne wie geplant.

Hmm, das würde nicht reichen, um die Aktie langfristig am Boden zu halten. Es müsste nach wie vor etwas faul sein in Sachen Feuchteentwicklung in den Transformatorstationen (kleine Umspannwerke) von Alfen.

Ein weiteres Thema sind EU-Fördermittel für die Energiewende. Mittelbar profitiert Alfen von EU-Fördergeldern, mit denen Smart Grid Systeme, Batteriespeicher, EV-Ladestationen und Ähnliches finanziell unterstützt werden. Doch eine geförderte Branche ist stets anfällig für Änderungen in der Förderpolitik, da die Produkte in der freien Wirtschaft noch nicht wettbewerbsfähig sind.

Ich würde sagen, bei der Aktie gibt es keinen Grund, vor den Q-Zahlen, die nächste Woche (21.5.) veröffentlicht werden, aktiv zu werden. Gewissheit ist wichtiger, als das Risiko eines ersten Kursimpulses einzugehen. Langfristig scheint das Unternehmen vieles richtig zu machen. Doch kurzfristig würde ich auf die Bestätigung warten, dass die Feuchtigkeitsprobleme gelöst sind und das Geschäft wieder in den normalen Modus übergegangen ist.


 Frage vom 17.05.2024

#Veru: Muskelmasse bei GLP1 erhalten

Hallo Hr. Heibel

Ich weiss, nix für ihr Depot, aber möglicherweise eine spannende Spekulation: Veru Inc.

die forschen nicht an einer Abnehmspritze, sondern an einem Präparat
welches verhindert, dass man dabei Muskeln verliert.

LG
Stefan aus Österreich (Wolfurt)

 Antwort:

Die Aktie von Veru sprang im April von 0,60 USD auf 1,90 USD, nachdem das Management Hoffnung auf ein Medikament machte, mit dem sich der Gewichtsverlust durch die Abnehmspritzen von Novo Nordisk und Eli Lilly auf das Fettgewebe konzentriert und Muskelmasse aufgebaut werden soll.

Das Unternehmen arbeitet an Enobosarm, ein experimentelles Medikament, das ursprünglich für die Behandlung von Muskelschwund und Osteoporose entwickelt wurde. Enobosarm gehört zur Klasse der selektiven Androgenrezeptor-Modulatoren (SARMs), die ähnliche anabole Wirkungen wie Steroide bieten, jedoch mit potenziell weniger Nebenwirkungen, da sie gezielt auf bestimmte Gewebe wirken.

Klinische Studien haben gezeigt, dass Enobosarm die Muskelmasse und körperliche Funktion bei Patienten mit Krebs, die unter Muskelschwund leiden, signifikant verbessern kann. Es wurde in verschiedenen Phasen der klinischen Tests untersucht, unter anderem in Phase-III-Studien für nicht-kleinzelligen Lungenkrebs. Trotz seiner vielversprechenden Ergebnisse ist Enobosarm noch nicht zugelassen.

Es gibt Diskussionen über das Potenzial von Enobosarm in der Sportwelt, insbesondere unter Athleten und Bodybuildern, aufgrund seiner Fähigkeit, Muskelmasse zu erhöhen und Fett zu reduzieren. Allerdings besteht auch die Sorge um mögliche Missbräuche, da es die Leistung verbessern kann (Doping). Diese Anwendung hat zu Kontroversen geführt, da die Verwendung von Medikamenten zum Muskelaufbau außerhalb ihrer vorgesehenen medizinischen Indikationen gesundheitliche Risiken bergen und ethische Bedenken aufwerfen kann.

Veru war während der Corona-Pandemie von 3 auf 24 USD gestiegen. In der Corona-Zeit entwickelte Veru ein antivirales Medikament, das sich als wirksam bei der Behandlung von COVID-19 herausstellte, besonders in den frühen Stadien der Infektion. Die Fähigkeit des Medikaments, die Virusreplikation zu hemmen, führte zu einer deutlichen Reduzierung der Symptome bei den behandelten Patienten. Das Medikament wurde ursprünglich für eine andere virale Erkrankung entwickelt, konnte jedoch schnell für die Anwendung gegen das Coronavirus modifiziert werden. Diese schnelle Anpassung, kombiniert mit erfolgreichen klinischen Studien, führte zu einer Notfallzulassung, was Veru einen signifikanten Marktanteil während der Pandemie sicherte.

Das Management von Veru Pharmaceuticals tritt meinem Eindruck nach ziemlich aggressiv auf, insbesondere in Bezug auf Wachstumsstrategien und Marktdurchdringung. Optimistische Prognosen und Versprechen werden nicht immer erfüllt.

Enobosarm, auch bekannt unter den Bezeichnungen Ostarine und MK-2866, ist ein selektiver Androgenrezeptor-Modulator (SARM), der in der klinischen Entwicklung für verschiedene medizinische Anwendungen steht, darunter die Behandlung von Brustkrebs und die Verbesserung der Körperzusammensetzung bei Personen, die GLP-1-Rezeptoragonisten verwenden.

Im Rahmen einer speziell einberufenen Telco am 1. April wurde die Änderung der Geschäftsstrategie bekannt gegeben: CEO Mitchell Steiner gab bekannt, das Geschäft mit Covid-Medikamenten einzustellen und sich ausschließlich auf die Entwicklung von Enobosarm für die Anwendung zum Muskelaufbau, insbesondere in Verbindung mit der Abnehmspritze, zu konzentrieren. Es wurde über Kapitalerhöhung 52,7 Mio. USD an frischem Kapital eingesammelt, nur 35,2 Mio. USD davon landeten in der Bilanz von Veru, der Rest ging vermutlich für die Durchführung der Kapitalerhöhung drauf.

Im Jahr 2023 verbrannte das Unternehmen 60 Mio. USD. Aktuell läuft eine Phase 2b-Studie mit Enobosarm, die nach drei Monaten direkt in eine Phase 3 Studie münden solle, so dass bis Ende des laufenden Jahres ausreichend Daten vorliegen sollen, um die nächsten Schritte mit Enobosarm zu gehen (Zulassungsantrag). Dank der reduzierten Kosten durch das Einstellen der Covid-Medikamente könnte das eingesammelte Kapital so lange reichen.

Damit ist Veru eine hochspekulative Idee, wie von Ihnen vermutet: Das Medikament wirkt, das scheint außer Frage. Doch für die Zulassung werden Daten zu Nebenwirkungen ermittelt, es wird die Wirkkraft beurteilt und mit anderen Methoden, die vielleicht bis dahin verfügbar sein werden, verglichen. Es gibt also auch Dinge, die nicht in der Hand des Managements von Veru liegen. Novo Nordisk und Eli Lilly arbeiten ebenfalls an Methoden, um den Gewichtsverlust auf das Fettgewebe zu konzentrieren und Muskelmasse zu schonen.

Wer also Spielgeld für eine Wette übrig hat, kann das mit Veru spielen. Mit unserem Heibel-Ticker Portfolio gehen wir jedoch keine Wetten ein, sondern wir suchen die überproportionale, aber verlässliche Rendite.


 Frage vom 10.05.2024

#Übernahme von Pioneer durch Exxon Mobil

Moin Herr Heibel,
haben Sie gesehen, was bei Pioneer abgegangen ist?

Fusion mit Exxon Mobil. Die Bedingungen sind ja gut. Wir haben jetzt Aktien von Exxon Mobil.
Mich interessiert, ob wir die weiter halten oder Kasse machen.

Herzliche Grüße
Peter aus Münster

 Antwort:

Die Aktie von Exxon ist um 15% angesprungen. Dies zeigt, wie günstig Pioneer bewertet war und welch positiven Effekt die Übernahme für Exxon hat.

Mit einer Dividendenrendite von 3,2% ist Exxon eine Dividendenaktie. Das Unternehmen hatte in den vergangenen 10 Jahren niemals einen Dividendenrückgang. Im Gegenteil, neunmal wurde die Dividende sogar angehoben. Vom Gewinn werden durchschnittlich 69% als Dividende ausbezahlt. Dies zeigt, wie wichtig die Dividende vom Unternehmen genommen wird.

Aufgrund der Zurückhaltung bei Investitionen wächst das Unternehmen in den kommenden Jahren nur mit durchschnittlich 4,4% pro Jahr. Ich möchte bei Dividendenunternehmen ein stabiles Wachstum über 5% sehen, sonst könnte das Unternehmen in einem unbeliebten Geschäftsbereich agieren. Und tatsächlich investiert Exxon nicht, weil Öl einfach nicht mehr gewollt ist: Zu viele Steine werden in den Weg gerollt.

Ich denke, dass die Erwartungen künftig von Exxon übertroffen werden können. Nicht weil das Unternehmen so gut wirtschaftet, sondern weil ich einen steigenden Ölpreis erwarte. Es gibt andere Unternehmen in der Branche, die bereits in das künftige Wachstum investiert haben und daher überproportional wachsen werden. Exxon ist daher in meinen Augen zwar grundsolide, aber nicht meine erste Wahl :-).


 Frage vom 06.05.2024

#Berechnungsmethode Aktienbewertung EV/EBITDA/Growth vs. PEG

Guten Abend,

„Palo Alto Networks ist das nächste Unternehmen mit extrem günstiger EV/EBITDA/Growth mit einem Wert von 0,19. Die Situation ist ähnlich der von Nvidia, denn auch Palo Alto hatte zuletzt einen Gewinnsprung. Für das laufende Kalenderjahr wird noch ein Wachstum von 130% erwartet. Auch Palo Alto ist mit einem EV/EBITDA von 30 vor dem Hintergrund der hohen Wachstumsgeschwindigkeit extrem günstig bewertet.„
https://www.nasdaq.com/de/market-activity/stocks/panw/price-earnings-peg-ratios
erwartet in 2024 ein Wachstum von 54 und 25 von 16,9 (denke mal % wurde vergessen), damit kommen die auf P/E Verhältnisse 2024 106 + 25 auf 91 und ein “Prognose 12-Monats-Vorschau KGV-Wachstums-Verhältnis von 4,03“ und nicht 0,19

Genau, das ist mein Problem: Zwei Quellen und 3 Meinungen, wobei Nasdaq sollte/könnte/müsste doch eine der verlässlichsten Seiten sein. 🤔

Schönes Wochenende.
Rainer aus Blankenheim

 Antwort:

Oh, vielen Dank für diese Frage, denn da kann ich Ihnen mal einen kleinen Einblick in die Arbeit geben, die ich für die Heibel-Ticker Mitglieder mache.

Auf der von Ihnen genannten Seite werden tatsächlich ein paar Kennziffern angezeigt. Doch Hintergrundinfos dazu gibt es nicht. Ich nutze seit einiger zeit Bloomberg und zahle einen mittleren vierstelligen Betrag MONATLICH dafür. In der Vergangenheit bin auch ich immer wieder über irreführende Zahlen gestolpert und musste mich durch unzählige Quartalsbilanzen kämpfen, um Klarheit zu bekommen.

Entschlüsseln wir also mal, warum Palo Alto auf Basis der Zahlen von Nasdaq überteuert erscheint, auf Basis der tatsächlich relevanten Zahlen jedoch günstig ist.

Das Problem startet mit dem Bilanzjahr: Palo Altos Bilanzjahr entspricht nicht dem Kalenderjahr, sondern endet stets zum 31.7.. Damit ist das Geschäftsjahr von Palo Alto nicht nur um zwei Quartale unterschiedlich zum Kalenderjahr, sondern um zwei Quartale und einen Monat. Ausgefallener geht es kaum.

Finanzplattformen, die Unternehmenszahlen kostenfrei zur Verfügung stellen, machen sich nicht die Mühe, diese Zahlen aufzuschlüsseln. Jahreszahlen 2024 werden entsprechend dem Bilanzjahr von Palo Alto unter 2024 angezeigt. Dass diese Zahlen in Wirklichkeit um 7 Monate verschoben sind, wird dem Nutzer nicht verraten.

Um Zahlen zu Palo Alto zu erhalten, die mit anderen Unternehmen, deren Bilanzjahr dem Kalenderjahr entspricht, vergleichbar sind, müssen wir also tiefer ins Detail gehen. Ich habe mir über Bloomberg die Quartalszahlen geholt. Dabei musste ich entscheiden, ob ich das am 31. Januar endende Q2 von Palo Alto als Q1 des Kalenderjahres werte, oder aber als Q4 des Vorjahres. Ich habe mich für Q4 des Vorjahres entschieden, weil nur ein Monat davon im Kalenderjahr liegt, zwei jedoch noch im alten Kalenderjahr.

Damit ist das Q3 in der Bilanz von Palo Alto für mich stets das Q1 eines Kalenderjahres.

Nasdaq schaut auf den Gewinn je Aktie, ich jedoch betrachte das EBITDA, also den Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und immaterielle Vermögensgegenstände. Das EBITDA gibt einen besseren Einblick in die Profitabilität des Geschäftsmodells als der Gewinn je Aktie.

So hat Palo Alto im Ende Januar abgelaufenen Q2 2024 eine Steuergutschrift über 1,6 Mrd. USD erhalten, die sich gewinnwirksam im Gewinn je Aktie zeigt, jedoch wenig mit dem Geschäftsmodell zu tun hat. Der Gewinn inkl. Steuergutschrift ist etwa sechsmal so hoch wie ohne. Es wird Jahre dauern, bis Palo Alto aus dem regulären Geschäft einen entsprechenden Quartalsgewinn erzeugen kann.

Wenn wir uns nun die Wachstumsraten anschauen, dann gibt es stets die Möglichkeit, das Quartalswachstum gegenüber dem Vorjahresquartal zu betrachten, oder aber rollierend die jeweils vier jüngsten Quartale. Die Betrachtung der Quartalsergebnisse gibt eine zusätzliche Information über den Verlauf des jüngsten Quartals. Wenn wir jedoch eine Unternehmensbewertung vornehmen möchten, dann schaue ich mir jedoch Jahreszahlen an und summiere dazu entsprechend 4 Quartale.

Wenn also die Nasdaq für das Jahr 2024 ein Gewinnwachstum von 54% angibt, dann ist darin die Steuergutschrift enthalten. Für 2025 ist das Wachstum dann nur noch bei 16,9%.

Ich kann diese Zahlen mit den mir vorliegenden Informationen nicht nachvollziehen: für das Bilanzjahr 2024 komme ich auf ein Gewinnwachstum (Gewinn je Aktie) von 411%. Für 2025 würde der Gewinn je Aktie nach diesen Zahlen schrumpfen, und zwar um 56%.

Zusätzlich zum Gewinn je Aktie berichtet das Unternehmen auch noch den adjustierten (angepassten) Gewinn je Aktie. Dort ist die Steuergutschrift offensichtlich nicht enthalten, doch es bleibt Ermessensspielraum des Unternehmens, um welchen Betrag es die Zahlen anpasst.

Wenn wir daher das EBITDA betrachten, das nach den allgemeinen Bilanzierungsregeln ermittelt wird und somit kaum Spielraum für interessengesteuerte Anpassungen enthält, erhalten wir ein Gewinnwachstum für das Bilanzjahr 2024 von 158,7%. Darin ist tatsächlich die Steuergutschrift nicht enthalten, dennoch ist das Gewinnwachstum so hoch.

Mich interessiert aber nicht das Bilanzjahr, sondern das Kalenderjahr 2024. Und da beträgt das erwartete Gewinnwachstum 136,7%. Mit den Nasdaq-Zahlen kann ich das nicht ermitteln. Wenn ich die Nasdaq-Methode mit den Bloomberg-Zahlen durchführe, erhalte ich ein Wachstum von -85,7% für das Kalenderjahr 2024.

Schauen wir in das Jahr 2025: Das Gewinnwachstum wird von Analysten derzeit auf rund 31-33% geschätzt: Im EBITDA soll es bei 32,4% liegen, im Gewinn je Aktie bei 30,8%. Das liegt ja schon recht eng beieinander, weil man „Sondereffekte“ in Vorfeld nicht berücksichtigen kann.

Das KGV laut Bloomberg liegt für 2024 bei 107. Wenn ich mir die Quartalszahlen anschaue, muss Nasdaq hier plötzlich die Zahlen der vier im Jahr 2024 befindlichen Quartale verwenden, nicht mehr das Kalenderjahr. Sicher bin ich mir aber nicht, ich folgere dies nur daraus, dass das KGV auf Sicht von 4 Quartalen mit den Bloomberg-Daten für das Kalenderjahr 2024 bei 108,6 liegt.

Spätestens hier dreht sich mir der Magen um: Da wird auf einer Seite ein Wechsel in der Analysemethode vorgenommen, ohne darauf hinzuweisen.

Das entsprechende EV/EBITDA liegt bei 35,6. Die große Differenz kann entweder auf einem Unterschied des Enterprise Value (EV) zur Marktkapitalisierung (Preis der Aktie) beruhen, oder auf einem Unterschied im EBITDA zum Gewinn je Aktie. Ersteres ist nicht der Fall, das Unternehmen hat nur geringe Kredite, da liegen EV & Marktkapitalisierung nicht weit auseinander. Beim Gewinn je Aktie spielen die Abschreibungen der Investitionen hinein, sowie auch eine Verwässerung durch die Ausgabe neuer Aktien. Diesen Effekt haben wir bei Palo Alto, das Unternehmen ist uns ja bekannt also sehr generös seinen Mitarbeitern gegenüber.

Somit ist das erwartete EBITDA deutlich höher als der erwartete Gewinn je Aktie, der die Mitarbeiteraktien berücksichtigt. Die Frage ist nun, ob diese Mitarbeiteraktien ewig ausgegeben werden, oder aber ein Wachstumsinstrument des jungen Unternehmens sind. Ich gehe davon aus, dass Letzteres der Fall ist, dass also dieser negative Effekt über die Zeit deutlich abnimmt.

Nun berechnet Nasdaq ein PEG von 4 auf Basis der Prognose für die kommenden 12 Monate. Es wird das aktuelle KGV von 107 ins Verhältnis zur Wachstumsgeschwindigkeit den folgenden 12 Monaten gesetzt, das ist meinen Zahlen und Nasdaq-Systematik zufolge 107/26,9 = 4.

Wenn ich die entsprechenden Perioden mit meiner Systematik berechne, komme ich auf ein EV/EBITDA von 35,6 und eine Wachstumsgeschwindigkeit im EBITDA von 32,4%, also einen Wert von 1,1.

Die 0,19, die ich Ihnen in der vergangenen Ausgabe genannt habe, hatte ich anhand der mir vorliegenden Bilanz-Tabellen im Kopf auf das Kalenderjahr umgeschlagen. Dabei hatte ich die Bilanzzahlen 2024 beim EV/EBITDA verwendet (50,4) und das aktuelle Quartalswachstum (251%): 50,4/251 = 0,2.

Diese Betrachtungsweise zeigt, wie stark der Einfluss der Mitarbeiteraktien bei Palo Alto ist. Wer befürchtet, dass das Unternehmen ewig gute Mitarbeiter nur mit hohen Mitarbeiterprogrammen halten kann und dadurch künftige Gewinne für Bestandsaktionäre stark verwässert, der hält Palo Alto für zu teuer. Wer wie ich davon ausgeht, dass der negative Effekt der Mitarbeiteraktien über die Zeit kleiner wird, der betrachtet die Aktie als extrem günstig.

In den vergangenen Monaten habe ich bereits eine Reihe von Excel-Tabellen erarbeitet, die mir einen schnelleren Überblick über aktuelle Bewertungsniveaus bei einzelnen Aktien geben. Mir geht es darum, möglichst Fehler zu vermeiden, denn Aktien laufen von alleine nach oben, solange man die gröbsten Fehler vermeidet. Und seit ich mich intensiv in die Bloomberg-Daten einarbeite, sind grobe Schnitzer bislang ausgeblieben.

Ich schreibe den Heibel-Ticker nicht für Finanzanalysten, sondern für Berufstätige, die ihre Altersvorsorge in die eigene Hand nehmen. Sie wollen nicht jedes Mal diese haarkleinen Analysen, sondern benötigen einen kurzen, aber fundierten, Überblick. Ich denke, wir sind da auf einem guten Weg :-).