| Antwort: Rein technisch betrachtet ändert sich der „Besitz“ an Aktien in der Anzahl nie – jede Aktie, die verkauft wird, landet sofort wieder bei einem Käufer. Die Anzahl aller im Markt befindlichen Aktien bleibt also konstant.
Wenn wir Börsenbeobachter dennoch sagen, „die Anleger sind stark investiert“, dann ist das tatsächlich ein Finanzjargon, der nicht die absolute Menge meint, sondern die relative Positionierung im Vergleich zu Alternativen. Es geht darum, wie viel des verfügbaren Kapitals die Anleger aktuell in risikobehafteten Anlagen wie Aktien gebunden haben – statt es zum Beispiel in sicheren Staatsanleihen, Geldmarktfonds oder auf Tagesgeldkonten zu parken.
Nehmen wir mal an, alle in Deutschland gehandelten Aktien haben ein Volumen von 2 Billionen Euro und alle in Deutschland gehandelten Anleihen liegen bei 4 Billionen Euro. Wenn nun Anleger 100 Mrd. Euro an Anleihen verkaufen und dafür Aktien kaufen, dann bricht der Kurs der Anleihen ein, der Kurs der Aktien schießt in die Höhe. Das Verhältnis zwischen Aktien und Anleihen verändert sich, man würde davon sprechen, dass Anleger „hoch“ investiert sind.
Das „Investiert-Sein“ wird also eher im übertragenen Sinne verstanden: Es beschreibt die allgemeine Risikoneigung im Markt. In Phasen hoher Investitionsquote stecken viele Anleger schon tief in Aktien drin, es ist wenig „Pulver“ für weitere Käufe vorhanden, und Kursanstiege brauchen dann neue Impulse. Umgekehrt bedeutet eine niedrige Investitionsquote, dass viel Liquidität am Seitenrand steht – was Potenzial für frische Nachfrage bietet.
Rückfrage
Lieber Herr Heibel,
Danke für Ihren Kommentar.
Allerdings verstehe ich nicht ganz, was Sie mit relativer Positionierung der Anleger meinen.
Hier gilt doch auch: die Gesamtheit der Anleger besitzt im Prinzip alle Aktien und alle Anleihen.
Die Positionierung der Gesamtheit Anleger ist daher stets gleich, da diese immer zu 100 % alle Aktien und Anleihen besitzen.
Die Begriffe "Investiert-Sein" und "Investitionsquote" sind für mich aus dem gleichen Grund nicht nachvollziehbar.
Die Gesamtheit der Anleger ist stets zu 100 % in alle Aktien "investiert" und die "Investitionsquote" ist dementsprechend ebenfalls immer 100%.
Die Gesamtheit der Anleger kann weder tief noch weniger tief in Aktien stecken. Sie steckt stets zu 100 % in Aktien, da sie alle Aktien besitzt.
Auch verstehe ich nicht, wie Liquidität am Seitenrand stehen kann.
Die Liquidität aller Markteilnehmer in Summe ist im Prinzip auch immer konstant (abgesehen von Liquiditätspolitik); sie wechselt nur den Besitzer.
Was natürlich Tatsache ist: dass wechselnde Mehrheiten von Anlegern psychologisch bullish oder bearish sind.
Wenn die genannten Finanz-Jargons dies im übertragenen Sinne zum Ausdruck bringen sollen, so sind diese aber wörtlich genommen völlig irreführend.
Und in keinem Falle liefern sie dem Laien eine korrekte Begründung für das Marktverhalten von Anlegern.
Oder verstehe ich da etwas falsch?
Mit freundlichen Grüßen
Volker
Rückantwort
Sie haben vollkommen recht: Die Gesamtheit aller Anleger besitzt immer 100 % aller Aktien und Anleihen, weil es ja keine „freien“ Aktien gibt. Wenn jemand verkauft, kauft jemand anderes, es gibt also keinen „Aggregatzustand“ des Marktes, in dem plötzlich weniger Aktien in Anlegerhand wären.
Was aber im Börsenjargon mit „Investiert-Sein“ oder „hoher Investitionsquote“ gemeint ist, ist keine Bestandsgröße, sondern eine Verhaltens- und Risikobereitschaftsgröße. Wenn ich sage, „Anleger sind stark investiert“, dann meine ich nicht, dass die Gesamtheit mehr Aktien hätte, sondern dass die typischen Portfolios vieler Anleger bereits einen hohen Aktienanteil haben, im Verhältnis zu dem, was sie theoretisch halten könnten (Anleihen, Cash, Gold, …).
Ein Fondsmanager könnte laut Mandat bspw. zwischen 50 % und 100 % seines Fondsvermögens in Aktien anlegen, der Rest liegt dann in Bar auf dem Konto. Hat er aktuell 95 %, gilt er als „hoch investiert“. Die Summe aller Fondsmanager-Entscheidungen ergibt ein Bild, das Marktbeobachter dann mit „Anleger sind stark investiert“ zusammenfassen. Ich gebe jede Woche die Investitionsquote der US-Fondsmanager an, da diese regelmäßig erhoben und veröffentlicht wird.
Liquidität „am Seitenrand“: Die Gesamtliquidität (Cash im System) ist konstant, abgesehen von der Zentralbankpolitik. Aber aus Marktsicht spielt es eine Rolle, wie viel dieses Cashs gerade bei Anlegern liegt, die es potenziell in Aktien umschichten können. Wenn viele institutionelle Anleger aktuell sehr viel Cash halten (z. B. 30 % statt 5 %), wird das oft als „viel Pulver am Seitenrand“ bezeichnet. Es ist also keine Gesamtmarktgröße, sondern ein Maß dafür, wie viel Kaufkraft bereitsteht, Aktien zu kaufen.
Wenn „alle schon drin sind“ (hoher Aktienanteil in vielen Portfolios), ist das Kaufpotenzial begrenzt, weil kaum noch jemand von Cash in Aktien umschichten kann.
Wenn dagegen viele Anleger noch „draußen“ sind (viel Cash-Anteil), kann bei positiven Nachrichten schnell Kaufdruck entstehen.
Vielleicht haben Sie ein geschlossenes System im Kopf, bei dem sich die Preise für Aktien und Anleihen stets auf 100% summieren. Das ist jedoch nicht der Fall, auch in einem geschlossenen System können sich die Preise nach oben entwickeln. Nehmen Sie ein geschlossenes System aus einem Unternehmen mit 100 Aktien zu je 1€ und einer Anleihe mit 100 Anteilen zu je 1€, beide zu jeweils 50% in der Hand von zwei Investoren. Anleger A hält also Aktien im Wert von 50€ und Anleihen im Wert von 50€, insgesamt also 100€. So auch Anleger B.
Nun möchte Anleger A seine Anleihequote um 10% verringern und möchte dafür Aktien kaufen. Der andere Investor kauft also Anleihen zu 1€/Stück, gibt seine Aktie jedoch nur zu einem deutlich höheren Kurs ab, sagen wir 2€. Er kauft also für 10€ Anleihen und verkauft 5 Aktie zu je 5€. Anschließend hat er also 60 Anleihen zu 1 € (=60€) und 45 Aktien, deren Wert entsprechend der jüngsten Transaktion nun bei 2€ liegen (2x45 = 90€). Insgesamt hält er also in seinem Depot Wertpapiere im Wert von 60+90 = 150€.
Anleger A hält nach der Transaktion noch 40 Anleihen zu je 1€ (= 40€) und 55 Aktien zu je 2€ (2x55 = 110€). Sein Depot ist nun also 40+110 = 150€ wert.
Lag der Gesamtwert beider Depots vorher noch bei 200€, so beträgt er nach der Transaktion 150+110 = 260€. Lag die Investitionsquote, wenn wir sie nur auf die Aktien beziehen, zuvor bei 50%, so liegt sie nach der Transaktion bei 160/207= 77,3%. Es ist „mehr“ geworden. Die Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, sondern wächst entsprechend der Produktivitätssteigerung und des Geldmengenwachstums. Prozentual betrachtet liegt nicht mehr 50% Liquidität am „Seitenrand“, sondern jetzt nur noch 22,7%.
Vielleicht hilft dieser Denkansatz :-).
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